15.07.1991

Einmal in der Stalinallee

Zwei der größten Polit-Affären in der Bundesrepublik hat eine geheimnisvolle Abteilung des ehemaligen DDR-Spionagechefs Markus Wolf ausgelöst. Frühere Wolf-Offiziere behaupten zudem, sie hätten 1972 versucht, mit Hilfe des FDP-Dissidenten Erich Mende den sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt im Amt zu halten.

Das "Objekt S" des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) lag versteckt zwischen Kornfeld, Wald und Wiese unweit von Belzig in Brandenburg.

Zäune, Schlagbaum und ein Wachhaus sicherten die schmucklose Anlage aus mehreren Bretterbaracken und Steinbauten, die auf ausgewählte Gäste "nahezu sibirisch" wirkte. Drinnen herrschte, erinnert sich ein Besucher, "eine Atmosphäre, die der in einem mittelalterlichen Kloster verteufelt ähnelte: Verbote aller Art, Gängeleien, perfekte Spitzelsysteme".

Getarnt war der abgeschottete Gebäudekomplex als eine Einrichtung der "Gesellschaft für Sport und Technik". Tatsächlich aber handelte es sich beim "Objekt S" um die geheime Lehranstalt der MfS-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Generaloberst Markus Wolf - die Spionageschule der DDR.

Auf der Penne bei Belzig paukten Geheimdienstoffiziere mit dem HVA-Nachwuchs außer Marxismus-Leninismus das ABC für Agenten: Kundschaften, Täuschen und Tarnen. Laut Weisung von MfS-Chef Erich Mielke waren die Lehrer dabei gehalten, der "allseitigen Entwicklung und Förderung der jungen Angehörigen und ihrer tschekistischen Erziehung große Aufmerksamkeit zu widmen".

Vor gut vier Jahren erlebten die rund 400 "Genossen Offiziershörer" der versammelten Lehrgänge im Vortragssaal ihrer brandenburgischen Baracke eine nachrichtendienstliche Premiere. Oberst Rolf Wagenbreth, Leiter der HVA-Abteilung X, berichtete erstmals MfS-intern über seine Tätigkeit und damit über die geheimste Truppe von Spionagechef Wolf.

"Unsere Freunde in Moskau", erläuterte Wagenbreth, heute 62, "nennen es ,Desinformazija', unsere Feinde in Amerika sagen dazu ,active measures', und ich bezeichne es als meine Lieblingsbeschäftigung." Ziel dieses konspirativen Dienstes: den Klassenfeind durch "aktive Maßnahmen" zu desinformieren und zu destabilisieren.

Was Wagenbreths Fachabteilung X (A X), in der rund fünf Dutzend Stasi-Spezialisten agierten, im einzelnen gegen den Westen und vor allem gegen die Bundesrepublik inszenierte, enthüllen jetzt zum erstenmal zwei ehemalige Oberstleutnants des Sonderkorps. In einem SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 34) berichten Günter Bohnsack, 51, und Dr. Herbert Brehmer, 56, wie sie Politiker und Medien im Westen zum Narren hielten.

Bohnsack leitete bis kurz nach der Wende das Referat 7 "Wirtschaft/Handel" in der A X. Brehmer betreute im Referat 5 das Fachgebiet westliche "Geheimdienste".

Die beiden Experten schildern die HVA-Beiträge zu mehreren Polit-Skandalen in der alten Bundesrepublik, die bis heute nicht restlos aufgeklärt sind. So haben nach Angaben von Bohnsack und Brehmer MfS-Offiziere beispielsweise mit verfälschten Protokollen spektakuläre Telefonabhöraffären um den damaligen CSU-Chef Franz Josef Strauß und den heutigen Bundeskanzler Helmut Kohl ausgelöst, die westdeutsche Parlamente und Parteien, Geheimdienste und Untersuchungskommissionen jahrelang beschäftigten.

Auch bei einem weiteren Polit-Spektakel, das die Geschichte der Bundesrepublik beeinflußt hat und das gleichfalls noch nicht völlig aufgehellt ist, mischten Markus ("Mischa") Wolf und dessen Agenten eifrig mit.

Im Frühjahr 1972, vor der Abstimmung im Bonner Bundestag über das Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt, gab Spionagechef Wolf die Losung aus, der Kanzler der sozial-liberalen Koalition müsse unter allen Umständen gerettet werden. Es war derselbe Wolf, über dessen Spion Günter Guillaume Brandt zwei Jahre später doch noch stürzte.

Vor dem Mißtrauensvotum 1972, durch das der damalige CDU-Chef Rainer Barzel mit Hilfe von Überläufern aus der FDP Kanzler werden wollte, setzte die Stasi alles daran, Stimmen aus dem Barzel-Lager für Brandt zu gewinnen - mit gewissem Erfolg.

Julius Steiner, CDU-Hinterbänkler und Barzel-Gegner, ließ sich, das bestätigen Bohnsack und Brehmer, von der für Parteien zuständigen HVA-Abteilung II für 50 000 Mark vom SED-Regime kaufen und stimmte für Brandt. Das Geld sei Steiner in einem konspirativen Gästehaus des MfS in der Ost-Berliner Liebermannstraße in einem Briefumschlag zugesteckt worden.

Aber auch die Abteilung X, so behaupten Bohnsack und Brehmer, sei zum "Brandt-Schutz" eingesetzt worden. Ihr Auftrag habe gelautet, den im Oktober 1970 von der FDP zur CDU gewechselten Abgeordneten und früheren Vizekanzler Erich Mende, heute 74, zum Votum für Brandt zu bewegen.

Der Politiker sollte unter Druck gesetzt werden, weil er "um 1960", so Bohnsack und Brehmer, Kontakte in Ost-Berlin gepflegt habe. Der Freidemokrat habe sich damals mehrfach in Ost-Berlin diskret "in einer konspirativen Wohnung" des MfS mit Angehörigen der Firma über aktuelle deutschlandpolitische Fragen ausgetauscht und "Material" mitgenommen.

An diese Vorgänge sei Mende 1972, kurz vor dem geplanten Sturz von Kanzler Brandt, telefonisch nachdrücklich erinnert worden, bekunden Bohnsack und Brehmer. Das sei mit dem deutlichen Unterton geschehen, Mende werde ja wohl bei der bevorstehenden Abstimmung die richtige Wahl treffen.

Mende, jetzt vom SPIEGEL mit der Stasi-Darstellung konfrontiert, erklärte: "Dieses Märchen habe noch nicht einmal ich gehört." Zu den angeblichen Treffs in Ost-Berlin sagt Mende, er sei seinerzeit lediglich "einmal in einer Wohnung an der Stalinallee" gewesen, doch keineswegs konspirativ.

Dort habe "Emmanuel Gomolla gewohnt", ein "Cousin meines Schul- und Kriegskameraden Franz Gomolla". Beide seien in seiner Heimatstadt Groß Strehlitz in Oberschlesien bei Mendes "Vater zur Schule gegangen".

Zwar habe er sich mehrfach mit dem Altkommunisten Emmanuel Gomolla zum Gedankenaustausch getroffen - allerdings stets im West-Berliner Hotel Kempinski. Gomolla habe "in der Handelsabteilung des Wirtschaftsministeriums der DDR" (Mende) gearbeitet. Er muß demnach privilegierter Reisekader gewesen sein, da er auch nach dem Mauerbau 1961, wie Mende angibt, einfach nach West-Berlin fahren durfte.

Daß er gar für Brandt votiert haben soll, weist Mende als geradezu "absurd" zurück. Um jeden Zweifel an ihrem Abstimmungsverhalten auszuschließen, hätten sich damals die FDP-Dissidenten "Knut von Kühlmann-Stumm, Heinz Starke, Siegfried Zoglmann und ich gegenseitig die Stimmkarten gezeigt". Im übrigen habe ihn vor dem Mißtrauensvotum, beteuert Mende, "weder jemand angerufen noch aufgefordert", um ihn zugunsten Brandts zu beeinflussen.

Der Anrufer, laut Stasi-Behauptung der Ost-Berliner Rundfunkjournalist Roland Lehmann, kann weder bekräftigen noch dementieren. Er ist vor sechs Jahren gestorben.

Mit ihren "aktiven Maßnahmen" zielte Wolfs HVA "auf das Hineinwirken in die westlichen Länder", wie Wagenbreth sich äußerte; dem Abteilungschef ging es "um den Versuch, am Rad der Geschichte zu drehen".

Das Konzept war so simpel wie erfolgreich. Die aus dem Westen kommenden geheimen Informationen wurden, so der Oberst, nach "sachdienlicher Bearbeitung" in den Westen zurückgespielt und funktionierten dort "nach dem Zeitbombenprinzip". Wagenbreth: Würden "Stoßrichtung, Zeitpunkt, begünstigende Umstände" der Lancierung richtig kalkuliert, sei die "moralische Wirkung ungeheuer".

Bei dieser Taktik benutzte der Geheimdienst nicht nur Erkenntnisse von Spionen, sondern auch jenes Wissen, das in den Abhörzentralen auflief. Etwa 40 000 Telefongespräche in West-Berlin und Westdeutschland wurden jährlich mitgeschnitten und auf rund 150 000 Protokollseiten ausgeschrieben.

Mit solchem Wissen ausgestattet, erledigten bis in die sechziger Jahre verschiedene HVA-Abteilungen die Zersetzungsarbeit eher plump und sporadisch. Erst nachdem sich 1959 der sowjetische Geheimdienst KGB seine Einheit "Desinformazija" zugelegt hatte, setzte Spionagechef Wolf alles daran, mit dem Großen Bruder gleichzuziehen.

Seit 1966 betrieben die Wolf-Agenten dann Desinformation und Diffamierung von der DDR aus systematisch und professionell. Und bis zu Wagenbreths Diskurs in der HVA-Schule wurde die A X mit ihren dirty tricks sogar im MfS als Geheimnis gehütet.

In Wagenbreth hatte Wolf einen ideenreichen und durchsetzungsfähigen Offizier für die delikaten Geheimdienstoperationen gefunden, der nach den eher piefigen MfS-Verhältnissen aus dem Rahmen fiel. Der Obrist (Personenkennzeichen: 280629430036) trug Maßanzüge und fuhr verschiedene Modelle von West-Wagen, war Pferdenarr und Mozart-Liebhaber.

Eingebildete oder wirkliche Gesinnungsfreunde wurden von der A X auch in der DDR über sogenannte legale Dächer mit Material versorgt. In Dokumentationszentren oder offiziellen Pressestellen saßen HVA-"Offiziere im besonderen Einsatz" (OibE).

Über diese "Dächer" mit ihren OibE wanderten Akten und Informationen an westliche Journalisten, so über die NS-Vergangenheit des einstigen CDU-Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger oder des früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Hubert Schrübbers.

Bewußt zur Hand gingen den subversiven Agenten berufsmäßige Kundschafter sowie Inoffizielle Mitarbeiter, die in bundesdeutschen Parteien und Behörden, in Verbänden und Firmen angeworben wurden. Als "unbewußte Multiplikatoren" oder "nützliche Idioten" (Stasi-Jargon) waren Politiker, Wirtschaftler, Professoren und Journalisten willkommen - kurzum jene, die Informationen brauchen und unter die Leute bringen.

Bevorzugtes Zielobjekt war über ein gutes Jahrzehnt, mindestens seit 1973, die Hamburger Illustrierte Stern. Redakteure wurden mal anonym, mal bei persönlichen Begegnungen mit MfS-Offizieren gespickt. Die Blattmacher erhielten Dossiers über Personen, Unterlagen über westdeutsche Geheimdienste und auch Recherchen-Hilfe auf DDR-Gebiet, etwa bei der Suche nach den sogenannten Hitler-Tagebüchern.

Anders als Mende bestätigen betroffene Journalisten die Bekundungen von Bohnsack und Brehmer. Die ehemaligen Stern-Redakteure Gerd Heidemann und Thomas Walde zum Beispiel erinnern sich an Begegnungen mit einem MfS-Offizier, der sich "Buchner" nannte. Das war Oberstleutnant Brehmer.

Heidemann und Walde betonen jedoch übereinstimmend, westdeutsche Nachrichtendienste hätten stets über ihre MfS-Beziehungen Bescheid gewußt. Heidemann: "Alles passierte in Absprache mit dem Verfassungsschutz." Walde: "Um nicht in Schwulitäten zu geraten, habe ich jedes Treffen dem Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz gemeldet."

Absurdes Doppelspiel: So versorgten sich die Schlapphüte in Ost und West gegenseitig mit Informationen über die Desinformation.


DER SPIEGEL 29/1991
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