25.03.1991

Designer-Drogen

werden, anders als die Rauschgifte Heroin und Kokain, ausschließlich aus synthetischen Substanzen hergestellt, die von den Strafvorschriften des Betäubungsmittelgesetzes meist nicht erfaßt werden. Sie drängen in der Bundesrepublik immer stärker auf den Markt (SPIEGEL 46/1990) und werden unter Namen wie "Ecstasy", "Cadillac" oder "Engelsstaub" gehandelt. Die Designer-Drogen, die als extrem gesundheitsschädlich gelten, werden von Untergrundchemikern auf der Basis verschiedener Substanzen ständig variiert. Polizei und Justiz sind hilflos: Verfolgt werden können nur Produzenten, Dealer und Konsumenten, die vom Betäubungsmittelgesetz beschriebene Rauschgifte verkaufen oder kaufen. Die zur Zeit gängige Droge ist das seit viereinhalb Jahren verbotene MDMA, ein Abkömmling aus der Stoffgruppe der Amphetamine. In ihrem jüngsten Jahresbericht meldet die Wiener Uno-Antidrogenbehörde einen "gefährlichen neuen Trend" gerade beim Mißbrauch solcher Stimulantien. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler hat sich der Tübinger Professor für Pharmazeutische Chemie, Karl-Artur Kovar, 52, mit Designer-Drogen befaßt. An Kovars Lehrstuhl entstand im letzten Jahr die Doktorarbeit "Synthetische Suchtstoffe: Vergleichende Analytik von Amphetaminderivaten". Kovar ist auch Berater des Dezernats "Synthetische Drogen" im Stuttgarter Landeskriminalamt. *GESPRAECH *ÜBERSCHRIFT:

"Drogen aus dem Computer" *UNTERZEILE: SPIEGEL-Interview mit Professor Karl-Artur Kovar über das Vordringen synthetischer Rauschgifte *

SPIEGEL: Herr Professor Kovar, 1988 wurden in Deutschland 673 Rauschgifttote gezählt, im Jahr darauf 991 und 1990 fast 1500. Wie viele davon sind an den synthetisch hergestellten Designer-Drogen gestorben?

KOVAR: Es gibt darüber keine verläßlichen Zahlen, die Rauschgift-Statistik ist generell eher zufällig. Die Definition "Drogentoter" wird unterschiedlich gehandhabt, oft hängt es einfach davon ab, wie der ermittelnde Kriminalbeamte den Sachverhalt eingeschätzt hat. Wer an für solche Drogen typischem Herz-Kreislauf-Versagen stirbt, an Atemlähmung, beim Suizid oder wer high mit dem Auto gegen einen Baum knallt, der wird ja meist nicht in der Statistik der Rauschgift-Opfer erfaßt.

SPIEGEL: Gibt es präzise Untersuchungsmethoden, um den Konsum von Designer-Drogen festzustellen?

KOVAR: Designer Drugs werden nicht nur injiziert, sondern hauptsächlich geschluckt, geraucht oder gesnieft; ihr Nachweis im Blut oder Urin ist äußerst schwierig, weil sie bereits in geringsten Dosierungen massiv wirken können.

SPIEGEL: Konsumenten von Designer-Drogen können also bei Labortests nur selten überführt werden?

KOVAR: Entweder wird nichts gefunden oder zuwenig an verbotenen Substanzen. Oder aber die Diagnostiker entdecken ein Mittel, dessen Konsum nicht strafbar ist.

SPIEGEL: In solchen Fällen gehen nicht nur Konsumenten straffrei aus, auch Produzenten und Dealer.

KOVAR: Strafbar sind derzeit nur Herstellung, Handel und Verbrauch von solchen Rauschgiften, die im Betäubungsmittelgesetz ausdrücklich genannt sind.

SPIEGEL: Wie viele Designer-Drogen sind darunter?

KOVAR: Gerade mal 16, weitere 15 sollen in Kürze ins Gesetz aufgenommen werden.

SPIEGEL: Wie viele sind denkbar?

KOVAR: Unzählige. Wir unterscheiden fünf Begriffsgruppen, ob das alle sind, wissen wir gar nicht. In den einzelnen Gruppen sind wiederum Variationen möglich, bei den Fentanylen etwa, die zum Beispiel als Betäubungsmittel eingesetzt werden, nach derzeitigem Kenntnisstand 1000.

SPIEGEL: Bislang waren vier Gruppen bekannt: Die von Ihnen genannten Fentanyle, dann die Amphetamine, Phencyclidine und Prodine. Wer oder was ist die Nummer fünf?

KOVAR: Tryptamine, sie sind strukturell verwandt dem Neurotransmitter Serotonin, der den Reiz bestimmter Nervenbahnen auf chemischem Wege weiterleitet. Ähnliche Verbindungen werden im Pflanzenreich angetroffen. Sie gehören zu den klassischen Rauschgiften wie Lysergsäureamid im Samen von mittelamerikanischen Windengewächsen, von dem sich das LSD ableitet. Tryptamine zeigen auch LSD-ähnliche Wirkungen: Euphorie und Dysphorie, farbige Halluzinationen, visuelle Verzerrungen und Entstellungen, Selbstüberschätzung und Desorientiertheit.

SPIEGEL: Wie manipuliert der kriminelle Chemiker die Stoffe?

KOVAR: Ganz einfach: Er variiert die molekulare Zusammensetzung klassischer Drogen wie Meskalin oder handelsüblicher Arzneien wie des Fentanyls durch Probieren oder mit Hilfe eines Computers, was wir im übrigen zu Testzwecken auch machen. Bei dieser gezielten Molekularabwandlung übertreffen die synthetischen Drogen der zweiten Generation, wie ich sie nenne, meist ihre Muttersubstanzen an suchterzeugender Wirkung um ein Vielfaches. Die verbrecherischen Chemiker sind damit in eine neue Dimension der Suchtstoffentwicklung vorgestoßen.

SPIEGEL: Wenn man doch schon fünf Gruppen mit ihren 1000fachen Variationsmöglichkeiten kennt - warum sind sie nicht generell verboten?

KOVAR: Das ist eine Frage an Juristen und an den Gesetzgeber. In den USA beispielsweise kann die Polizei jedes unbekannte Mittel indizieren; sie muß dann innerhalb eines Jahres nachweisen, daß der Stoff wie ein Rauschgift auf die Psyche des Menschen einwirkt. Bei unserer Rechtslage spielen die Produzenten mit der Polizei Katz und Maus: Wird eine ihrer Substanzen neu ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen, kreieren sie im Untergrund rasch ein neues Mittel, sie entwerfen also ein neues Design.

SPIEGEL: Oder sie erklären als Angeklagte vor Gericht, sie hätten nicht gewußt, daß die Herstellung der Substanz strafbar gewesen sei. So argumentierten zum Beispiel zwei Mitarbeiter der Lahrer Chemiefabrik Imhausen, wo die Substanz Piperonylmethylketon produziert wurde. Aus diesem Stoff wird die Droge MDMA gekocht, in der Szene als "Ecstasy" oder "Cadillac" bekannt.

KOVAR: MDMA ist neurotoxisch, kann bei Überdosierung zum sofortigen Herztod führen und nach chronischer Einnahme zur paranoiden Psychose. Seit dem 1. August 1986 ist MDMA verboten, das stand in Fachpublikationen und Publikumszeitschriften, war Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage.

SPIEGEL: Dennoch wurde die Substanz bei Imhausen bis 1988 produziert. Das Landgericht Offenburg nahm zwei Imhausen-Mitarbeitern ab, sie hätten von der Strafbarkeit ihres Tuns keine Ahnung gehabt. Das Ergebnis: sehr milde Geldstrafen von 3600 und 9000 Mark.

KOVAR: Urteilsschelte maße ich mir nicht an. Aber aus Sicht des Wissenschaftlers ist die Gerichtsentscheidung völlig unverständlich.

SPIEGEL: Öffnet sie Nachfolgetätern Tür und Tor?

KOVAR: Auf jeden Fall beleuchtet das Urteil die Problematik, die unser Drogenrecht beherrscht. Hinzu kommt wie im Fall Imhausen, daß hohe Gewinne winken . . .

SPIEGEL: . . . die 1,35 Millionen Chemo-Trips aus dem Lahrer Labor besaßen laut Anklage einen Schwarzmarktwert von 30 Millionen Mark, kosteten aber nur 30 000 Mark in der Herstellung . . .

KOVAR: . . . bei relativ geringem Risiko. Die Grundstoffe wie handelsübliches Phenylaceton oder Piperonal sind hierzulande leicht verfügbar, ein Grenzverkehr braucht nicht stattzufinden.

SPIEGEL: Wie stark ist die zur Zeit effektivste Droge?

KOVAR: Der Fentanyl-Abkömmling Carfentanyl besitzt die 7500fache Wirkung des Morphins.

SPIEGEL: Bedeutet das im Umkehrschluß, daß der Konsument nur ein Siebeneinhalbtausendstel der Morphinmenge benötigt, um den gleichen Rauscheffekt zu erzielen? Das wäre weniger als ein Salzkorn.

KOVAR: Ja. Aber das ist natürlich ein theoretisches Modell, das belegen kann, daß Designer Drugs schon im Mikrogrammbereich eine massive Wucht erzielen. 200 Gramm eines anderen Fentanyl-Abkömmlings genügen, um mehr als zwei Millionen Einzeldosen herzustellen. Das Zeug kam in Amerika als "world's finest heroin" auf den Markt. Bei dem Verhältnis von Produktionsmenge zu Konsummenge ist die Überdosierung eine riesige Gefahr.

SPIEGEL: Welche Risiken bergen Designer-Drogen außerdem?

KOVAR: Bestimmte Amphetaminderivate zum Beispiel verursachen Zustände, in denen der Betroffene glaubt, unverletzlich zu sein oder fliegen zu können. Dauerkonsumenten finden nur sehr schwer wieder aus der Persönlichkeitsspaltung heraus. Sie können sich nach dem Rausch nicht mehr als einheitliches Ich betrachten, das Tor zur Geisteskrankheit ist damit aufgestoßen.

SPIEGEL: Lange Zeit galt PCP, das Phencyclidin mit den Phantasienamen "Engelsstaub" und "Peace-pill", als besonders gefährlich.

KOVAR: PCP ist wegen der einfachen und billigen Synthese in den USA eine gängige Droge, bei uns gottlob nicht. Es ist ein teuflisches Zeug, weil es noch ein Jahr nach der letzten Einnahme zu "flash-backs", den Echoeffekten in der Wahrnehmung, oder zu Horrortrips kommen kann. Bis der Betreffende sich wieder normal fühlt und Konzentrationsunfähigkeit, Gedächtnisverlust und Depressionen verschwinden, vergehen manchmal bis zu zwei Jahren.

SPIEGEL: Inwieweit ähneln sich klassische Rauschgifte und Designer-Drogen?

KOVAR: PCP und Tryptamine sind in Wirkung und Nebenwirkung vergleichbar mit dem LSD, Prodine und Fentanyle mit dem Heroin. Die in Deutschland am meisten mißbrauchten synthetischen Drogen, die Amphetamine, decken ein größeres Spektrum ab: Einige Verbindungen weisen die halluzinogene Wirkung von Haschisch und Marihuana auf, andere haben Ähnlichkeiten mit dem bewußtseinserweiternden LSD und wiederum andere sind dem stimulierenden Kokain wirkverwandt.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit dem Auftauchen von Suchtstoffen, von denen Chemiker und Pharmazeuten bis heute nichts ahnen?

KOVAR: Die Szene ist sehr erfinderisch, reagiert flexibel und weicht immer wieder aus. Sollten sich bei uns Verbrechersyndikate der synthetischen Drogen annehmen, dürften wir uns der heutigen Zeit wehmütig erinnern.


DER SPIEGEL 13/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 13/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Designer-Drogen