19.08.1991

KinderBrave Moni

Eine Aufklärungskampagne gegen sexuellen Mißbrauch von Kindern stößt bei Betroffenen und Betreuern auf Widerstand.
Das Mädchen preßt eine Puppe an sich und schaut traurig in die Kamera. Der Grund ihres Kummers steht im Text daneben: "Papis Liebe tut ihr weh." Dabei, so heißt es weiter, sei Sabine Papis "Ein und Alles"; er möchte seiner Tochter nicht wehtun, denn "er liebt sie doch. Und sie ist ja noch so klein". Sabines Schicksal: "Er kann nur schwer Zuneigung und sexuelles Verlangen voneinander trennen."
Die Geschichte von Sabine sorgt derzeit, ebenso wie die von Tom, Sven, Moni, Marion und Peter, für heftigen Wirbel. Die Fälle ähneln sich und werden im Rahmen einer Anzeigenserie geschildert, die sich gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern richtet.
Erdacht, konzipiert und finanziert wurde die Kampagne von der Frankfurter Werbeagentur Lintas - die Werber wollten nicht nur für die Kinder, sondern auch fürs eigene Image etwas tun.
Die fachliche Beratung, so der Lintas-Kreative Thomas Brockmann, holte man sich beim Kinderschutzbund, "weil der überregional Jungen, Mädchen und Erwachsenen Hilfe anbietet". Lintas-Werbeprofis und Psychologen des Kinderschutzbundes setzten sich zusammen und tüftelten sechs unterschiedliche Texte aus. Die Kampagne startete am 1. Juli und soll bis zum 31. Dezember laufen. 15 Zeitschriften, darunter auch der SPIEGEL, erklärten sich bereit, die Anzeigen kostenlos zu drucken.
Die Reaktionen kamen prompt - wenn auch anders, als das die Initiatoren erwartet haben. Die Opfer protestieren, Therapeuten und Berater sind entsetzt: Die Texte seien verharmlosend, unpräzise und - schlimmster Vorwurf - genau in dem Jargon gehalten, in dem die Täter gemeinhin ihre sexuellen Übergriffe an kleinen Kindern rechtfertigen.
Die Vergewaltiger, erklärt die Psychotherapeutin Rosemarie Steinhage von der Wiesbadener Gruppe Wildwasser, sprächen auch gern von Liebe und beteuerten, sie wüßten nicht, was sie tun. Daß es sich bei sexuellem Mißbrauch um ein Gewaltdelikt und keinesfalls um falsch verstandene Vaterliebe handele, werde in den Texten regelrecht geleugnet.
Tatsächlich lesen sich manche Anzeigentexte wie Entlastungserklärungen für die Täter: Da ist die Rede von der braven, kleinen Moni, die macht, was Onkel Paul von ihr verlangt. Der fühlt sich zwar schuldig, "doch immer wenn er zu Besuch kommt und sich die Gelegenheit ergibt, kann er nicht anders. Ihm wurde als Kind nie der Unterschied zwischen Zuneigung und Sexualität deutlich gemacht, denn auch er wurde als Kind sexuell mißbraucht. So geht sexuelle Ausbeutung häufig als stillschweigendes Erbe von Generation zu Generation".
Veraltete Triebtheorien und eine seltsame Vererbungslogik, so die Kritiker, werden Millionen Lesern hier unverdrossen aufgetischt, obwohl der Kinderschutzbund es durch die eigene Arbeit und aus der international anerkannten Fachliteratur eigentlich besser wissen müßte: Nur 20 bis 30 Prozent aller Täter sind als Kinder selbst mißbraucht worden; bei weiblichen Opfern ist die Erbtheorie völlig absurd - es würde sonst nur so wimmeln von Frauen, die Kinder mißbrauchen.
Die Hamburger Ärztin Eva Breloer bezweifelt, daß Jugendliche auf diese Weise anzusprechen seien. Eine ihrer jungen Patientinnen erbleichte beim Lesen der Anzeige, dann wurde ihr übel. Schließlich fragte sie fassungslos, wieso im Text soviel Nachsicht für den Vater geäußert werde.
Geradezu zynisch mutet die Anzeige mit Marion an: "Vati war ihr erster Mann", ist zu lesen (nicht etwa, Vati war ihr erster Vergewaltiger, was in der Sprache drastischer, in der Sache aber richtiger wäre). "Eine äußerst brutale Formulierung, geradezu abstoßend", sagte ein 16jähriges Opfer während der Beratungsstunde in Hamburg.
Weiter heißt es: "Marion hat für ihre elf Jahre eine Menge Erfahrung. Sexuelle Erfahrung." Das klingt, als hätte sich Marion diese Erfahrung ausgesucht.
Obwohl der Mißbrauch bereits mehrere Jahre andauert, wie die Anzeige verrät, ist die Prognose für Marion gar nicht so schlecht: "Möglicherweise wird sie unter Depressionen oder Verhaltensstörungen leiden." Mit anderen Worten: möglicherweise auch nicht.
An keiner Stelle mache die Anzeigenserie deutlich, so Steinhage, was wirklich mit kleinen Kindern angerichtet werde. Genau darüber aber hätten die meisten Leute auch heute noch "völlig falsche Vorstellungen". Verbreitet sei etwa die Annahme, Männer würden sich lediglich am Anblick nackter Kinder erregen, um sich dann selbst zu befriedigen.
Die Realität ist viel grausamer: Kinder werden anal vergewaltigt und zum Oralverkehr gezwungen, was oft mit akuter Erstickungsgefahr verbunden ist. Den Widerstand der Kinder ignorieren die Vergewaltiger, mit Drohungen zwingen sie ihre Opfer zum Schweigen.
Natürlich, so Steinhage, seien diese Tatsachen schockierend, "aber gerade das Nichtaussprechen sexueller Handlungen, die mißbrauchende Väter ihren kleinen und größeren Töchtern zumuten, führt dazu, daß Liebe mit sexuellem Mißbrauch verwechselt wird".
Die Bundesgeschäftsstelle des Kinderschutzbundes in Hannover hält die Proteste für ungerechtfertigt. "Wir haben unsere Zielgruppen erreicht", sagt Pressesprecherin Gabriele Wichert-Dreyer. Die Resonanz sei enorm, selbst einige Täter hätten schon angerufen und um Hilfe gebeten.
Daß die Kampagne auch in den eigenen Reihen heftige Kontroversen auslöst, bestreitet Wichert-Dreyer. Tatsächlich aber haben sämtliche Kinderschutzzentren der Bundesrepublik in einem gemeinsamen Schreiben den sofortigen Stopp der Anzeigenserie gefordert.
Deren Urheber, so die Hamburger Kinderschutztherapeutin Irmin Grube, hätten es versäumt, sich mit Fachleuten abzustimmen, die in der Praxis arbeiten: "Da wurde einfach über alle Köpfe hinweg entschieden."
Die platte Machart der Kampagne paßt ihr nicht, und es ärgert sie besonders, daß niemand an die unzureichende Besetzung der Beratungsstellen gedacht hat: "Das ist doch eine regelrechte Verarschung der Betroffenen, wenn wir denen sagen müssen, tut uns leid, wir sind überbelastet, kommen Sie in ein paar Wochen noch mal wieder."

DER SPIEGEL 34/1991
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