15.07.1991

„Gänsebraten im Dschungel“

SPIEGEL: Herr Brehmer, Herr Bohnsack, Sie haben beide jahrzehntelang als Offiziere des DDR-Spionagedienstes durch Desinformation und dubiose Machenschaften Politiker und Medien in der Bundesrepublik zum Narren gehalten. Welches war denn das tollste Ding, das Sie gedreht haben?
BREHMER: Politisch gesehen, war es wohl die Aktion, mit der wir 1972 Bundeskanzler Willy Brandt unter die Arme gegriffen haben.
SPIEGEL: Das ist ja mittlerweile bekannt, daß die Stasi damals, als es um das Mißtrauensvotum gegen Brandt ging, den CDU-Hinterbänkler Julius Steiner für 50 000 Mark gekauft hat.
BOHNSACK: Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
SPIEGEL: Und wie lautet die ganze Wahrheit über diesen bis heute ungeklärten Vorgang, bei dem Brandt mit zwei Stimmen von der Opposition im Amt gehalten wurde?
BOHNSACK: Als es so aussah, als ob der Gegenkandidat, der CDU-Vorsitzende Rainer Barzel, es schaffen könnte, entschied unser Chef, Generaloberst Markus Wolf, wir müßten unbedingt versuchen, den Brandt zu retten.
BREHMER: Das lag ja auch nahe, wenn man sich vor Augen hält, wer vor 20 Jahren die westliche Ostpolitik rumgerissen und immer wieder für Entspannung im Ost-West-Verhältnis plädiert hat. _(* Mit SPIEGEL-Redakteuren Axel Jeschke, ) _(Dieter Uentzelmann in Berlin beim ) _(Besprechen eines Stasi-Berichts. )
SPIEGEL: Wollte Wolf, der Chef der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung, noch mehr als Steiners Stimme?
BREHMER: Wir hatten noch ein zweites Eisen im Feuer: den Bundestagsabgeordneten Erich Mende.
SPIEGEL: Wie bitte - den Ritterkreuzträger, ehemaligen Vizekanzler und FDP-Vorsitzenden, der Ende 1970 zur CDU gewechselt war?
BOHNSACK: "Der schöne Major", wie wir ihn nannten, war auch in der DDR nicht unbekannt. Der hatte offenbar Verbindungen über alte Offizierskameraden. Was da genau gelaufen ist, wissen wir nicht. Aber das war schon ein Ansatzpunkt.
Jedenfalls kam er 1959/60 häufig zu Gesprächen nach Ost-Berlin. Darüber gab es eine dicke Akte, die wir 1972 rausgefischt haben.
SPIEGEL: Was war an Mende so interessant?
BREHMER: Wenn Mende rüberkam, hat er immer großen Wert darauf gelegt, nicht gesehen zu werden, ganz diskret zu erscheinen und wieder zu verschwinden. Und die Gespräche fanden am Strausberger Platz/Ecke Stalinallee statt. Da standen Stasi-Wohnungen für solche Begegnungen bereit.
SPIEGEL: Das waren konspirative Treffs der Stasi mit Mende?
BOHNSACK: Ja. Auch Mende kannte oder ahnte zumindest den nachrichtendienstlichen Background. Über so etwas kann man sich ja augenzwinkernd verständigen. Das Material beispielsweise, das Mende von uns erhielt und jeweils zur Verwendung im Bundestag und den FDP-Gremien mitnahm, nannten wir eben "rhetorische Handreichungen".
SPIEGEL: Und da hakten Sie zwölf Jahre später ein, um Mende zur Stimmabgabe für Brandt zu pressen?
BOHNSACK: Wir haben einen zuverlässigen Mann mit dem Auftrag in den Westen geschickt, den Abgeordneten Mende anonym anzurufen und an dessen Gewissen zu appellieren - mit einem deutlichen Hinweis auf unsere früheren Kontakte allerdings.
Mende sollte durchaus klarwerden, daß wir mit unserem Wissen auch hausieren gehen könnten, falls er sich dumm stelle. Trotzdem war das Gespräch ganz _(* Oben: nach dem Abstimmungssieg beim ) _(Mißtrauensvotum im Bundestag 1972; ) _(unten: während der Abstimmung. ) freundlich angelegt, ohne direkte Drohung. Wolf hat den schriftlich vorformulierten Text gebilligt.
SPIEGEL: Wie hieß Ihr Abgesandter?
BOHNSACK: Roland Lehmann . . .
SPIEGEL: . . . ein höchst ungewöhnlicher Name.
BOHNSACK: Lehmann, so hieß er wirklich, war offiziell Redakteur beim Berliner Rundfunk, hatte eine schöne Stimme und wurde von den operativen Kollegen bei uns im Haus als Inoffizieller Mitarbeiter geführt.
SPIEGEL: Von wo aus hat er Mende angerufen?
BOHNSACK: Aus einer Bonner Telefonzelle. Ich selber habe das vorher mit ihm geübt und den Mende gesprochen: Was wollen Sie denn von mir? Lehmann etwa: Herr Dr. Mende, hier spricht ein Freund aus Berlin. Sie erinnern sich sicher an unsere seinerzeitigen Gespräche über die Zukunft Deutschlands. Jetzt, in diesen Stunden, in denen es, wie Sie wissen, um vieles geht, möchten wir an Sie im Sinne unserer alten Beziehungen appellieren, Ihr Votum entsprechend abzugeben. Der Name Brandt wurde gar nicht erwähnt.
SPIEGEL: Und hat er Mende erreicht?
BOHNSACK: Erst war immer nur die Haushälterin dran. Aber beim dritten Versuch am zweiten Tag hatte er ihn auf Anhieb.
SPIEGEL: Wie hat Mende reagiert?
BOHNSACK: Eigentlich gar nicht. Er hat weder ja noch nein gesagt. Er hat sich das einfach angehört und sich neutral verhalten. Aber - er hat auch nicht aufgelegt. Unser Mann hat das Gespräch beendet, nachdem er sicher war, daß Mende ihn ohne Zweifel verstanden hatte.
SPIEGEL: Das hat Lehmann so erzählt?
BOHNSACK: Aufgeschrieben. Ich habe den Bericht gelesen, den er abgefaßt hat. Er hatte übrigens von den 1000 Mark, die wir ihm als Spesen mitgegeben hatten, nur 700 verbraucht.
SPIEGEL: Gab es später noch Kontakt mit Mende oder eine Rückmeldung?
BOHNSACK: Ich habe nichts mehr davon gehört. Aber es steht ja nun mal fest, daß Brandt damals Kanzler geblieben ist, weil Barzel zwei Stimmen fehlten. Die eine stammte von Julius Steiner . . .
SPIEGEL: . . . und die zweite, sagen Sie, hat die Stasi bei Mende besorgt?
BOHNSACK: Kennen Sie eine andere überzeugende Erklärung?
SPIEGEL: Wir nehmen Ihre zur Kenntnis. Sie beide haben ja nun, mit Verlaub, Ihr halbes Leben lang berufsmäßig gelogen und desinformiert. Ist Ihr Verhältnis zur Wahrheit grundlegend gestört?
BREHMER: Ich räume ein, daß Geheimdienstler deformierte Persönlichkeiten sind, das ist mir klargeworden. Uns hat noch 1986 der Schriftsteller Stefan Heym, gewiß unbeabsichtigt, aus der Seele gesprochen, als er in seinem Buch "Reden an den Feind" unter anderem schrieb: "Der Einfall, auf dem alles beruhte, mußte aus dem Hirn des Autors kommen, oder, wenn man so will, aus seinem Herzen. Das Ganze hieß Psychological Warfare und war, ich wußte es damals und sage es heute noch, etwas unerhört Aufregendes."
SPIEGEL: Hoffentlich jetzt nicht mehr, in diesem Gespräch.
BREHMER: Das ist doch alles sinnlos geworden. Im Kalten Krieg war die Spionage eine Hauptschiene für die Konfrontation zwischen Ost und West. Aber der ist vorbei. Also muß auch der ganze Spionage-Spuk endlich aufhören. Damit das jeder begreift, sprechen wir so offen über unsere frühere Arbeit.
BOHNSACK: Sehe ich genauso, zumal es immer darauf hinausläuft, daß irgendwann alles ausgeforscht wird und jeder Quatsch bedeutsam erscheint. Da ist zum Beispiel aufgezeichnet worden, wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit einem Anwalt in Hamburg telefoniert. Der sagt: "Du, sprich mal lauter, ich dusche gerade." Darauf Genscher: "Duschst du immer vorher oder nachher?" Dann lachten sie beide - und wir auch noch.
SPIEGEL: Von solchem Humbug mal abgesehen: Welche bedeutsamen Informationen haben Sie durch Abhören wirklich gewonnen?
BREHMER: Interessanter waren schon die Aufzeichnungen von Gesprächen zwischen Mitarbeitern verschiedener Abteilungen im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz mit Kollegen beim Berliner Landesamt. Die unterhielten sich zum Beispiel darüber, wie der damalige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Carl-Dieter Spranger, auf etlichen Ebenen darauf gedrungen hätte, die Grünen als verfassungsfeindlich einzustufen - unter dem Vorwand selbstverständlich, er wolle sich nur sachkundig machen.
SPIEGEL: Sie haben also nicht nur massenhaft Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse abgehört, sondern auch die westdeutschen Geheimdienste?
BREHMER: Wir nicht. Das machte die MfS-Hauptabteilung III mit ihren diversen stationären und mobilen Anlagen. Die konnten so ziemlich alles. Wir bekamen nur Protokolle.
Nach den Abstürzen von zwei Militärmaschinen in einer Waldschneise erhielt ich beispielsweise den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen kommandierenden Generälen. Daraus ergab sich eindeutig, daß der damalige Verteidigungsminister Rupert Scholz öffentlich eine objektiv falsche Erklärung über den Unfall abgegeben hatte.
Das war nämlich kein normales Unglück, wie er gesagt hatte. Die beiden Piloten hatten vielmehr in der Luft regelrecht Haschen gespielt und dabei die Kontrolle über ihre Maschinen verloren.
SPIEGEL: Und dann haben Sie auf Scholz Pression ausgeübt?
BREHMER: Nee, nee. Da haben wir einen anderen Dreh angewandt. Ich habe den Mitschnitt ein bißchen bearbeitet, um die Quelle zu vertuschen, und ihn dann an die sowjetische Botschaft geschickt. Sinn der Sache war, daß der Verfassungsschutz mitliest.
SPIEGEL: Da kommen wir nicht mit.
BREHMER: Von Hansjoachim Tiedge, der 1985 aus dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz in die DDR überlief, wußten wir: Wenn Briefe präzise an den Herrn Botschafter Soundso adressiert sind, passiert gar nichts. Wenn aber nur "Botschaft der UdSSR", Bonn, Adresse, draufsteht, dann wird die Sendung routinemäßig bei der Post erst mal für den Verfassungsschutz rausgefischt.
SPIEGEL: Und was hatten Sie nun davon, daß der Verfassungsschutz Ihren Scholz-Bericht in die Hände bekam?
BREHMER: Der sollte den Militärischen Abschirmdienst im Verteidigungsministerium aufscheuchen, den Kollegen dort sagen: He, paßt mal auf, in eurem Beritt ist eine undichte Stelle, die müßt ihr suchen. Das reichte uns schon. Dann waren die erst mal eine Weile mit sich selbst beschäftigt und konnten sich weniger um unsere Agenten kümmern.
SPIEGEL: Ziemlich alberne Geheimdienst-Spielchen, finden Sie nicht?
BREHMER: So arbeiten alle Dienste auf der Welt. Bei der Affäre um den damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner und den entlassenen General Günter Kießling 1983/84 haben wir ähnlich taktiert. Als die Kampagne gegen den General, er sei homosexuell und deswegen für Bundeswehr und Nato ein Sicherheitsrisiko, abgeschlossen war, haben wir nachgelegt.
Wir machten uns die Stimmung im Offizierskorps zunutze. Die war noch ganz schön aufgebracht. Da haben wir eine 100 Seiten starke Personalliste des Militärischen Abschirmdienstes mit persönlichen Daten, mit Gehaltsangaben und Beförderungsambitionen in den Nachrichtendienst lanciert, um zu zeigen, daß wir alles wissen. Das löste langwierige Ermittlungen, Befragungen, Untersuchungen aus.
SPIEGEL: Ein Fall für Insider. Haben Sie auch Skandale gefingert, die in der Bundesrepublik Furore machten?
BOHNSACK: Ja, die Abhöraffäre Kohl/ Biedenkopf 1975 geht auf unser Konto.
SPIEGEL: Da ging es um ein illegal aufgezeichnetes Telefongespräch zwischen dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl und dessen damaligem Generalsekretär Kurt Biedenkopf. Der Text wurde anonym dem Stern zugespielt. Das löste einen Riesenwirbel aus. Die wahren Übeltäter blieben bis heute unentdeckt.
BOHNSACK: Hier sind sie. Unsere Abhörexperten hatten uns das Protokoll gegeben. Das haben wir in ein Abhörprotokoll eines US-Geheimdienstes umfrisiert und dem Stern zukommen lassen - es sollte so aussehen, als würden deutsche Spitzenpolitiker von amerikanischen Diensten belauscht. Der Stern hat unsere Fassung gedruckt, Kohl und Biedenkopf haben das Telefonat später bestätigt.
SPIEGEL: Der Inhalt war korrekt wiedergegeben?
BOHNSACK: Ja, nur die Quelle war verfälscht.
SPIEGEL: Wie wurde so was gemacht?
BREHMER: Beispielsweise habe ich, in einem anderen Fall, mir ein echtes G-10-Protokoll aus der Bundesrepublik als Vorlage genommen*. Dabei war es ziemlich gleichgültig, ob das Formblatt vom Bundesnachrichtendienst, vom Militärischen Abschirmdienst oder vom Verfassungsschutz stammte. Auf Perfektion legte ich gar keinen Wert, weil ich wußte, daß alle Abhörprotokolle immer irgendwie eine eigene Handschrift trugen. Ich mußte es nur in gewissem Sinne idiotensicher machen, damit derjenige, der es bekam, ohne viel Aufwand erkennen konnte, wer da geredet hatte. _(* Nach Artikel 10 des Grundgesetzes in ) _(Verbindung mit dem sogenannten ) _(G-10-Gesetz dürfen Nachrichtendienste ) _(unter bestimmten Voraussetzungen das ) _(Fernmeldegeheimnis brechen. )
Ich habe den unteren Teil des Papiers benutzt, mir Stempel machen lassen und dann selber gestempelt. Anschließend habe ich so lange gefixelt, bis es auf der Kopie, die rausgehen sollte, auch noch eine Verzerrung gab.
SPIEGEL: Das reichte, um alle Täterspuren zu verwischen?
BREHMER: Das Endprodukt habe ich natürlich nur mit Handschuhen angefaßt und eingetütet. Die meisten von uns benutzten rosefarbene Gummihandschuhe. Ich persönlich habe mit weißen Paradehandschuhen aus Stoff von der Armee gearbeitet, weil in denen die Hände nicht so unangenehm schwitzten. Ein paar Fusseln auf unseren Kunstprodukten waren unverfänglich.
Beim Anfeuchten der Briefmarken waren wir allerdings vorsichtiger. Das Bundeskriminalamt hatte bereits Spucke unter einer Marke analysiert und die Blutgruppe des Absenders herausgefunden. Deshalb haben wir in der Regel destilliertes Wasser benutzt oder auch mal etwas aus dem Blumentopf genommen. Das war eben alles reine Manufaktur, keine Rede von moderner Technik, genau wie im Fall Strauß/Scharnagl.
SPIEGEL: Moment mal. Diese Affäre, an deren Hintergrund Politiker und Presse ebenfalls bis heute rätseln, haben Sie auch losgetreten?
BOHNSACK: Das war schon ein Glanzstück, obwohl wir hinterher dafür nicht gerade gelobt worden sind.
SPIEGEL: Bitte der Reihe nach.
BOHNSACK: Wir hatten im Herbst 1976 von unserer Abhörzentrale am Müggelseedamm in Friedrichshagen erst die Kurz- und dann die Langfassung eines Telefongesprächs auf dem Tisch, das Franz Josef Strauß und der Redakteur des Bayernkurier, Wilfried Scharnagl, später Chefredakteur des Blattes, geführt hatten.
Die beiden unterhielten sich über das Starfighter-Geschäft, das Strauß 1959 als Verteidigungsminister mit dem amerikanischen Rüstungskonzern Lockheed abgeschlossen hatte. Speziell ging es um den Streit, daß Strauß unsauberer Geschäfte bezichtigt wurde und Lockheed-Akten angeblich oder tatsächlich verschwunden waren. Das war kurz vor der Bundestagswahl am 3. Oktober. Die beiden sprachen auch über die Aufmacher-Seite unmittelbar vor der Wahl.
SPIEGEL: Der Abhörskandal wurde aber erst 1978 bekannt.
BOHNSACK: Richtig. Das Ding landete zunächst im Panzerschrank und wurde erst Ende 1977 wieder hervorgeholt, als die Untersuchungen einer Regierungskommission "Lockheed-Dokumente" vor dem Abschluß standen. Da Weihnachten nahte, verpaßten wir der Aktion den Decknamen "Gänsebraten".
SPIEGEL: Sie wollen uns ein Märchen auftischen.
BREHMER: Na, dann lese ich Ihnen mal etwas vor. In dem obligatorischen Vordruck, den wir damals ausgefüllt haben, hieß es unter anderem: _____" Aktion Dschungel XV/2139/67, hier: Gänsebraten. Es " _____" wird vorgeschlagen, ein fiktives Abhörprotokoll zu " _____" erarbeiten und im Operationsgebiet BRD anonym postalisch " _____" zu verschicken. Der Inhalt betrifft ein Gespräch zwischen " _____" F. J. Strauß und W. Scharnagl (beide CSU) aus dem Jahre " _____" 1976 über die Lockheed-Akten und Gestaltung des " _____" Bayernkurier im Bundestagswahlkampf. " _____" Als Zielobjekt wird die Süddeutsche Zeitung " _____" vorgeschlagen. Hier beschäftigt sich das Bonner " _____" Redaktionsmitglied Hartmut Palmer**, der Strauß gegenüber " _____" kritisch eingestellt ist, besonders intensiv mit dem " _____" Abschluß der Untersuchungen zur " _____" Lockheed-Schmiergeld-Affäre in der BRD. Ziel dieser " _____" Maßnahme: die Dienste (BND) mit einer vorgetäuschten " _____" G-10-Abhörmaßnahme zu belasten und den bevorstehenden " _____" Abschluß der Lockheed-Untersuchungen durch den Ausschuß " _____" in Frage zu stellen und eventuell eine Fortführung zu " _____" provozieren . . . Konstruktionen grün gezeichnet, die " _____" Informationen rot . . . Technische Fertigung (verzerrte " _____" Fotokopie, Abdeckung der Seite 1 wegen Aktenzeichen) " _____" notwendig. "
Das wurde im Hause abgesegnet. Der Rest war Routine. In der Wochenendausgabe vom 14./15. Januar 1978, während der alljährlichen Klausurtagung der CSU in Wildbad-Kreuth, meldete die Süddeutsche Zeitung in dicken Lettern: "Strauß wurde abgehört".
SPIEGEL: Der CSU-Chef hat damals gleich behauptet, an der Geschichte stimme zwar einiges, anderes sei aber gefälscht, um ihn in Verruf zu bringen.
BREHMER: Wir wollten den Eindruck erwecken, als habe Strauß mit dem Verschwinden von Lockheed-Akten direkt zu tun. Das Abhörprotokoll hatten wir sehr behutsam korrigiert, sage ich mal - dummerweise mit Worten, die Strauß nicht benutzte.
So hieß es zum Beispiel bei uns, er habe die Lockheed-Akten "gelüftet". Den ** Seit 1983 SPIEGEL-Redakteur. _(* Im März 1984 beim Kießling-Abschied, ) _(mit dem damaligen ) _(Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang ) _(Altenburg. ) entscheidenden Fehler aber machten wir bei der Unterstellung, Strauß habe die Akten gefilzt, als sie bei der Dresdner Bank lagen. Strauß merkte das natürlich sofort und kommentierte in einem Fernsehinterview genüßlich, der oder die Verfasser des Protokolls seien Dilettanten.
Der zuständige Mitarbeiter bei uns im Ministerium hat daraufhin übrigens das Wort "Gänsebraten" auf dem Aktendeckel durchgestrichen und "Dilettant" draufgeschrieben.
SPIEGEL: Waren Spionagechef Wolf und Stasi-Minister Erich Mielke über diese Desinformationskampagne im Bilde, die ein Bonner Untersuchungsausschuß immerhin gut zwei Jahre lang vergeblich aufzuhellen suchte?
BOHNSACK: Weder noch, obwohl das eigentlich vorgeschrieben und üblich war, wenn es um Politiker vom Format eines Strauß ging. Wolf hat sich später erkundigt, ob wir es gewesen seien. Danach bekamen wir Order, mit keinem Vorgesetzten darüber zu sprechen und auch keinen Bericht zu fertigen. Das bedeutete, Wolf wollte Mielke nicht informieren. Und daraus schlossen wir wiederum, daß unsere Maßnahmen gegen Strauß, der offiziell und in der Öffentlichkeit immer noch als Feind Nummer eins der DDR galt, nicht mehr zur inoffiziellen Politik der Parteiführung paßten.
SPIEGEL: Nun hat der Spionageapparat der Stasi ja nicht nur namhafte Politiker ins schiefe Licht gerückt, sondern auch versucht, Handlanger zu rekrutieren. Das war zwar nicht Ihr Job. Kennen Sie trotzdem den einen oder anderen Fall?
BOHNSACK: Mir fällt nur der Altliberale William Borm ein, der häufig mit Markus Wolf zusammengesessen und bei uns haufenweise Material abgeschleppt hat. Unsere Manuskripte hat der FDP-Bundestagsabgeordnete für seine Parlamentsreden benutzt. Und manche Ausarbeitung von uns fanden wir wortgetreu als Borms Autorenbeiträge in westdeutschen Zeitungen wieder.
SPIEGEL: Borm ist knapp vier Jahre tot. Und daß er für Sie gearbeitet hat, stand bereits im SPIEGEL (18/1991).
BREHMER: Mit dem Berliner CDU-Politiker Heinrich Lummer hatte unsere Abteilung einiges zu tun.
SPIEGEL: Das ist auch nicht gerade neu, der SPIEGEL hat die Affäre enthüllt (36/1989), bis hin zum Hinweis auf degoutante Fotos von Lummers Beisammensein mit der Stasi-Agentin Susanne Rau. Lummer sollte zur Zusammenarbeit mit Ost-Berlin genötigt werden.
BOHNSACK: Das ging in der Tat auch uns zu weit. Kollegen müssen die Zimmerdecke durchbohrt und von oben geknipst haben. Man sah nur einen nackten Rücken und das blanke Hinterteil. Unser Abteilungsleiter Rolf Wagenbreth, der den Fall mitbearbeitete, war auch dagegen.
Aber bei uns gab es auch die Einstellung, wenn man eine Zielperson nicht werben könne, sei sie für politische Beeinflussung allemal noch gut genug. Diese Rechnung ist in den wenigsten Fällen aufgegangen, auch bei Lummer nicht.
SPIEGEL: Wer hat die Schweinerei denn ausgeheckt und durchgesetzt? Ihr Chef, Markus Wolf, hat dazu in einem SPIEGEL-Gespräch voriges Jahr (27/1990) gesagt: "Wenn Herr Lummer erpreßt worden wäre und erfolgreich erpreßt worden wäre, hätte ich keine moralischen Hemmungen dabei gehabt."
BREHMER: Kein Wunder. Die Aktion Lummer hat Wolf persönlich angeordnet. Der hat die Kollegen richtig scharf gemacht in dieser Sache. Wolf hatte die Vorstellung, Lummer ist ein Rauhbein, und ein Rauhbein nimmt man voll an. Alles falsch. Lummer war sensibler, auch im Umgang mit unserer Agentin.
SPIEGEL: Herr Bohnsack, Herr Brehmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *HINWEIS: Im nächsten Heft Wie die Staatssicherheit den Chef des Bundesnachrichtendienstes aushorchte - Markus Wolf bezahlte linke West-Medien - Ost-Berlin schürte den Streit zwischen Nato-Staaten *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Günter Bohnsack und Herbert Brehmer *
dienten als Offiziere des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Abteilung X der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Spionagechef Markus Wolf. Die Spezialabteilung X war zuständig für Desinformation, also für schmutzige Tricks, die den Westen irritieren und verunsichern sollten. Die Zersetzungsarbeit mit fingierten Publikationen wie verfälschten Dokumenten richtete sich hauptsächlich gegen politische Parteien und Geheimdienste in der Bundesrepublik.
Bohnsack und Brehmer gehörten zur Abteilung X seit deren Gründung 1966. Der in Leipzig zum Diplom-Journalisten ausgebildete Bohnsack, 51, leitete als Oberstleutnant das Referat 7, in dem die Bereiche "Wirtschaft/Handel" ressortierten.
Brehmer, 56, ist promovierter Historiker, Fachgebiet Militärgeschichte. Er begann 1961 beim Militärischen Nachrichtendienst der DDR, bevor er zum MfS überwechselte. Brehmer betreute, ebenfalls im Rang eines Oberstleutnants, bis kurz nach der Wende im Referat 5 der Abteilung X den Bereich "Westliche Geheimdienste".
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Axel Jeschke, Dieter Uentzelmann in Berlin beim Besprechen eines Stasi-Berichts. * Oben: nach dem Abstimmungssieg beim Mißtrauensvotum im Bundestag 1972; unten: während der Abstimmung. * Nach Artikel 10 des Grundgesetzes in Verbindung mit dem sogenannten G-10-Gesetz dürfen Nachrichtendienste unter bestimmten Voraussetzungen das Fernmeldegeheimnis brechen. ** Seit 1983 SPIEGEL-Redakteur. * Im März 1984 beim Kießling-Abschied, mit dem damaligen Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Altenburg.
Von A. Jeschke und D. Uentzelmann

DER SPIEGEL 29/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 29/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Gänsebraten im Dschungel“

Video 01:07

Gesunkene norwegische Fregatte Taucher bereiten Bergung vor

  • Video "Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator" Video 00:58
    Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator
  • Video "Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt" Video 07:07
    Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt
  • Video "Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft" Video 00:25
    Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft
  • Video "Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch" Video 07:25
    Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Video "Weihnachtsbraten: Kann ich selber eine Gans schlachten?" Video 08:30
    Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Video "Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!" Video 44:28
    Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!
  • Video "Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet" Video 02:28
    Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Video "Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen" Video 01:26
    Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan" Video 12:25
    Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor" Video 01:07
    Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor