13.05.1991

„Das haben alte Leute und ich“

Am Ende einer Fußballkarriere steht oft die Sportinvalidität, in jedem Jahr meldet sich eine komplette Bundesligaelf berufsunfähig. Der wachsende Leistungsdruck, dem Profis und Trainer ausgesetzt sind, läßt ein Ausheilen nicht zu. Die teure Apparate- und Spritzenmedizin der Klubs hat nur ein Ziel: fitmachen um jeden Preis.
Die Profis von Borussia Dortmund sind außergewöhnlich angespannt an diesem Vorabend des 24. Juni 1989, dem Tag des Pokalfinales gegen Werder Bremen. Im Zimmer 15 der Sportschule am Kleinen Wannsee in Berlin ringt Norbert Dickel um eine Entscheidung. Sechs Wochen nach einer Knieoperation, bei der ihm der Meniskus entfernt wurde, hat er die Wahl: Soll er das Spiel, den Höhepunkt seiner Karriere, als Mittelstürmer erleben - oder nur als Zuschauer auf der Tribüne?
Einige Zimmer weiter zieht noch vor Mitternacht der Mannschaftsarzt eine Injektionsspritze auf. Dickel hat sich entschieden, will spielen, langsam fährt die Nadel in sein rechtes Knie. Normalerweise läßt sich der Fußballprofi stets das Fläschchen zeigen, dessen Substanz ihm vorläufig die Schmerzen nehmen soll. Diesmal fragt Dickel nicht; er will nicht hören, daß der Mediziner Kortison verabreicht.
Stunden später scheinen alle Zweifel "hinfällig": Die Spritze hat gewirkt. _(* Am 24. Juni 1989 nach seinem ersten ) _(Tor beim 4:1-Sieg von Borussia Dortmund ) _(im Pokalfinale gegen Werder Bremen in ) _(Berlin. ) Norbert Dickel wird zum Helden des Tages, zwei Tore von ihm, eines mit dem lädierten rechten Bein erzielt, trugen zum 4:1-Sieg bei, dem Klub wird der Pokalerfolg im folgenden Jahr eine Europacup-Einnahme von rund vier Millionen Mark ermöglichen.
Vorige Woche ist Dickel, 29, erstmals seit diesem "größten persönlichen Erfolg" wieder in Berlin gewesen - im Ostteil der Stadt. Dort hat er für seinen neuen Arbeitgeber Kunden besucht, die sich für westliche Umwelttechnik und Förderanlagen interessieren.
Zwischen seinen Berlin-Besuchen als Sportler und als Handelsreisender liegen knapp zwei Jahre, in denen der Dortmunder alles durchlitten hat, was einem Fußballprofi widerfahren kann, wenn der Körper nicht mehr mitspielt. Dickel ist inzwischen Sportinvalide.
Exemplarisch zeigt der Fall des großgewachsenen Stürmers, wie der Leistungsdruck im Bundesligageschäft vernünftige Entscheidungen blockiert, wie eine teure Rehabilitationsmaschinerie den Patienten bis zur Sportinvalidität übertherapiert, wie aus dem wertvollen Betriebskapital ein auf sich selbst angewiesener Sozialfall wird, dem dann auch noch die Versicherungen die Leistungen verweigern.
Dickel klagt nicht an. Für jede Spritze in seiner Laufbahn, für jedes Punktieren des Knies übernimmt er die "volle Verantwortung". Und doch hat er noch im Ohr, wie Trainer Horst Köppel Stunden vor dem Pokalspiel Dickels Selbstzweifel ausräumte: "Norbert, ich möchte, daß du spielst."
Ob die Injektion von Berlin die entscheidende Nadel zu viel war, bleibt ungewiß. Fest steht: Seit dem Pokalfinale bestritt der Berufsfußballer Dickel im Laufe eines halben Jahres noch sechs Spiele, die im Jargon der Unfallversicherer als "Arbeitsversuche" qualifiziert werden. Gesund wurde der Patient nicht mehr.
Wenn Dickel heute in seinem Reihenhaus im westfälischen Werl die neue mit der alten Dienstkleidung vertauscht, um ein wenig zu joggen, kann er nur noch geradeaus laufen: Abrupte Bewegungen tun weh, einen Ball mit der Innenseite des Fußes zu spielen ist nicht möglich. Zudem fällt auf: Der rechte Knöchel ist dicker als der linke. "Und das bleibt wohl auch für immer so", sagt Dickel ohne Gemütsregung.
Der Schmerz im Knie erinnert ihn an das Berliner Pokalfinale, der dicke Knöchel an ein Uefa-Cup-Spiel, in dem er sich einen Bänderanriß zugezogen hat. Über drei Monate lang erhielt er deshalb vor jedem Einsatz Spritzen in die Kapsel. Daß des Fußballers ureigenstes Arbeitsgerät danach stets "völlig taub" war, störte Dickel beim Laufen kaum, nur seine Schußversuche fand er "schon komisch".
An ein Auskurieren dachte Dickel damals nicht. Er, wegen seiner technischen Unfertigkeit "immer eine Reizfigur", gesteht sich heute ein, schon aus "Angst um den Stammplatz" unruhig geschlafen zu haben: "Von zwei Spielen, die du fehlst, kann die Karriere abhängen."
Im Bundesliga-Betrieb ist Dickels Verhalten nicht ungewöhnlich. So schob der Bochumer Uwe Leifeld im vorigen Jahr eine notwendige sechste Operation hinaus und ließ sich während der gesamten Rückrunde spielfähig spritzen. Zwei Stunden hielt jeweils die Betäubung im linken Knie, danach konnte der Stürmer "kaum gehen". Leifelds Tore bewahrten die Bochumer vor dem Abstieg - und schadeten dem Spieler. Die Ärzte stellten schwere Gewebeschäden fest, erst nach zehn Monaten Pause stand Leifeld wieder im Team.
Sein Berufskollege Uwe Fuchs spielte im Vorjahr trotz eines gebrochenen Kahnbeins im rechten Fuß - auch Fuchs'' damaliger Klub Fortuna Düsseldorf kämpfte gegen den Abstieg aus der Bundesliga. Fuchs ließ sich spritzen, wurde erst nach der Saison operiert. Seitdem hat der Mittelstürmer noch nicht einen Tag wieder trainieren können.
Daß selbst Nationalspieler wie Andreas Brehme ihrem Job mit gebrochenem Zeh nachkommen, andere Profis aufgrund der Nebenwirkungen von Spritzen auf dem Rasen schon mal über "Kreislaufprobleme" klagen, gehört zum Alltag.
Fußballer, die gerade wegen ihres immensen Ehrgeizes den Sprung in die Bundesliga geschafft haben, empfinden den Leistungsdruck durch ihr erfolgsorientiertes Umfeld als Selbstverständlichkeit. Bochums Trainer, seinerzeit Reinhard Saftig, rechtfertigte Leifelds Spritzen mit "einer Extremsituation", in der die Spieler "auf die Zähne beißen" müßten. Düsseldorfs damaliger Trainer Aleksandar Ristic glaubte in Fuchs einen Simulanten zu erkennen und bestimmte fortan, "wann Uwe fit ist".
Von Trainern, deren Gehalt oft ähnlich wie bei Spielern von Punktzahl und Tabellenplatz abhängt, können Profis keine Gnade erwarten. Und auch Vereinsärzte machen sich einen guten Namen nicht durch krankschreiben, sondern durch fitmachen. An jedem Wochenende melden die Medien aus der Bundesliga "ein medizinisches Wunder", das sich womöglich später nur als weiterer Schritt in Richtung Sportinvalidität entlarvt. "Viele Spiele", weiß der Dortmunder Dickel nach ungezählten Knie-Punktionen heute, "hätte ich gar nicht machen dürfen."
Im Wohnzimmer seines Eigenheims hat Dickel eine Kassette in den Videorecorder geschoben. Es ist die Aufnahme der vierten und letzten Arthroskopie, die er im Herbst des vergangenen Jahres über sich ergehen ließ. Mit dem Halbwissen routinierter Dauerpatienten kommentiert er "absolut gefühllos" den Knorpelschaden, die angefransten Kreuzbänder, die Reste seines Meniskus. Das sei eben eine klassische Arthrose, sagt er, "das haben alte Leute und ich", und lacht.
Die so dokumentierte Kniespiegelung hatte ihm letztmals Hoffnung auf eine Fortsetzung der Karriere gemacht. Wieder fuhr er täglich in seine "zweite Heimat", ein Düsseldorfer Reha-Zentrum, wieder versprach er sich, dem Verein und den Fans, "zurückzukommen". Doch das Gelenk streikte erneut.
"Die schlimmen Verletzungen in der Bundesliga haben zugenommen", fügt Dickel an, es werde "gekloppt wie noch nie". Er sagt es so, als sei er froh, nicht mehr spielen zu müssen. Und er denkt dabei an Leidensgenossen wie den Kölner Paul Steiner, den Hamburger Jens Duve, den Mönchengladbacher Hans-Georg Dreßen, den Bremer Jonny Otten, die sich derzeit alle bei Physiotherapeuten in der Hoffnung auf ein Comeback quälen.
Fußballprofis, so hat die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) ermittelt, üben den riskantesten aller Berufe aus. Werden im Bergbau auf 1000 Arbeiter pro Jahr 145 Unfälle gemeldet, so erleiden in der Bundesliga pro Saison acht von zehn Akteuren eine schwerere Verletzung. Jeder zweite Arbeitsausfalltag ist laut VBG-Statistik auf die "direkte Einwirkung des Gegenspielers" zurückzuführen. Kommt es nach vergeblicher Therapie zur Invalidität, erreichen die Gesamtkosten für medizinische Behandlung, Umschulung und Rente bis zu einer halben Million Mark.
Nach "über 100 Spritzen" und rund 60 000 Fahrkilometern zu Ärzten und Fitmachern dachte Dickel Anfang des Jahres erstmals konkret "ans Aufgeben". Existenzängste versuchte er "zu verdrängen". Er suchte nach Aspekten, die über den tiefen Frust hinweghalfen: daß es mit 29 leichter sei, einen Job zu finden, als mit 35 Jahren; daß er nicht "Opfer eines Killers" sei, der ihm die Knochen kaputtgetreten hätte, sondern ein Fall "höherer Gewalt".
Borussia Dortmunds Präsident Gerd Niebaum sagte dem Zwangsaussteiger in einer flammenden Rede "jede erdenkliche Hilfe" zu. Doch in der Rückblende, so räumt Klubmanager Michael Meier ein, "wäre es verlogen zu sagen, wir haben uns sonderlich um Norbert Dickel gekümmert".
Ein Fußballer, der nicht mehr spielen kann, urteilt Heinz Slupek, Dickels persönlicher Berater, sei für die Vereine "eine Biene, die keinen Honig gibt - uninteressant". Der Fußballer im Krankenstand half sich selbst, führte zehn Gespräche mit verschiedenen Unternehmern. Erst nachdem sich Dickel mit einem Wuppertaler Fabrikanten, Mitglied im Wirtschaftsrat der Borussia, über eine Anstellung geeinigt hatte, beendete er die Reha-Maßnahmen: "Wenn man weiß, wie es weitergeht, fällt der Entschluß leichter."
Denn Dickel hat nicht ausgesorgt. Die ersten zwei Jahre seiner Profilaufbahn bestritt er beim 1. FC Köln "zu besseren Amateurkonditionen". Von den fünf Jahren "mit Durchschnittsgehalt" in Dortmund war er zwei verletzt. So lassen sich keine Reichtümer anhäufen.
Auch auf die 300 000 Mark aus seiner privaten Invaliditätsversicherung kann Dickel nicht setzen. Die Assekuranz beruft sich auf eine "Vorschädigung" des Knies, die die Haftung ausschließt. Gerichte werden auch über die rund eine Million Mark entscheiden, mit der Borussia Dortmund den Kicker versichert hat. Inzwischen hat der Klub neue Policen bei Lloyd''s in London abgeschlossen, weil die Engländer im Vergleich zur deutschen Konkurrenz kulanter sind - doch für Dickel gelten noch die alten Vertragsbedingungen.
Nicht ohne Grund geben sich deutsche Versicherer bei Fußballprofis zurückhaltend: Viele der älteren Spieler versuchen ihren Beitrag (rund 1500 Mark Jahresprämie pro 100 000 Mark Versicherungssumme) kurz vor Karriereschluß mit Gewinn zurückzuholen. Im Durchschnitt tritt jährlich fast eine komplette Elf in den Stand der Berufsunfähigkeit.
Bisweilen treten die Frührentner anschließend nicht nur in Prominententeams oder bei Benefiz-Spielen an: Der 1. FC Kaiserslautern und sein Torjäger Klaus Toppmöller kassierten für dessen kaputtes Knie zusammen 500 000 Mark. Später kickte der Ex-Nationalspieler bei den Amateuren des FSV Salmrohr so munter mit, daß die Elf 1986 in den bezahlten Fußball aufstieg.
Der Bremer Norbert Siegmann versuchte aus einer Verletzung, erlitten in Diensten des SV Werder, einen Invaliditätsfall zu machen. Daß er danach noch Spiele in der Zweiten Bundesliga absolviert hatte, störte die Versicherung erheblich. Immerhin fand Siegmann über den Rechtsstreit zu einem neuen Beruf - er wurde Versicherungsmakler.
Dickel wird wohl nur noch einmal, bei seiner vom Klub zugesagten Abschiedsgala, die Fußballschuhe schnüren. Von Besuchen der Borussia-Heimspiele abgesehen, ist er aus der ichbezogenen Bundesliga-Märchenwelt vollends in den Alltag eines Arbeitnehmers getaucht - halb sieben aufstehen, Leinensakko, Krawatte, Aktenkoffer, Dienstwagen mit Autotelefon, Rückkehr gegen 18 Uhr.
Wenn der Chef, der Wuppertaler Unternehmer Siegfried Finkenrath, zur Besprechung bittet, röten sich Dickels Wangen, etwas ungelenk sitzt er dann in der hellen Couchgarnitur und lauscht voller Respekt den Worten "des Herrn Finkenrath, der schließlich sieben Firmen in ganz Deutschland hat und 800 Leute beschäftigt". Doch die Mechanismen, die ihn bis in die Bundesliga brachten, funktionieren noch. Möglichen Ressentiments in der Belegschaft will er "durch Leistung, etwa bei der unbequemen Aufgabe im Osten", entgegentreten. "Völlig klar" ist ihm, daß er "als Verkäufer" auch mal bei Kunden "eine Stunde im Vorzimmer zu warten" habe.
Der gelernte Werkzeugmacher, den Finkenrath zur "Führungsperson aufbauen" will, ist gefangen von den "faszinierenden Alltäglichkeiten", die es im Fußballtraumland nicht gibt, etwa von der Begegnung mit Landeszentralbankern auf der Hannover-Messe: "Plötzlich sieht man, was es für andere Leute gibt."
* Am 24. Juni 1989 nach seinem ersten Tor beim 4:1-Sieg von Borussia Dortmund im Pokalfinale gegen Werder Bremen in Berlin.

DER SPIEGEL 20/1991
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