15.07.1991

SpionageVerdiente Kundschafter

Die frühere Nato-Sekretärin Lorenzen, der Spionage für die Stasi verdächtigt, ist seit der deutschen Einigung auf der Flucht.
Dieter Sturm hat Mühe, seine Gedanken zu ordnen. Immer wieder verliert er sich in Halbsätzen, schweift ab, stockt, stammelt. Dann dieser Satz: "In der DDR hat man uns jahrelang wie Aussätzige behandelt. Und nun werden wir wie die Juden im Dritten Reich verfolgt." Ursel Sturm nickt dazu und schweigt.
Ursel und Dieter Sturm sind auf der Flucht. Am 15. September 1990, knapp drei Wochen vor der Vereinigung beider deutscher Staaten, hat das Ehepaar ein paar Koffer gepackt und sich aus Ost-Berlin abgesetzt. Seitdem ziehen die Sturms durch Westeuropa, mit der Angst im Nacken, verhaftet und nach Deutschland abgeschoben zu werden.
Die zweite Flucht der beiden vollzog sich in aller Stille. Beim erstenmal, vor zwölf Jahren, war das anders: Im Frühjahr 1979 machte der Fall der Nato-Spionin Ursel Lorenzen und ihres Agentenführers Dieter Will wochenlang Schlagzeilen.
Am 5. März 1979 hatte sich das Paar Hals über Kopf aus Brüssel über Jugoslawien in die DDR abgesetzt und damit eine schwere Krise im Nato-Hauptquartier ausgelöst. Insider sprachen damals vom schlimmsten Verratsfall in der Geschichte der Nato. Und nicht wenige Blätter machten Lorenzen zu einer gefährlichen Agentin der Stasi, die gleich kofferweise brisante Nato-Akten über die Schweiz verfrachtet habe.
In den Ost-Medien dagegen wurde sie als "Friedensheldin" gefeiert, die aus Gewissensgründen in die DDR übergewechselt war.
Am 17. Januar 1980 berichtete die Überläuferin auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin ausführlich über die Nato-Pläne zum Einsatz von Nuklearwaffen in Europa. Am Tag nach der Propagandashow erließ die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe einen Haftbefehl für das Duo Lorenzen/ Will, der noch heute gültig ist.
Die Geschichte von Ursel Lorenzen und Dieter Will beginnt im September 1954. "Der Zufall wollte es, daß ich damals in einem Hamburger Krankenhaus neben seiner Mutter im Bett lag. So haben wir uns kennengelernt."
Über die Zwischenstation London kommt Lorenzen nach Paris. Dort arbeitet sie als Privatsekretärin der Altkommunistin Ruth Fischer, nach deren Tod wechselt Lorenzen in die Deutsche Botschaft von Paris. Dieter Will ist zu jener Zeit ebenfalls in der französischen Hauptstadt, er studiert an der Sorbonne.
1966 bewirbt sich die ehrgeizige und weltgewandte Lorenzen bei der Nato in Paris. Nach langen Sicherheitsüberprüfungen kann sie im Januar 1967 im Pariser Generalsekretariat der Nato als Empfangssekretärin anfangen. Im Oktober 1967 zieht das Generalsekretariat mit dem Gros seiner Mitarbeiter nach Brüssel um. Lorenzen gehört dazu.
Zur gleichen Zeit taucht Dieter Will in Brüssel auf. Er kommt im Management des Hilton Hotels unter. Die Beziehung der beiden bleibt für die Sicherheitsbeamten der Nato unentdeckt: "Ich habe meinen Mann bei keinem der zahlreichen Sicherheitschecks angegeben. Die Beziehung sollte geheim bleiben."
Ursel Lorenzen wußte, warum sie die Existenz von Dieter Will verschwieg. Wills Mutter und Bruder waren bereits in den fünfziger Jahren von Hamburg nach Dresden übergesiedelt. Und Will hatte sie dort zumindest einmal besucht. "Meine berufliche Karriere bei der Nato wäre damit gefährdet gewesen. Und das wollte ich einfach nicht riskieren."
Was die Ex-Sekretärin bei der Nato als "Unterlassungssünde" deklariert, werten die Fahnder des Bundeskriminalamts als Manipulation der Personalunterlagen. Und hinter der Beziehung Lorenzen/Will vermuten sie nichts anderes als die klassische Romeo-Geschichte: Gutaussehender Herr ver- und führt alleinstehende Dame im Auftrag der Stasi - Heirat nicht ausgeschlossen.
Will habe, so die Einschätzung des BKA heute, zu einem Kreis von Top-Agenten gehört, die Anfang der fünfziger Jahre innerhalb einer "Aktion 100" von der Stasi in den Westen beordert worden sind. Will: "Das ist lächerlich. Ich habe nur einmal meine Mutter in Dresden besucht und niemals zur Stasi Kontakte unterhalten."
Daß es 1978 doch Kontakte mit einem hohen Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) gegeben hat, will der Hotelmanager erst nach der Übersiedlung in die DDR erfahren haben.
Doch vor diesem Treffen in der Stockholmer DDR-Botschaft liegen angespannte Jahre für Ursel Lorenzen. In zwölf Nato-Jahren rückt die Sekretärin zur persönlichen Assistentin des britischen Nato-Direktors Terence Moran auf. Sie bekommt Zugang zu geheimen Planungsdokumenten, die sich vor allem mit dem möglichen Einsatz von Atomwaffen im Spannungsfall beschäftigen.
Von da an habe sie ihr Gewissen nicht mehr beruhigen können, sagt Ursel Lorenzen: "Mein Mann und ich haben nächtelang über die Gefahren eines Atomkriegs gesprochen. Wir wollten etwas dagegen tun."
Deshalb hätten sie damals mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit gehen müssen. "Wo anders als im Osten hätten wir dafür Gelegenheit gehabt?"
Noch immer klammert sich Ursel Lorenzen an diese Version, die sie schon drei Tage nach ihrer Ankunft in der DDR im Fernsehen begründet hatte.
Die Flucht organisiert Dieter Will. 1978 sei er nach Stockholm gereist, um über die dortige DDR-Botschaft die Konditionen ihres Übertritts auszuhandeln. Sein wichtigster Gesprächspartner dort war Horst Jänicke: "Er hat sich mir damals als Staatssekretär des DDR-Außenministeriums vorgestellt." Das Duo erhält neue Pässe und setzt sich am 5. März 1979 via Jugoslawien nach Ost-Berlin ab.
Noch immer forschen die Fahnder nach Gründen für die überstürzte Abreise. Es gibt Hinweise, daß die belgische Abwehr von sich aus auf Will aufmerksam geworden war. Der Agentenführer habe sich daraufhin zur sofortigen Flucht entschieden. Auch der kurz zuvor vollzogene Frontenwechsel des MfS-Offiziers Werner Stiller könne ein Motiv gewesen sein. Schließlich hatte dieser die Abwehr auf die Nato-Sekretärin Ingrid Garbe gestoßen.
Der falsche Staatssekretär Horst Jänicke, der die wirklichen Fluchtmotive von Lorenzen und Will kennt, schweigt sich aus: Der Generalleutnant, vor dem Ruhestand 1. Stellvertreter von Werner Großmann, dem Nachfolger von Spionagechef Markus Wolf, hat nun selbst ein Ermittlungsverfahren am Hals.
Längst haben die beiden Sturms ihre Flucht in die DDR bitter bereut. "Es war wohl der größte Fehler unseres Lebens", sagt Ursel Lorenzen resignierend.
Dabei schien sich in der DDR alles zum Guten zu wenden. Stasi-Chef Mielke empfängt die Überläufer gleich nach ihrer Ankunft. Und Erich Honecker überreicht Lorenzen neben dem Karl-Marx-Orden ihren neuen DDR-Personalausweis. Aus Ursel Lorenzen und Dieter Will wird das Ehepaar Sturm. Sie nehmen den Mädchennamen von Wills geschiedener Mutter an.
"Heiraten", beteuert das Paar, "wollten wir nie." Die Stasi habe sie dazu gedrängt. Den "schützenden Arm" der Stasi wurden sie nie los. Die Hochzeitsfeier, ihr Haus, die Ferienreisen - die Stasi sorgte für alles. Und die Sturms richteten sich ein, mit der Stasi zu leben.
Für Ursel Sturm ein Teufelspakt: "Aber wie hätten wir sonst in der DDR überleben können?"
Die verhängnisvolle Pressekonferenz im Januar 1980 ist für Ursel Lorenzen der letzte Auftritt in der Öffentlichkeit. Einen Tag zuvor habe sie ihr Redemanuskript zu Gesicht bekommen. Sie habe protestiert, "weil da Dinge drinstanden, die ich durch meine Nato-Tätigkeit nie hätte erfahren können".
Ursel Sturm zuckt mit den Achseln: "Die brauchten doch mein Wissen über die Nato überhaupt nicht. Die hatten mehr Informationen gesammelt, als ich je hätte liefern können. Was die Stasi brauchte, war ein Aushängeschild."
Das aber bezweifeln Staatsanwaltschaft und BKA. Ihnen liegen Aussagen von Auswertern der HVA vor. Die Zeugen behaupten, Informationen ausgewertet zu haben, die eindeutig auf die Quelle Lorenzen/Will schließen lassen.
Intern belastet werden die Sturms auch durch andere hohe HVA-Offiziere. Sie wollen an Vorträgen teilgenommen haben, die Dieter Sturm vor ausgewählten Spionage-Offizieren gehalten haben soll. Sein Thema: die Bearbeitung der Nato durch abgedeckte Residenturen. Sturm: "Verleumdung."
Und noch ein Papier liegt der Staatsanwaltschaft vor. Darin fordert der ehemalige Stasi-Auflöser, Ex-HVA-Offizier Bernd Fischer, eine soziale Sicherstellung für "verdiente Kundschafter". Unter den Genannten finden sich die Sturms. Dieter Will wird mit einer 27jährigen Agententätigkeit geführt. Bei Ursel Lorenzen sind es 21 Jahre.
Aus dem Rücklagefonds der HVA wollte ihnen Stasi-Auflöser Fischer 250 000 Ost-Mark übergeben, auf die jedoch die "Prüfungsbehörde Währungsumstellung" aufmerksam wurde; die Zahlung wurde erst einmal abgeblockt.
Die Beweislast scheint erdrückend, das ahnen auch die Sturms in ihrem selbstgewählten Exil. Als sie Mitte September 1990 ihre Koffer packten, waren sie noch voller Hoffnung gewesen, bald in ihr Haus nach Berlin-Friedrichsfelde zurückkehren zu können.
"Für drei, vier Wochen hatten wir geplant", sagt Ursel Lorenzen. "Nun sind wir fast schon ein Jahr unterwegs."
Die Angst vor einer Verhaftung hat sie damals weggetrieben. Emissäre von Ex-Spionagechef Werner Großmann hatten die Sturms darauf aufmerksam gemacht, daß gegen sie ein gültiger Haftbefehl in Karlsruhe vorliegt.
"Sie hatten auch ein Angebot für uns", erinnert sich Ursel Sturm. "Wir sollten uns mit ihrer Hilfe in die Sowjetunion absetzen." Aber auf die Frage, ob das eine Einladung von Gorbatschow sei, war nur die Antwort gekommen: "Sie werden dort sehr einsam und isoliert leben. Mehr können wir nicht für Sie tun."
Seitdem ziehen die Sturms durch den Westen, wie die Nomaden, und hoffen auf den großen Unbekannten, der sie vom Spionagevorwurf entlastet. Erst dann wollen sie sich der Justiz stellen.
"Das ist doch alles ein großes Mißverständnis", sagt Ursel Sturm und bemüht sich dabei um eine feste Stimme. Offen bleibt, ob sie selbst noch die Legende glaubt. o

DER SPIEGEL 29/1991
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