26.08.1991

„Es geht um unsere Ehre“

Die Ost-Berliner Charite, einst Renommierklinik des SED-Regimes, war fest in der Hand von Mielkes Stasi. Charite-Ärzte denunzierten Schwestern und Kollegen, verrieten die Krankengeschichten ihrer Patienten und beteiligten sich an Menschenversuchen und kriminellen Praktiken beim Beschaffen von menschlichen Organen.
Der Zuhörerraum war überfüllt. Hunderte drängten zu später Stunde in den Hörsaal der Charite, um Neues über den engen Filz ihrer Oberen mit der Stasi des Erich Mielke zu erfahren.
Nur auf dem Podium blieben Stühle frei. Die wichtigsten Geladenen zogen es vor, nicht zu erscheinen: die als Stasi-Zuträger entlarvten und entlassenen Ärzte der einstigen Renommierklinik des SED-Regimes.
Kriminelle Stasi-Praktiken an der traditionsreichen Klinik, an der einst Rudolf Virchow, Robert Koch und Ferdinand Sauerbruch forschten und praktizierten, erschüttern derzeit die Ärztezunft in der ehemaligen DDR. Denn an der Charite haben Heilkundige im Dienst der realsozialistischen Staatssicherheit nach den Erkenntnissen von Berliner Behörden gegen alle ehernen Moralgesetze der Medizin verstoßen. _(* Im Vordergrund das ) _(Robert-Koch-Denkmal. )
Charite-Ärzte, so geht aus Akten des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit hervor, bespitzelten nicht nur Pfleger, Schwestern und Kollegen; sie gaben nicht nur hemmungslos Krankenakten an die Stasi weiter und informierten MfS-Offiziere detailliert über den Zustand ihrer Patienten.
Anstaltsmediziner beteiligten sich, gegen jede Standesregel, auch an Menschenversuchen und gingen leichtfertig mit dem Leben von Patienten um. Der Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt (CDU), dem die Uniklinik Charite untersteht, ist geschockt, mit "welcher kriminellen Energie und Phantasie" Charite-Mediziner dem SED-Regime zu Willen waren.
Besonders anfällig für Spitzeldienste zugunsten der Stasi waren Karrierestreber; als überaus nützlich für den Überwachungsapparat erwiesen sich aber auch Ärzte, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, etwa Unterstützung von Republikflucht, und vom MfS erpreßt wurden. Von mehr als 200 überprüften Klinikdirektoren und leitenden Ärzten sind mehr als 30 durch MfS-Beziehungen schwer belastet. In der Führungsriege dieser rund 200 Ärzte hat gut jeder fünfte, so schätzen Fachleute, nicht nur seinen Patienten, sondern als "Inoffizieller Mitarbeiter" (IM) auch der Stasi gedient.
Doch die Verstrickungen gingen viel weiter: Weil sie Organspender brauchten, nahmen Ärzte der Charite den Tod von Schwerstkranken in Kauf, die aus allen Teilen der Republik in das Uni-Krankenhaus verbracht wurden.
Bei keinem von ihnen war zum Zeitpunkt der Verlegung als potentielle Organspender der Hirntod eingetreten - rechtliche Voraussetzung für eine Organentnahme.
Vier Patienten verstarben nach ihrer Verlegung 1988 in der Ost-Berliner Klinik der Barmherzigkeit in der Schumann-Straße: Bärbel Siebert, Peter Ehrlein, Mario Krause und die 17 Jahre alte Jana Bloche.
In einem Brief an den damals allmächtigen Prorektor für Medizin, Jürgen Großer, wies der Anästhesist Dietmar Krausch bereits im Dezember 1988 auf die "ethische Zweifelhaftigkeit" der Patientenverlegung hin, sie erfülle den Tatbestand der "Schädigung eines Hilflosen".
Bei keinem der vier Patienten, die über Hunderte von Kilometern hinweg auf holprigen Straßen in die Berliner Charite geschafft wurden, war nach Ansicht von Krausch eine Verlegung medizinisch zu vertreten. Mediziner Krausch: "Peter Ehrlein etwa wurde in der akuten Phase einer Gehirnblutung zu uns gefahren. Das ist normalerweise eine Phase, wo man solche Patienten mit Samthandschuhen anfaßt. Da kann bereits die Umlegung vom Bett auf die Trage tödlich sein."
Zum Tod der beiden Patienten Mario Krause und Jana Bloche, die zwei Stunden nach ihrer Ankunft in der Charite starb, trugen, so Krausch, eindeutig "Schädigungen durch den Transport" bei. "Die beiden hätten nicht bis nach Berlin kommen müssen", sagt Krausch, denn am Transportweg lagen mehrere gut ausgestattete Kliniken: "Der Hintergrund war einfach der: Wenn sie hier starben, waren sie gleich als Organspender in der Charite verfügbar."
Für den Krausch-Vorwurf spricht, daß die Schwerkranken meist mit dem sogenannten Spenderfahrzeug der Charite nach Ost-Berlin geschafft wurden. Das war ausschließlich für den Transport von hirntoten Organspendern vorgesehen, nicht aber für die Beförderung von Patienten.
Verantwortlich für die Verlegung von Bloche und Krause war, so Krausch, sein damaliger Klinikdirektor Manfred Schädlich, erst seit wenigen Wochen im Ruhestand und zuvor nach den Erkenntnissen der Behörden lange Jahre als IM für die Stasi im Einsatz.
Im Fall des 22jährigen Mario weigerte sich Krausch gegenüber Schädlich ausdrücklich, den jungen Mann von Schönebeck bei Magdeburg nach Berlin bringen zu lassen. Krausch: "Ich sagte zu Schädlich am Telefon, ich würde zum Staatsanwalt gehen, wenn der Patient geholt würde." Darauf hörte der Arzt nur noch ein Klicken in der Leitung.
"Bei uns hat die ,Empfängerseite'', also die an Transplantationen interessierten Ärzte, regelrechte Rundrufe gestartet", sagt Krausch, "schon das allein war auch nach DDR-Gesetzen nicht gestattet."
Die Praxis, noch lebende Patienten als Organspender für die Charite anzufordern, wurde erst gestoppt, als Krausch Ende 1988 schriftlich bei Prorektor Großer protestierte. Krausch in seinem Brief: "Es geht hier um unser ärztliches Ethos, um den Ruf der Charite in unserem Land und außerhalb und um die Ehre unseres Berufsstandes." Zur Verantwortung gezogen aber wurde bis heute niemand.
Krausch nennt als Motiv für die standeswidrige Praxis von Schädlich und anderen Charite-Organverpflanzern, "daß Transplantationen hier immer mit Ruhm und zuweilen mit geldbringenden Nationalpreisen verbunden waren. Wenn man sich da nah genug dranhängte, gab''s Wärme ab".
Möglicherweise gab es noch einen anderen Grund - die Stasi. Spenderorgane sind überall knapp, und mit den Organen waren nicht nur Devisen zu erwirtschaften, ihre Vergabe entschied auch über Leben und Tod von Menschen; menschliche Organe waren Instrumente der Macht.
An der Klinik des international angesehenen Professors Peter Althaus, eines Nierenfachmanns, etwa hat die Stasi, sagt der nach der Wende neu gewählte Dekan der Charite, Harald Mau, 50, "die gesamte Nierentransplantation gesteuert, finanziert und organisiert" - zum Ruhme des Professors Althaus. Gegenleistungen will der dafür nicht erbracht haben. Niemals, behauptet der Professor, habe er für das MfS Berichte geschrieben, dort eine Unterschrift geleistet oder Menschen zu deren Schaden an den Mielke-Verein verpfiffen.
Recherchen der Stasi-Nachlaßverwalter ergaben anderes. Danach hat der Ordinarius (Stasi-Deckname: "Junghans") dem MfS nicht nur schriftlich seine Ansichten zur politischen Lage kundgetan. Er lieferte zum Beispiel auch einen denunzierenden Bericht über elf Ärzte, die aus dem Honecker-Staat geflüchtet waren. An denen war die Stasi besonders interessiert, da sie die Abtrünnigen zurückwerben wollte.
Althaus leugnet zwar, der Denunziant zu sein. Wie seine Unterschrift in MfS-Dossiers kommt, kann er sich nicht erklären: "Das alles ist ein völliges Hirngespinst." Für Senator Erhardt nicht. Der feuerte Althaus im Juli aus der Klinik.
Insgesamt 15 leitende Charite-Mediziner mußten bislang wegen ihrer Stasi-Verstrickungen gehen. Für die Geschaßten, vor allem für Althaus, machten sich zahlreiche Mitarbeiter und alte Genossen stark, das frühere SED-Blatt Neues Deutschland entfachte eine regelrechte Kampagne.
Dekan Mau konterte die Unschuldsbeteuerungen von Althaus in einem offenen Brief. Darin zählt Mau auf, welche Gegenleistungen Ärzte zu erbringen hatten, denen die Stasi beim Ausbau ihrer Kliniken half: "Sie mußten sagen, was sie wußten, damit die Stasi über alles, über jede Person und jede Aktion, über jeden Gedanken und jedes Papier Bescheid wußte. Und sie wußte es."
Daß Stasi-Zuträger aus der Charite dem Regime jenseits von Standesehre und Moral willfährig waren, belegt der Fall eines weiteren prominenten Charite-Mediziners: Hansgeorg Hüller, der an der Klinik das Institut für Klinische Pharmakologie leitete. Auch Hüller wurde wegen langjähriger Stasi-Mitarbeit gekündigt. Doch die Spitzelei war nicht seine einzige geheime Tätigkeit.
Werner Franke vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg liegen einst streng geheime Dokumente vor, die unerlaubte Doping-Versuche Hüllers an jungen Sportlerinnen, zum Teil erst 14 oder 15 Jahre alt, belegen.
Danach wirkte Hüller am "Staatsplanthema 14.25" mit, einem Doping-Förderungswerk des SED-Staates. Als klinischer Pharmakologe trug er wesentliche Verantwortung für die Doping-Versuche im sogenannten "Olympiazyklus 1984 - 1988".
Die verbotenen Tests mit männlichen Hormonen an jungen Mädchen, die irreversible Persönlichkeitsveränderungen zur Folge haben können, wurden unter Leitung des berüchtigten Leipziger Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport gemacht (SPIEGEL 8/1991).
Nach Ansicht von Else Ackermann, Dozentin für Klinische Pharmakologie an der Charite, sind die auch nach DDR-Recht unzulässigen Tests eindeutig kriminell: "Die jungen Mädchen bekamen Leberschäden, einige landeten wie ausgeflutschte Zitronen im Inneren Klinikum." Als Leistungssportlerinnen kamen sie nicht mehr in Frage.
Für die Experimente wurde Wissenschaftler Hüller noch 1988 mit dem "Banner der Arbeit" ausgezeichnet. Der Heidelberger Professor Franke will bei der Berliner Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Hüller erstatten - "wegen fortgesetzter unethischer Menschenversuche und Verstöße gegen Gesetze der DDR und die Menschenrechte".
Auch die Wende konnte der engen Verflechtung von Stasi und Charite offenbar wenig anhaben: So stellte der damalige Kaderchef der Klinik, Horst Golisch, 80 hauptamtliche MfS-Leute ein, die meisten in der Verwaltung.
Allerdings wohl nicht die Klügsten: Die Stasi-Mitarbeiter enttarnten sich aus Dummheit selbst. Da die neuen Jobs weit schlechter dotiert waren als ihre Arbeitsplätze im MfS, klagten die Neuzugänge auf Anerkennung ihrer MfS-Dienstjahre, um die im Gesundheitswesen Ost üblichen Treueprämien kassieren zu können.
Die Personalabteilung der Charite stimmte zu und erstellte Listen der Empfangsberechtigten. "Anhand dieser Listen hatten wir dann leichtes Spiel", sagt Personalrat Norbert Dunker, 37, "denen schickten wir dann Fragebögen wg. Stasi-Mitarbeit zu, und nun haben wir sie entlassen."
Ein Teil ist schon wieder da: Eine Gruppe von Geschaßten gründete nach ihrem Rausschmiß eine Reinigungsfirma, die der Ende Mai ebenfalls wegen Stasi-Mitarbeit entlassene Verwaltungschef der Charite, Siegbert Thomas, prompt zum Putzen der Klinikräume anheuerte.
Auch beim Sicherheitsdienst der Charite kamen Altgediente wieder unter. Als Personalrat Dunker kürzlich in die Klinik kam, traute er seinen Augen nicht: "Da stand am Eingang, in Dienstuniform, einer von den Stasis, die wir gerade erst gefeuert hatten. Der schiebt jetzt hier Wache."
Personalrat Dunker hat die entlassenen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter auch als Saboteure in Verdacht: Bis zu deren Entfernung, so Dunker, sei immer wieder sensibles Patientenmaterial, etwa Gewebeproben oder Rückenmarkstanzen, zerstört worden. Entdeckt wurden auch gezogene Stecker an Kühltruhen und umgeklemmte Kabel am Notstromaggregat. Dunker: "Seitdem wir die hauptamtlichen MfSler gekündigt haben, ist nichts mehr passiert."
Doch noch immer, davon ist Helmut Becker vom Vorstand der Berliner Ärztekammer überzeugt, hocken MfS-Zuträger und linientreue SED-Funktionäre unerkannt auf leitenden Charite-Posten. "Deshalb kann es sich kein Opfer von früher heute erlauben", so Becker, "an die Öffentlichkeit zu gehen und zu sagen: ,Das war aber ein Schweinehund!'', sonst wird er bei der nächsten Kündigung an die erste Stelle gesetzt."
Die Ärzte der Charite schweigen lieber - auch zwei Jahre nach der Wende. o
* Im Vordergrund das Robert-Koch-Denkmal.

DER SPIEGEL 35/1991
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