18.02.1991

„Auch für Bomber-Piloten gut“

Vehement bestreiten Wissenschaftler aus der ehemaligen DDR ihre Beteiligung am Doping. Doch geheime Protokolle zum „Staatsplan 14.25“ der DDR zeigen, wie Forscher renommierter Institute ohne ethische Bedenken Menschenversuche anordneten. Sie wollten ihre aggressiv machenden Mittel sogar militärisch nutzen.
Der Herr Professor hat so gar nichts mehr vom Muff der alten SED-Kader. Gut präpariert wie kaum ein anderer Wissenschaftler aus der ehemaligen DDR stellt sich Michael Oettel den Aufgaben der Zukunft. In einer Hochglanzbroschüre preist er die "Biotechnologie in Thüringen". Und wenn er sich und sein Wirken vorstellt, legt er auch gleich unaufgefordert ein paar Elogen politischer Größen bei.
Der Direktor des Zentralinstituts für Mikrobiologie und Experimentelle Therapie (Zimet) der Akademie der Wissenschaften in Jena weiß, was Beziehungen im neuen Deutschland wert sind. Gleich nach der Wende baute er ebenso gute Verbindungen zum Pharma-Riesen Hoechst und den Behringwerken in Marburg auf wie zum Bundesforschungsminister in Bonn.
Schon im Juni letzten Jahres unterzeichnete Oettel eine Partnerschaftsverbindung des Zimet mit der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig. Und im August versicherte ihn der zuständige Bonner Minister Heinz Riesenhuber bei einem Besuch in Jena persönlich seines Wohlwollens. Sozusagen von Chemiker zu Chemiker nannte Riesenhuber die Kooperationen "eine Grundvoraussetzung für das Zusammenwachsen der deutschen Forschungslandschaft".
Über diese "fruchtbare Zusammenarbeit" referiert Oettel viel lieber, als daß er sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt.
Als jetzt der deutsche Wissenschaftsrat sein Institut beleuchten sollte und unangenehme Fragen über eine Zimet-Beteiligung am DDR-Doping drohten, sorgte die Lobby durch mehrere "Eingaben" dafür, daß diese Themen nicht angesprochen wurden. Es gehe in Jena nur um die "reine Wissenschaft und Forschungsstruktur". Das neue Ost-West-Gefühl solle nicht durch "ethische und politische Fragen belastet" werden.
So blieb wieder einmal die Legende erhalten, das gezielte Doping in der DDR sei das Werk einiger weniger skrupelloser Mediziner am berüchtigten Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig gewesen. Tatsächlich zählte aber auch der sich jetzt so sauber gebende Oettel maßgeblich mit zu jenem Drogensyndikat, das im Namen des sozialistischen Endsiegs die Sportler manipulierte.
Denn die Schmutzarbeit, die anschließend die Sportmediziner des FKS und des Sportmedizinischen Dienstes in den Trainingszentren leisteten, wurde stets in hochqualifizierten akademischen Elite-Zirkeln vorbereitet. Darin saßen neben Oettel auch noch führende Vertreter international renommierter DDR-Institute. Die Berliner Humboldt-Universität war ebenso dabei wie die Leipziger Karl-Marx-Universität, das Institut für Wirkstoffforschung der Akademie der Wissenschaften in Berlin und das Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück bei Dresden. Und ausgerechnet das Ministerium für Gesundheitswesen übernahm praktisch die Schirmherrschaft für die Doping-Forschung und -Verteilung.
Alle, die jetzt jede Beteiligung abstreiten, haben in ihren Doping-Konferenzen nie um ihren "legitimen Auftrag" zum Betrug im internationalen Spitzensport herumgeredet. In einer Art, die fatal an die der NS-Wissenschaftler erinnert, wurden zynisch ganze Serien an Experimenten protokolliert. In einem Atemzug wurden Versuche an "aggressiven Mäuseböcken" ebenso wie an "37 gesunden männlichen Hochleistungssportlern" oder gar Kindern "im kalendarischen Alter von 14 bis 15 Jahren" vorbereitet und beschlossen.
Als sich die Doping-Kader auch der psychischen Stimulation der Sportler - etwa in der "Kategorie Mut" oder der vom Pharmakologen Joachim Schmidt von der Medizinischen Akademie Dresden so sehr geforderten "kontrollierten Aggressivität" - annahmen, wurde eifrig auf ein weiteres breites Anwendungsgebiet beim Militär verwiesen: Der Turnerin auf dem Schwebebalken ergehe es ähnlich "wie dem Flugzeugführer" eines MiG-Bombers.
Wie bei den NS-Experimenten in den dreißiger Jahren, sahen sich auch die modernen DDR-Wissenschaftler dabei stets durch den Staat gedeckt. Sie arbeiteten nämlich alle am geheimen "Staatsplanthema 14.25" mit, einem schriftlich formulierten, sorgfältig ausgearbeiteten Doping-Förderungswerk.
So wurden allein "im Olympiazyklus 1984 bis 1988" von Staats wegen 21 Doping-Projekte betrieben, von denen eines allein 855 000 Mark kostete. Der wirtschaftlich marode SED-Staat investierte, so schätzen inzwischen westliche Experten, in seine wissenschaftliche Doping-Forschung ebensoviel, wie er für die Weiterbildung seiner Berufsschullehrer ausgab: jährlich rund fünf Millionen Mark. Die praktische Anwendung schlug dann noch einmal mit rund zehn Millionen Mark zu Buche.
Die Wissenschaftler, die jetzt so erfolgreich um D-Mark-Forschungsgeld buhlen, lieferten auch für ihre damaligen Auftraggeber ganze Arbeit. So war Oettel der Ideengeber, als bei einem Kolloquium im Juni 1981 in Leipzig die Gefährdung für das DDR-Doping-System durch verfeinerte Testmöglichkeiten beschworen worden war. Der Hormon-Experte riet dazu, Testosteron per Nasenspray zu applizieren. So würde es schneller abgebaut und schwerer nachzuweisen sein.
Einmal in Forscherlaune, tüfelte die Doping-Clique noch einen anderen Weg aus. Ebenfalls über die Nase sollte das Mittel Androstendion, ein biochemisches Vorläufermolekül des Testosterons, verabreicht werden, das erst im Körper zum fertigen männlichen Sexualhormon umgewandelt würde.
Die Herren sahen vor allem in diesem Mittel eine Art "Überbrückungs-Doping", mit dem auch kurzfristig angesetzte Trainingskontrollen gefahrlos zu überstehen seien.
Beinahe sieben Jahre arbeiteten die Wissenschaftler an der "praktischen Realisierbarkeit". Daraufhin wurden Schwimmer zu Versuchskaninchen. Der Ost-Berliner Raik Hannemann empfand den ersten Test im März 1988 ("Wir haben hier das Neueste vom Neuen") als eine "Art Vulkanausbruch". Ihm "zerfetzte es die Schleimhäute", schließlich heulte er "Rotz und Wasser".
Als nach den Olympischen Spielen 1988 letztmalig in der DDR eine offizielle Doping-Bilanz gezogen wurde, empfingen Zimet, der ihm beigeordnete VEB Jenapharm und das Mutterkombinat Germed, denen Oettel in seinen Doping-Jahren abwechselnd seine ganze Tatkraft zur Verfügung gestellt hatte, gleich zehnmal ausdrücklich Dank für "engagierte Mitarbeit".
So waren die Jenaer Wissenschaftler auch behilflich, als die FKS-Forscher nach fast 20jähriger Athleten-Mastkur mit dem hauseigenen Anabolikum Oral-Turinabol endlich wissen wollten, welche chemischen Vorgänge in den Körpern der Sportler exakt ablaufen. Sie injizierten "fünf freiwilligen männlichen Probanden" radioaktiv markierte Anabolika intravenös, um so die Abbauprodukte besser analysieren zu können.
Hier wie bei vielen anderen Versuchen auch, deren medizinische Fragwürdigkeit auf den ersten Blick ersichtlich ist, war auf dem Forschungsbogen im Feld "Auftraggeber" stets der "Präsident der Akademie der Wissenschaften der DDR" eingetragen.
Nahezu vollständig versammelt waren die DDR-Kapazitäten auch, als über die Anwendung des bis heute nicht zugelassenen Medikaments "STS 646" diskutiert wurde. "Wesentliche Verantwortung" als klinischer Pharmakologe gegenüber dem Gesundheitsministerium trug dabei Professor Hansgeorg Hüller, der Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Berliner Humboldt-Universität.
Mit STS 646, international längst unter dem Namen Metanolon bekannt, glaubten die Doping-Tüftler ein Anabolikum gefunden zu haben, das keine unnötige Gewichtszunahme zur Folge hat und deshalb auch für Mittel- und Langstreckenläufer sowie für andere Sportarten Hilfestellung versprach. Und wenn sich in der letzten Woche die Sportfreunde in aller Welt wunderten, daß ausgerechnet im Urin der sowjetischen Europameisterin im Eistanz, Marina Klimowa, Anabolikaspuren gefunden wurden, so liegt vermutlich hier die Erklärung.
In der kombinierten Anwendung von Oral-Turinabol und STS 646 sahen die DDR-Doper, die inzwischen in alle Welt ausgeschwärmt sind, Einsatzmöglichkeiten in bisher als für Anabolika-Doping ungeeignet geltenden Bereichen. Daß mit solchen unsauberen Präparaten manche Athletinnen noch übers Erbrechen hinaus malträtiert wurden, ließ die sauberen Wissenschaftler kalt.
So berichtet eine Kanutin, daß ihr unbekannte Doping-Mittel eingetrichtert wurden, obwohl der Magen rebellierte und ihr Hormonhaushalt so sehr durcheinander geriet, daß ihre Regel ausblieb. Das Mädchen wurde von Medizinern und Trainern derart eingeschüchtert, daß es selbst nach Karriereende nicht wagte, die Leiden ihrer Mutter anzuvertrauen. Für solche Fälle vermerkten die Manipulatoren in den weißen Kitteln in ihren Protokollen nur lakonisch: "Die unerwünschten Nebenwirkungen sind zu verringern."
Denn für die Wissenschaftler galt dieses Programm als unerhört effektiv. In einer unter Verschluß gehaltenen Habilitationsschrift, mit der der Leipziger FKS-Forscher Günter Rademacher noch nach der Wende, am 8. Dezember 1989, seine Hochschullehrer-Befähigung für das gesamte Deutschland erreichte, wird ausgeführt, daß gleichzeitiger Einsatz von Oral-Turinabol und STS 646 in Ausdauersportarten "seinen erfolgreichen praktischen Nachweis in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1988 erbracht" habe.
Rademacher gab in seiner Arbeit sogar noch gezielte Doping-Tips für die vereinten Sportler. So solle künftig die Medikation "vormittags erfolgen", vor Wettkämpfen schlug er als Gesamttagesdosis 20 Milligramm bei den Männern und 15 Milligramm bei Frauen vor.
Vor allem der von ethischen Fragen anscheinend unbelastete Rademacher war auch eines der ausführenden Organe, nachdem die Wissenschaftler neue "Erstanwendungsvarianten" besprochen hatten. Dahinter versteckte sich ein fast schon pädophiles Bestreben, "unseren talentierten Nachwuchssportlern" die Doping-Rationen so früh wie möglich einzutrichtern.
Der Verbandsarzt der Gewichtheber, Hans-Henning Lathan, der an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig immer noch ungeniert über sein Spezialgebiet "Pharmakawirkung im Sport" Vorlesungen hält, hatte die Theoretiker auf "deutliche Leistungssprünge" bei den von ihm mit Anabolika betreuten jugendlichen Gewichthebern hingewiesen.
Gleichzeitig aber hatte der praktizierende Doktor auf eine verhängnisvolle Spirale aufmerksam gemacht. Nur mit ständig steigenden Steroiddosen wurden noch steigende Leistungen erreicht. Das führte so weit, daß Lathan bei den Gewichthebern den gesamtdeutschen Anabolikarekord in schwindelerregende Höhen trieb: Europameister Gerd Bonk mußte schließlich eine Dosis von 11,55 Gramm pro Jahr schlucken - mit einer ähnlich hohen Dosis mästeten westdeutsche Kälberzüchter einen ganzen Stall schlachtreif.
Da bekam Rademacher den Auftrag, eine landesweite Empfehlung auszutesten. Der Doktor der Medizin, als Mitglied des Elternbeirates offensichtlich besonders profiliert, befeuerte dafür 16jährige täglich mit bis zu 20 Milligramm Oral-Turinabol oder STS 646, um schließlich Mengen "im Bereich von 3 bis 5 mg/Tag über zwei bis drei Anwendungszyklen von zwei bis drei Wochen Dauer" als Einstiegsmaß festzulegen.
Als der SPIEGEL vor einem Jahr (Heft 12/1990) erstmals über DDR-Versuche mit einer geheimnisvollen "Substanz P" berichtete, versicherte Professor Peter Oehme, Direktor des Instituts für Wirkstofforschung der Akademie der Wissenschaften in Berlin, Versuche am Menschen mit der aus elf Aminosäuren bestehenden Eiweiß-Substanz habe es nie gegeben: "Dagegen stehen die Gesetze."
Doch in den Staatsplanprotokollen wird Oehme "für seine praktische und theoretische Hilfestellung" ausdrücklich gedankt - und dann werden insgesamt acht Versuchsreihen der nur als Laborchemikalie zugelassenen Substanz P an Turnerinnen, Fechtern und Schützen aufgeführt. Und das Drogen-Kollektiv frohlockt: "Substanz P in der Doping-Kontrolle bisher nicht erfaßt!"
Oehmes Hilfe begradigte auch einige Irrungen in der Neuropeptid-Forschung der DDR-Doper. So hatte sich der FKS-Professor Winfried Schäker lange damit aufgehalten, für das ebenfalls stimulierend wirkende Oxytozin eine besonders pfiffige Tarnung auszubaldowern. Er experimentierte zunächst mit Tabletten mit Pfefferminz-, Menthol- und Krokant-Aroma, um schließlich kühn eine ganz und gar westliche Variante der Applikation zu wählen: Nur wenn es Oxytozin als Kaugummi gebe, würden die Athleten ihre "Zurückhaltung" aufgeben.
So abstrus die DDR-Doping-Forscher bisweilen vorgingen, so gezielt arbeiteten sie daran, den Wissensvorsprung gegenüber den westlichen Ländern zu behalten. Bereits 1988 hatten sie eine "neue Geheimwaffe" im Visier: Nicergolin, eine gefäßerweiternde, psychotrope Substanz.
Das im Westen allgemein bekannte Medikament sollte in einer DDR-Version etwa 1994 für den freien Verkauf bereitstehen. Doch die Wissenschaftler hatten sich vom Ministerium für Gesundheitswesen schon vorsorglich zusichern lassen, bereits 1990, also weit vor der klinischen Zulassung, mit eigenen Doping-Tests an Athleten beginnen zu dürfen. Stolz notierten die DDR-Forscher in ihren Protokollen, sie würden so einen "zeitlichen Vorsprung von zwei bis drei Jahren" vor der Konkurrenz erreichen.
All diese Verstrickungen in das staatlich geknüpfte Dopingnetz werden von den Beteiligten nach wie vor geleugnet. Ob Schäcker ("Wir haben eine ernsthafte und gründliche Wissenschaft betrieben") oder Oehme, ob Oettel ("Nur Grundlagenforschung") oder Rademacher ("Doping-Forschung an sich ist doch nichts Ehrenrühriges") - die Forscher des ehemaligen Sportwunderlandes DDR stellen sich immer noch gar zu gern als mißbrauchte Opfer medaillensüchtiger Sportfunktionäre dar.
Die Professoren, die so unermüdlich an ihrem Selbstbildnis wertfreier Wissenschaftler basteln, waren sich sicher, daß ihnen niemand das Gegenteil würde beweisen können. Rechtzeitig zur Wende hatten sie ihre schriftlichen Unterlagen in den Giftschränken aller Institute penibel sortiert. Die unverfänglichen Werke wurden zwecks Steigerung der wissenschaftlichen Reputation veröffentlicht. Die inkriminierten Schriftstücke landeten im Reißwolf.
Und andere Aufzeichnungen, so wußten sie, wurden von der Nationalen Volksarmee als "vertrauliche Verschlußsache" in der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow bei Berlin verwahrt. Selbst als die Bundeswehr in Bad Saarow einzog, wachten standfeste Genossen darüber, daß die Geheimhaltung weiter bestehenblieb.
Obwohl Professor Rüdiger Häcker, der derzeitige Ärztliche Direktor des Sportmedizinischen Zentrums im FKS, dessen Weiterbestand im Einigungsvertrag ausdrücklich festgehalten ist, die Militärs aufforderte, "die Arbeiten unter keinen Umständen" herauszugeben, flog das hochqualifizierte Doping-Kartell jetzt auf.
In Heidelberg schreibt die frühere bundesdeutsche Diskusmeisterin Brigitte Berendonk, die seit 1969 vehement auch die Doping-Praxis in der westdeutschen Leichtathletik-Szene anprangert, an einem Buch über die Manipulationen in beiden Teilen Deutschlands, das im Sommer in den Handel kommen soll*. Dokumente, die der aus Thüringen stammende Studienrätin aus Trainer- und Athletenkreisen zugespielt wurden, ergänzten sich plötzlich in wundersamer Weise mit Unterlagen, die ihr Ehemann, Professor Werner Franke, der Leiter des Instituts für Zell- und Tumorbiologie am Krebsforschungszentrum in Heidelberg, im Rahmen wissenschaftlicher Begutachtung in die Hand bekam.
Bei Quervergleichen wurde auch die Athleteneinlassung, die Mittel weggeworfen zu haben, sowie die Doktoren-Legende, allenfalls für eine Reduzierung der Drogen geforscht zu haben, als _(* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente: ) _(1. Teil: Der deutsche Beitrag zum ) _(Betrug". Springer-Verlag, Heidelberg. ) Lüge entlarvt. Aus allen Berichten errechnete die Heidelberger Buchautorin beispielsweise für Diskus-, Hammer- und Speerwerfer sowie für Kugelstoßer über Jahre hinweg einen enorm hohen Anabolikakonsum.
Im Jahr 1984 vertilgten die Kugelstoß-Olympiasieger Udo Beyer und Ulf Timmermann 3955 beziehungsweise 3325 Milligramm Oral-Turinabol. Diskus-Olympiasieger Jürgen Schult vernaschte 2540 Milligramm. Und die schon 1977 des Dopings überführte Kugelstoßerin Ilona Slupianek hatte sich sieben Jahre später bereits wieder auf eine Ration von 2615 Milligramm hochgeschluckt. Die Diskus-Olympiasiegerin Martina Hellmann und die Speerwurf-Weltrekordlerin Petra Felke standen dagegen im Jahre 1984 noch ganz am Anfang ihrer Karriere: Sie brachten es nur auf 1255 und 1185 Milligramm.
Westdeutsche Athleten, die diese Aufzeichnungen erstmals zu Gesicht bekamen, waren entsetzt. Und als sie Präsidiumsmitgliedern des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) anhand der Unterlagen nachwiesen, wie sie über Jahre hinweg von den inzwischen in den gesamtdeutschen A-Kader aufgenommenen früheren DDR-Seriensiegern betrogen worden waren, wurden die DLV-Funktionäre blaß. Leistungssportdirektor Horst Blattgerste stöhnte nur: "Ach du Scheiße."
Soviel Aufregung ist den immer noch in Amt und Würden stehenden DDR-Wissenschaftlern offensichtlich fremd. Doping-Doktor Rademacher kündigte erst im Dezember stolz an, er setze seine Forschung zur "hormonellen Regulation" nun im "Auftrag des Bundesausschusses für Leistungssport im Innenministerium" fort.
Ebenso ungeniert tummelt sich Professor Michael Oettel, der 1987 für seine Verdienste den Nationalpreis der DDR verliehen bekam, weiter auf seinem Gebiet der Steroid-Forschung. Was er einst zur Leistungssteigerung sozialistischer Sportler erfand, möchte er nun zur Lösung eines der drängendsten Probleme der Menschheit einbringen: Oettel will mit seinen chemischen Tricks gegen das Altern ankämpfen. o
* Brigitte Berendonk: "Doping-Dokumente: 1. Teil: Der deutsche Beitrag zum Betrug". Springer-Verlag, Heidelberg.

DER SPIEGEL 8/1991
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