17.06.1991

KomödienGlückliche Gluckser

Der Regisseur Peter Timm entdeckt den Hausmann - als lächerliche Gestalt. Und macht sich dabei selbst lächerlich.
Manchmal, meistens vormittags, treiben sich zwei seltsame Gestalten auf den Spielplätzen herum. Sie tun so, als wären sie zufällig da, sie verstecken ihre Augen hinter dunklen Brillen oder großen Zeitungsseiten. Aber heimlich und meistens voller Zärtlichkeit gucken sie auf die süßen Mädchen und die goldigen Knaben - und wenn sie einer dabei ertappt, genieren sie sich sehr. Nicht Sittenstrolche sind sie, sondern Hausmänner, eine unterdrückte und entrechtete Minderheit.
Manchmal, meistens unvermittelt, werden deutsche Fernsehmenschen vom Humor gepackt. Plötzlich wollen sie nichts mehr hören von all den Zielgruppen und dem Problembewußtsein und der gesellschaftlichen Relevanz.
Ganz hinten im Hirn scheint dann diese Ahnung auf, daß auch Fernsehmenschen ein Recht auf Heiterkeit haben, auf ein bißchen Wildheit und Anarchie.
Und auf einmal ist die Idee da, diese subversive, geniale Idee, die allein den Anfall von Humor beheben oder lindern kann: Die sozialkritische Komödie muß her, das humoristisch relevante Fernsehspiel. In Momenten wie diesen werden Filme wie "Hausmänner" (am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD) ausgeheckt.
Das Leben ist nicht lustig für den Hausmann Paul (Dani Levy), der klein und sanft ist und eine starke und karrieregeile Frau geheiratet hat. Schon morgens bringt Paul das Kind auf den Spielplatz, nachmittags muß er waschen, putzen, Abendessen kochen. Und wenn die Gattin nach Hause kommt und sich nach einem ausgeruhten Liebhaber sehnt, hat Paul noch die Gummihandschuhe an und will nicht wie ein Sexobjekt behandelt werden.
Das Leben ist nicht lustig für Mike (Peter Lohmeyer), der ein bißchen frecher und vitaler ist, aber sonst die gleichen Probleme hat: Auch er muß den Haushalt führen und das Baby hüten, während seine Frau das Geld verdient. Doch als Mike und Paul einander auf dem Spielplatz begegnen, da beschließen sie, daß alles anders werden müsse, daß sie ihre Sorgen teilen und gemeinsam nach Lösungen suchen werden: Ein Hausmann ist kein Hampelmann.
Das Fernsehspiel, geschrieben von Thomas Kirdorf und inszeniert von Peter Timm ("Go, Trabi, go"), ist eine Travestie und in seinen besseren Momenten sogar die Travestie einer Travestie: Zwei Männer wollen nicht länger Männchen machen und sich wie Weibchen behandeln lassen. Zwischen Küche und Kinderspielplatz ist ihnen die Identität abhanden gekommen, und um die wiederzugewinnen, müssen sie Dinge tun, die allgemein eher als unmännlich gelten: Sie telefonieren heimlich miteinander, sie gestehen einander ihre Sympathie, sie sind zur Offenheit gezwungen und dürfen nicht bloß über Frauen, Fernsehen, Fußball sprechen.
In diesen Konflikten steckt eine Sprengkraft, welche die Geschlechterrollen durcheinanderwirbeln und selbst die Zuschauer dazu bringen könnte, daß sie nicht mehr genau wissen, ob sie nun Männlein oder Weiblein oder irgend etwas anderes sind. Aber dieser Film will vor allem ein Spaß sein und erst dann eine Komödie; er müßte seine Figuren ernst nehmen, um deren komisches Potential überhaupt zu erkennnen - doch statt dessen machen sich Timm und Kirdorf nur über ihre Helden lustig.
Mann ist Mann, denkt sich Mike eines Tages, und sein Freund Paul kann ihm folgen. Ihre Kinder geben sie bei einer netten Omi ab, dann zwängen sie sich in die Lederjacken und besteigen Mikes Motorrad. Und wenn der Wind an den Haaren zaust und das Tempolimit für Landstraßen überschritten ist, riskieren beide ein paar glückliche Gluckser. So sieht in diesem Fernsehspiel die Freiheit aus.
Frau ist Frau, denkt sich Pauls Gattin eines Tages, malt sich den Mund rot an und spitzt die Lippen zum Zeichen ihrer Lüsternheit. Dann geht sie los, um die Ehe zu brechen, wirft die Kleider ab und sich selbst auf den Boden und wartet darauf, daß der Mann etwas unternimmt: So sieht in diesem Fernsehspiel die Erotik aus.
Wenn Paul abspült und Mike sein Baby wickelt, wenn beide vor der Käsetheke stehen und sich von Frauen eingekreist, bedrängt und erniedrigt fühlen, wenn sie erst zweifeln und später fast verzweifeln an der eigenen Männlichkeit - dann müßten jene Katastrophen passieren, von denen die Komödie lebt. Doch die Männlichkeit liegt naturgemäß unter der Gürtellinie, welche zur Hauptsendezeit nicht unterschritten werden darf. Und die einzigen Katastrophen, die in diesem Film geschehen, sind Drehbuch und Regie: zu harmlos, zu halbherzig - die harte Wirklichkeit ist ebenso fern wie der Wahnsinn, der Traum, die Vision.
Auch wenn deutsche Fernsehmenschen vom Humor befallen werden, produzieren sie nur das, was sie fast immer produzieren: Hausmannskost. o

DER SPIEGEL 25/1991
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