15.04.1991

„Wie können wir weiterleben?“

Fünf Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl - doch nicht nur ihretwegen - hat die radioaktive Verseuchung in der Sowjetunion ein kaum vorstellbares Ausmaß angenommen. Gabriel Schoenfeld, Rußland-Experte am Center for Strategic and International Studies in Washington, hat die Kernenergie-Probleme untersucht.
Vor 150 Jahren schrieb der Philosoph Pjotr Schaadajew, daß "wir zu jenen Nationen zählen, die irgendwie nicht zur Menschheit gehören, sondern nur dazu da sind, der Welt eine Art schrecklicher Lektion zu erteilen".
Der schier endlose Strom von Umwelt-Horrorgeschichten aus der sowjetischen Atomtechnologie macht deutlich, daß die Sowjetunion dabei ist, der Welt in dieser Serie von schrecklichen Lehren eine weitere zu erteilen.
Die neuesten Berichte aus der UdSSR zeigen, daß die jahrzehntelange totale Abschottung der sowjetischen Atomindustrie und das Fehlen jeder öffentlichen Kontrolle zu einer Umweltverschmutzung geführt haben, deren Folgen sich kaum ein Sowjetbürger mehr entziehen kann.
Mittlerweile räumen sogar sowjetische Behörden ein, daß "die ganze UdSSR in eine nukleare Abfallhalde verwandelt wird". Auch wenn man die russische Schwäche für sprachliche Übertreibung berücksichtigt, machen die jüngsten Enthüllungen in der immer freimütigeren sowjetischen Presse klar, daß die Probleme auf dem Sektor der atomaren Verseuchung, aber auch der Sicherheit der Atomkraftwerke weiterhin außergewöhnlich ernst sind.
Danach gab es im Jahr 1989, dem ersten, für das die UdSSR Monatsstatistiken und einen Jahresbericht über die Leistung der Kernkraftwerke veröffentlichte, 118 ungeplante Abschaltungen und 100 "außerplanmäßige Kapazitätsreduzierungen" - angeblich ein "Rückgang" gegenüber dem Jahr 1988, für das aber keine Zahlen bekannt sind.
Ein Viertel aller Abschaltungen betrafen das Kernkraftwerk von Balakowo, das in der Nähe eines Seitenarms eines der größten Wasserreservoire der UdSSR liegt. Als Ursache für die Abschaltungen führten die Behörden an, das Personal habe "seine Arbeit nicht einwandfrei gemacht", und neben "Schwachstellen im Betriebsablauf", sei auch die "Trägheit der Betriebsleiter" schuld.
Eine hohe Abschaltrate könnte ein positives Anzeichen sein, wenn sie bedeuten würde, daß die Behörden nun bereit sind, der Sicherheit zuliebe auf Leistung zu verzichten. Die sowjetischen Berichte deuten jedoch darauf hin, daß die Hauptursachen für die Abschaltungen, neben Konstruktionsmängeln, eben jene Fehler sind, die auch zur Katastrophe von Tschernobyl geführt haben: mangelnde Aufsicht, schlechte Wartung und unzureichende Koordination.
Ein besonders folgenschwerer Zwischenfall ereignete sich im Juni 1989 in einem Kernkraftwerk nahe der Stadt Kursk. Dort trat wegen "Fahrlässigkeit der Belegschaft" radioaktives Wasser aus einem Kühlkreis aus, überflutete den Boden des Reaktorgebäudes und Teile des umliegenden Areals.
Die Statistik der ersten sechs Monate des Jahres 1990 zeigt, daß sich die Situation verschlechtert hat. Die Zahl der planmäßigen Abschaltungen stieg gegenüber 1989 um 15 Prozent, vor allem infolge von "Personalfehlern und Mängeln der technischen Ausrüstung".
Im Juli mußte der Reaktor von Smolensk, ein Meiler vom Tschernobyl-Typ, wegen eines Kabelbrandes abgeschaltet werden. Der Direktor der Anlage befürchtet, daß die elektrische Ausrüstung den Sicherheitsnormen nicht genügt. "Sehen Sie", sagt er, "im Ausland würde das Kabel durch feuerbeständige Materialien isoliert sein; aber hier verwenden wir Ölpapier wie in alten Zeiten, ein bißchen Überhitzung, und schon qualmt es."
Die sowjetische Presse hat über bislang geheimgehaltene Baumaßnahmen berichtet, die seit 15 Jahren unter dem Decknamen "Baustelle 27" nahe der sibirischen Stadt Krasnojarsk vorangetrieben werden. Hier soll ein unterirdisches Endlager für abgebrannte Brennelemente aus Atomreaktoren, auch solche aus dem Ausland, angelegt werden. Zu diesen Anlagen gehört ein Tunnel direkt unter dem Jenissej, einem der größten Flüsse Sibiriens.
Nach einer Meldung von Radio Moskau haben sowohl Wissenschaftler wie auch örtliche Mitglieder des Obersten Sowjets der UdSSR wegen der möglichen Verseuchung des Flusses gegen diesen Plan Einspruch erhoben. Außerdem sprächen "die Nähe einer Großstadt und die mögliche Gefahr von Erdbeben in diesem Gebiet" gegen den Endlagerplan. Den Bewohnern in der Nähe der Endlagerstätte hatten die Behörden als Ausgleich die Ansiedlung einer riesigen Schweinemastfabrik und andere Vergünstigungen zugesagt.
Nach Radio Moskau haben mehr als eine Million Menschen aus diesem Gebiet sich für einen Baustopp beim Endlagerprojekt ausgesprochen.
Ein "steiler Anstieg an Krebserkrankungen", so haben die Behörden jetzt zugegeben, war in den letzten Jahren im hohen Norden der Sowjetunion zu verzeichnen, jenem Gebiet, in dem in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre zahlreiche oberirdische Atombombenversuche vorgenommen wurden.
Leberkrebs wurde bei der Bevölkerung in diesem Bereich, wie die Moskauer Nachrichten schrieben, zehnmal so häufig registriert wie sonst durchschnittlich in der Sowjetunion, die Sterberate infolge Speiseröhrenkrebs sei dort sogar "die höchste in der Welt". Die Zahl der Leukämie- und Magenkrebsfälle hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. "All dies", so die Moskauer Nachrichten, habe "zu einer erheblichen Abnahme der Lebenserwartung und einem Anstieg der Kindersterblichkeit bei der einheimischen Bevölkerung" geführt.
Auch in Kasachstan wurden von 1949 an über ein Jahrzehnt lang oberirdische Atombombenversuche durchgeführt. Auch dort hat die Bevölkerung in der Nähe des Versuchsgeländes bei Semipalatinsk immer noch unter den gesundheitlichen Folgen der Versuche zu leiden. Die Zeitung Iswestija berichtete, daß sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung in diesem Gebiet gegenüber den beiden vorherigen Jahrzehnten um durchschnittlich drei Jahre verringert hat. Die Hälfte der untersuchten Bevölkerung leide an "Semipalatinsk-Aids", einer Krankheit, die durch eine "drastische Schwächung des Immunsystems" gekennzeichnet sei.
In der sibirischen Stadt Nowosibirsk erstellten die Behörden, um die Öffentlichkeit zu beruhigen, eine Strahlenkarte und ließen sie verteilen. Die Karte, unter Einsatz eines Hubschraubers mit Strahlungsmeßgeräten an Bord ausgearbeitet, wies 84 verschiedene "Strahlungsanomalien" auf. Bei 14 davon handelte es sich um radioaktive Ampullen aus wissenschaftlichen und gewerblichen Betrieben, die eigentlich in einem radioaktiven Sondermüllager hätten entsorgt werden müssen, jedoch "hirnlos und fahrlässig" auf die Straße oder in Hinterhöfe geworfen worden waren.
Bei weiteren Anomalien handelte es sich um Folgen des weitverbreiteten Diebstahls von Staatseigentum. Langfinger hatten sich mit "radioaktiven Mauersteinen, Balken, Schieferplatten und Metall" davongemacht und das Material für den Bau von Schuppen und Privathäusern oder zur Anlage von Gartenbeeten verwendet. Eine Gemüseanbau-Kooperative benutzte zur Bewässerung ihrer Felder Wasserrohre, die aus einem Industrieunternehmen geklaut worden waren. Dort waren jahrelang radioaktive Substanzen durch die Röhren gepumpt worden. Über viele Jahre hatten die Gärtner ihr Gemüse mit Wasser besprüht, das Radium-226-Rückstände enthielt.
In der Neun-Millionen-Stadt Moskau sind neun Forschungsreaktoren in Betrieb. "Diese Zahl wird hier zum erstenmal genannt", hieß es in einem Bericht des sowjetischen Fernsehens. Obwohl es auch in Ballungszentren der westlichen Welt Forschungsreaktoren gibt, war die sowjetische Bekanntmachung Grund zu besonderer Unruhe. Der Bericht stellte fest, daß gegenwärtig "der Strahlenschutz für die Moskauer Bevölkerung eines der wichtigsten und entscheidendsten Themen ist" und daß die Behörden eine systematische Erfassung der Strahlenwerte in der Stadt und deren Veröffentlichung erwägen. Die Sendung berief sich auf eine kurz zuvor abgehaltene Vollversammlung des Stadtkomitees der Kommunistischen Partei Moskaus, in deren Verlauf die "Strahlensituation in der Hauptstadt heftig diskutiert wurde".
In der Tat hat sich unlängst in der Umgebung Moskaus eine "Strahlenkatastrophe" (so der von Radio Moskau gebrauchte Ausdruck) ereignet. Während einer Routinekontrolle wurde in einem Moskauer Vorort eine Zone "hoher Strahlenbelastung" entdeckt. Als Quelle der Strahlung fand man 200 Tonnen radioaktiven Metalls, die auf dem Gelände der Buntmetall-Verarbeitungsanlage von Podolsk abgeladen worden waren. Jeder zweite der Aluminium-Schmelzöfen der Anlage war bereits radioaktiv verseucht, die sowjetischen Eisenbahner weigerten sich, wie das Moskauer Fernsehen berichtete, die Produkte des Werkes noch zu verladen. Angrenzende Fabriken stellten die Arbeit ein.
Erstmals wurden nun auch Informationen über zehn Störfälle in sowjetischen Kernkraftwerken freigegeben, die sich zwischen 1964 und 1985 ereignet hatten. Bei einigen dieser Zwischenfälle gab es Tote, und es wurden erhebliche Mengen an Radioaktivität an die Umwelt abgegeben: *___Bei einem Bruch im Kühlkreislauf eines Leningrader ____Atomkraftwerks wurde "hochradioaktives Wasser" in die ____Umwelt entlassen, drei Menschen starben. *___Infolge eines Materialfehlers im Reaktorkern desselben ____Leningrader Reaktors wurden im Oktober 1975 eineinhalb ____Millionen Curie "hochradioaktiver Radionuklide" über ____eine Entlüftungsleitung an die Umwelt abgegeben. ____Schweden und Finnland fragten damals bei der ____sowjetischen Regierung nach, da in ihren Ländern ____erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden. *___Im Reaktorkern des Kraftwerks von Belojarsk schmolz im ____Jahre 1977 bei einem Störfall die Hälfte der ____Brennelemente. In der sowjetischen Darstellung wird ____keine Ursache für diesen Störfall genannt. Fest steht ____jedoch, daß die Reparaturen etwa ein Jahr dauerten, ____während dieser Zeit war "das Personal der Anlage einer ____überhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt". *___Am 31. Dezember 1978 löste sich eine Platte aus der ____Decke des Turbinenraums derselben Anlage, sie fiel in ____den Turbinenöltank, es entwickelte sich ein Brand, der ____auch den Hauptkabelstrang für die Steuerung des ____Reaktors erfaßte. Dem sowjetischen Bericht zufolge ____verlor das Bedienungspersonal die Kontrolle über den ____Reaktor. Bei dem Versuch, den Reaktor abzukühlen, ____"wurden acht Personen einer Überdosis ausgesetzt". *___In einem armenischen Kernkraftwerk explodierte im ____Oktober 1982 ein Stromgenerator. Da der Turbinenraum in ____Brand geriet, "verließ der Großteil des ____Bedienungspersonals die Anlage panikartig, wobei man ____den Reaktor ohne Aufsicht ließ". Um "den Reaktor zu ____retten", wurden Arbeiter von einem anderen ____Kernkraftwerk eingeflogen. *___14 Menschen starben, als aus einem kaputten ____Sicherheitsventil im Balakowo-Atomkraftwerk ____nahe der Wolga am 27. Juni 1985 Heißdampf austrat. Der ____Unfall entstand durch "ungewöhnliche Eile und ____Nervosität infolge von Fehlern des unerfahrenen ____Bedienungspersonals".
Die Folgen des Tschernobyl-Unglücks bleiben das größte Problem auf dem Gebiet der Strahlenverseuchung für die Sowjetunion. Die Hindernisse bei der Entgiftung der betroffenen Gebiete sind gewaltig, und es bleibt zweifelhaft, ob die Sowjetunion je in der Lage sein wird, dabei entscheidende Fortschritte zu machen. Ein Blick auf die riesigen Kostenvoranschläge, die in den USA für die Entgiftung der durch die militärische Atomwaffenproduktion verseuchten Areale gemacht wurden (SPIEGEL 2/1991), läßt erkennen, warum ähnliches für die Sowjets nahezu unmöglich sein dürfte.
Auf einen Betrag von 100 bis 200 Milliarden Dollar werden die Entgiftungskosten für die durch amerikanische Atomwaffenfabriken verursachte Verseuchung geschätzt - eine Summe, die dem derzeitigen Jahresdefizit im US-Bundeshaushalt entspricht. In der Sowjetunion sind aber nicht nur die Entseuchungsprobleme nach allem, was man weiß, weit gravierender als in den USA, auch die staatlichen Haushaltsdefizite betragen ein Vielfaches der amerikanischen. Selbst wenn auf irgendeine wundersame Weise Mittel zur Bekämpfung der Umweltnöte in der Sowjetunion bereitgestellt werden könnten, sähen sich die Strahlenentseucher in erbitterter Konkurrenz zu all jenen, die angetreten sind, andere gewaltige sowjetische Umweltprobleme zu lösen - nichtatomare Umweltprobleme, deren schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Bürgern und deren ökonomische Nachwirkungen zumindest in der nächsten Zukunft weit größer sein dürften als jene atomaren Ursprungs (SPIEGEL 48/1990).
Im Gegensatz zu den meisten Umweltgiften der Industrie, die man sehen oder zumindest riechen kann, ist die Verseuchung durch Strahlen unsichtbar. Die durch eine allgemeine Erhöhung des Strahlenpegels zu erwartenden zusätzlichen Krebsfälle abzuschätzen oder gar zu zählen, bleibt ein statistischer Kunstgriff mit allen Ungewißheiten dieser Wissenschaft. "Die Fehler in dieser Art Rechnung müssen zwangsläufig erheblich sein", sagt der Biophysiker Dmitrij Grodsinski, ein Mitglied der ukrainischen Akademie der Wissenschaften.
Angesichts all der anderen Anforderungen an die Ressourcen des Sowjetreiches, der gewaltigen Probleme, die dringende Aufmerksamkeit erfordern, und nicht zuletzt wegen des Tatbestandes, daß die durch radioaktive Strahlen induzierten Gesundheitsschädigungen meist erst in der ferneren Zukunft auftreten, wäre es nicht überraschend, wenn die Sowjets vorerst nur ganz begrenzte Anstrengungen bei der Strahlenentseuchung unternähmen und es vorzögen, die Bevölkerung mit erhöhten Strahlenwerten leben zu lassen.
Eine nüchterne Betrachtung der vorliegenden Fakten läßt darauf schließen, daß dies offenbar die Richtung ist, für die sich die sowjetischen Behörden entschieden haben oder in die sie auch von den Umständen gezwungen werden.
Zwar werden in den am schwersten verseuchten Gebieten immer noch Bäume und Häuser abgewaschen, Straßen neu asphaltiert und radioaktive Erdmassen tiefer eingegraben. Auch die Evakuierung von Dörfern, die in Zonen besonders hoher Strahlung liegen, wird fortgesetzt. Aber andererseits zeigen gerade Berichte aus Belorußland, wo ein Fünftel der Fläche durch den Tschernobyl-Unfall verseucht wurde, daß die Behörden häufig vor der unsichtbaren, ungewissen Gefahr kapitulieren.
Die Entsorgung hat sich hauptsächlich auf die Entseuchung von Siedlungen konzentriert, das verseuchte Ackerland wird dort weiterhin genutzt. Die radioaktiv strahlenden Äcker werden mit gewöhnlichen Traktoren bearbeitet, weil - so erklärte es der Erste Stellvertretende Vorsitzende des belorussischen Rates - nur 825 Traktoren mit "rundum geschlossenem Fahrerhaus" geliefert wurden, "was um ein Vielfaches unter dem Bedarf liegt". Außerdem seien diese Traktoren "auch noch ohne Luftfilter".
Drei führende sowjetische Physiker bestätigen in der Prawda, daß "die Anzahl der vorhandenen Landmaschinen mit luftdichten Kabinen absolut unzureichend ist . . . es gibt wenig Spezialkleidung, es fehlen Duschen . . ." Die Folge dieser Mängel seien "zusätzliche Belastungen und das Mitschleppen von radioaktiven Stoffen in die Wohnräume". Mit der Nutzung verseuchten Ackerlandes wird auch die Lebensmittelversorgung gefährdet, die Nahrung wird Gegenstand offizieller Sorge und eine Quelle weitverbreiteter Angst.
Ein Problem beispielsweise ist, daß "strahlenverseuchte" Rinder in "sauberen" Gebieten grasen dürfen. Das hat zur Folge, daß "immer mehr Land durch ihren Dung kontaminiert wird". Ein weiteres Problem stellen nach Meinung des Biophysikers Grodsinski die "Hunderttausende von Enten" dar, die im Sperrgebiet von Tschernobyl aufgetaucht sind. Die Enten fliegen von dort "in die verschiedensten Gebiete".
Aber es sei "für die Gesundheit der Bevölkerung nicht wünschenswert, radioaktives Wild zu essen", stellt er fest. Grodsinski schlug vor, jedermann mit Dosismeßgeräten auszustatten, wie "die Japaner, die mit dem Geigerzähler auf den Markt gehen und dort die Radioaktivität von Kohl und Fischen messen". Der Wissenschaftler hält es für sehr wahrscheinlich, daß derzeit vielerorts "unkontrollierte, aber stark verseuchte landwirtschaftliche Produkte auf den Tisch kommen".
Ein solches Produkt sind vor allem Pilze, die ohnehin dazu neigen, Radioaktivität in besonderem Maße zu absorbieren. So stieg zwischen 1986 und 1988 der Umsatz getrockneter, aus dem hochverseuchten Naroditschi-Gebiet der Ukraine stammender Pilze von 1,3 Tonnen jährlich auf 9,4 Tonnen. Die Pilze werden auf der Krim ebenso verkauft wie im Raum Krasnodar.
In einem Labor in Nowosibirsk fingen Strahlungsdetektoren an auszuschlagen, als das Laborpersonal sich einen Tee aufbrühte, der ihnen als Mischung von georgischem und indischem Tee verkauft worden war. Aber der Tee erwies sich als eine "Mischung georgischen Tees mit besonderer Qualität". Zu seinen Inhaltsstoffen zählten das radioaktive Cäsium 137 und Cäsium 134, Stoffe, die 1986 aus einer Tschernobyl-Wolke auf eine georgische Teeplantage abgeregnet waren.
Die Kühlräume in vielen russischen Fleischkombinaten sind nach den Angaben Wassilij Jakowenkos, eines Mitglieds des Zentralkomitees der belorussischen Kommunistischen Partei, "mit strahlenverseuchten Schlachtkörpern des Jahrgangs 1986 vollgestopft". "Zehntausende von Tonnen dieses gefährlichen Fleisches" seien als Nahrungsmittelzusätze verwendet worden.
Die Behörden geben zu, daß von August 1986 bis März 1989 "Cäsiumverseuchtes Fleisch" aus hoch strahlenbelasteten Regionen in der Nähe Tschernobyls nach Jaroslawl geschickt wurde. Dort wurde es einer ahnungslosen Öffentlichkeit verkauft. 800 Tonnen des radioaktiven Fleisches wurden "zu unterschiedlichen Anteilen" mit unverstrahltem Fleisch versetzt und zu "radioaktiver Wurst" verkocht. Das Gesundheitsministerium genehmigte das Verfahren, aber alle schriftlichen Unterlagen in diesem Zusammenhang wurden mit dem Geheimhaltungshinweis "nur für den Dienstgebrauch" versehen.
Einen Teil des radioaktiv verseuchten Fleisches und der sonstigen landwirtschaftlichen Produkte lassen die Behörden verfaulen. Dmitrij Popow, der in der sowjetischen Presse als eine "maßgebliche Autorität" für radioaktiven Fallout gilt, hält dies jedoch für ein "Verbrechen". Derartiges Fleisch, so Popow, könne man "versetzt mit unverstrahltem Fleisch und sonstigen Bestandteilen verarbeiten und auf den Tisch des Arbeiters bringen".
Popow ist auch empört darüber, daß unlängst in Moskau ein Güterzug voll Kartoffeln zurückgewiesen wurde, als die Strahlenmeßgeräte beim Überprüfen "den Anzeigebereich sprengten". Im vergangenen Jahr, sagt Popow, habe Moskau wegen solcher "Ignoranz ohne Kartoffeln auskommen müssen". Die Lage bessere sich jedoch, "es kostete uns einige Mühe zu beweisen, daß die Cäsiumkonzentrationen in den Kartoffeln praktisch gleich Null waren. Man muß einfach die Erde abwaschen, wie es jede _(* Oben: Illustrationen aus einer ) _(sowjetischen Strahlenschutzbroschüre; ) _(unten: 70 Kilometer nördlich von ) _(Tschernobyl. ) Hausfrau vor dem Kartoffelschälen tut".
In sowjetischen offiziellen Broschüren werden Ausrüstungsgegenstände angepriesen, mit denen sich die Öffentlichkeit gegen die allgegenwärtige Strahlung schützen kann. In der Presse wird jedoch beanstandet, daß diese Ausrüstung nicht zur Verfügung stehe. Ein Spitzenmodell im defensiven Strahlenkrieg beispielsweise ist das KZD-4, ein "Kleinkind-Schutzzelt". Das KZD-4, gedacht für Kinder von der Geburt bis anderthalb Jahre, ist mit einem Fenster versehen, das einen "Überblick über das Verhalten des Kindes" gestattet. Das Schutzzelt kann "auf dem Chassis eines Kinderwagens oder für den Wintereinsatz auf einem Schlitten montiert oder auch auf dem Arm getragen werden".
Paradoxerweise haben offenbar auch Berichte über verstrahlte Nahrungsmittel einen negativen Einfluß auf die Gesundheit, der zumindest derzeit noch die direkten Folgen der Strahlenbelastung übersteigen kann. Der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei von Kiew etwa meldete dem Politbüro, daß eine "Massenpsychose" die Bewohner der Polesskoje- und der Iwankow-Regionen ergriffen habe, die beide an die Tschernobyl-Zone angrenzen.
Der Sekretär schrieb dies den Aktivitäten einer extremistischen Bewegung von "unqualifizierten einzelnen Gruppen" zu, welche einfach "Gerüchte verbreiten", die dazu dienen sollten, auch die noch arbeitenden Reaktoren des Tschernobyl-Komplexes stillzulegen.
Mediziner sehen eine andere Ursache für solche Hysterie. Sie beschrieben eine neue, weit verbreitete psychologische Erkrankung, die sie "Radiophobie" ("Strahlenangst") nannten, von der die Bevölkerung angesteckt sei. In der Prawda definierten sowjetische Ärzte "Radiophobie" als "eine erhöhte psycho-emotionale Reaktion auf eine reale oder eingebildete Strahlengefahr"; zu ihren Folgen gehörten, so schrieb ein belorussischer Journalist "psychologische Belastungen und die Ablehnung pflanzlicher Nahrung".
Popow, der Atomwissenschaftler, sagt: "Die einzige medizinische Spezialbehandlung, die die Bevölkerung hier braucht, ist Psychotherapie."
Das sowjetische Fernsehen zeigte jüngst einige Radiophobie-Opfer: Eine Bewohnerin der besonders schwer strahlenbelasteten Gomel-Region fragte dabei das Politbüromitglied Jegor Ligatschow, als der die Region besuchte: "Sagen Sie mir bitte, wie wir leben sollen? Wir fürchten uns vor dem Wasser, wir fürchten uns vor der Sonne; wir fürchten uns vor dem Gras; wir fürchten uns vor dem Boden . . . Wie können wir weiterleben?"
* Oben: Illustrationen aus einer sowjetischen Strahlenschutzbroschüre; unten: 70 Kilometer nördlich von Tschernobyl.

DER SPIEGEL 16/1991
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