19.08.1991

UnternehmerAuf Pump gegründet

Adidas-Käufer Bernard Tapie hat sich überhoben. Ein Brite hofft, den Sportartikelkonzern übernehmen zu können.
Bernard Tapie, 48, war stets ein Geschäftsmann mit klarem Erfolgskonzept: Der Franzose griff blitzschnell zu, wenn er ein Unternehmen zu einem günstigen Preis erwerben konnte. Und ebenso rasch stieß er es wieder ab, wenn ihm ein Aufpreis dafür geboten wurde.
Doch nach seinem spektakulärsten Kauf sollte mit dem Firmen-Geschacher Schluß sein. Mitte vergangenen Jahres, als Tapie 80 Prozent des fränkischen Sportartikelkonzerns Adidas übernahm, beteuerte er: "Ich will Adidas mindestens zehn Jahre halten."
Vergangene Woche wurde deutlich, daß die Tapie-Ära bei Adidas wohl sehr viel kürzer sein wird, als der Franzose angekündigt hatte. Nur 13 Monate nach dem Coup, mit dem Tapie die Kontrolle über das weltbekannte Markenartikelunternehmen erobert hatte, zeichnet sich bereits ab, daß der französische Firmen-Rastelli das Kommando über Adidas einem britischen Unternehmer überlassen wird.
Stephen Rubin, 53, Chef und Mehrheitsaktionär der britischen Konsumgüter-Gruppe Pentland, erwarb einen Anteil von 20,05 Prozent an der in Essen registrierten Bernard Tapie Finance GmbH (BTF) und eine Option auf weitere 5 Prozent. Damit sicherte sich der Brite eine Sperrminorität an jener Firma, die Tapies Adidas-Aktien hält. Darüber hinaus ließ sich Rubin ein Vorkaufsrecht für die verbliebenen Tapie-Anteile an BTF einräumen.
Von Adidas-Managern in Herzogenaurach werden diese Vereinbarungen als klares Signal für einen baldigen Machtwechsel im Hause Adidas angesehen. "Einige hier haben in Gedanken schon den Union Jack gehißt", meint ein Adidas-Vorstandsmitglied.
Pentland-Chef Rubin wird sich auf Dauer kaum mit der Rolle eines Juniorpartners von Tapie zufriedengeben. Der Brite rechnet damit, daß er sein Vorkaufsrecht tatsächlich nutzen kann.
Schon Tapies Aktientransfer an Pentland, der nach nur zweiwöchigen Verhandlungen zustandekam, war nämlich ein Not-Verkauf. Der hochverschuldete Franzose brauchte dringend Bares, um eine am Montag vergangener Woche fällige Darlehensrate von 600 Millionen Francs (rund 180 Millionen Mark) und Zinsen in Höhe von 367 Millionen Francs (108 Millionen Mark) an ein internationales Bankenkonsortium überweisen zu können.
Tapie hatte rund 470 Millionen Mark Schulden gemacht, um den Kauf von 80 Prozent der Adidas-Aktien zu finanzieren. Verkäufer des Pakets waren die vier Töchter des Adidas-Gründers Adolf ("Adi") Dassler. Im Januar dieses Jahres wuchs diese Schuldenlast noch um 120 Millionen Mark, als der Pariser Geschäftsmann weitere 15 Prozent der Adidas-Papiere von einer Tochtergesellschaft der Handelsgruppe Metro übernahm*.
Mit extravagantem Lebensstil und einem sehr teuren Hobby - der fußballvernarrte Tapie finanziert den französischen Meister-Klub Olympique Marseille - gibt sich Frankreichs schillerndster Unternehmer zwar den Anschein, als zähle er zu den Superreichen seines Landes. In Wahrheit ist sein Firmenimperium, zu dem neben Adidas vor allem Hersteller von Industrie- und Küchenwaagen gehören, weitgehend auf Pump gegründet.
Schon beim Kauf des Adidas-Pakets bezweifelten daher viele Tapie-Kenner, daß er seinen Besitz werde halten können. Tapie aber tönte, durch den Verkauf aller seiner anderen Firmen werde er genügend Geld für die Tilgung seiner Adidas-Kredite erhalten.
Den Dassler-Töchtern versprach er sogar, die ins Schlingern geratene fränkische Traditionsfirma (Konzernverlust _(* Die restlichen 5 Prozent des ) _(Adidas-Grundkapitals werden von den ) _(beiden Kindern des 1987 verstorbenen ) _(Adi-Dassler-Sohnes Horst gehalten. ) 1989: 130 Millionen Mark) durch eine Finanzspritze von 300 Millionen Mark zu stärken.
Selbst dem Verkaufstalent Bernard Tapie gelang es jedoch nur, seine Anteile am belgischen Tennisschlägerproduzenten Donnay für rund 30 Millionen Mark abzustoßen. Die anderen Firmen, die er zum Verkauf anbot - zum Beispiel die Reformhaus-Kette La Vie Claire sowie die Waagenhersteller Testut und Terraillon -, wurde er wegen überzogener Preisforderungen nicht los.
Mehr Erfolg hatte Verkäufer Tapie, der zu Beginn seiner Geschäftskarriere als Fernsehgeräte-Vertreter von Tür zu Tür gelaufen war, beim Veräußern von Teilen des Adidas-Imperiums. Weil der Franzose kein Geld hatte, das er in die kapitalschwache Sportartikel-Gruppe stecken konnte, begann er, Nebenmarken des Konzerns zu verkaufen.
Durch den Verkauf der Fernost-Rechte an den Marken Le Coq Sportif und Arena Ende 1990 kamen 56 Millionen Mark außerordentlicher Erlöse in die Adidas-Kasse. Dadurch konnte der Konzern, der nach dem riesigen Verlust von 1989 das vergangene Jahr mit einem in etwa ausgeglichenen Ergebnis abgeschlossen hätte, einen entsprechend hohen Gewinn für 1990 ausweisen.
In diesem Jahr kam vor allem der Verkauf der amerikanischen Adidas-Tochter Pony International hinzu. Die Sportschuhmarke ging Anfang Juli an die nun als Gesellschafter in die Adidas-Holding aufgenommene Pentland-Gruppe.
Im Gegensatz zu Tapie kennt Pentland-Chef Rubin keine Finanzprobleme. Die 134,5 Millionen Mark, die er für das Fünftel an der BTF zahlte, konnte er locker aus eigenen Mitteln aufbringen.
Im Jahre 1981 hatte der Erbe eines Liverpooler Schuhfabrikanten nämlich ein Engagement gewagt, das sich später als "Wunder-Investition" (Financial Times) erwies. Für 77 500 Dollar erwarb Rubin damals einen Anteil von 60 Prozent an der kleinen US-Sportschuhfirma Reebok.
Es war ein höchst riskanter Einsatz. Das von dem Amerikaner Paul Fireman geleitete Unternehmen schien so gut wie pleite zu sein. Rubin gewährte Reebok-Chef Fireman daher nur ein bescheidenes Gehalt, aber eine Gewinnbeteiligung von zehn Prozent. Und der wußte diese Chance zu nutzen.
Mit modischen, bunten Schuhen brachte Fireman das Unternehmen auf der Aerobic-Welle nach oben. Heute ist die Firma hinter dem US-Konkurrenten Nike und vor der einst klar dominierenden Marke Adidas der zweitgrößte Sportschuhhändler der Welt.
Im Jahr 1987, dem gewinnstärksten Reebok-Jahr, kassierte Fireman ein Einkommen von 15,4 Millionen Dollar, auch wenn ihm zu jener Zeit schon weniger als 10 Prozent vom Unternehmensgewinn zustand. Und Pentlands Gewinne stammten zu 80 Prozent aus der Beteiligung an der US-Sportschuhfirma.
Im April dieses Jahres reduzierte Rubin seinen inzwischen auf 32 Prozent geschrumpften Reebok-Anteil auf 13 Prozent. Durch den Verkauf der Reebok-Aktien an die Firma selbst kassierte er fast 400 Millionen Dollar.
Das ist fast soviel Geld, wie für den Aufkauf des gesamten Adidas-Konzerns erforderlich wäre. Und weil Rubin sich völlig von Reebok trennen will, wird er demnächst noch weitere Mittel anzulegen haben.
"Wir hätten gern mehr als die 20 Prozent gekauft", bedauerte denn auch Pentlands Finanzchef Frank Farrant in der vergangenen Woche, daß die Firma nicht sogleich noch mehr Geld in den Adidas-Deal stecken konnte.
Doch so schnell mochte Tapie die Kontrolle über die inzwischen wieder profitable Sportartikelfirma (voraussichtlicher Konzerngewinn in diesem Jahr: 60 bis 70 Millionen Mark) nicht an die Briten abgeben. Er beteiligte statt dessen noch drei französische Finanzhäuser und eine seiner wichtigsten Helferinnen, die ehemalige Bankerin Gilberte Beaux, 62, an seiner deutschen Adidas-Holding.
Die Finanzkonzerne Credit Lyonnais, AGF und UAP, die schon seine wichtigsten Geldgeber beim Adidas-Erwerb gewesen waren, übernahmen 19,95 Prozent der BTF GmbH. Gilberte Beaux, eine der angesehensten französischen Managerinnen und Tapies Delegierte im Adidas-Aufsichtsrat, erhielt 5 Prozent.
Eigentlich hätte auch Adidas-Chef Rene Jäggi, 42, der das Unternehmen wieder auf Gewinnkurs gebracht hat, mit einer Beteiligung von 5 Prozent dabei sein sollen. Doch die Schweizer Banken, die der Schweizer Jäggi um einen Kredit von über 30 Millionen Mark zur Finanzierung seines Anteils gebeten hatte, ließen ihren Landsmann abblitzen.
Der Adidas-Chef, der "stinksauer" auf die zugeknöpften Banker in seiner Heimat ist, muß sich vorerst mit einer Option von 5 Prozent begnügen. Er ist aber sicher, das Geld für seine geplante Beteiligung an BTF schon bald von Banken in anderen Ländern zu bekommen. o
* Die restlichen 5 Prozent des Adidas-Grundkapitals werden von den beiden Kindern des 1987 verstorbenen Adi-Dassler-Sohnes Horst gehalten.

DER SPIEGEL 34/1991
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