21.01.1991

Kampf um Schlüpfer

„Scheidung a la carte“ - die ARD präsentiert eine Komödie aus dem Beziehungsdschungel.
Ehen mögen im Himmel geschlossen werden, zu Ende aber gehen sie in der Waschmaschine. Denn in den Niederungen jenseits der Liebe, wo die Fallen des Scheidungsrechts die Akteure mißtrauisch machen, kann es entscheidend sein, ob er seine Unterhosen mit ihren Schlüpfern in eine Waschtrommel steckt.
Die Vorschriften für das "räumliche Nebeneinander bei getrennter geistiger Gemeinschaft" sind streng, die Folgen leichtfertigen Gemeinschaftswaschens für die erstrebte Auflösung einer Ehe fatal.
Einen solchen "Rosenkrieg" aus der vertrackten Welt des deutschen Scheidungsrechts zeigt der Südwestfunk an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) im ARD-Programm. Anders als in Danny DeVitos Erfolgsfilm choreographieren Regisseur Konrad Sabrautzky und Drehbuchautorin Dorothee Dhan keinen grotesken Pas de deux zur Gewalt entschlossener Ehekrieger. Doch auch in der TV-Komödie "Scheidung a la carte" regiert der Wahnsinn, der ganz normale der Juristen.
Paul Sonntag, ein erschlaffter Kantinenkoch, trottet zufrieden unterm Ehejoch. Kikkie, seine schöne Frau, ist seit 16 Ehejahren sein eigen, der Lebenstraum, das eigene Lokal in Frankreich, hängt als Bild überm Sofa im Wohnzimmer. Was soll passieren?
Es passiert. Per Einschreiben teilt ihm seine Frau aus heiterem Himmel mit: "Wir leben ab heute getrennt." Paul reagiert erst ungläubig, dann schockiert, schließlich zornig. Die Begründung der Frau ist knapp: Sie wolle ein anderes Leben, teilt sie dem Koch mit.
Nach dieser Exposition ist die Komödie bei ihrem Thema: Wie sich sub specie legis Normales in Anomales, Ungerechtigkeit in Recht verwandelt.
Zum Beispiel Pauls Frühstück. Beim morgendlichen Routinegriff in den Kühlschrank setzt es die erste eiskalte Überraschung: Eier und Aufschnitt tragen Namensetiketten, auch der Kaffee ist säuberlich in Paul und Kikkie geschieden, wobei die Dose des Mannes leer ist.
Paul begreift die Logik: Nur wenn "die gegenständliche Absonderung im Lebensmittelpunkt der Ehewohnung" klinisch sauber durchgehalten wird, zählt die Zeit, die nach drei Jahren zur juristisch sauberen Feststellung der Zerrüttung einer Ehe führt.
Dabei, so erfährt der Mann, ist es juristisch völlig unerheblich, ob die Frau mit dem Mann schläft. Gerichte schauen nicht in Betten, sondern auf "Indizien für die eheliche Gesinnung", und die bemißt sich am Grad des gemeinsamen Nutzens von Hausrat.
Paul lernt seine Lektion und kann bald mithalten im Trennungs-Schach. Nach dem Beschriftungsanschlag auf Ei und Kaffee, ersetzt er, das Gesetz ist mit ihm, das Familientelefon durch einen Münzfernsprecher im gemeinsamen Haus. Die Rache der Frau: Sie fährt das Auto aus der Garage an einen unbekannten Ort.
Das darf sie, denn der Richter erkennt, daß sie "aus objektiv erkennbaren äußeren Umständen Anspruch auf die Nutzung des Pkw hat". Schließlich fährt sie die gemeinsame Tochter zur Schule, zum Ballett und autogenen Training. Dem Koch dagegen ist das öffentliche Verkehrsmittel zuzumuten: Schließlich hat er als Mann weniger Übergriffe zu gewärtigen als eine Frau.
Seine Rache: Paul bekommt die gemeinsame Waschmaschine zugesprochen. Er darf von seiner Frau ein Benutzungsentgelt erheben, wenn sie beispielsweise Babywäsche von Rosa in Blau umfärbt.
Frau Sonntag ist nämlich schwanger. Ob von Paul oder einem anderen Lover ist unklar. Klar dagegen ist, daß das Kind trotz Trennung ehelich geboren wird, den Namen des Ehemannes trägt und Unterhalt vom möglichen Nichtvater verlangen kann.
Paul, im Trennungskrieg von anarchischen Lüsten übermannt, möchte sich schließlich selbstverwirklichen "als Koch und als Mensch". Das darf er aber nur, wenn er vor einer beruflichen Veränderung eine vermögensrechtliche Garantie dafür leistet, daß er seinen Unterhaltsverpflichtungen in angemessener Weise nachkommt.
So buchstabiert das Spiel die Fallbeispiele aus dem Scheidungsunrecht durch. Paul-Darsteller Vadim Glowna verwandelt sein Mienenspiel, wie es die Handlung verlangt: Zuerst schaut er wie ein hilfloser Tropf, aber dann erkennt man in seinem Gesicht immer mehr depressive Heimtücke.
Seine Gegenspielerin Elisabeth Trissenaar dagegen bleibt eingleisig: Als sei ihre Rolle eine Männerprojektion, agiert sie wie ein schnippisches Trotzköpfchen, verhangen, undurchschaubar und launisch - gefährliches Rätsel Frau.
Daß dieser Kampf um Schlüpfer und Unterhosen nicht richtig in Schwung kommt und in den Dialogen mit den juristischen Hakeleien das Papier raschelt, liegt vor allem daran, daß der Zuschauer nicht erfährt, was die Figuren in ihren rechtlichen Entflechtungskämpfen verlieren. Hier haben Abziehbilder geheiratet, was schert es einen, wenn die sich trennen.
Der "Rosenkrieg" mit seinem Gewaltballett dagegen war ein Reigen um ein stets spürbares Thema: eine große Liebe und ihren Verlust. o

DER SPIEGEL 4/1991
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