21.01.1991

MusikmarktWieherndes Pferd

Marquis de Sade und Gregorianik - ist der Hit „Sadeness“ ein „dreister Akt von Produktpiraterie“?
Der Notruf kommt aus der Tiefe weiblicher Begierde. "Sade, befiehl mir", lechzt ein Wesen auf französisch, und: "Sade, gib's mir." Dem folgt, unterlegt mit peitschenden Disco-Rhythmen, gregorianischer Mönchs-Gesang; naheliegend aus der Karfreitags-Liturgie.
Ein mysteriöses Stück Musik hockt seit Wochen eisern in der ersten Reihe der Pop-Single-Charts, dudelt beim Friseur wie aus den Kanälen volksfürsorglicher Sender und bedrängt zunehmend das befreundete Ausland. Als "Sadeness Part I" wird es angekündigt, die Verantwortung übernimmt eine Produktion namens "Enigma" (Geheimnis).
Vergangene Woche kam der Urheber der sado-mönchischen Mixgeburt, Michael Cretu, 33, zumindest ins Zwielicht. Denn ein Münchner Anwalt geißelte das Unternehmen als "nahezu beispiellos dreisten Akt von Produktpiraterie" und kündigte, das Urheberrecht unterm Arm, im Namen seiner Mandanten "gerichtliche Schritte" an.
Den eindrucksvollen Mönchs-Gesang ("Hosanna in excelsis") nämlich habe Cretu ohne jegliches Plazet von einer Schallplatte übernommen, die in Discos bislang keine Rille gespielt hatte: vom "Pasquale Mysterium" der auf Gregorianik spezialisierten "Capella Antiqua" aus München, einer preisgekrönten "Choralschola".
Schon bei den "ersten zwei Noten" des Cretu-Opus war dem "Capella"-Leiter Konrad Ruhland aufgegangen: "Das sind ja wir." Und weil er sein gottgefälliges Werk nun schaudernd mit Sado-Disco-Sound "verquickt" sah, sorgte er sich auch um seine Persönlichkeitsrechte. Der Rechtsanwalt: Mit dem "Ansehen unserer Mandanten", darunter der Produzent, werde "Schindluder getrieben".
Doch die Gottesanbeter sind nur in eine Szene getreten, der offenbar nichts heilig ist. "Sampling" heißt das längst umstrittene Verfahren, betrieben wird es von Heimhandwerkern und Mischpult-Musikanten, und die Technik erinnert stark ans Würstestopfen: Aus Musik-Schnipseln von anderen Platten entstehen neue Platten, tönende Collagen, Synthesizer-Opern.
Cretu, rumänisch-österreichischer Herkunft, gilt in Kennerkreisen als heimischer King der Sampler; weiteren Kreisen vertraut ist er als Gatte und Professor Higgins der Popsängerin Sandra. Die lechzt auf der "Enigma"-Platte nach dem Göttlichen Marquis, atmet gelegentlich schwer und lustvoll, und auf der "Enigma"-Langfassung begleitet sie ein wieherndes Pferd.
Vor drei Jahren hatte das Künstler-Ehepaar, nach München, eine Heimstatt samt Werkstatt auf Ibiza gefunden. Sieben Monate lang, sagt Cretu, habe er an der Sade-Sinfonie "herumgewurschtelt", keinesfalls ohne gedankliche Höhenflüge.
Sade und gregorianischer Gesang - die Kombination soll den "plagenden Zwiespalt zwischen der Kirche und Sexualität" darstellen und zu diesem "Thema Denkanstöße geben". Den Manen des Marquis war er angesichts einer französischen TV-Diskussion begegnet; er schätzt ihn, wie den Killer Jack the Ripper, als eine "umstrittene, zerrissene Persönlichkeit".
In dem vor fünf Jahren gern gehörten Hit "Maria Magdalena", den Cretu seiner Sandra auf den Leib schrieb, hatte sich eine Neigung für Zerrissenes schon angekündigt. "Schärfe deine Sinne und dreh das Messer um", sang die Tochter des Saarlands damals, "verletze mich und du wirst verstehen." Und Bravo enthüllte sie: "Ich lege viel Wert aufs Kartenlegen."
Mit der enigmatischen "Sadeness" (Kombination aus Sade und englisch "sadness", Traurigkeit) stößt Cretu nun voll hinein in die esoterische Zeitgeistlosigkeit, ins Faible für Schwarze Messen und düstere Mönche mit Gier unter der Kutte, in das dämonisch-ockulte Land Pipifax. Konnte nichts schiefgehen. Nur eben der Fehltritt mit dem Mönchs-Gesang. Er habe "in gutem Glauben" und "aus völliger Unwissenheit" gehandelt, versichert Cretu; die einmontierte Gregorianik entstamme Tonbändern, die ihm ein Schulfreund aus Rumänien herbeigeschafft hatte. Draculas letzter Streich?
Eher juristisch als sadistisch: Bis zum "31. Januar 1991, 14 Uhr" erwartet der "Capella"-Rechtsanwalt "Verpflichtungserklärungen", andernfalls erfolge "rasche Einleitung gerichtlicher Schritte".
Doch vermutlich wird ein Vergleich heranhinken, denn, Pikanterie am Rande: "Enigma" wie "Capella" werden vom selben Hause vertrieben, von Bertelsmanns "Ariola".

DER SPIEGEL 4/1991
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