19.08.1991

GESTORBENHans Gerling

76. Kalt kann es ihn nicht gelassen haben, daß sich der als Bote getarnte Günter Wallraff 1973 in respektloser Manier auf den Schreibtisch des Konzernherrn hingelümmelt filmen ließ. Doch Gerling schluckte den Affront und hielt still. Der Chef des drittgrößten deutschen Versicherungskonzerns, der sein filigran verzweigtes Unternehmen in feudalem Ambiente und absoluter Alleinherrschaft führte, mied öffentliche Turbulenz. Ein Jahr später steckte er mittendrin. Der Herstatt-Skandal, der 1974 die Kreditszene aufwühlte, riß Gerling mit. Rechtlich war der Versicherungsunternehmer, dem über 80 Prozent der Herstatt-Bank gehörten, nicht zu belangen. Doch der Tribut, den Gerling widerwillig zahlte, war härter: Um den Konzern vor dem Konkurs zu bewahren, mußte er die Alleinherrschaft über sein Lebenswerk abgeben. Getrieben von der Idee, daß nur er selbst das vom Vater übernommene Unternehmen führen könne, gelang dem stillen Taktiker mit der Samurai-Miene 1986 die beharrlich vorbereitete Rückkehr zur alleinigen Macht. Hans Gerling starb am vergangenen Mittwoch in Köln an Herz-Kreislauf-Versagen.

DER SPIEGEL 34/1991
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