18.02.1991

FilmVor dem Fall

„Der mit dem Wolf tanzt“. Spielfilm von Kevin Costner. USA 1990. 186 Minuten; Farbe.
Endlos weit ist die Wildnis der rollenden Hügel, golden leuchtet die Prärie. Auf verlorenem Posten im Indianerland findet Leutnant John J. Dunbar das Glück der letzten Grenze, ehe sie unwiederbringlich dem Vormarsch der weißen Zivilisation zum Opfer fällt.
"Ich wollte schon immer den Westen sehen, bevor es ihn nicht mehr gibt", so hat er es sich erwünscht, und zum Lohn für herausragende Tapferkeit in den Bürgerkriegs-Massakern der 1860er Jahre darf er sich diesen Traum erfüllen: Abkommandiert in ein verfallenes Geister-Fort im Territorium von Dakota, lebt der Yankee-Leutnant einsam und selig in freier Natur, mit einem streunenden Wolf als Spielgefährten.
"Der mit dem Wolf tanzt", so nennen ihn deshalb die indianischen Nachbarn vom Stamm der Lakota-Sioux, deren Tipis drüben an der Biegung des Flusses stehen. Bald schon, nach anfänglichem Mißtrauen, werden sie dem Fremdling aus vollem Herzen ihre Gastfreundschaft gewähren. Er wird mit ihnen gemeinsam auf Bisons jagen und auf den Kriegspfad gegen die Pawnee gehen, wird ihre Sprache erlernen, ihre Denkart und Gefühle, den Sinn ihres Brauchtums zu erahnen versuchen und sich schließlich eine Frau aus ihrer Mitte zum Weib nehmen, eine Weiße, "Steht mit einer Faust" genannt, die von früher Kindheit an im Stamm herangewachsen ist.
Fast scheine es ihm so, "als vergehe hier kein Tag ohne ein Wunder", notiert John Dunbar in seine Kladde, und er preist den Stolz, die Würde und die Höflichkeit, den Humor und die Sanftmut seiner Freunde, ihr Zusammenleben in Harmonie, ihre innige Verbundenheit mit dem Land und dem Kosmos. Doch die Tage der pastoralen Freuden sind gezählt. Schon rückt in ersten Kolonnen die Armee der Blauröcke an, eine stupide, erbarmungslose Soldateska voller Hohn und Haß auf die Rothäute. Es ist für die Sioux der Anfang vom Ende ihrer Freiheit.
"Einen romantischen Rückblick auf eine schreckliche Zeit in unserer Geschichte" habe er bieten wollen, sagt Kevin Costner von seinem ersten Film, den er selber produziert und in der grandiosen Ödnis von South Dakota mit einem reichen Aufgebot an indianischen Darstellern in Szene gesetzt hat - in der Hauptrolle Kevin Costner als unbestechlich guter und sauberer amerikanischer Held, eine Art James Stewart neuerer Generation, der hilflos aufbegehrt gegen die zerstörerische Fortschrittsmacht seiner Artgenossen, gegen "Menschen ohne Werte und Seele".
Die Fabel vom weißen Mann, der unter die Indianer ging, hat für Hollywood schon manch guten Stoff abgegeben, etwa zum "Gebrochenen Pfeil" von Delmer Daves (1950) oder zu "Little Big Man" mit Dustin Hoffman (1969). Doch in keinem Western bisher wurde der indianischen Kultur und Lebensweise längst vergangener Zeiten so tiefe Sympathie bekundet wie in Costners dreistündigem Breitwand-Epos.
Dabei hat er sie nicht gerade sentimental verbrämt als Gottesgeschöpfe ohne Fehl und Tadel. Auch die Krieger vom Stamm der Pawnee sind ziemlich wüste Typen und wahre Bestien, wenn's ans Skalpieren geht, und der junge Sioux namens "Wind in seinem Haar" ist ein wilder Kerl, den man sich besser vom Leibe hält. Über alles aber bewundert Leutnant Dunbar die Eintracht und den Frieden der dörflichen Gemeinde, die Milde und Weisheit ihres Medizinmannes "Strampelnder Vogel", und melodiös klingen ihre lang und breit geführten Reden im Lakota-Idiom (übersetzt in englischen Untertiteln), wenn der alte Häuptling "Zehn Bären" zur Versammlung ruft.
Flammend sind die Sonnenuntergänge über dem jungfräulichen Land, prächtig leuchtet der Sternenhimmel. In urgewaltiger Stampede, umschwärmt von roten Reitern mit Pfeil und Bogen, donnern 3000 Büffel durchs Tal - dies war der goldene Westen vorm Sündenfall der Zivilisation.
Einen Flop jedenfalls, wie er ihm prophezeit worden war, hat Costner mit seinem Regie-Debüt nicht gelandet, ganz im Gegenteil: Als großer Kassenhit in Amerikas Kinos erweist sich zur Zeit sein Märchen aus der versunkenen Welt der edlen Wilden, deren Kindeskinder heute im Elend ihrer Reservate hausen, zur Schmach und Schande der amerikanischen Nation.
Gunar Ortlepp
Von Gunar Ortlepp

DER SPIEGEL 8/1991
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