28.01.1991

WissenschaftlerStartrampe für Spione

An den ostdeutschen Universitäten halten altgediente SED- und Stasi-Kader die Stellung.
Den Klinikdirektoren der Leipziger Karl-Marx-Universität kam im November vergangenen Jahres ein verlockendes Angebot ins Haus. Ab sofort, so erklärte die Verwaltung der Fakultät für Tiermedizin, könnten die Herren Professoren ihre Personalakten einsehen.
Bei einem kurzen Blick in die Vergangenheit allein sollte es jedoch nicht bleiben. Der eigene Lebenslauf, empfahlen die Bürokraten, dürfe bei dieser Gelegenheit "ausgetauscht" werden.
Die dubiose Offerte stieß auf großes Interesse: Mehr als ein Jahr nach der Wende sind die Führungspositionen an den Universitäten Ostdeutschlands immer noch von altgedienten SED-Professoren besetzt. Und um die einträglichen Posten nicht zu verlieren, wird allseits retuschiert und konspiriert, geheuchelt und gemauschelt.
Gleich nach der Wende hatte die Personalabteilung der Karl-Marx-Universität alle Unterlagen über Reisekader vernichtet. Der Grund: Wer in der alten DDR als Hochschullehrer vom goldenen Westen nicht nur träumen, sondern ihn auch bereisen wollte, mußte fast immer für die Stasi Berichte schreiben.
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nutzte die internationalen Kontakte der DDR-Professoren für einschlägige "Forschungsaufträge". Als besonders ergiebig erwies sich die Sektion Physik in Leipzig. Sie sei geradezu eine "Startrampe für MfS-Spionage" gewesen, meint der Leipziger Physiker Manfred Wurlitzer. Wären die Kaderakten noch vorhanden, so Wurlitzer, "müßte man die Sektion Physik auflösen".
So aber hat nur ein einziger Physiker seine Demission eingereicht. Aufgelöst - oder, wie es im Vereinigungsdeutsch heißt, "abgewickelt" - werden nach den jüngsten Beschlüssen der Landesregierungen in den fünf neuen Ländern nur jene Fächer, die als besonders ideologieträchtig gelten, also die Sozial- und Geisteswissenschaften.
Kritiker der Abwicklung wie der Rektor der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Heinrich Fink, halten dieses Verfahren für völlig inkonsequent. Fink: "Ich muß doch die Naturwissenschaftler genauso zur Verantwortung ziehen wie die Ideologen."
Tatsächlich gehörten bis zur Wende etwa 80 Prozent der DDR-Professoren der SED an. Ohne Parteibuch war an eine akademische Karriere kaum zu denken. Nicht jeder Hochschullehrer hat damit allein schon Schuld auf sich geladen. Doch wer Untergebene kujonierte oder gar denunzierte, hat zumindest nach Auffassung der Betroffenen heute an den Ost-Unis nichts mehr verloren.
Armin Ermisch zum Beispiel, Chef der Leipziger Biowissenschaften, saß einst in der SED-Bezirksleitung sowie in der Parteileitung der Universität. Ermisch hatte den Studenten im Herbst 1989 mit Konsequenzen gedroht, wenn sie sich an den Montags-Demonstrationen beteiligen würden. Unberührt von einem Mißtrauensvotum seiner Mitarbeiter verharrt der alte Genosse am alten Platz.
Nach wie vor amtieren sieben Leipziger Medizinprofessoren, die bei einer Vertrauensabstimmung ihrer Mitarbeiter im letzten Herbst durchgefallen waren. So läßt sich der Chef der Chirurgischen Klinik, Siegfried Kiene, ebensowenig aus dem Amt jagen wie sein Kollege Peter Schwartze, Leiter des Physiologischen Institutes.
Schwartze, früher Volkskammerabgeordneter des Kulturbundes der DDR, stieß bei der Vertrauensabstimmung in seinem Hause sogar die Wahlurne um und verstreute den Inhalt auf dem Boden - voller Zorn über das absehbare Ergebnis.
Auch die "schwarzen Schafe im weißen Kittel" an der Ost-Berliner Uni-Klinik Charite machen weiter, wie die Studentenzeitung Unaufgefordert beklagt. Der "politische Despotismus" des Leiters der Chirurgischen Klinik, Helmut Wolff, bleibe offenbar folgenlos. Wolff zählte einst zu den Leibärzten Erich Honeckers; die Studenten halten ihn denn auch für einen Hochschullehrer, "dessen ethische Glaubwürdigkeit nicht erst seit dem Herbst dahin ist".
Im Dezember vergangenen Jahres begann die Humboldt-Uni mit der längst überfälligen Selbstreinigung. Die Fachbereiche richteten Ehrenausschüsse zur Überprüfung jedes Hochschullehrers ein. Außerdem sollen Personalkommissionen die Berufung neuer Professoren kontrollieren. Doch der Erfolg dieser Gremien scheint fraglich: Anfang Januar kam es bereits zum ersten Eklat, als sich herausstellte, daß die Personalkommission Medizin schon von alten SED-Kadern unterwandert war.
Auch die Leipziger Uni hat eine sogenannte Vertrauenskommission eingesetzt, die nach Stasi-Kontakten und Denunziationen forschen soll - eine fast unlösbare Aufgabe bei einer Zahl von etwa 6000 Uni-Mitarbeitern.
Um das Verfahren zu beschleunigen, empfiehlt der Vorsitzende der Kommission, der emeritierte Kinderchirurg Fritz Meißner, alle Professoren, die älter als 55 Jahre sind, "in die Wüste" zu schicken. Die hätten sowieso nur "die Ausstrahlung einer Taschenlampe". "Um die Jungen müssen wir uns bemühen", sagt Meißner, denn von den älteren sei "keiner unbelastet".
Die Vertrauenskommission überprüft derzeit die Theologen. Nur einer von ihnen, der Dozent Peter Zimmermann, hat sich bislang selbst als Stasi-Informant offenbart und ist sofort suspendiert worden. Um zwei weitere Hochschullehrer kursieren einschlägige Gerüchte. So wurden diverse Stasi-Karteien durchstöbert, bisher ohne Erfolg.
Völlig unstrittig ist dagegen die Stasi-Mitarbeit des Humboldt-Hochschullehrers Michael Brie. Der Wissenschaftler avancierte noch im vergangenen September zum Ordinarius für Sozialwissenschaften, trotz heftiger Proteste von Uni-Mitarbeitern.
Anderen Stasi-Mitarbeitern bietet die Humboldt-Universität einen dubiosen Sonderstudiengang an: Auf Kosten des Berliner Arbeitsamtes dürfen sich hier arbeitslose Hochschulabsolventen zu "Sozialtherapeuten" umschulen lassen. Jeder dritte Studiosus zählte zur Stasi - nun sollen die Spitzel zur Fürsorge wechseln.
Selbst der KGB-Agent Heinz Felfe steht noch auf der Gehaltsliste der Humboldt-Uni. Felfe, der als Leiter der Abteilung "Gegenspionage Sowjetunion" beim Bundesnachrichtendienst gearbeitet hatte und nach sechs Jahren Haft 1969 in die DDR abgeschoben worden war, amtierte bis heute als außerordentlicher Professor für Kriminalistik in Ost-Berlin. Mit dem Gehalt eines "Oberassistenten ohne Lehrauftrag" darf sich der KGB-Spion ganz der Forschung widmen.
Weiter im Uni-Amt ist auch der Stasi-Mann Michael Piek. Der ehemalige MfS-Agent hatte in den siebziger Jahren die Spionin Susanne Rau auf den damaligen Berliner Innensenator Heinrich Lummer angesetzt, um den Senator erpressen zu können. Jetzt ist Piek für die hochschulpädagogische Ausbildung an der Humboldt-Uni zuständig.
Im Geschacher um Posten und Pfründe können sich die alten Kader vor allem auf die von der Wende noch kaum erfaßte Hochschulbürokratie verlassen. So ließ die Personalabteilung der Technischen Universität Dresden bei Kündigungen die gebotenen Fristen verstreichen - und die gefeuerten Genossen klagten sich daraufhin wieder in ihre Planstellen.
Laut Brigitte Rehn, Mitarbeiterin in der Personalabteilung der Dresdner Uni, bestand die dortige Uni-Bürokratie zu 80 Prozent aus Stasi-Informanten. Vergeblich setzte sich Frau Rehn für einen Neuanfang in der Behörde ein.
Zuletzt wurde die Dresdnerin durch Drohanrufe traktiert: "Sie stecken Ihre Nase in Dinge, die Sie nichts angehen. Wenn Sie damit nicht aufhören, müssen Sie daran denken, daß Sie zwei kleine Kinder haben."
Brigitte Rehn hat ihren Job bei der Personalabteilung aufgegeben.

DER SPIEGEL 5/1991
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