22.07.1991

StasiHäufig zum Tee

Eine Spezial-Abteilung des einstigen DDR-Spionagechefs Wolf narrte westdeutsche Politiker und Geheimdienstler. Ex-Stasi-Offiziere schildern ihre schmutzigen Tricks.
Als zwei ehemalige Offiziere des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vergangene Woche im SPIEGEL aufdeckten, wie sie in den siebziger Jahren die spektakulären Telefonabhöraffären um Helmut Kohl und Franz Josef Strauß inszeniert hatten, reagierten Bonner Politiker zunächst zurückhaltend.
Das Bundeskanzleramt bewertete die Aussagen über die Stasi-Beteiligung an den Lauschaktionen, die 1975 und 1978 innenpolitische Beben ausgelöst hatten, als "möglicherweise zutreffend". Und Regierungssprecher Dieter Vogel kommentierte: "Ich erwarte aufgrund meiner Lebenserfahrung, daß in nächster Zeit noch weitere Stasi-Schweinereien enthüllt werden."
Eine zweite Offenbarung der beiden Oberstleutnants Günter Bohnsack, 51, und Herbert Brehmer, 56, die jahrzehntelang in der Abteilung X des DDR-Spionageapparats Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Markus Wolf gedient hatten, stieß auf wütenden Protest eines Betroffenen. Bohnsack und Brehmer hatten bekundet, die HVA habe 1972, vor dem gescheiterten Mißtrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt, auf Wolfs Weisung versucht, den CDU-Bundestagsabgeordneten Erich Mende, vormals FDP, zum Votum für Brandt zu bewegen.
Mende, 74, dessen Dementi ("Dieses Märchen habe noch nicht einmal ich gehört") bereits im SPIEGEL (29/1991) ausführlich zitiert wurde, erkannte nach Veröffentlichung des Berichts eine "einzige große Schmiere" und "freie Erfindung konspirativen Charakters". Gegen Bohnsack und Brehmer, grollte der Ritterkreuzträger und frühere Vizekanzler sogleich, werde er Strafantrag wegen Verleumdung stellen.
Ende vergangener Woche mochte Mende auf Rat "vieler Freunde" den Strafantrag dann doch nicht stellen: "Die Vorwürfe sind zu abstrus und zu widersinnig." Durch eine Anzeige würden die "Funktionäre der kriminellen Stasi des kommunistischen Zwangsstaates" nur aufgewertet. Mende zum SPIEGEL: "Niedriger hängen und der Verachtung anheimgeben."
Ob und welche Beziehungen es womöglich zwischen dem MfS und Mende gegeben hat, dürfte kaum noch mit letzter Sicherheit zu klären sein. Gewiß aber ist mittlerweile, daß Wolfs Agenten beim Mißtrauensvotum gegen Brandt und bei vielen anderen bundesdeutschen Polit-Spektakeln mitgemischt haben.
Eine Sonderrolle spielte dabei Wolfs Abteilung X (A X) unter Oberst Rolf Wagenbreth, 62, die seit 1966 systematisch den Klassenfeind im Westen desinformieren und destabilisieren sollte.
Bohnsack leitete in der A X das Referat 7 (Wirtschaft, Handel), Brehmer arbeitete im Referat 5 (Geheimdienste). Die beiden und mit ihnen rund fünf Dutzend Stasi-Spezialisten waren darauf gedrillt, vor allem Politiker und Geheimdienste in der Bundesrepublik mit allerlei Finten und gezielten Täuschungen in die Irre zu führen (siehe Seite 58).
Mit ihren dirty tricks, im Geheimdienstler-Deutsch "aktive Maßnahmen" genannt, verfolgte Wolfs Lieblingsabteilung mehrere Ziele: *___Bloßstellung und Diffamierung anderer Staaten, ____Regierungen, politischer Gruppen oder Einzelpersonen; *___Aufwiegeln der Bevölkerung gegen staatliche ____Institutionen sowie Störung und Beeinflussung der ____politischen Willensbildung in einzelnen Staaten; *___Störung der Beziehungen nichtkommunistischer Staaten ____untereinander, vor allem zwischen Ländern der ____sogenannten Ersten und Dritten Welt; *___Verunsicherung und Diskreditierung westlicher ____Nachrichtendienste.
Viele der abgefeimten Methoden, mit denen der Gegner verwirrt und mit sich selbst beschäftigt werden sollte, haben die Spionage-Profis Wolf und Wagenbreth in der Ost-Berliner Normannenstraße gemeinsam ausgeheckt.
Da fingierten unter falscher Flagge Aktivisten der A X Briefe, Informationsdienste und amtliche westdeutsche Dokumente. Die schickten sie auf Schleichwegen über die Grenze, danach per Post an ausgewählte Adressaten. Es wurden Studien, Bücher verfaßt und sogar Witze wie Gerüchte gestreut, denn, so Wagenbreth, "zuweilen bewirkt ein guter Witz mehr als zehn Leitartikel".
Stasi-Materialien wurden an wißbegierige Politiker und Journalisten auch direkt in der DDR übergeben. So spickte beispielsweise Brehmer als "MfS-Offizier Buchner" mehrfach Redakteure der Illustrierten Stern bei deren Besuchen mit vielfältigen Informationen. Diese Vorgänge werden von betroffenen Journalisten bestätigt.
Ein anderer Weg, Stasi-Papiere zu lancieren, führte über sogenannte legale Dächer in der DDR, deren MfS-Background im dunkeln blieb. Zu diesen Dächern zählten etwa das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats, die Presseabteilung des Außenministeriums, der DDR-Journalistenverband und verschiedene Archive. Dort bedienten "Inoffizielle Mitarbeiter" oder "Offiziere im besonderen Einsatz" die westliche Klientel.
So holten die Nazi-Jäger Beate und Serge Klarsfeld nach Stasi- und eigenen Angaben "mehrfach Akten aus Potsdam", um etwa die NS-Vergangenheit des einstigen CDU-Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger zu belegen. NS-Unterlagen aus dem Osten belasteten zudem den früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke wie den ehemaligen Verfassungsschutz-Präsidenten Hubert Schrübbers.
Gelegentlich war die Ost-West-Connection noch enger. So erhielten die Linksblätter Berliner Extradienst und Konkret, behaupten Bohnsack und Brehmer, außer Texten mitunter auch Geld von der Stasi.
Konkret-Gründer Klaus Rainer Röhl, der von 1955 bis 1973 das Blatt herausgab, kassierte laut Eigenbekenntnis unbefangen "Geldspenden" von befreundeten Genossen, "ohne die der Druck der Zeitung nicht hätte finanziert werden können". Röhl in seinem Buch "Fünf Finger sind keine Faust": "Sehr bald erfuhr ich, daß diese Gelder direkt aus der DDR kamen. Eine Gegenleistung für diese Hilfe wurde von der Partei nicht gefordert."
Während der SPIEGEL-Recherchen, ob diese Ost-Hilfe auch noch in der Nach-Röhl-Ära gewährt wurde, wie Bohnsack und Brehmer ohne Belege behaupten, ließ der jetzige Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza über die "ungeheuerlichen Vorwürfe" letzte Woche via seinen Anwalt mitteilen: "Die Darstellungen Ihrer Informanten sind falsch."
Einen außergewöhnlichen Clou landete die A X, so Bohnsack und Brehmer, 1973 gemeinsam mit dem Stern. Buchner alias Brehmer steckte einem Redakteur der Illustrierten zahlreiche Dokumente, die belegen sollten, daß der damalige Redaktionsdirektor des Konkurrenzblattes Quick, Heinz van Nouhuys, in den fünfziger Jahren für das MfS gearbeitet habe.
Der Stern, mit Zusatzinformationen aus Bonn und West-Geheimdiensten versehen, berichtete über den "Doppelagenten" Nouhuys, der außer für die Stasi auch für den Bundesnachrichtendienst (BND) tätig gewesen sei. Der folgende Rechtsstreit zwischen Nouhuys und Stern dauerte 14 Jahre, ohne daß die Richter der letzten Instanz die Wahrheit fanden.
Die Fronten sind unverändert. Bohnsack, Brehmer und der Stern bleiben bei ihrer Version; Nouhuys dementiert.
Nouhuys will zwar bei seiner journalistischen Arbeit beispielsweise einen Stasi-"Oberst Wagner" kennengelernt haben. Bei dem handele es sich, so Brehmer, "um den General Horst Jänicke, der den Fall geführt" habe. Doch eine Spionagetätigkeit für das MfS, sagt Nouhuys, habe es "nie gegeben", das sei "absoluter Quatsch".
Auch für den BND und dessen damaligen Chef Reinhard Gehlen will Nouhuys nicht nachrichtendienstlich tätig geworden sein. Allerdings, sagt Nouhuys, habe er den geheimnisumwitterten Spionageboß "sehr gut gekannt". Nouhuys: "Ich war häufig beim alten Gehlen zum Tee."

DER SPIEGEL 30/1991
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