17.06.1991

KolumbienGuter Mensch

Die Regierung will die Drogenmafia zur Aufgabe bewegen - mit einem großzügigen Friedensangebot.
Eine schmale, kurvenreiche Straße schlängelt sich durch grüne Hügel zu einem Komplex einstöckiger Häuser mit roten Ziegeldächern, großen Fenstern und geschnitzten Holztüren. Ein stattlicher Landsitz mit prachtvoller Aussicht, wären da nicht der sechs Meter hohe elektrische Zaun und neun Wachtürme mit starken Flutlichtstrahlern.
Fieberhaft verwandelten seit Mitte Mai Baubrigaden das Anwesen, wo Drogenabhängige Heilung finden sollten, in ein Hochsicherheitsgefängnis erster Klasse. Zu den Annehmlichkeiten gehören ein Fußballplatz sowie eine Sporthalle mit Billard- und Pingpongtischen. Die sechs Gemeinschafts- und sechs Einzelzellen mit eigenem Bad und Fernseher können 70 Häftlinge aufnehmen. Die sollen sich auch an Oleander, Zimmertannen und Palmen erfreuen.
Der 300 000 Dollar teure Umbau des Sanatoriums in einen Spitzenknast erfolgte auf Wunsch des wohl mächtigsten Mannes in Kolumbien: Pablo Escobar, 41, Chef des weltgrößten Kokainkartells.
Der Drogenboß hatte angekündigt, er sei bereit, sich der Justiz zu stellen. Für seine Luxusverwahrung wählte er Envigado, seinen Geburtsort nahe MedellIn - der Stadt, die seinem Rauschgiftring den Namen gab. Dort sind ihm die Einheimischen gewogen, hatte er doch mit großzügigen Spenden Wohnsiedlungen, Krankenhäuser und Fußballklubs finanziert. Anderswo fürchtet Escobar Mordanschläge von ehemaligen Komplizen und der Konkurrenz aus Cali.
Ende voriger Woche war alles zu seinem Empfang bereit. Sorgfältig verlesene Wärter - keiner stammt aus Cali - und der Gefängnisdirektor hatten die Haftanstalt schon bezogen. Für die Außenbewachung standen auf ausdrücklichen Wunsch Escobars 150 Militärpolizisten bereit - der Kokainkönig traut der Polizei nicht. Drinnen sollen ihn seine besten Leibwächter schützen, die den Chef in die Zelle begleiten müssen.
Der Priester Rafael GarcIa Herreros, 82, der den seit Jahren untergetauchten Escobar in höchstem Auftrag überredet hatte, sich zu stellen, soll ihn zu seiner neuen Unterkunft bringen. "Ich will ihn an die Himmelspforten geleiten", verkündete der Geistliche. In seiner abendlichen Fernsehpredigt übermittelte er vor wenigen Tagen chiffrierte Hinweise: "Ich erwarte dich in Weißes Fohlen und Die Stute, du verstehst schon."
Sollte Pablo Escobar tatsächlich in das edle Gefängnis von Envigado einziehen, wäre das der Höhepunkt einer Politik der Nachgiebigkeit, die Kolumbiens Präsident Cesar Gaviria kurz nach seinem Amtsantritt vergangenen August im Kampf gegen die Drogenkartelle begonnen hatte. Um die mächtigen Bosse aus ihren Verstecken zu locken, garantierte er, sie nicht an die USA auszuliefern. Gleichzeitig drohte er denen, die keine Reue zeigen wollten, mit gnadenloser Verfolgung und Auslieferung, falls sie gefaßt würden.
In den USA verurteilt zu werden und lebenslang hinter Gitter zu kommen - wie der MedellIn-Mann Carlos Lehder, der eine Strafe von lebenslang plus 135 Jahre in Marion (Illinois) verbüßt - ist das einzige, wovor die kolumbianischen Drogenhändler zittern. Seit sieben Jahren verfolgen deshalb die "Extraditables" (Auslieferbaren), wie sie sich selbst nannten, Politiker, Justizbeamte und Journalisten, die sich für eine Überstellung an die Amerikaner verwandten.
Justizminister Rodrigo Lara Bonilla war 1984 ihr erstes Opfer; ein Generalstaatsanwalt, mehrere Dutzend Journalisten und drei Präsidentschaftsanwärter wurden seitdem umgebracht.
Zwar gelangen Polizei und Armee einige empfindliche Schläge, nachdem Gavirias Vorgänger 1989 den Drogenkrieg ausgerufen hatte: Die Nummer zwei des MedellIn-Kartells, Gonzalo RodrIguez Gacha, wurde bei einem Feuergefecht ebenso getötet wie ein Cousin Escobars. 22 minder bedeutende Dealer werden von den Behörden an die US-Justiz ausgeliefert. Doch das Kartell überzog Kolumbien mit beispiellosem Terror: Die Extraditables sprengten ein Flugzeug (107 Tote) und zerbombten die Zentrale der Geheimpolizei in Bogota (63 Tote). Bei Anschlägen starben insgesamt 600 Menschen. Für jeden getöteten Polizisten setzte Escobar 4000 Dollar aus, an die 300mal mag er das Kopfgeld ausgezahlt haben.
Um dem neuen Präsidenten Gaviria seine ungebrochene Macht zu beweisen, ließ er neun Journalisten entführen, die alle der liberalen Regierungspartei nahestanden. Seit Dezember gab er nach und nach sechs Geiseln frei. Doch die Schwester des kolumbianischen Botschafters in Kanada ließ er im Januar hinrichten. Einen Tag später erschossen seine Männer Diana Turbay, die Tochter eines früheren Präsidenten, als Sicherheitskräfte die Farm stürmten, auf der sie und ein Leidensgenosse gefangengehalten wurden.
Weil der Staat den Drogenbossen weder mit Gewalt noch mit der Justiz beikommen konnte, lenkte Präsident Gaviria ein. In einer Reihe von Dekreten feilte er sein Friedensangebot zurecht - nach den Wünschen der Verbrecher. Direkte Verhandlungen mit den "Narcos" lehnte er zwar ab, doch eine Kommission von "Notablen" - zwei ehemalige Präsidenten, ein Kardinal, ein Ex-Guerrillero - sprang als Vermittler ein.
So werden Drogenbosse, die sich stellen, nicht genötigt, gegen Komplizen auszusagen. Um in den Genuß von Strafminderung zu kommen, müssen sie nur ein Verbrechen gestehen; mit der Verurteilung gelten dann sämtliche Straftaten als gesühnt.
Die Abrechnung der kolumbianischen Justiz mit dem MedellIn-Kartell, der bedeutendsten Verbrecherorganisation des Landes, könnte unter diesen Umständen am Ende zur Farce werden. Richter glauben, daß Escobar, dem US-Drogenfahnder den Schmuggel von Hunderten Tonnen Kokain und über tausend Morde anlasten, mit drei bis sieben Jahren Gefängnis davonkommen könnte.
Zwar wollen die US-Behörden den kolumbianischen Kollegen Belastungsmaterial zur Verfügung stellen. Doch manches davon kann in Kolumbien nicht als Beweis zugelassen werden. Vor allem aber werden die um ihr Leben bangenden Zeugen kaum zur Aussage bereit sein.
Einige Partner Escobars wie die drei Ochoa-Brüder haben das großzügige Angebot der Regierung schon angenommen. Im Spezialgefängnis von ItagüI führen sie sich als Musterhäftlinge auf und warten auf ihren Prozeß. Sie empfangen Besuch von Anwälten und Verwandten, verzehren von ihrer Mutter zubereitete Mahlzeiten und vertreiben sich die Zeit mit eigens installiertem Kabelfernsehen.
Von der Justiz haben sie weniger zu befürchten als von Rivalen und Polizisten jenseits der Mauern: Gegen den Jüngsten des Clans, Fabio, haben die kolumbianischen Behörden nichts in der Hand, gegen den Wichtigsten, Jorge Luis, nur Bagatelldelikte, obwohl er der dritte Mann des MedellIn-Kartells war.
Wenn die Richter ihnen wenig nachweisen können, verlassen die Brüder schon bald ihre Zellen und dürfen ihren illegal angehäuften Reichtum fortan unbehelligt genießen.
Gegen den grotesken Handel der Regierung mit den Rauschgiftbossen regt sich in Kolumbien kaum Widerstand. Zu sehr hat der Terror, den Escobars Gehilfen in den vergangenen zwei Jahren verbreiteten, die Menschen zermürbt. Schon bescheinigt der TV-Geistliche GarcIa Herreros "Don Pablo", er sei "im Grunde ein guter Mensch". Wie der alte Priester befürwortet inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung Vergeben und Vergessen gegenüber den Narcos, wenn damit nur Frieden erkauft wird.
Doch diese Hoffnung könnte sich schnell als trügerisch erweisen. Denn es ist unwahrscheinlich, daß der Handel mit Kokain, der jährlich Milliarden einbringt, zum Erliegen kommt, nur weil die derzeitigen Bosse eine Zeitlang eingesperrt werden. "Das Geschäft erben andere", warnt ein Kommentator in der Zeitschrift Semana: "In fünf Jahren werden sie genauso mächtig sein wie Escobar jetzt."

DER SPIEGEL 25/1991
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