22.07.1991

„Treffen auf der Parkbank“

Alle Journalisten, die häufig mit der DDR direkt zu tun hatten, also länger dort wirkten, wurden soweit wie möglich vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ausgeleuchtet. Wir haben ihre Lebensläufe abgeklopft, und ihre Daten waren selbstverständlich bei uns registriert. Alle in der DDR akkreditierten und tätigen westdeutschen Journalisten wurden überwacht und abgehört.
Auch sämtliche westlichen Journalisten, die sich in der Bundesrepublik mit Geheimdienstthemen befaßten, wurden in unserer Zentrale registriert. Wir wußten beispielsweise genau, wer zu Pressegesprächen beim Bundesnachrichtendienst eingeladen wurde. Sogar unsere tschechischen Kollegen haben uns mal eine Liste mit Namen von bundesrepublikanischen _(* Auf dem Gelände des Stasi-Ministeriums ) _(in der Normannenstraße. ) Journalisten übergeben, die angeblich geheimdienstliche Verbindungen hatten.
Der frühere Berliner SPIEGEL-Korrespondent Karlheinz Vater sollte einmal vom MfS angeworben werden. Da hatte so ein schlauer Werbefachmann aus unserem Laden, der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), in seiner schlesischen Einfachheit vorgeschlagen: Der Journalist Vater wird von uns unter einem Vorwand zum Berliner Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße bestellt. Daraufhin wird er in die konspirative Wohnung soundso geführt.
Auf der schriftlichen Vorlage hat der Chef - ratsch, ratsch - alles durchgestrichen und raufgeschrieben: "So wirbt man keinen Arsch." Damit war der Fall erledigt.
Jahrelang haben wir den fiktiven Pressedienst SPD intern herausgegeben, ein Monatsblättchen, fünf, sechs Seiten stark, das in weißer Schrift auf orangefarbenem Grund erschien. Die Auflage betrug circa 250 Exemplare.
Die gingen an lokale Parteigrößen, an einzelne Funktionäre und Abgeordnete auf Länder- und Bundesebene und auch an die Bundesgeschäftsstelle der SPD in Bonn. In Postkästen im Westen geworfen wurde der Dienst von Kurieren. Jeder von ihnen packte bei uns 60 bis 80 Stück ein, und dann ab in die Bundesrepublik.
Das Traktat war eine Mischung aus Fakten und frei ersonnenen Hintergrundinformationen sowie politischen Kommentaren. Wir gaben vor, Sprachrohr der innerparteilichen Opposition in der SPD zu sein. Damit begründeten wir, daß keine Kontaktadresse angegeben war.
Das Gegenstück, auf die Unionsparteien zugeschnitten, konzipierten wir im Rahmen einer Aktion "Schwarz". Die lief gut 20 Jahre und sollte reaktionäre, rechtsextreme Kräfte, eben alles Schwarze in Landsmannschaften, der NPD und im Untergrund bloßstellen. Mit dieser Zielrichtung verbreiteten wir den Dienst Die Mitte, nach dem gleichen Strickmuster wie beim SPD-Blatt: vertrauliche Substanz, gezielter Versand.
Ein weiterer Dienst sollte Opposition im Stabsoffizierskorps vortäuschen. Dieses Blättchen hieß Der Bund, Unterzeile "atlantisch-europäisch-kameradschaftlich". Der Bund wurde ebenfalls anonym an ausgewählte Offiziere der Bundeswehr verschickt.
Unsere Dienste unterschieden sich von spontanen Flugblättern dadurch, daß sie über einen längeren Zeitraum hinweg vortäuschten, politische Strömungen zu repräsentieren. Das setzte eine gute Informationsbasis voraus. Grundsätzlich haben wir bei solchen Maßnahmen die Erfahrungen Sefton Delmers, des britischen Propagandisten im Zweiten Weltkrieg, verinnerlicht.
Von ihm haben wir übernommen, daß vorgetäuschte Meinungen und Gruppenbildungen immer nur glaubhaft sind, wenn man Quellen erschließt, die direkt im Umfeld der Adressaten liegen. Die Wirkung beruht stets darauf, daß Leser die angebotenen Informationen aus eigenem Erleben bestätigen können.
Zu Beginn der siebziger Jahre veröffentlichte die Illustrierte Quick vertrauliche Papiere aus den Verhandlungen über die Ostverträge. Das waren gezielte Indiskretionen. Und die sorgten für erhebliche Irritationen in Moskau, Warschau und bei uns in der DDR. Wir überlegten daraufhin, wie wir künftig solche Entspannungstorpedos verhindern könnten.
Die Generalität kam auf eine Idee, die sonst bei Geheimdiensten verpönt ist. Der damalige Quick-Redaktionsdirektor Heinz van Nouhuys hatte in den fünfziger Jahren für das MfS gearbeitet. Bei uns hieß er "Nante". Seine Akten wurden aus dem Archiv geholt.
Es handelte sich um viele Bände mit Treffberichten und Informationen, die Nouhuys als Journalist im Westen abgeschöpft hatte. Über den Wert seiner Informationen konnte man sich natürlich streiten. Wir beschlossen, "Nante" zu enttarnen.
Die Unterlagen gaben auch Auskunft über seine Person und über seine zahlreichen damaligen Verbindungen. In den Akten fanden wir zudem Angaben über die Geldbeträge, die er von uns für seine Informationen bekommen hatte, einschließlich der teilweise mit Klarnamen abgezeichneten Quittungen.
Im Verlauf der Entlarvungsaktion des Quick-Redaktionsdirektors stellte sich heraus, daß Nouhuys beim Pullacher Bundesnachrichtendienst (BND) unter dem Decknamen "Handwerker" geführt wurde. Bei uns lief der Enttarnungsvorgang unter dem Begriff "Dschungel", den wir für Geheimdienstvorgänge hatten. Nouhuys wurde, wie früher schon, weiterhin "Nante" genannt.
Für die Enttarnungsaktion wählten wir das Quick-Konkurrenzblatt Stern, weil das politisch eine andere Richtung vertrat. Wir stellten einen Kontakt zum Stern her - Kodename "Pegasus". Damals recherchierte gerade Stern-Reporter Sepp Ebelseder in der DDR den Tod eines Geschäftsmannes, der auf einer Autobahn in der DDR unter angeblich mysteriösen Umständen tödlich verunglückt war. Ebelseder, der bei uns "Ebert" hieß, wurde nach Abschluß seiner Arbeit über das Außenministerium von uns angesprochen.
Er wurde gefragt, ob er nicht an einem wirklich spannenden Fall Interesse habe. So kam es zu einem direkten Kontakt zwischen uns und dem Journalisten. Ebelseder wurden von mir, Herbert Brehmer, Kopien der Akten über Nouhuys vorgelegt in der richtigen Annahme, daß der Stern auf eine solche Sensation sofort springen würde. Es gab mehrere Treffen allein in dieser Sache.
Tatsächlich brachte die Illustrierte im Oktober 1973 eine große Geschichte über den "Doppelagenten" Heinz van Nouhuys. Die Aktion hatte einen angemessenen Erfolg, Nouhuys verließ schließlich die Quick. Heute arbeitet Nouhuys, der gegen den Stern-Bericht geklagt hat und gegen die Illustrierte letztlich unterlegen ist, für das ostdeutsche Boulevardblatt Super.
Wir haben damals auch versucht, den Bonner Korrespondenten der Quick, Paul Limbach, zu belasten. Eine Agentin von uns pflegte als "Schwester Christa" Limbachs kranke Mutter und lebte mit ihm im gleichen Haus: Bonn, Wiesenweg 3. "Schwester Christa" hatte zahlreiche Informationen über Limbach zusammengetragen. Teile davon gingen auch an den Stern, aber die Aktion blieb wirkungslos.
Die Verbindung zum Stern lief über viele Jahre - von der Nouhuys-Enttarnung 1973 bis zu den sogenannten Hitler-Tagebüchern 1983. Ich habe den Kontakt zu den Journalisten gehalten.
Das erste Treffen fand 1973 mit dem Reporter Ebelseder im Ost-Berliner Hotel "Johannishof" statt. Ich stellte mich vor als "Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit, Buchner". Später kamen die Redakteure Rolf Gillhausen, Thomas Walde und Gerd Heidemann mit unterschiedlichen Wünschen zu mir. Geld ist bei diesen Kontakten nie geflossen.
Heidemann war Anfang der fünfziger Jahre, als er bereits gelegentlich für den Stern arbeitete, schon einmal an das MfS angebunden gewesen. Beispielsweise hatte er für uns 1953 bei den Weltjugendfestspielen in Bukarest fotografiert. Wir hatten da eine alte Akte, die ich einmal durchgesehen habe.
Walde hatte bei uns amtsintern den Decknamen "Kiefer". Heidemann nannten wir "Rose". Mit Walde habe ich mich so 12- bis 15mal getroffen. Das begann am Pfingstsamstag 1980 in Weißenfels, also zwischen Berlin und Erfurt, wo er Verwandte besuchen wollte, nach telefonischer Absprache. Wir haben uns im Freien unterhalten. Walde nannte das ein "Treffen auf der Parkbank".
Danach erschien an Waldes Stelle am 30. Juni 1980 Heidemann im Ost-Berliner "Palast-Hotel". Am 2. Juli 1980 kamen Walde und Heidemann, ebenso eine Woche später. Bei diesen Treffen war auch mein Kollege Peter Zabel anwesend. Da habe ich eine 28 Seiten starke Liste über Gliederung, Finanzierung und Postanschriften des Bundesnachrichtendienstes übergeben.
Woher die BND-Liste stammte, auf der auf jeder Seite 10 bis 15 Namen standen, weiß ich nicht. Ich gehe davon aus, daß wir die von drüben besorgt und unsere Leute dann entscheidende Namen herausgenommen haben, ** Peter-Ferdinand Koch: "Der Fund. Die _(Skandale des Stern". Verlag Facta ) _(Oblita, Hamburg; 832 Seiten; 56 Mark. * ) _(Nach einer Ohrfeige von Beate Klarsfeld ) _(am 7. November 1968 auf dem ) _(CDU-Parteitag in Berlin. ) um unsere eigenen Quellen dort nicht zu gefährden.
Die Liste landete erwartungsgemäß in Bonner Ministerien und bei den Geheimdiensten. Dort löste sie die erhoffte Verunsicherung aus und säte Mißtrauen zwischen den verschiedenen Ämtern. Die beschäftigten sich wieder mit sich selbst, unser Ziel war erreicht.
Danach, am 27. August 1980, kam es zu einem erneuten Treffen mit Walde und Heidemann. Am 12. Dezember reiste Heidemann allein an. Da ging es nur noch um die sogenannten Hitler-Tagebücher. Das meiste über diese Geschichte hat Heidemann später selbst für ein Buch zu Protokoll gegeben**.
Daß wir in der Hitler-Geschichte jahrelang zugeschaut haben, den Stern in der DDR fast frei recherchieren ließen und sich die Legende so verfestigen konnte, war ein Fehler von uns. Wir waren damals aber auch gespannt, was der Heidemann alles rausbekommt.
Ich war zwischendurch natürlich auch daran interessiert, von den Journalisten der Illustrierten Erkenntnisse über die westdeutsche Seite zu gewinnen. Aber da schwieg Heidemann weitgehend, und auch Walde war ziemlich verschlossen. Walde sagte, wenn ich mal nach seinen Kontakten zum Verfassungsschutz oder zum BND fragte, er wäre doch nicht verrückt, uns etwas darüber zu erzählen.
Den Berliner Extradienst, der Ende der sechziger Jahre und auch noch in den Siebzigern als ein Zentralorgan der außerparlamentarischen Opposition galt, haben wir massiv gefördert. Dessen Gründer Carl Guggomos, Deckname "Gustav", der beim SPD-Vorwärts gearbeitet hatte, geriet alsbald redaktionell wie materiell in Nöte.
Über zahlreiche ohnehin vorhandene Ostkontakte lief Guggomos dann beim DDR-Verband der Journalisten und damit auch bei uns auf. Guggomos und sein Extradienst hätten ohne unsere redaktionellen Beiträge und ohne unser Geld gar nicht leben können.
Die Journalistin Beate Klarsfeld war regelmäßig Kontaktfrau einer legalisierten Außenstelle des MfS. Frau Klarsfeld hat das belastende Material gegen den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bei uns abgeholt, mit dem sie dann seit 1967 Kiesingers NS-Vergangenheit anprangerte. Auch ihr Mann Serge war mehrfach bei uns. Die beiden haben stapelweise Dokumente von uns bekommen.
Ich erinnere mich gut, daß die Frau ein sehr antiautoritär erzogenes Kind mitbrachte, das immer in den Hotels randaliert hat. Alle Kollegen waren froh, wenn die Klarsfeld wieder abgereist war. Solche linken Bedarfsträger haben bei uns reihenweise vorgesprochen und, wenn möglich, auch immer Material bekommen.
Die Beeinflussung politischer Entwicklungen und Tendenzen durch uns hatte auch eine internationale Dimension.
So haben wir beispielsweise auf den Dauerstreit zwischen den Nato-Staaten Griechenland und Türkei eingewirkt. Bei uns landeten regelmäßig die Fernschreiben zwischen den diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik in Ankara und Athen sowie dem Bonner Außenministerium. In denen wurde laufend über die politische Lage berichtet. Durch geringfügige Verfälschung dieser Texte und Verbreitung der Neufassungen versuchten wir, die Konflikte zwischen der Türkei und Griechenland zuzuspitzen.
Zahlreiche Informationen über den griechisch-türkischen Raum erhielten wir auch vom bulgarischen Geheimdienst. Die wurden mit anderen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Erkenntnissen zu einem fiktiven Bericht eines erfundenen BND-Residenten mit dem Namen "Sokrates" verarbeitet und in griechische Regierungskreise lanciert.
Unser Ziel war, eine konspirative Zusammenarbeit zwischen dem BND und rechten griechischen Offizieren der damaligen Diktatur, der Junta, vorzutäuschen; auf diese Weise wollten wir Mißtrauen gegenüber der Bundesrepublik wecken.
Eine andere Aktion unter dem Kodenamen "Flanke" richtete sich gegen strategische _(* Bei ihrem Treffen am 31. Mai 1973 in ) _(der DDR. ) und rüstungspolitische Bestrebungen der Nato unter besonderer Berücksichtigung der Nord- und Südflanken. Durch Veröffentlichungen gelang es uns immer wieder, kleine Nato-Staaten gegen die USA aufzubringen.
In Dänemark und Norwegen etwa wurden kritische Parlamentsfragen initiiert. In Belgien benutzte und verbreitete die Antikriegsbewegung unser Material.
Etliche Aktenbände füllten Expertisen, Buchmanuskripte und Presseartikel, die wir im Zuge einer Aktion "Vorwärts" erarbeitet hatten. In typischen Krisengebieten wie Nahost, Südafrika, Lateinamerika, im asiatischen Raum machten wir gegen die wirtschaftliche Vorherrschaft westlicher Industrieländer Stimmung. Das entsprechende Material wurde über die Stützpunkte des Ostens verbreitet, also über Angola, Äthiopien, Mosambik, Ghana, Guinea, die Volksrepublik Kongo und Simbabwe, aber auch über nicht paktgebundene Staaten wie Kuba, Indien und Jugoslawien.
Ein äußerst langwieriges Projekt war die Aktion "Trojanisches Pferd", mit der die schwedische Monarchie wegen ihrer früheren Zusammenarbeit mit den Nazis in Verruf gebracht werden sollte.
Zur Ausarbeitung stand uns ein Kenner der nordeuropäischen Geschichte und Politik zur Verfügung, der Hunderte von Akten des Zentralarchivs Potsdam ausgewertet hat - der Altkommunist Kurt Vieweg. Weil er am Nordeuropa-Institut in Greifswald als Professor lehrte, brauchte er nicht einmal eine Legende.
Er hat ein Buch für uns geschrieben und das Manuskript Mitte der siebziger Jahre vorgelegt. Zu spät. Die Meinung in der politischen Führung der DDR war umgeschlagen. Nun hieß es, eigentlich sei das schwedische Königshaus doch recht progressiv eingestellt und solle - im Interesse künftiger Kontakte - besser nicht mit unrühmlicher Vergangenheit belastet werden. Deswegen ist das von uns initiierte Werk nie erschienen.
Autor Vieweg, während der Nazi-Zeit als Antifaschist in Dänemark eingesperrt, 1957 als Revisionist aus der SED ausgeschlossen und abermals inhaftiert, hat trotzdem Zeitgeschichte mitgeprägt. Er war es, der in den siebziger Jahren zu ersten Sondierungsgesprächen mit dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Herbert Wehner, auf die Reise geschickt wurde und den Boden für Wehners Besuch 1973 bei Erich Honecker bereitet hat.
Über Innenleben und Aktivitäten der westdeutschen Nachrichtendienste waren wir, jedenfalls punktuell, gut im Bilde, speziell über den Bundesnachrichtendienst in Pullach unter General a. D. Reinhard Gehlen, der von 1955 bis 1968 amtierte.
Wir besaßen beispielsweise Informationen über Waffenverkäufe des BND in den arabischen Raum. Eine kleine spezialisierte Arbeitsgruppe einer anderen Abteilung in der HVA hatte eine rund 1000 Seiten starke Übersicht erarbeitet. Darin waren die Lebenswege untergetauchter SS- und Geheimdienstleute nach 1945 aufgezeichnet, ihre Tarn- und Decknamen sowie ihre Aktivitäten in Wirtschaft, Politik und Spionage. Dieser Leute hat sich der BND bei seinen obskuren Geschäften bedient.
Auch die BND-internen "Hausmitteilungen" erhielten wir regelmäßig, zuvor übrigens abgezeichnet von unserem jetzt in München angeklagten Ex-Kollegen Generalmajor Harry Schütt, Leiter der HVA-Abteilung IX (Gegenspionage). Und wir verfügten auch über einen internen Verteiler, aus dem hervorging, welche Bundespolitiker vom BND bevorzugt informiert, nur oberflächlich informiert oder so gut wie gar nicht unterrichtet wurden.
Gehlen selbst war militanter Antikommunist. Sogar den Eurokommunismus begriff er nur als fünfte Kolonne Moskaus. So hatte er Mitte der sechziger Jahre in Italien Gespräche zwischen der SPD und der italienischen KP abhören lassen, die der Vorbereitung von Kontakten zwischen SPD und SED dienen sollten.
Von Gehlens Grundeinstellung und Denkweise erfuhren wir einiges über seine Tochter Katharina. Sie studierte in Portugal und lernte dort eine gleichaltrige Studienkollegin kennen, die bei uns angebunden war.
Diese Freundin, Deckname "Wanda", verkehrte in den Ferien und aus etlichen anderen Anlässen im Hause Gehlens am Starnberger See und hat dann Technik benutzt - Mikrofon am Körper oder auch wo rangeklebt. Jedenfalls wurden Privatgespräche daheim und beim Segeln aufgezeichnet, in denen natürlich auch Politik eine Rolle spielte. Gehlens Abneigung gegenüber den USA beispielsweise war nicht zu überhören.
Diese Aktion hat sich immerhin über einige Jahre hingezogen. So lernten wir die ganze Gehlen-Verwandtschaft kennen, die ja auch von den SPIEGEL-Redakteuren Heinz Höhne und Hermann Zolling in ihrer Serie "Pullach intern" 1971 beschrieben worden ist.
1967 wurde entschieden, unsere Abteilung X, später dort speziell das Referat 5, solle die bundesdeutschen Geheimdienste gezielter angehen. So eröffneten wir den Objektvorgang "Dschungel" XV/2139/67. Er betraf die bundesdeutschen Dienste insgesamt und war der übergeordnete Deckname für alle Maßnahmen gegen sie.
Ganz oben auf dem Index aber stand wiederum der damals bereits 65jährige Gehlen, mit dessen Pensionierung der BND zwangsläufig ins Schleudern geraten mußte. Die meisten der leitenden Mitarbeiter im BND waren Gehlens Weggefährten aus der Wehrmacht, oder sie kamen aus der Abwehr-Abteilung in Hitlers Reichskriegsministerium unter Admiral Wilhelm Canaris. Mit der Reformierung des Dienstes durch einen neuen Chef schienen Konflikte unvermeidbar. Die wollten wir nutzen.
Nach Gehlens Abgang Ende April 1968 reagierten wir sofort mit Informationen an vermutlich interessierte Adressaten mit unterschiedlichem politischen Standort. Die meisten waren offensichtlich froh, qualifizierte Ausarbeitungen über die Zustände im BND auf den Tisch zu bekommen, und fragten nicht lange und laut nach dem Absender.
Wir argumentierten "um die Ecke", kritisierten die Reformpolitik der Sozialdemokraten und die lasche Haltung des neuen BND-Präsidenten Gerhard Wessel. Der habe sich zu schnell angepaßt und es sogar hingenommen, daß der ehemalige Geschäftsführer der SPD in Hamburg, Dieter Blötz, Vizepräsident wurde. Wir bezeichneten Wessel als Versager und zogen Analogien zur Entmachtung des Canaris-Dienstes unter Hitler.
Die Aufmerksamkeit für die Infos erhöhte sich schlagartig durch eine aufsehenerregende Selbstmord-Serie im Herbst 1968.
Am 8. Oktober, gut fünf Monate nach Wessels Amtsantritt, erschoß sich General Horst Wendland in seinem Dienstzimmer. Nur drei Stunden später tötete sich der Flottillen-Admiral Hermann Lüdke in der Eifel mit einem Jagdgewehr. Die Ermittlungen ergaben, daß er heimlich Nato-Dokumente fotografiert hatte.
Am 15. Oktober erhängte sich Regierungsdirektor Hans-Heinrich Schenk aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Und am 18. Oktober wurde die Leiche des Oberstleutnants Johannes Grimm vom Führungsstab der Bundeswehr gefunden. Auch ein türkischer Militär bei der Nato beging Selbstmord. Alles reiner Zufall?
Natürlich kam die Version auf, daß diese Leute Spione des Ostens gewesen seien. Dagegen machten wir massiv Front, weil es nicht stimmte. In unseren Analysen stellten wir deutlich den Verdacht heraus, daß die Männer für die amerikanische CIA beziehungsweise für einen anderen westlichen oder den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet hätten.
Lüdke jedenfalls, von dem bis heute offiziell niemand wissen will, wem er gedient hat, war offensichtlich beim französischen Geheimdienst angesiedelt. Für ihn sollen insgeheim Honorare auf eine französische Bank überwiesen worden sein.
Mit solchen Informationen versorgten wir auch den dann gebildeten parlamentarischen Untersuchungsausschuß, in dem alle Bundestagsparteien wohl nur das Interesse verfolgten, die Hintergründe der Affären möglichst ohne Presserummel zu bewältigen. Unsere Materialien haben die Herren wahrscheinlich darin noch bestärkt.
Weil Israel verständlicherweise seit jeher empfindlich auf bundesdeutsche Waffengeschäfte mit Arabern reagierte, haben wir 1969 eine Operation in Italien eingefädelt, um israelisches Mißtrauen gegen Bonn zu verschärfen. Wir täuschten in Mailand die Flucht eines deutschen Agenten vor, der im BND für die Israelis spioniert habe.
Unser Mann erhielt von uns vorbereitete geheime Dokumente aus dem BND und der Bundeswehrführung über Waffengeschäfte. Er mietete sich in einem exklusiven Hotel in Mailand ein und benahm sich betont auffällig konspirativ. Er führte zahlreiche Telefonate, nach Frankfurt am Main und mit Pullach beispielsweise, um beim Hotelpersonal in Erinnerung zu bleiben.
Danach verließ er fluchtartig das Hotel und hinterließ in seinem unaufgeräumten Zimmer die von uns gefertigten Papiere. Auch seine Schreibmaschine blieb zurück. Die italienischen Sicherheitsbeamten beschlagnahmten das gesamte Material und registrierten aufmerksam auch die Spuren dafür, daß der Agent im Badezimmer Papiere vernichtet hatte.
In ihrem Bericht hieß es, der Mann sei nach einem Anruf sehr nervös Hals über Kopf aus dem Hotel getürmt und seither nicht mehr gesehen worden. Wir rechneten damit, daß die italienischen Sicherheitsbehörden den BND unterrichten würden und daß auch der israelische Geheimdienst Wind von der Sache bekäme. Die Aktion hat tatsächlich, wie wir feststellen konnten, lange Zeit in unserem Sinne nachgewirkt.
Üblicherweise haben wir unsere Papiere bei Treffs in der Bundesrepublik und Westeuropa an den Mann gebracht. Sie wurden auch anonym verschiedenen deutschsprachigen Presseorganen und Politikern zugeschickt, von denen wir wußten, daß sie sich mit Geheimdiensten beschäftigten. Am liebsten hätten wir ja auch den SPIEGEL regelmäßig bedacht. Aber dort wären unsere Produkte wohl kaum ohne gründliche Prüfung verwertet worden, und womöglich wären wir noch aufgeflogen. *HINWEIS: Ende
* Auf dem Gelände des Stasi-Ministeriums in der Normannenstraße. ** Peter-Ferdinand Koch: "Der Fund. Die Skandale des Stern". Verlag Facta Oblita, Hamburg; 832 Seiten; 56 Mark. * Nach einer Ohrfeige von Beate Klarsfeld am 7. November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Berlin. * Bei ihrem Treffen am 31. Mai 1973 in der DDR.

DER SPIEGEL 30/1991
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