19.08.1991

Gelbe Kuchen aus Sachsen

Die deutsch-sowjetische Uranförderung der Wismut AG in Sachsen, so zeigen interne Dokumente, hat bei den Beschäftigten mehr Krebsfälle ausgelöst als bisher bekannt. Die ganze Region zwischen Gera und Königsstein ist radioaktiv belastet. Die Sanierung kostet die Steuerzahler viele Milliarden, ihr Erfolg ist ungewiß.
Vor dem Hauptgebäude der Uranerzfirma Wismut AG im sächsischen Chemnitz wehen in diesem Sommer weiße Fahnen mit der Aufschrift: "Neues Denken - Neues Handeln".
Das wird wohl nötig sein. Denn die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut (SDAG Wismut), die Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann (FDP) kürzlich von Moskau vollständig in Bundesbesitz übernahm, ist verantwortlich für eines der größten Umweltdesaster Europas.
Wo einst der Rohstoff für das sowjetische Atombombenprogramm gewonnen wurde, entweicht aus 3500 aufgeschütteten Halden, 15 schlammigen Absetzbecken und 2500 Kilometer unterirdischen Uranabbaustollen zwischen Gera und Königstein das radioaktive Edelgas Radon in die Umwelt. Nach Expertenschätzungen sind 10 400 Quadratkilometer Boden - eine viermal so große Fläche wie das Saarland - radioaktiv verseucht.
Bedroht und möglicherweise bereits verstrahlt ist der Lebensraum von rund zwei Millionen Menschen im Südosten Deutschlands (siehe Karte Seite 61). Entsetzen zeigte Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU), als er im März dieses Jahres die kaputte Region besuchte: "Das alles ist unglaublich."
Aber wahr. In internen Unterlagen der Bonner Strahlenschutzkommission, die dem Bundesumweltministerium unterstellt ist, werden erstmals in einem Zwischenbericht "Ergebnisse der Datensicherung" dokumentiert. Sie belegen ungeahnte Gesundheitsschäden bei den Mitarbeitern des Unternehmens.
Sichergestellt haben die Experten beispielsweise eine firmeninterne Kartei "Berufskrankheit Bronchialkarzinom" (BK 92). Danach ist bis 1990 bei 9000 Uranbergleuten "Lungen- oder Bronchialkrebs" festgestellt worden - ausgelöst vermutlich durch Radon.
"Jährlich", muß die SDAG heute zugeben, kommt es bei 160 ehemaligen Bergleuten zu "Neuerkrankungen an Lungenkrebs". Insgesamt, so rechnen Experten, sind in der südlichen Ex-DDR allein unter den Wismut-Beschäftigten mehr strahlenbedingte Krebsfälle zu verzeichnen als unter den Überlebenden der japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki, auf die 1945 amerikanische Atombomben fielen.
Geheimgehalten wurden seit Jahrzehnten auch die Befunde der Wismut-Betriebsärzte über die klassischen Lungenkrankheiten: In 260 000 Röntgenreihenuntersuchungen seit 1952 diagnostizierten die Ärzte 15 000 Staublungen. Bei weiteren 6000 Uranbergleuten bestehe "der Verdacht" auf Silikose.
Wie oft das Einatmen des Erzstaubes zu tödlichen Erkrankungen geführt hat, ist in der Staublungenkartei nicht vermerkt. Allerdings sind in den Akten umfangreiche "Sektionsprotokolle im Todesfall" aus Obduktionen zu finden.
Was nun nach 40 Jahren Geheimhaltung über die Menschenopfer beim DDR-Uranbergbau bekannt wird, ist nach Ansicht des Ost-Berliner Internisten und Arbeitshygienikers Werner Schüttmann, 77, das Ergebnis bodenlosen Leichtsinns: Alle gängigen Schutzvorkehrungen seien "gröblich vernachlässigt worden", weiß der Mediziner, der schon seit 1961 in der Klinik Karlshorst und der DDR-Strahlenschutzkommission mit den Radon-Opfern aus Sachsen und Thüringen beschäftigt war.
So schickte die SDAG Wismut in den fünfziger Jahren Zehntausende Kumpel ohne Arbeitsschutz in die Schächte. Anfangs mußten auch Frauen bei hohen Radonkonzentrationen unter Tage arbeiten. Für die Risikoarbeiter gab es besondere Privilegien bei der Versorgung mit Lebensmitteln oder Konsumgütern. Die Mahnungen von kritischen DDR-Ärzten und auch Bergbauexperten wurden damals von der SDAG Wismut nicht beachtet.
Denn das Unternehmen hatte unter Zeitdruck und mit unzureichenden Mitteln einen Auftrag von weltpolitischer Bedeutung zu erfüllen: In den sächsischen Uranbergwerken wurde der Rohstoff für die sowjetischen Atombombenfabriken abgebaut. Aus riesigen Mengen Uranerz produzierte die SDAG Wismut seit Ende des Zweiten Weltkriegs unter höchster Geheimhaltung rund 220 000 Tonnen Urankonzentrat - Fachbezeichnung: Yellow cake.
Den gelben Kuchen aus Sachsen verwendete die Sowjetunion schon, als sie 1949 ihre ersten Atombombenversuche unternahm. In der "Waffenschmiede des Sozialismus" (SED-Propaganda) produzierten DDR-Experten den Stoff für die Sprengköpfe der Atomraketen, die Sowjettruppen in der DDR stationiert hielten. Aus der Fabrik kam aber auch Uran für die Brennelemente der DDR-Kernkraftwerke Greifswald oder Rheinsberg.
Welches Gesundheitsrisiko die Menschen trifft, die in der Region leben, blieb das Geheimnis der Wismuter Kuchenbäcker. Das ehemalige Staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) der DDR führte zwar bereits in den achtziger Jahren weiträumige "Umgebungsüberwachungen" durch. Selbst aus dem Hubschrauber erkundeten Wismut-Geologen die Strahlung neuer Uranerzfelder am Boden, die teilweise über den radioaktiven Belastungen nach der Reaktorkatastrophe 1986 im sowjetischen Tschernobyl lag.
Handfeste Ergebnisse konnten die SED-Strahlenschützer jedoch "wegen des militärischen Charakters der Anlage", so der ehemalige SAAS-Experte Walter Röhnsch, 62, nicht zusammentragen. Röhnsch, heute in der Berliner Außenstelle des Bundesamts für Strahlenschutz tätig, warnt vor einer "Überschätzung der Gefahr": "Wer da einmal rumläuft, fällt nicht gleich tot um."
Das tröstet die Bewohner der Dörfer in "Uranobyl" (Bonner Energie-Report) wenig. So wird den 370 Bürgern der Gemeinde Oberrothenbach in einer informellen "Verzehrempfehlung" geraten, selbstgezogene Karotten oder Tomaten nicht mehr zu essen. Am Fuße der Uranhalde von Crossen liegt die Radonkonzentration mit einer Aktivität von 150 Becquerel pro Kubikmeter nahezu um das 20fache über westdeutschen Normalwerten.
In den Häusern der historischen Bergbauregion des Erzgebirges erreicht die Belastung mit dem Radongas weltweite Spitzenwerte. Bis zu 100 000 Becquerel meldeten die Meßtrupps aus Schneeberg, wo Umweltminister Töpfer jüngst fernsehwirksam in eines der Kellerlöcher krabbelte, aus denen das Urangas in die Stuben dampft.
Schon bei 250 Becquerel empfiehlt die Strahlenschutzkommission "Sanierungsmaßnahmen". Sechs Millionen Mark stellte das Bundesumweltministerium der Gemeinde Schneeberg für Baumaßnahmen an den Radonhäusern zur Verfügung.
Wie weit tatsächlich ein direkter Zusammenhang zwischen den Radonbelastungen und Krebserkrankungen besteht, ist in der Fachwelt umstritten. Die Ursachenkette läßt sich schon deshalb schlecht verfolgen, weil der Krebs aus den Zerfallsprodukten des Radon 222, das als sogenannte Alpha-Strahlung in den Lungen biologisch wirksam wird, erst nach rund 35 Jahren ausbricht.
Schon wegen dieser langen Zeitspanne ist es für Wissenschaftler wenig beruhigend, daß DDR-Experten für die Uranregion in den achtziger Jahren keine eindeutige Überschreitung der durchschnittlichen Krebsmortalität von 209 Fällen pro 100 000 Einwohnern ermitteln konnten. Zudem sind nach Einschätzung von Epidemiologen am zentralen Krebsregister der Ex-DDR in Berlin diese Erhebungen nicht zuverlässig. So seien aus politischen Gründen viele Erkrankungen in der Umgebung der Urangruben wegdiskutiert worden.
Die Auswertung des Krebsregisters aus der Ex-DDR, in das seit 1953 über 2,1 Millionen Krebskranke aufgenommen wurden, stößt auch auf rechtliche Schwierigkeiten. Die bundesdeutschen Datenschutzgesetze lassen bislang weder die Einrichtung noch die Verwendung solcher Krankendateien zu.
Andererseits sehen die Mediziner, die nun aus der Konkursmasse des SED-Staates das - bezogen auf die Einwohnerzahl - größte Krebsregister _(* Beim Wismut-Besuch im Oktober 1990. ) der Welt bekommen können, ungeahnte Forschungsmöglichkeiten: Ob Ernährungsgewohnheiten, Rauchen oder natürliche Strahlungsquellen zum Krebs beitragen, könnte sich am Beispiel Wismut und in vergleichenden Untersuchungen erstmals in der Medizingeschichte empirisch klären lassen. Der gerade aus dem Amt geschiedene hessische Datenschutzexperte Spiros Simitis, 56, sieht schon eine "neue Goldgräberstimmung" bei den Medizinstatistikern aufkommen.
Doch nach Ansicht der Experten in Töpfers Bundesumweltministerium bedarf es keiner statistischen Expertisen mehr: Die strahlende Altlast muß nach ihrem Votum dringend entschärft werden.
Fragt sich nur, wie. Im Einigungsvertrag und im Abkommen mit Moskau über Wismut hat Bonn auf jegliche Beteiligung der UdSSR an der Altlastensanierung verzichtet. Dabei haben sich die Schätzungen über die notwendigen Sanierungskosten von 5 Milliarden auf mittlerweile 15 Milliarden Mark erhöht - das sind zehn Mark pro Quadratmeter radioaktiv verseuchten Bodens.
Kanadische und australische Uranexperten begutachteten schon das einst weltweit drittgrößte Abbaugebiet. Nirgendwo stand bislang ein so gewaltiges Sanierungsprojekt von strahlendem Material an. Eigens zur Erkundung möglicher Techniken gründete die Wismut AG zusammen mit der französischen Atomfirma Cogema eine Gesellschaft für Dekontaminierung, Sanierung, Rekultivierung.
"Die Größenordnung der Urangewinnung in der Ex-DDR", urteilt Wolfgang Kersting, Geschäftsführer der Saarbrückener Interuran, "hat uns alle überrascht." Westliche Sanierer konnten bislang nur in den relativ kleinen, stillgelegten Urangruben des oberfränkischen Fichtelgebirges oder im Schwarzwald probieren.
"Warum sollen wir die Fehler machen, die andere schon hinter sich haben", sagt Klaus Martignoni, Experte des Bundesamtes für Strahlenschutz. Um den Datenberg aus Wismut aufzuarbeiten, fordern die Strahlenschützer ein "Internationales Wismut-Hearing", das ähnlich wie bei dem Gorleben-Hearing in Hannover 1979 zur Einlagerung von Atommüll, auch kritische Wissenschaftler beteiligt. Im Bonner Bundesumweltministerium, zuständig für Strahlenschutz, wird eine Wismut-Anhörung "positiv" eingeschätzt.
Nach den Plänen der Wismut AG soll der Strahlenmüll dahin, wo er herkommt - unter die Erde. In Erddeponien könnten etwa sechs Millionen Kubikmeter dekontaminierter Schutt und Schrott von den abgerissenen Fabrikanlagen versenkt werden. Die weithin sichtbaren kegelförmigen Halden des Uranerzes wollen die Sanierer in das Tagebau-Restloch Lichtenberg beim thüringischen Ronneburg füllen. Die 140 Meter tiefe Grube faßt 80 Millionen Kubikmeter Uranmaterial. Wismut-Sprecher Johannes Böttcher: "Das ist unsere Vorzugsvariante."
Gegen das Sanierungskonzept, das Anfang September in Bonn vorgestellt wird, gibt es jedoch nicht nur massiven Widerstand bei der Bevölkerung. Auch das Darmstädter Öko-Institut hat im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace die Schwachstellen der Erdbestattung ermittelt. Danach zeigten Probebohrungen am Rande der Schlammseen "geologische Störungszonen".
"Großflächige Auswaschungen" des radioaktiven Materials, das noch nach 1600 Jahren strahlt, seien durch unkontrollierte Wassereinbrüche zu befürchten. Allein mit dem Gehalt des giftigen Metalls Arsen in den Wismut-Seen lasse sich ganz Europa vergiften. Und Wassereinbrüche sind nicht einmal unwahrscheinlich: Steigt der Wasserspiegel, der derzeit unter der Erdoberfläche künstlich abgesenkt ist, dann laufen die Gruben und Schächte voll.
Die Darmstädter Wissenschaftler zogen zum Vergleich die Regeln heran, die Umweltbehörden in den USA nach ihren Erfahrungen mit stillgelegten Urangruben in den Bundesstaaten Utah, New Mexico und Arizona für die Sanierung aufgestellt haben. Danach wäre das Wismut-Projekt "nicht genehmigungsfähig". So müssen beispielsweise die US-Betreiber für mindestens 200 Jahre einen "Dichtigkeitsnachweis" erbringen. Doch selbst eine sichere Einkapselung würde das Problem in Wismut nicht beseitigen. Denn von den Wismut-Halden wurde in den vergangenen Jahren massenweise Material zum Bau von Häusern und Straßen abgeholt. Ähnlich wie bei dem verseuchten Kieselrot auf westdeutschen Sport- und Spielplätzen weiß niemand, wo überall die strahlende Schlacke liegt.
Fündig wurden Umweltfahnder jüngst am Hermsdorfer Kreuz südlich von Leipzig. Dort ging 1989 ein ganzer Güterzug Wismut-Schlacke in den Unterbau der Autobahn.
* Beim Wismut-Besuch im Oktober 1990.

DER SPIEGEL 34/1991
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