11.02.1991

SerienHofnarr unter Reichen

Mit Martin-Walser-Krimis geht das ZDF zur besten Sendezeit auf Zuschauerfang - ein Ritt über den Bodensee.
Seine Figuren - als müßte nomen immer omen sein - tauft Schriftsteller Martin Walser gelegentlich mit solcher Direktheit, daß zwischen dem Namen und der dramaturgischen Funktion nur der Holzhammer Platz hat. "James Blickle" etwa nennt der Dichter einen Fiesling und Unternehmer - der anglophil kaschierte schwäbische Diminutiv weist dem beschränkten Raffzahn unmißverständlich den Platz im Walserschen Ländle an.
"Georg Feuerstein" heißt der aufsteigerische Konkurrent - die US-Zeichentrickserie mit Fred und Barney, yabbadabbadu, grüßt aus der Steinzeit herüber. Und bei der vornehmen Entourage, die sicherheitsbesorgt und zugleich schuldbewußt in ihren Villen hockt, stabt und stiebt des Sängers Phantasie: Mia von Mufflings und Baron Oschatz-Tötensen.
Bei so vordersinnigem Symbolismus fällt man auch nicht in die Grube der Ratlosigkeit, wenn einem Walser seinen Helden, den Detektiv, als Tassilo S. Grübel vorstellt, der die Bodenlosigkeiten der hohen Herrschaften aufdeckt. Ein Glück, daß Walsers nominalistische _(* Bruno Ganz, Axel Milberger. ) Kunstfertigkeit wenigstens dem Bodensee, um den herum die Kriminalgeschichten spielen, nichts angetan hat.
Von dieser Woche an sechs Sonntage lang - jeweils um 21.15 Uhr - lädt das ZDF dazu ein, Tassilo S. Grübel auf seine detektivischen Streifzüge zu begleiten. Die Serie beruht zum größten Teil auf Hörspielen, die Walser von 1974 bis 1989 geschrieben hat. Nur die sechste Episode hat keinen direkten Bezug zu einer Vorlage des Dichters. Rolf Basedow reimte mit der Walser-Personage eine eigene Geschichte zusammen.
Für die Mainzer Macher (verantwortlicher Redakteur: Hans-Jürgen Bobermin) ist die Walser-Serie eine riskante Unternehmung, geht es doch im Krimifach, zumal zu bester Sendezeit, in Sachen Einschaltquote um Leben und Tod. Zwar ist Walser im TV-Metier kein unbeschriebenes Blatt - sein "Tatort" aus dem Zigeuner-Milieu "Armer Nanosh" oder der als Solitär produzierte Tassilo-Grübel-Krimi "Säntis" waren alles andere als Mißerfolge -, doch die neue Serie verlangt dem Krimikonsumenten einiges an Kopfarbeit ab.
"Ein Fall für sich" heißt nämlich der Untertitel für die Tassilo-Folgen, und das meint Walser mit hinterlistigem Doppelsinn: Grübel arbeitet für sich - er hat die Kriminalfälle, die er lösen soll, selbst verursacht.
Gleich in der ersten Folge ist er es, der mit getürkten Schreiben einer angeblich amerikanischen Organisation vornehme Bodensee-Anrainer wie Blickle, Feuerstein und die klangvollen Von''s und Zu''s verunsichert hat, damit sie ihn als Beschützer engagieren. Tassilo, zu Hause von zwei in inniger Feindschaft verbundenen Frauen, seiner alten Mutter und seiner jungen schönen texanischen Gattin unterjocht, fahndet nach sich selbst.
Dabei hat sich der Selbstversorger Tassilo in den Clinch mit den Blickles & Co. verbissen. Aus diesem Spiel geht er keineswegs immer als Gewinner hervor. So etwa in Folge zwei. Da hat er alles ganz raffiniert eingefädelt: Eine Vertraute des Detektivs bringt den untreuen Ehemann Blickle dazu, mit ihr ein Wochenende in abgelegener Hütte zu verbringen. Einziges Ziel: Tassilos Lockvogel soll verhindern, daß Blickle zu Hause anruft. Denn dort täuscht der schräge Detektiv der nichtsahnenden Gattin Blickles Entführung durch eine italienische Bande vor.
Doch als die besorgte Frau einem Tassilo-Komplizen das geforderte Lösegeld für die vermeintliche Entführung übergibt, betrügt sie den Betrüger: Neben wenig Barem hat sie als sparsame Schwäbin jede Menge wertloses Papier in den Geldkoffer gepackt.
Tassilo fungiert in Walsers Handlungskonstruktion als Katalysator, der die Verderbtheit der Reichen und Mächtigen in ihrer schmutzigen Reinheit hervortreibt, ohne daß sich der Detektiv je von klassenkämpferischem Ernst überwältigen ließe - ein Hofnarr unter reichen Narren.
Die ironisch gemeinten Plots, in die Walser sein kopfgeborenes Personal führt, erfordern Schauspieler mit Begabung fürs Doppelbödige. Tassilo Grübel ist mit Bruno Ganz besetzt. Fernseh-Zuschauer kennen den Schweizer als Tragik-umflorten Sensibilissimus voller melancholischem Ernst (etwa aus Bernhard Sinkels I.G. Farben-Spiel "Väter und Söhne"). In dieser Serie muß Ganz erstmals komisch sein, und er kämpft unter der Regie von Hajo Gies sichtbar damit, die zwischen Revoluzzertum und Schwermut auseinanderfliehenden Pferde des Walserschen Alter egos Tassilo zusammenzuhalten.
Am besten gelingt das, wenn Bruno Ganz einen ebenbürtigen schauspielerischen Widerpart hat. Der heißt in Folge vier Marianne Hoppe - eine herrische Grande Dame (bei Walser sind nur Frauen ganze Kerle), die mit ihrer verlotterten Verwandtschaft aufräumt. Da gehen Schelmen-Detektiv und Tigerin mit sardonischem Grinsen aufeinander los, da bekommen Walsers Kopfgeburten wölfischen Biß, da funkelt der Dialogwitz. So, wenn Tassilo - von der Alten über eine Holzschnitt-Pieta examiniert - eine bodenlos-tiefsinnige Antwort hervorschnellen läßt: Die Plastik vereine "die grobe Sinnlichkeit des Oberrheins mit der Mystik des Bodensees".
In diesem luftigen Irgendwo-Nirgendwo liegt auch die Walser-Krimi-Serie in ihren besten Momenten.
* Bruno Ganz, Axel Milberger.

DER SPIEGEL 7/1991
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