21.01.1991

TalentförderungGroßer Knall

Westliche Schüler drängen in die Kinder- und Jugendsportschulen der ehemaligen DDR. Doch den Talentschmieden droht das Aus.
Als Patricia Baehr, 13, mit ihrem Trainer Streit bekam, sah die Berliner Turnerin nur einen Ausweg: Sie meldete sich an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) "Ernst Grube" im Ostteil der Stadt an. Dort trainierte bereits die gleichaltrige Kam y-ing Mans. Die West-Berliner Sportgymnastin, deren Mutter aus Malaysia stammt, war von der ehemaligen DDR-Verbandstrainerin Barbara Rothenburg an die Grube-Schule geholt worden.
Seit einigen Monaten locken die Ost-Berliner Sportschulen jugendliche Talente aus dem Westteil der Stadt an. Um optimal betreut zu werden, wechselten etwa auch die Turnerin Brigitte Welke, 12, und der Radfahrer Sven Schäfer, 14, auf die KJS Ernst Grube.
Erstmals, so meldet Lothar Hanisch von der Berliner KJS "Heinrich Rau", sei "die Kapazität voll ausgenutzt". Auch Hans-Joachim Röder von der KJS "Rudolf Friedrich" in Leipzig berichtet, daß die Nachfrage das Angebot an Plätzen "bei weitem übersteigt".
Bis zur Wende galten die 25 ostdeutschen Kinder- und Jugendsportschulen mit ihrer zentralistischen Kommando-Pädagogik im Westen als Symbol für die Medaillensucht der DDR. An die Stelle des Staates sind jetzt nicht minder ehrgeizige Eltern getreten, die glauben, daß alles, was im Sozialismus einer Athletenkarriere dienlich war, auch den Söhnen und Töchtern des Kapitalismus nicht schaden kann.
Und die Brutstätten des Sports haben alles getan, um das Image aufzupolieren und neue Kundenkreise zu erschließen. Sie heißen jetzt "Spezialschule Sport", und mit der Aufnahme von unter dem SED-Diktat diskriminierten Disziplinen werden auch für künftige Profis interessante und lukrative Sportarten angeboten. "Wenn sich ein Tennisspieler meldet", sagt der Leipziger Hans Nitschke, "weisen wir ihn heute nicht mehr ab. Plätze hätten wir."
Die Neulinge aus dem Westen genießen bereits die leistungsfördernde Einheit von Schule und Trainingshalle. "Hier ist alles viel ruhiger", beschreibt Patricia Baehr, die früher ständig zwischen Elternhaus, Schule und Sportstätte gependelt war, den Vorteil ihrer neuen Schule, die Kam sogar "zum Lernen gut" findet.
Doch für die meisten Sportschulen kommt dieser Ansturm wohl zu spät. Bei weitgehend leeren Kassen haben die Kultusministerien in den neuen Bundesländern für die einstigen Kaderschmieden des DDR-Sports nicht viel übrig. Den meisten droht in diesem Jahr das Ende, sie werden, ungeachtet aller Reformen, als Altlast zu den Akten gelegt.
Wer zu DDR-Zeiten in eine KJS aufgenommen werden wollte, durfte "keine Westverwandtschaft oder Westkontakte" haben. "Erich Honecker mit seiner Schwester im Saarland hätte keine KJS besuchen dürfen", spottet heute der Leipziger Ringer-Cheftrainer Horst Rothert. Jeder Nachwuchssportler mußte außerdem "gesellschaftliche Aktivitäten" für den Staat nachweisen können. Die Mitgliedschaft in der FDJ war für alle Schülerinnen und Schüler Pflicht.
Die ideologische Indoktrination der Schüler sollte dafür sorgen, daß aus den Sporttalenten linientreue Diplomaten im Trainingsanzug würden. Die Eltern verstanden es dennoch als Privileg, wenn ihre Sprößlinge das Einheitliche System der Sichtung und Auslese (ESA) erfolgreich überstanden, das die zukünftigen Medaillengewinner herausselektierte.
Schon in der ersten Klasse der Regelschule filterten die Sportwissenschaftler aus dem Talente-Pool Turner, Eiskunstläufer und Schwimmer heraus. In der dritten Klasse wurden die künftigen Leichtathleten und Ballspieler aussortiert. "Wir bekamen angehende Ruderer", sagt Peter Goldstein von der KJS "Paul Gesche" in Köpenick, "die noch nie in einem Boot gesessen hatten."
Der gesellschaftliche Auftrag der ausgelesenen Jugendlichen bestand fortan darin, sportliche Höchstleistungen zu produzieren. Die schulische Ausbildung wurde in den Trainingsplan der Leistungssportler integriert. 30 Schul- und 20 Trainingsstunden in der Woche "forderten die Kinder wie einen erwachsenen Schwerarbeiter", erklärt die Leipziger Sportärztin Ulrike Rothenburg das Erfolgsrezept der Sportschulen.
Das strenge Regime war einer der wesentlichen Gründe dafür, daß die DDR Weltmeister und Olympiasieger am Fließband produzierte. Allein die Berliner KJS "Werner Seelenbinder" mit ihren rund 600 Schülerinnen und Schülern steuerte so zum Ruhme der Republik 22 Olympiasieger bei, dazu 124 Europa- und 66 Weltrekorde. Auch Fußball-Neu-Nationalspieler Andreas Thom machte dort mit 21 Jahren sein Abitur.
Doch nach der Wende gab es in der KJS Werner Seelenbinder "den großen Knall", sagt Schulleiterin Beate Winkler. Der Direktor wurde zum Rücktritt gezwungen - wie fast alle anderen KJS-Leiter und deren Vertreter in der untergehenden Republik. In Erfurt blieben von 40 SED-Lehrern nur 4 übrig. Von den insgesamt 12 000 KJS-Schülern werden heute noch 8000 sportlich speziell gefördert.
In den Zimmern der Internatsschüler pappen nun statt Parteiparolen Poster von Tina Turner und Michael Jackson, trotzig auch ein vereinzeltes Wahlplakat der PDS. Kopfschüttelnd um Fassung ringend, nehmen Erzieher Wandschmuck mit einem kopulierenden Paar in Augenschein.
Die einst gehätschelten Schulen sind auch gezwungen, sich nach neuen Einnahmequellen umzuschauen. Nach Schulschluß vermieten die einstigen Kaderschulen deshalb etwa Räume an Firmen und Organisationen.
In der Seelenbinder-Schule wurden bereits Zuschüsse zum Fahrgeld, für Trainingskleidung und Lehrmittel gestrichen. Die Bibliothek hat schon lange kein neues Buch mehr anschaffen können. Trotzdem fehlten unterm Strich im letzten Jahr noch 17 000 Mark.
Die Talentschulen sind, nach Berechnungen der gemeinsamen Einrichtung Sport in den neuen Bundesländern in Berlin, selbst bei einem höheren Elternanteil für die Internatskosten noch rund zehn Prozent teurer als die Normalschulen.
Und solche Mehrkosten können sich die maroden Ostländer als neue Geldgeber kaum noch leisten. Nach der Schließung der DHfK in Leipzig droht so ein weiterer Pfeiler des einstigen Medaillenlandes DDR Opfer der Wende zu werden. Hans-Joachim Röder aus der Schulleitung der Leipziger KJS "Rudolf Friedrich" glaubt: "Bald müssen wir Olympiasieger mit der Lupe suchen."
Die ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen hoffen bisher vergebens auf die Hilfe der westlichen Sportfunktionäre. Zwar loben alle, wie der Präsident des Deutschen Sportbundes, Hans Hansen, vollmundig die "hervorragende Talentförderung der DDR". Und die Verbandspräsidenten, besorgt um die zukünftigen Medaillenproduzenten aus dem Osten, wünschen sich, wie der Leichtathletik-Präsident Helmut Meyer, "wenigstens eine KJS in jedem Bundesland".
Doch an eigenen Konzepten und der Bereitschaft, den gewünschten Erhalt der Spezialschulen mitzufinanzieren, lassen es die westdeutschen Sportverwalter fehlen. Bisher hat aus dem Westen nur das Christliche Jugenddorfwerk Pläne vorgelegt, wie die KJS unter Führung privater Trägerschaften weiterexistieren könnten.
Auch die Bundestagsabgeordneten weigern sich, den Sportfunktionären weiteres Geld zur Finanzierung der Sport-Einheit zu gewähren. Um das "zirzensische Vergnügen Hochleistungssport" zu erhalten, sagt etwa der sportpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Willfried Penner, "brauchen wir solche Kaderschmieden wie die KJS nicht".
Die Botschaft wurde im Osten schon verstanden. In einem Klassenzimmer der KJS Paul Gesche hängt wie ein Relikt noch eine DDR-Fahne. Ein Schüler schrieb mit Filzstift darauf: "Das war's wohl." o

DER SPIEGEL 4/1991
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