19.08.1991

MännerArchaische Power

Der amerikanische Dichter Robert Bly fordert die Rückkehr zur wahren Männlichkeit. Sein Modell: der märchenhafte „Eisenhans“.
Wenn Robert Bly, 63, der mehrfach preisgekrönte Lyriker und Rilke-Übersetzer aus New York, das Auge kritisch auf seine Landsleute richtet, ist der Befund alles andere als erbaulich. Wohin der Dichter schaut: Er sieht nur Memmen, keine Männer.
Die haben, angestiftet von der Frauenbewegung, "weibliche Geschichte und Sensibilität genauer studiert" und sind vor lauter Einfühlung völlig erschlafft: Nichts mehr ist geblieben vom Pioniergeist früherer Tage, als Kopf und Körper noch eine zupackende Einheit bildeten. Nach Feierabend erleben die Söhne ihre Väter als diejenigen, die "im Wohnzimmer mit der Zeitung rascheln". Solche Leisetreter, schreibt Bly traurig, "sind ganz sicher nicht im Begriff, Jerusalem zu erbauen".
Seit Jahren engagiert er sich deswegen in der amerikanischen Männerbewegung. Eine rasch wachsende Gemeinde sanfter Ökos und verunsicherter Softies will vergessene Energiequellen freilegen; sie schätzt den Autor mit dem weißen Schlohkopf und dem milden Brillenblick als Verkünder einer neuen Männlichkeit.
Auf Wochenendseminaren und Workshops in freier Natur spürt die "Wildman"-Bewegung den Wurzeln des Mannseins nach, jener archaischen Kraft, die einst vom Vater auf den Sohn übertragen wurde.
In seinem ersten Sachbuch "Eisenhans"* erläutert der "Wildman"-Vordenker Bly die Ursachen des Defizits an Man-Power und weist den Weg zur Besserung: "Nur Männer können aus einem Jungen einen Mann machen" - einen Mentor braucht das Kind. Eine halbe Million in den USA verkaufte Exemplare des "Iron John" (Originaltitel) und 39 Wochen an der Spitze der Bestsellerliste zeigen: Seine Analyse trifft einen wunden Psycho-Punkt.
Grimms Märchen vom Eisenhans, erstmals 1850 veröffentlicht, dient Bly als Parabel. Aus den Tiefen eines Zauberbrunnens entsteigt ein zotteliger Unhold, der Körper braun wie rostiges Metall. Das kommt vom jahrelangen Dämmer auf dem Grund des Wassers - der Faulschlamm ließ ihn korrodieren. Eisenhans nimmt sich eines elternlosen Königssohnes an, und nach allerlei Mutproben und sozialen Erniedrigungen (der Knabe muß an einem fremden Herrscherhof als Gärtnergehilfe dienen) ist der Eleve reif für große Taten.
Er rettet, von seinem düsteren Förderer zum Ritter gerüstet, den Dienstherrn aus verlorener Schlacht, zum Lohn erhält er die Königstochter, und beim Bankett entpuppt sich auch der haarige Helfer Eisenhans als edles Blaublut. "Ein stolzer König trat herein mit großem Gefolge. Er ging auf den Jüngling zu, umarmte ihn und sprach: ,Ich war in einen wilden Mann verwünscht, aber du hast mich erlöst. Alle Schätze sollen dein Eigentum sein.''"
Einen ähnlichen ideellen Gewinntransfer brauchen auch die Söhne von heute - es müsse, so Bly, "eine Substanz, die fast wie Nahrung ist, von dem älteren Körper auf den jüngeren übergehen". Sie bestehe aus Mythen, Traditionen und Instinkten, denn "Männlichkeit kommt nicht vom vielen Haferflockenessen".
Mütter können solche Kräfte nicht vermitteln; ihr Einfluß auf die Erziehung sei ohnehin zu groß. Allein in den USA wachsen ein Viertel aller Jungen ohne Vater auf. Das Resultat, so Bly, sind Stadtneurotiker und Büromemmen, die in Konfliktsituationen versagen. Die zu Passivität neigenden Sensibelchen reagieren nicht spontan und wütend, wenn sie einen verbalen oder physischen Schlag erhalten, sondern mit "einfühlsamem Verständnis dafür, warum sie ihn bekommen haben".
Ihnen fehle das wichtigste Moment innerer Balance, die positive männliche Energie. Bly definiert sie als Mischung _(* Robert Bly: "Eisenhans - Ein Buch über ) _(Männer". Kindler Verlag, München; 372 ) _(Seiten; 38 Mark. ) aus "Intelligenz, robuster Gesundheit, mitfühlender Entschlossenheit, Wohlwollen und großzügiger Führung".
Diese Quelle tatkräftiger Souveränität ist heute verschüttet. Der Erfahrungsschatz, in Generationen gesammelt, liegt im dunklen Brunnen eines kollektiven Bewußtseins und muß mit vereinter Kraft gehoben werden.
So werden Männer wieder stark und wehrhaft: durch die Belebung alter Erziehungsrituale und die große Umkehr zu den fernen Zeiten, als der Vater noch mit dem Sohn auf die Jagd ging und ihn lehrte, sich selbst und die Natur zu beherrschen.
An Belegen für seine These läßt es der belesene Autor nicht fehlen. In einem Parforceritt durch die Kulturgeschichte treibt er Zeugen zusammen: Wem Freud und Pablo Neruda, Shakespeare und Ortega y Gasset noch nicht reichen, der wird mit einem Griff ins Schatzkästlein der Anthropologie bedient. Bly referiert die Erziehungspraktiken in tibetanischen Klöstern um 1300, macht einen Abstecher zu den Sioux und landet ohne Mühe bei südindischen Dravidas, bei Kelten, Papuas und Kaukasiern.
Sein historischer Kosmos wimmelt von Lehrern, die den Heranwachsenden die Kunde von der "dunklen Seite der Männer" überbringen. Der Wilde Mann, klingt Blys beschwörende Stimme aus dem Dickicht der Metaphern und Zitate, ist "die Natur selbst", das "Vertrauen in das, was unten ist", ein zweites Ich des Zivilisationsmenschen.
So fügt sich die Weltsicht des Dichters Bly, das erklärt auch seinen Sensationserfolg auf dem amerikanischen Buchmarkt: Die defekten sozialen Strukturen sollen durch Rückbesinnung auf Traditionen und maskulines Erbgut repariert werden, mit Gesprächen unter Männern oder ekstatischen Gruppenerlebnissen auf einem "Wildman"-Wochenende. So etwas wird gern gelesen in einer Gesellschaft, die in der Psychotherapie ein Allheilmittel sieht.
Sporadisch dämmert es Bly, daß das nicht alles gewesen sein kann. "Das industrielle Herrschaftssystem", schreibt er an einer Stelle, "bestimmt, wie es uns in einer Welt der Rohstoffe, Werte und Pflichten ergeht, wie Kinder behandelt werden."
In dieser "Seinsweise" (Bly) existieren keine Eisenhänse, es "gibt weder einen König noch eine Königin", wie der Autor beiläufig notiert. Vor der Konsequenz aus dieser Erkenntnis aber drückt sich der Guru der neuen Männlichkeit: Diese Welt funktioniert nicht nach mythischen, sondern nach politischen und ökonomischen Regeln, die auch der Wilde Mann mit Wildheit allein nicht ändern kann.
* Robert Bly: "Eisenhans - Ein Buch über Männer". Kindler Verlag, München; 372 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 34/1991
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