19.08.1991

Im Haus der 1000 Augen

Die rätselhaften DDR-Reisen des schleswig-holsteinischen CDU-Politikers Uwe Barschel

Karl-Heinz Prosch, 51, sieben Jahre lang Fahrer des unglückseligen Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel, wurde letzte Woche wieder einmal von Reportern bedrängt. Knapp vier Jahre nach Barschels Tod in Genf wollten die Rechercheure wissen, ob der Chauffeur den CDU-Politiker einst auch in die DDR gefahren habe - speziell nach Rostock.

Ausgelöst worden war die Wißbegier durch eine vom Verfassungsschutz protokollierte Aussage eines hochrangigen Ex-Stasi-Mannes: Oberst Eberhard Lehmann, von 1982 bis 1986 Vize der Hauptabteilung II (Spionageabwehr) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), von 1986 bis 1990 Resident des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Berlin.

Lehmann, der vom Verfassungsschutz unter dem Decknamen "Glasschüssel" geführt wird, hatte berichtet, daß es im "Zusammenhang" mit Waffenexporten des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski "angebliche Aufenthalte" Barschels "in Rostock" und Querverbindungen zur U-Boot-Affäre gegeben habe.

Kaum war die Geheimdienst-Notiz letzte Woche von der Berliner B.Z. publik gemacht worden, wucherten, vor allem in der Boulevardpresse, die wildesten Spekulationen: Hatte Barschel, Skandalfigur Nummer eins der West-Republik, womöglich gemeinsame Sache gemacht mit Schalck, der Skandalfigur Nummer eins der untergegangenen Ost-Republik?

Und: Hatte die Stasi gar bei Barschels Tod im Zimmer 317 des Genfer Hotels Beau-Rivage die Finger im Spiel, wie die Barschel-Witwe Freya schon letztes Jahr vermutete?

Nachforschungen förderten einige Merkwürdigkeiten zutage. Während Barschel in seiner Amtszeit zwischen 1982 und 1987 lediglich zweimal offiziell in die damalige DDR gereist sein soll, erinnerte sich Chauffeur Prosch an "mindestens sieben bis neun" derartige Reisen, davon jeweils zwei in die Rostocker Interhotels Neptun und Warnow. Im Einvernehmen mit Barschel habe er im Fahrtenbuch nur pauschale Angaben gemacht, etwa "Auf Reise in der DDR". Prosch: "Sonst hätte ich ja ganze Romane schreiben müssen."

An die Rostocker Kontaktpersonen seines einstigen Vorgesetzten kann sich Prosch nicht erinnern. Schalck-Golodkowski selber beteuert, sich mit dem CDU-Politiker nicht getroffen zu haben: "Ich habe Uwe Barschel noch nie gesehen." Auch Witwe Freya versichert, sie wisse "nicht, daß mein Mann sich mit Schalck getroffen" habe.

Mit wem dann? Aufschluß über Barschels heimliche Besuche im Osten geben minutiöse Stasi-Dossiers, die über seine Reisen gefertigt worden sind. Allerdings: Diese Papiere sind zum Teil offenbar verschwunden, zum Teil lediglich bruchstückweise veröffentlicht worden - womöglich, um die CDU oder die Familie Barschel zu schonen.

Sicher ist, daß alle politisch bedeutsamen Gäste der Interhotels Warnow und Neptun rund um die Uhr, auch zwischen Bar und Bett, beschattet wurden. Mit Hilfe von sogenannten Sichtstützpunkten unter Decknamen wie "Wolke", "Heck" und "Erde" sowie mit Wanzen und getarnten Kameras wurden die Zielpersonen ständig unter Kontrolle gehalten (SPIEGEL 50/1990).

Sicher ist, daß Barschel zu den Zielfiguren der Stasi zählte. Gerhard Neiber, Stellvertreter von Staatssicherheitsminister Erich Mielke, hatte einen "gesonderten Maßnahmeplan" vom 30. April 1982 abgezeichnet, der bei Barschel-Besuchen in der DDR vorsah, "alle politisch-operativ relevanten Vorkommnisse und Erscheinungen" zu erfassen, "einschließlich Bewegungsabläufe". Stasi-Stichwort für die Barschel-Beschattung: "Ebene II".

Der Befehl findet sich in einem Bündel von Dokumenten, die auf dunklen Wegen bei Werner Kalinka gelandet sind, Redakteur der Bonner Welt, früher CDU-Abgeordneter und -Landesvorstandsmitglied in Schleswig-Holstein. Schon 1982, unmittelbar nach seiner Amtszeit als Kieler Innenminister, war Barschel, laut Stasi ein "extrem rechtskonservativer Vertreter", diesen Dokumenten zufolge für die Überwacher von großem Interesse.

In einer Buchveröffentlichung* berichtete Kalinka gemeinsam mit seinem Welt-Kollegen Manfred Schell im Juni über den Inhalt der Stasi-Dokumente:
" Ob Inoffizielle Mitarbeiter, die Installation von "
" Wanzen oder die Beobachtung der Fahrzeuge - die Stasi "
" widmete Barschel allergrößte Aufmerksamkeit. "
" Das Engagement, mit dem man ihn beobachtete, wird auch "
" aus folgender Beschreibung deutlich: Barschel . . . habe "
" beispielsweise mit sehr abfälligen Bemerkungen und "
" Kommentaren bei Empfehlungen von Speisen und Getränken in "
" Gaststätten reagiert. Vornehmlich habe er "
_(* Manfred Schell/Werner Kalinka: "Stasi ) _(und kein Ende". Ullstein-Verlag, Berlin; ) _(420 Seiten; 29,80 Mark. ) solche gewünscht, von denen er glaubte, daß diese nicht vorhanden seien.
" Als ein Kellner auf seine Frage, welcher Kaviar im "
" Angebot sei, ihm geantwortet habe, daß es sich um "
" Seehasenrogen handele, habe Barschel wörtlich "
" geantwortet: "Ist das die schwarze Kaninchenscheiße? "
" Nein, danke!" "

Im Jahre 1984 meldeten Stasi-Beobachter dem Mielke-Ministerium, die "eingeleiteten inoffiziellen und politisch-operativen Maßnahmen zur Sicherung, Kontrolle und Überwachung" hätten "ihre volle Wirksamkeit" erzielt.

Was die Observierung der Barschel-Aufenthalte in DDR-Hotels im einzelnen ergeben hatte, mochten die Welt-Redakteure ihren Lesern nicht im Detail übermitteln. Immerhin enthüllen sie, gegen Barschel seien "Inoffizielle und hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter" eingesetzt worden, "die vor allem auch Kontakte zu weiblichen Personen zu beobachten hatten". Denn der Stasi sei daran gelegen gewesen, "Schwachpunkte zu erfahren, die dazu hätten dienen können, den CDU-Politiker mit Sachverhalten zu konfrontieren, die, zumindest in der Öffentlichkeit, wohl höchst unangenehm gewirkt hätten".

Offenbar wurden die Spione fündig - kein Wunder, denn Hotelbedienstete vom Kellner bis zum Zimmermädchen standen als "Inoffizielle Mitarbeiter" im Sold des Mielke-Ministeriums. In den Valuta-Bars der Devisenherbergen tummelten sich zudem ostdeutsche Fräuleins, für deren Dienste sowohl westdeutsche Besucher als auch die Stasi zahlten.

Diese "weiblichen Inoffiziellen Mitarbeiter" mußten laut Erlaß des MfS-Chefs Mielke "politisch zuverlässig und der Republik ergebene Personen" sein. Die Sex-Agentinnen hatten beispielsweise zu prüfen, ob eine Zielperson "dem anderen Geschlecht leicht zugänglich" (Mielke) und als "Abschöpfungsquelle" nutzbar war.

Der Kieler Ministerpräsident, so deuten die Welt-Autoren an, ging in der ersten Hälfte der achtziger Jahre der Stasi in die Sex-Falle - ähnlich wie der Berliner Innensenator und CDU-Rechtsaußen Heinrich Lummer, der nach intimen Kontakten mit einer Ost-Berliner Stasi-Agentin namens Susanne Rau Erpressungsversuchen des Mielke-Apparates ausgesetzt war (SPIEGEL 36/1989). Die Stasi-Erkenntnisse im Fall Barschel resümieren Schell und Kalinka so:
" Barschel, so ist in Stasi-Akten der Normannenstraße "
" festgehalten, war in einem Hotel - in dem auch andere "
" Politiker übernachteten -, aber auch auf Spazierwegen von "
" Stasi-Mitarbeitern detailliert observiert worden. Ob "
" Kontakte in einer Bar, Spaziergänge im Kurpark oder "
" Verabredungen zu Treffen: Das MfS war immer dabei. "
" Wanzen, mitgeschnittene Telefonate und die Erkenntnisse "
" aus Gesprächen: Honeckers und Mielkes Spitzel ließen ihn "
" nicht eine Minute unbeobachtet, auch wenn Barschel - "
" jedenfalls nach Aktenlage des MfS - bei persönlichen "
" Kontakten nicht seine wahre Funktion zu erkennen gab, "
" sondern sich beispielsweise als Mitarbeiter des "
" Innenministeriums vorstellte, der sich "privat in der "
" DDR" aufhalte. "

An einen der Aufenthalte in Rostock erinnert sich Fahrer Prosch noch genau. Barschel habe seinen 40. Geburtstag am 13. Mai 1984 an der Ostseeküste gefeiert - schräg gegenüber vom Hotel Neptun im "Zigeunerkeller". Bedient worden sei die Geburtstagsgesellschaft von zwei "unwahrscheinlich aparten" Frauen, die, so Prosch, "genau Barschels Typ" entsprachen.

Er selber, berichtet der Chauffeur, habe sich im Warnemünder Neptun "wie in einem Haus der 1000 Augen gefühlt". Vom Risiko, bespitzelt zu werden, habe Barschel, der von 1979 bis 1982 Innenminister in Kiel und damit für den Verfassungsschutz verantwortlich war, selbstverständlich "auch gewußt".

Daß sich der scharfe Antikommunist Barschel dennoch gerade in Ost-Hotels wohlfühlte, hatten die Mitglieder der Kieler CDU-Landtagsfraktion schon im September 1983 erfahren, als sie eine gesellige Studienreise in die DDR unternahmen. Die Reisenden logierten mehrere Tage lang im Hotel Neptun.

Als der Ministerpräsident verspätet zu der Gruppe stieß, hießen Hotelbedienstete ihn ausgesprochen herzlich willkommen. Auffällig war, so ein CDU-Spitzenmann, die Begrüßung durch eine Mitarbeiterin in der Valuta-Bar im Keller des Hotels. Die Genossin herzte und scherzte mit dem Christdemokraten dermaßen ungeniert, daß Umstehende den Eindruck gewannen, da werde "ziemlich rumpoussiert".

Nebenbei erfuhren CDU-Reisende, Barschel habe bei einem früheren privaten Aufenthalt in Rostock an Begegnungen teilgenommen, die "in wilde Orgien" ausgeartet seien. Irritiert reagierte der CDU-Fraktionsvorsitzende Heiko Hoffmann, als ihm mit dem Hinweis, dort nächtige sonst immer Barschel, am ersten Tag ein spezielles Schlafgemach zugeteilt wurde, das bei den Abgeordneten bleibenden Eindruck hinterließ. "Alles in Rot", erinnert sich ein Spitzenmann, "Spiegel an allen Seiten und an der Decke, rundes Bett." "Jeder durfte mal rein", erzählt ein Christdemokrat, und sich das Sonderzimmer im 14. Stock ansehen, das offiziell als "Hochzeitszimmer" geführt wurde. Über die verspiegelten Wände habe sich "die ganze Fraktion gehögt". Hoffmann lehnte die Suite dankend ab, ihm wurden daraufhin andere Räumlichkeiten zugewiesen.

Im Neptun-Zimmer 1417, meldete am Donnerstag letzter Woche das Welt -Schwesterblatt Bild, sei Barschel von der Stasi mehrfach "beim Liebesspiel" gefilmt worden. In diese "Stamm-Suite" habe sich der Ministerpräsident, so das Blatt unter Berufung auf Kieler CDU-Politiker, "oft junge Mädchen" kommen lassen.

Im Neptun-Gästebuch bedankte sich Barschel am 9. September 1983 im Namen aller "zufriedenen Gäste" beim Personal. Im selben Jahr hat das MfS laut Schell/Kalinka begonnen, Barschel zu erpressen: An den Ministerpräsidenten sei das "Ansinnen gerichtet" worden, "sich mit Vertretern aus dem Osten in Schweden zu treffen". Barschel habe "abgelehnt". Gleichwohl sei die Stasi fortan dem CDU-Spitzenmann "auf der Spur" geblieben.

Dem Vernehmen nach habe sich Barschel, so Schell/Kalinka weiter, 1983 sogleich dem Verfassungsschutz anvertraut. Diese Annahme indes scheint unzutreffend. Der Kieler Verfassungsschutz hat nach Auskunft von Thomas Giebeler, Sprecher im Innenministerium, "keinerlei Erkenntnis darüber, daß Barschel 1983 oder auch später dem Landesamt seine DDR-Kontakte offenbart" habe. Hat Barschel gegenüber einer anderen Behörde ausgepackt? Giebeler: "Absolut nichts."

Ungeklärt ist, warum Barschel - offenbar erpreßbar geworden - in den folgenden Jahren weiterhin gen Osten fuhr, teils heimlich. "Der ist doch nicht nur aus amourösen Gründen in der DDR gewesen", vermutet ein Kieler SPD-Politiker, der für die Zeit nach 1984 eher eine Verwicklung Barschels in ost-westliche Waffengeschäfte für denkbar hält (siehe Seite 30).

Die Frage, welchem Zweck die rätselhaften Reisen in die DDR und später auch in die Tschechoslowakei dienten, beantworten auch die Welt-Redakteure Kalinka und Schell nicht. Stasi-Akten über die Reisen Uwe Barschels in den Jahren 1985 bis 1987 werden in ihrem Buch nicht zitiert - sei es, weil diese Dossiers verschollen sind, sei es, weil Einzelheiten von interessierter Seite unterdrückt werden.

Vorübergehend befaßt war mit dem Komplex Stasi und Barschel der CDU-Politiker Peter-Michael Diestel, der letzte Innenminister der DDR. Nachdem die Barschel-Witwe ihn im August letzten Jahres aufgefordert hatte, zu untersuchen, ob die Stasi ihren Mann "auf dem Gewissen hat", beauftragte Diestel das Berliner Zentrale Kriminalamt mit Ermittlungen. Laut Diestel fanden sich dabei keinerlei Anhaltspunkte für ein Stasi-Verbrechen.

Die offenbar sachkundige Welt befragte den Ex-Innenminister letzte Woche nach "Mußmaßungen", die Stasi habe sogar "über Videofilme" verfügt, die bei "intimen Treffen Barschels mit weiblichen Lockspitzeln in Rostock" entstanden seien. Diestels vielsagende Antwort: "Denkbar."

Einiges deutet darauf hin, daß entsprechende Video- und Ton-Aufzeichnungen, wenn es sie tatsächlich gegeben haben sollte, heute nicht mehr existieren. "Alle Bänder", sagt ein Rostocker Bürgerrechtler, seien "während des Umbruchs im Einverständnis mit uns vernichtet worden" - im Gegensatz zu einem Großteil der Akten.

Allein mit Hilfe der Stasi-Dossiers über Barschels DDR-Aufenthalte ließe sich belegen, was mittlerweile wahrscheinlich, aber nicht hieb- und stichfest beweisbar ist: daß jener Barschel, der 1987 (vergebens) Detektive ausschickte, um seinem Wahlkampf-Gegner Björn Engholm sexuelle Eskapaden anzuhängen, selber jahrelang Objekt politisch motivierter Sex-Erpressung war.

Wo die Stasi-Aufzeichnungen über Barschel heute lagern, ist in Rostock seit längerem Gegenstand von Spekulationen. Stasi-Kenner behaupten, daß ein Teil des Materials längst den Geheimarchiven illegal entnommen und in Sicherheit gebracht worden ist - angeblich in Schleswig-Holstein.

* Manfred Schell/Werner Kalinka: "Stasi und kein Ende". Ullstein-Verlag, Berlin; 420 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 34/1991
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