DER SPIEGEL



Film

Komik in Kukident

Von Stolle, Peter

"Pappa ante portas". Spielfilm von Loriot. Deutschland 1991. 89 Minuten; Farbe.

Wenn am Morgen der pinselige Papa ins Büro entschwindet, weht ein Duft von Frohsinn durch die Vorstadt-Villa.

Der Teenager Dieter springt erlöst aus seinem Zimmer und fragt: "Is Papa weg?" Mutter Renate kuschelt sich kommod in die Sofaecke und schwatzt beschaulich mit der Telefonfreundin Rita. Der Einkaufsdirektor Heinrich Lohse, 60, ist ein hochintensiver Störfaktor in der Hausgemeinschaft, und auch seinem Arbeitgeber, der Deutschen Röhren AG, eine entbehrliche Altlast: Als der Kaufmann, total meschugge, "für 40 Jahre im voraus" 500 000 Bögen Schreibpapier und tonnenweise Radiergummis anschafft, wird er unehrenhaft in den Vorruhestand geschickt.

Nach 37 Jahren im Dienst der deutschen Röhre steht der beknackte Pappa mittags ante portas und ängstigt die Verwandtschaft mit der Botschaft: "Ab morgen bin ich voll und ganz für die Familie da!" Habemus pappam. Finster blickt Frau Renate auf den zudringlichen Mitesser und murmelt gebrochen: "Dann hol' ich mal den Nachtisch." Ein 17jähriger, vormals "gemütlicher" Lebensbund taumelt in die Sinnkrise.

"Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen", hat Loriot erklärend seinem zweiten Spielfilm vorausgeschickt, sogar in dauerhaften Familienbanden haben die Partner "nicht gelernt, den ganzen Tag zusammenzusein". Eine lustspielbeflügelnde Erfahrung, die das einfache Bürgerleben vielfältig verifiziert.

So manche altgediente Hausfrau, die jahrzehntelang nach häuslicher Präsenz ihres vagabundierenden Gatten verlangte, hat erst auf dem Altenteil erkannt, daß aus dem liebestollen Kater von einst eine bierbäuchige Nervensäge geworden ist. Und es kann auch kein Zufall sein, wenn, stets am ersten Werktag nach Weihnachten, vegetativ überlastete Ehemänner massenhaft in die Pornokinos strömen, während die erschöpften Hausmütterchen ihre Dunsthauben ablegen und zu solidarischen Atemübungen in die Frauengruppe eilen. Der Geschlechterkampf ist fruchtbares Ackerland für Satiriker, aber die Loriot-Freunde, erwärmt noch von der kauzigen Kleinkunst-Neurose "Ödipussi", gucken diesmal traurig in die Röhre.

Zehn Monate lang hat der Maitre am "Pappa"-Opus geschrieben, im alten Defa-Babelsberg und im Seebad Ahlbeck wurde gedreht. Doch nichts ist ihm dabei entsprungen als ein Rudel zahnloser Witzchen, ein Rinnsal seniler Sketche in einer ungelenken Story. Dieser realitätsferne, altdeutsche Spießer Lohse ist nicht komisch, er ist bloß dumm und lächerlich.

Tatendurstig trampelt der quäsige Hausmeister, den Loriot natürlich selber spielt, durch sein aufgeschrecktes Mittelstandsheim. Der Sohn muß nun Papas steinalten Wintermantel tragen, den die gütige Renate (Evelyn Hamann, wer sonst?) schon für die Altkleidersammlung bereitgelegt hatte. Weil er nun "die Verantwortung über den Haushalt" trägt, kauft Heini preisgünstig 150 Gläser Senf. Eine korpulente Nachbarin, Frau Mielke, die den verzopften Anrainer sexuell begehrt, lockt ihn mit "einer Tasse Bouillon" ins Haus - erotische Sottisen, die Jubelstürme durch jedes Altenheim jagen.

Heinrich kauft Wurzelbürsten und Badesalz von obskuren Hausierern, belehrt die verdutzte Putzfrau Kleinert über den "Haß der Geschlechter", der Sohn erfährt: "Frauen haben auch ihr Gutes." Beim Bettenmachen fallen ihm die Kissen aus dem Fenster. Im Restaurant - mißglückte Reminiszenz an kulinarische TV-Drolerien ("Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard") - fliegt ihm Renates Jägerspieß aufs Hemd.

In der Dessous-Boutique schnüffelt der Frührentner weltfremd an den Seidenhöschen und stammelt postpubertär: "Warum trägst du nicht mal schwarze Unterwäsche?" Androphob mustert Renate den spätberufenen Schlüpferstürmer und zischt: "Ich habe mir deinen Ruhestand anders vorgestellt." Mit Rita kann sie schon lange nicht mehr angstfrei kommunizieren. Kurzfristig, aber komödiantisch unergiebig turtelt sie deshalb mit einem Süßwaren-Unternehmer, der sie zur Pralinen-Testerin ernennt und mit "Doppelnuß im Sahnemantel" umhegt. Penetrant belagert unterdes die hungrige Frau Mielke den geliebten Senf-Grossisten. Einmal hält ihn die Polizei sogar für einen Einbrecher.

Auf Omas 80. Geburtstag an der sommerlichen Ostsee jedoch fällt das Schicksal der Zerrüttung in den Arm. Die Gemütlichkeit siegt. Mit dem Lohse-Doppelbeschluß zu nestfreundlicherer Koexistenz und "sinnvoller" Freizeitgestaltung endet der klapprige Kukident-Schocker: Vor dem käsigen Dieter und der wehrlosen Putzhilfe Kleinert bläst das geläuterte Pärchen konzertant die Blockflöte. Dann pfeift auch der Zuschauer auf dem letzten Loch.

Im Kino, dem artfremden Medium, demolieren Deutschlands Fernseh-Humoristen ihr komisches Renommee - dem ostfriesischen Plattfisch Otto folgt nun der emeritierte preußische Spaßadler Loriot.

Peter Stolle


DER SPIEGEL 8/1991
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