19.08.1991

Von linker Melancholie

Der erste, der es laut aussprach, war, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, der Dichter Günter Kunert. Die DDR gab es damals noch. Sie war eben erst im Begriff unterzugehen. Da ließ sich der einstige DDR-Lyriker vernehmen, es werde demnächst eine DDR-Nostalgie ausbrechen. Dies war so offensichtlich gegen die Tendenz des obwaltenden Zeitgeistes gesagt, daß sich die Wahrheit der Behauptung überhaupt nicht mehr abweisen ließ.
Inzwischen sind wir ein Kalenderjahr weiter und der verheißenen Nostalgie ein Stück näher. Zwar stürzt die PDS Monat um Monat in den demoskopischen Umfragen so weit ab, daß sie demnächst auch in den fünf neuen Bundesländern unter die Fünf-Prozent-Schwelle gelangen dürfte, was aber nur auszuweisen vermag, daß der von ihr repräsentierte Altstalinismus zur Zeit nicht mehrheitsfähig ist. Vorhanden bleibt er gleichwohl. Ein harter Kern einstiger Privilegienempfänger trauert lautstark seiner Vergangenheit hinterdrein.
"Was wir in 40 Jahren unter schwierigen Bedingungen entwickelt haben, wird fortleben in den Kämpfen der Zukunft. Ich denke dabei insbesondere an die sozialen Errungenschaften, für deren Verteidigung die Menschen, insbesondere die Arbeiter, auf die Straße gehen", sagte der entmachtete Erich Honecker im sowjetischen Militärhospital Beelitz, seiner zeitweiligen Bleibe. "Wir hatten schließlich eine aufblühende Volkswirtschaft", behauptete er noch. "Das ist auch von den größten Miesepetern nicht zu bestreiten."
Den Starrsinn, mit dem hier Tatsachen ignoriert und unveränderliche Überzeugungen wiederholt werden, mag man wahlweise dem Alter, der eingeschränkten Intelligenz oder einer eisernen Indoktrination zuordnen. Immerhin unterscheidet er sich auffällig von der hastigen literarischen Reue des Ex-Politbürokraten Günter Schabowski ebenso wie von der eifernden Anklage jenes vormaligen DDR-Generalstaatsanwalts-Sprechers Peter Przybylski, der mit der keinesfalls umwerfenden Erkenntnis, daß Karrieren in stalinistischen Organisationen zu biographischen Verrenkungen führen, einen wahrhaftigen Bestseller ("Tatort Politbüro") schuf. Erich Honeckers düstere Standhaftigkeit gemahnt sonderbar an jene des Rudolf Heß vor dem alliierten Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg. Muß man daran erinnern, wie es anläßlich der Grablegung des Hitler-Stellvertreters zu einem förmlichen Auftrieb fanatisierter junger Leute kam?
Der Passepartout-Moralist Przybylski dürfte der DDR nicht nachgreinen, da er zu denen gehört, deren Überzeugung das eigene Fortkommen ist. Eher geschieht wohl, daß seine marktwirtschaftliche Gelenkigkeit den Ekel und das Heimweh jener anderen befeuert, deren Bekenntnisse der Tagestendenz ganz zuwiderlaufen und so angenehm nach Altruismus duften. Wir befinden uns im Kreis der Bessermacher.
Ihre Zahl ist beträchtlich. Ihre Charaktere sind buntscheckig. Da gibt es den Kleingeist Egon Krenz, den Intriganten Markus Wolf und den trübseligen Buchhalter Hans Modrow. Sie alle wollten einmal die alte DDR reformieren und verhoben sich. Außerdem gehören hierher die meisten Bürgerbewegten vom Herbst ''89. Sie wollten "auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Lande eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind".
Die Autoren dieser papierenen Absichtserklärung ("Für unser Land") wiesen sich damit aus als die verträumten Schöngeister, die sie ihrem Beruf zufolge sowieso waren. Eine Niederlage werde nicht dadurch weniger schmerzlich, daß man sie sich erklären könne, sprach hernach die Schriftstellerin Christa Wolf, die den besagten Aufruf mitverfaßt hatte und sich schon bald genötigt sah, ihre "linke Melancholie" einzubekennen.
Melancholie besteht aus unerlöster Zärtlichkeit. Deren Objekt ist in diesem Falle die DDR.
Neben dem Verlust ihres Staatswesens hatten die Melancholiker auch noch jenen einer Utopie zu beklagen, und da trafen sie sich mit Komplementären im Westen.
Denn die Utopie mußte nicht in jedem Fall Sozialismus heißen. Manche begnügten sich schon mit der deutschen Zweistaatlichkeit: als Garantie gegen nationales Großmachtstreben, wie bei Günter Graß, oder als verdiente Strafe des Weltgerichtes für den Holocaust, womit in etwa die Position von Walter Jens umrissen wäre.
"Warum haben wir nicht die Republik Ostdeutschland ausgerufen und die staatlichen Organe nach Hause gejagt? Anfang November wäre es doch möglich gewesen, sogar ohne Waffen. Nun ist es zu spät. Die Angepaßten aus den Blockparteien haben mit westlicher Hilfe gewonnen. Die Frauen und Männer der ersten Stunde halten ihre Trauerversammlung."
Der da so redet, stellvertretend für die unterlegenen Reformer in der DDR, ist der linke Pastor Heinrich Albertz. Er und alle anderen Utopisten einer ostelbischen Radikaldemokratie vergessen die neuerliche Massenflucht nach dem Mauerfall und, mehr noch, die bereits seit 1983 manifeste wirtschaftliche Pleite im Land. Statt dessen wird das wesentliche Element einer anderen Dolchstoßlegende benannt.
Die Blockflöten als neue Novemberverbrecher? Es ist entschieden zuviel der Ehre.
Albertz ruft auch nach "Parteinahme gegen die westlichen Haie und Geschäftemacher und die willfährigen Mitläufer ,drüben''", was wie eine Antwort wirkt auf die Warnung des Aufrufes "Für unser Land", daß "ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt".
Daß der Zugriff des Kapitalismus in Ostdeutschland kein pfleglicher Vorgang sein würde, war von Anfang an gewiß. Daß die "Angepaßten aus den Blockparteien" sich als eher unfähige Unterhändler erwiesen, spricht für ihre allgemeine Miserabilität, war aber nicht zwingend vorgegeben.
Der zur Zeit fetteste Humus für die fortwuchernde DDR-Nostalgie komponiert sich denn auch aus Arbeitslosigkeit, westlichem Besitzegoismus, brutalem Verdrängungswettbewerb und fahrlässigen Politiker-Versprechungen, aus wachsendem Fremdenhaß, zunehmender Gewaltkriminalität und fortschreitender Verblödung im Zeichen von Videothek und Groschenblatt.
Die Ostdeutschen sehen sich ja fortwährend darauf gestoßen, daß sie von minderer Art seien - durch die schlechtere Entlohnung bei gleichem Tun, durch die massierten Vorurteile des Westens, durch die tägliche Anschauung der eigenen materiellen Rückständigkeit. Da aber kaum jemand fortwährend in Sack und Asche gehen mag, verwandelt sich das östliche Sosein allmählich in eine positive Moral. Ihr Name lautet: DDR-Identität.
Aus diffusen Gefühlen und Erinnerungen entsteht das Bild einer DDR, die so nie existiert hat und der auch die fortwährenden Enthüllungen über Tote an der Mauer, über SED-Amtswillkür und Stasi-Allmacht kaum mehr etwas anhaben können.
Ohnehin verliert Mielkes Firma durch die übergroße publizistische Abnutzung zusehends an Schrecken. Man kann förmlich darauf warten, daß, als Seitenstück zur Auschwitz-Lüge, demnächst die MfS-Lüge aus dem Dunst ostdeutscher Stammtischgespräche quillt.
Dann wird man wohl entsetzt nach den Gründen fragen. Man wird sie finden in der Kurzatmigkeit der Zeitgeschichte und in der Trägheit der menschlichen Seele. Anstatt mit Sorgfalt und Unerbittlichkeit die allgemeine politische Vergangenheit und den eigenen Anteil daran bedenken zu müssen, sehen sich die Betroffenen allerlei hastigen Wechselbädern der Gefühle ausgesetzt, so daß sie schließlich dankbar nach dem nächstbesten Rettungsanker greifen.
Aus dem Mittelgebirge der inzwischen massenhaft erschienenen Beschreibungs-, Enthüllungs- und Rechtfertigungsliteratur zur DDR ragt, als einsamer Gipfel, das Buch mit dem etwas mißverständlichen Titel "Rückkehr nach Europa" heraus. Sein Verfasser Jens Reich war ein Promotor des Herbstes ''89 in Ost-Berlin. Neben Wolfgang Ullmann, Gregor Gysi und Wolfgang Thierse wurde er eines von vier starken politischen Talenten aus dem deutschen Osten; als einziger der vier widerstand er der Versuchung, endgültig in die politische Klasse aufzurücken.
Seine Sammlung von Eindrücken, Notizen und Reden, genau bedacht und glänzend formuliert, äußert sich unter anderem zum Phänomen der untoten DDR. Reich rubriziert es unter der Vokabel "Trotzidentität".
Er benennt die Ingredienzen: "Es ist wie der Abschied von der Schule, die man gehaßt hat und die doch ein Teil des Lebens war. Man empfindet Erlösung, Befreiung, aber auch beklommene Wehmut. Traurig sitzt du in der Schulbank, die schon keine mehr ist; der Lehrer ist milde gestimmt, auch er den Tränen nahe, und du nimmst den Bleistift und schreibst ein larmoyantes Gedicht . . ."
Er benennt, als vorbeugendes Mittel gegen politisches Heimweh, die Techniken und Erfahrungen einstiger Deformation. Die Angst. Die Anpassung. Sie führe bis zur Selbstzensur, als "veredelter Kotau: demütiges Schweifwedeln des Untertanen als souveräne Taktik verkleidet".
Aber was nützt das noch, wenn der DDR im vollen Bewußtsein solcher Dinge gleichwohl gnädig gedacht wird? Wo Jens Reich das genaueste Buch zum Gegenstand verfaßte, schrieb das sonderbarste ganz gewiß Hans Mayer.
Der 84jährige Literaturwissenschaftler mit heutigem Wohnsitz in Tübingen erinnert sich einer Deutschen Demokratischen Republik, die er einst mit guten Gründen floh und in der er gleichwohl die produktivsten Jahre seines Lebens verbrachte. "Ende schlecht, alles schlecht?" fragt er listig und warnt davor, "das Personal dieses Staats und der ihm vorausgehenden sowjetischen Besatzungszone auch moralisch und charakterologisch vom Ende her zu deuten".
Das schlechte Ende widerlege nicht einen möglicherweise guten Anfang. "Demokratisch und antifaschistisch. Das war eine Denkwirklichkeit, nicht bloß eine Vokabel."
Was, bitte, ist eine Denkwirklichkeit inmitten einer völlig anders gearteten politischen Praxis? War das Antifaschismus, wenn Halbwüchsige in die eben von Hitlers Häftlingen geräumten Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen gesperrt wurden und dort verkamen?
Das Ende war wie der Anfang. Schon der Anfang stand gleich im Zeichen von Walter Ulbricht.
Den mag Hans Mayer nun auch nicht. Er setzt gegen ihn Wilhelm Pieck, der aber allenfalls erträglich wird im Vergleich zu Walter Ulbricht. Pieck hat seinen schrecklichen Anteil an der Stalinisierung der KPD, und als Gast des Moskauer Hotels Lux war er so beugsam wie die meisten, ausgenommen vielleicht Palmiro Togliatti.
Hans Mayer versucht eine - auch literarische - Ehrenrettung des späten Johannes R. Becher. Eigentlich wäre sie unnötig. An Totalverrissen Bechers probieren sich die Banausen. Hans Mayer benötigt seinen Versuch, um Becher als "Glücksfall" eines ostdeutschen Kulturministers zu preisen und die junge DDR als einen Staat der Schriftsteller.
Gewiß: "Sie alle lebten miteinander in einem Turm und wußten, daß er bereits gefährlich hoch in den Wolken stand." Gleichwohl: Welch eine Situation, unvergleichlich noch im Scheitern, und selbst die Trauer darum kommt süß: "linke Melancholie", mit der Mayer-Schülerin Christa Wolf zu sprechen.
Eine solche Nostalgie ist mit keinem Argument zu beschädigen, da sie bereits alle Argumente kennt. Deshalb ist ihr auch eine bedeutende Zukunft zuzubilligen. Obschon, was der Dialektiker Hans Mayer natürlich weiß, das schlechte Ende immer gegen den Anfang zeugt, da es bloß dessen Konsequenz ist, wird die DDR als vertane, verspielte oder gar verratene politische Möglichkeit nach einer Periode der verdeckten Regeneration ins kollektive Bewußtsein der Deutschen zurückkehren.
Sie wird den trostlos vagabundierenden linken Sehnsüchten einen Platz der Ruhe bieten und einen Gegenstand der Identität stiften. Sie wird so phantastisch und so wirklich sein wie das Dritte Reich in den Reden des Michael Kühnen.
Oder, mit dem hölzernen Pathos des greisen Honecker: "Aus dem schier Unverständlichen des Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaft wächst zugleich der Aufbruch in eine neue Welt." _(Rolf Schneider, 59, ist Schriftsteller ) _(und lebt in Berlin. )
"Es entsteht das Bild einer DDR, die so nie existiert hat"
Rolf Schneider, 59, ist Schriftsteller und lebt in Berlin.
Von Rolf Schneider

DER SPIEGEL 34/1991
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DER SPIEGEL 34/1991
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