25.02.1991

„Liebe öffnet jeden Tresor“

Wenn nichts mehr ging bei der Ausspähung politischer Gegner, schickte die Ost-Berliner Staatssicherheit ihre Frauen ins Rennen. „Mit den unterschiedlichsten, eben nur weiblichen“ Mitarbeitern „eigenen Mitteln“ bespitzelten sie, zwischen Büro, Bar und Bett, sowohl SED-Gegner im Osten wie Klassenfeinde aus dem Westen.
Im historischen "Kaffeebaum" zu Leipzig verkehren Besucher von Welt, seit der Ausschank 1694 erstmals öffentliche Erwähnung fand. Sachsen-Kurfürst August der Starke soll in der Kneipe um 1700 seinen ersten Mokka getrunken haben; die Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Gotthold Ephraim Lessing, die Komponisten Franz Liszt und Richard Wagner stärkten dort ihre Schaffenskraft.
Bis in die DDR-Zeit erhielt sich das prominente Interesse für das gastliche Haus, nur verlagerte es sich dann und wann in obere Gefilde.
Westliche Unternehmer und Spitzenmanager, zum Beispiel Geschäftspartner des Erfurter VEB Kombinat Mikroelektronik, trafen sich dort, im dritten Stock des Hauses an der Kleinen Fleischergasse, gern mit ostdeutschen Kollegen und Kolleginnen sowie dem "eindeutigen Ziel", so einer der Veranstalter, "Verträge abschlußreif zu machen".
In einer luxuriös eingerichteten 200-Quadratmeter-Wohnung _(* Oben: Palast-Hotel; unten: im ) _(Ost-Berliner Grand Hotel. ) mit Bar und Schlafzimmer war Platz für geschäftlichen Verkehr und Raum "auch für ausgefallene Wünsche". Mit wem die Herren dort verkehrten und vor allem zu welchem Preis, das erfuhren sie oftmals erst viel später: Wenn sie etwa nach vertraulichen Nachtsitzungen "mit den Mitteln der Erpressung" (ein Beteiligter) "zu einem erfolgreichen Abschluß" genötigt wurden.
Die geschäftstüchtigen östlichen Handelspartner und vor allem -partnerinnen, so erwies sich dann, waren nicht einfach netten Kollegen zu Diensten gewesen. Sie liebedienerten vielmehr auf amtliches Geheiß: im Auftrag des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Die Luxusbude war eine von Hunderten heimlichen Wohnungen der Stasi in Leipzig. Der dienstliche Verkehr hatte nur einen Zweck: künftige Geschäftspartner zu nötigen oder zumindest folgenschwer zu kompromittieren.
Wie oft Erich Mielkes Stasi sich der intimen Gelage über dem "Kaffeebaum" bediente, ist kaum mehr festzustellen. Sicher ist nur, daß die Bettgeschäfte zur gängigen Methode des einst allmächtigen Geheimdienstes gehörten, den verhaßten Klassenfeind auszuforschen oder sich zu Willen zu machen. "Schaffung operativer Voraussetzungen zur Kompromittierung der Führungskader der Feindorganisationen", nannte das, im verquasten Politdeutsch, die Führung der Agenten und Agentinnen.
Was Mielkes "Hauptwaffen im Kampf gegen den Feind", die Hunderttausende Inoffizieller Mitarbeiter (IM), sofern sie männlich waren, nicht an "Informationen über die Absichten, Maßnahmen, Mittel und Methoden" des tatsächlichen oder vermeintlichen Feindes ranschaffen konnten, das mußten - wenn sonst nichts mehr ging - seine anschmiegsamen Genossinnen beibringen.
Wann immer vonnöten, sollten sie sich beim Schnüffeln und Spähen des sogenannten Mata-Hari-Modells bedienen. Damit bezeichnen Geheimdienstler die vor allem von Ost-Diensten bevorzugte Methode, Informanten durch geschulte Frauen ködern zu lassen - nach dem Vorbild der holländischen Nackttänzerin, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland spioniert haben soll und deswegen 1917 in Paris erschossen wurde.
Auch Mielke war von der Idee besessen, daß "männliche verdächtige Personen", wie es in einem internen Arbeitspapier heißt, am erfolgreichsten "mit den unterschiedlichsten, eben nur weiblichen IM eigenen Mitteln zu bestimmten" Aussagen oder Aktivitäten zu veranlassen seien.
In seiner geheimen Richtlinie 1/79, in der die Arbeit der heimlichen Schnüffler geregelt war, hatte der Armeegeneral festgelegt, daß besondere Bedeutung jenen Spitzeln zukomme, die "unmittelbar und direkt an feindlich tätigen Personen" arbeiteten und "zum Herstellen von Kontakten und vertraulichen Beziehungen" besonders in der Lage seien.
Diesem Grundsatz wurden offenbar, aus Sicht der Stasi-Bonzen, Mitarbeiterinnen am besten gerecht. Wie einfach gestrickt das Weltbild der männlichen MfS-Führung war, zeigt beispielhaft das Studienmaterial eines Offiziers für eine "Diplomarbeit zur Aufklärung und Arbeit mit weiblichen IM", das MfS-Auflöser in einer Stasi-Bezirksleitung fanden.
Frauen seien "Meister der Anpassung" und deshalb für konspirative Tätigkeiten "nicht zu entbehren", lobte der Diplomand; sie hätten vielfältige "Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und Pflege vertraulicher Beziehungen".
Ihre Vorzüge im Dienst faßte der Autor fast schwärmerisch zusammen: "die ganze Skala weiblicher Persönlichkeit, von der geistig-kulturell hochstehenden wissenschaftlich gebildeten Frau, über die elegante-charmante Gesellschafterin, die geachtete Kollegin bis zur vermeintlichen Partnerin, die mit ihrem bezaubernden Liebreiz verlockt und intime Abenteuer verspricht".
Entsprechend lesen sich die Protokolle über Anwerbungsgespräche und Leistungsbeurteilungen von Stasi-Frauen, die für die Diplomarbeit ausgewertet wurden. Auszüge: _____" Chefsekretärin; finanzkräftige Männer, sehr gute " _____" Erscheinung, tut unnahbar, vorteilhaft und exquisit " _____" gekleidet, feiert Partys, tolerant und berechnend, . . . " _____" verschiedene Personen sind schon mit ihr im Bett gewesen. " _____" Frau, 50 Jahre, alleinstehend; intime Verhältnisse zu " _____" Kollegen, rauchen, trinken, auch lesbisch veranlagt. " _____" Finnin, 35 Jahre, Frau vom Pastor; schlechte Eheverh., " _____" intim zu anderen, sie hat Verbindungen nach West-Berlin . " _____" . . charmant, witzig-leicht ironisch, sie weiß, daß sie " _____" mit ihrer Art zu sprechen bei Männern ankommt. " _____" Pionierleiterin, 20 Jahre, ledig; auf Männer starken " _____" Eindruck, gut aussehend, charmant, flirtet gern. " _____" Jugendl., 17 Jahre, Stationshilfe, festes Verhältnis zu " _____" geschied. Mann, nimmt an Sexpartys teil, läßt sich von " _____" sechs Jungen am Abend f. . . . raucht, trinkt, läßt sich " _____" unsittlich berühren. "
Anzahl und Stellung der Frauen im MfS entsprachen dem männlichen Bild. Unter rund 100 000 Beschäftigten, die hauptamtlich für die Firma Horch und Greif im Einsatz waren, befanden sich etwa 15 000 Frauen, das sind gerade 15 Prozent.
Zwar seien "in manchen Abteilungen", sagt ein ehemaliger Offizier im besonderen Einsatz (OibE), "60 bis 70 Prozent der Mitarbeiter weiblich" gewesen. Doch deren Aufgaben beschränkten sich vorwiegend auf klassische Bürotätigkeiten im Schreibdienst, der Personal- oder Finanzabteilung oder bei der Verwaltung Rückwärtige Dienste, die sich vor allem um Logistik kümmerte. In der Ost-Berliner Stasi-Zentrale gab es nicht eine einzige Hauptabteilungsleiterin, ähnlich sah es in den 15 Bezirksleitungen aus.
Die bestbesoldete Stasi-Frau (Jahresgehalt 1989: 46 500 Mark) war laut MfS-Gehaltsliste Christa Seifert, die im Bereich Zentraler Medizinischer Dienst arbeitete. Doch insgesamt rangierten noch 103 Stasi-Männer nach Einkommen vor Frau Seifert.
Sigrid Schalck-Golodkowski, Ehefrau des obersten DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski und ebenfalls MfS-Offizier (Jahresgehalt 1989: 39 750 Mark), nimmt auf der Gehaltsliste erst Platz 605 ein - und war immerhin die elftbestdotierte Stasi-Frau.
Rund 20 Jahre lang arbeitete eine Leipzigerin in Büros der Stasi. "Als vollwertige Mitarbeiterin" fühlte sie sich "nie" akzeptiert: "Wir waren eben nur für Sekretariate und Auswertungsarbeit geeignet."
Oder fürs Bett. "Frauen sind das Hinterland eines Tschekisten", wurde Marlene Hieber bedeutet, als sie mit 18 Jahren beim Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynsky in Berlin anheuerte*.
Wie das Hinterland zu bestellen war, das erfuhren neue Mitarbeiterinnen zumeist ebenso rasch wie eindeutig. Einer verheirateten Hauptamtlichen aus Schwerin, die heute 31 Jahre alt ist, wurde gleich nach ihrer Anstellung bei der Stasi gesagt, sie müsse auch schon mal "mit dem Chef ins Bett gehen".
Zu "frauenspezifischer Verwendung" (ein Offizier) wurde zum Beispiel eine als "Facharbeiterin für Schreibtechnik" tätige Stasi-Frau, heute 24, abkommandiert, die im Ministerium für Wissenschaft und Technik, Abteilung internationale Beziehungen, arbeitete. Zweimal im Jahr bekamen sie und ihre Kolleginnen einen Sonderauftrag. "Zieht euch ordentlich an", lautete die Order, bevor sie zur Leipziger Messe in Marsch gesetzt wurden: "Wir wollten dann immer besonders schick sein."
In der Sachsen-Metropole, sprach sich schnell herum, gab es in Hinterzimmern nicht nur Büroarbeit zu tun und Spitzelprotokolle abzuschreiben. Dann und wann waren die Frauen auch angehalten, "den Gästen zu servieren" und bisweilen ein bißchen mehr.
"Für warme Umgebung sorgen", umschreibt Marlene Hieber vom Wachregiment ein spezifisches Anforderungsprofil. Eine ehemalige OibE aus Schwerin, 36, sagt es deutlicher. Ob als hauptamtliche _(* Die 1917 gegründete Tscheka war der ) _(erste sowjetische Geheimdienst. ) oder Inoffizielle Mitarbeiterin - "eine Frau bei der Stasi mußte sich darauf einstellen, alles mitzumachen, auch Bettgeschichten".
Nicht selten wurden Stasi-Frauen auf eigene Genossen angesetzt. So dirigierte der Erfurter Stasi-Chef, Generalmajor Josef Schwarz, eine seiner geheimen Späherinnen an die Seite eines Kandidaten für das SED-Politbüro; der hatte sich durch vielfältige West-Kontakte verdächtig gemacht.
Auch bei Tagungen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe lag die Stasi mit im Bett. Die ostdeutschen Fräuleins sollten prüfen, ob Wirtschaftsführer oder Forscher der sozialistischen Gemeinschaft "dem anderen Geschlecht leicht zugänglich" waren, so eine Mielke-Dienstanweisung, und damit als potentielle "Abschöpfungsquelle des Feindes" erpreßbar sein könnten.
Schon bei Anwerbungsgesprächen und der Auswahl neuer Mitarbeiterinnen ließen sich Stasi-Chefs von ihrem Rollenbild leiten. Willige Töchter ideologiefester SED- oder Stasi-Eltern wurden gern genommen. Waren sie dazu noch nett anzusehen, stand einer Mitarbeit kaum noch etwas im Wege.
In ihren Richtlinien definierten die Stasi-Oberen, was sie sich als idealen Agentinnentyp vorstellten: Vor allem "intelligente, phantasievolle und attraktive weibliche IM" könnten schnell und erfolgreich "in die gewünschte Sphäre eindringen". Zudem war breite Auswahl gefragt: "Es versteht sich von selbst", heißt es in einer Geheimverordnung, "daß der einzusetzende weibliche IM dem real ermittelten Geschmack der zu bearbeitenden Person entsprechen oder über Qualitäten verfügen muß, die der Verdächtige bisher entbehrte oder nicht kennenlernte."
Während "sexuell unsolider" Lebenswandel bei Männern sich oft karrierebremsend auswirkte, schien er bei Frauen geradezu gefragt. Ob Kandidatinnen sich als "moralisch haltlos" erwiesen oder "unüberlegte intime Verh. zu verheirateten Männern" pflegten, ob sie "von Freundin Pornos" empfingen oder "intimen Verabredungen zugänglich" waren - alles wurde sorgsam protokolliert und ausgewertet. Notfalls konnte es auch anderweitig nützlich sein.
Eine Mecklenburger Arbeiterin, 20, etwa, zu der das MfS Kontakt suchte, erwies sich als Verlobte eines Westdeutschen - Grund genug, sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Erfreut registrierten die Späher, daß sie "intimen Verkehr mit Freunden in Güstrow" habe und "an Partys teilnimmt". Zielgerecht wurde ein IM auf sie angesetzt, amtliches Resümee: "Lfd. Männerbekanntschaften, IM hat mit ihr geschlafen, attraktiv, sexuell schwer zu befriedigen, erregt Aufsehen unter Männern."
Gern gesehen war beim Dienst auch ein ganz anderer Typ: kontaktarme, scheue oder unselbständige Frauen ohne enge familiäre Bindungen. Bei solchen Frauen ließen sich womöglich, kalkulierten die Agentenführer, Abhängigkeiten zu männlichen Partnern herstellen, um sie so für die gemeinsame Sache zu gewinnen.
Christel Guillaume, 63, etwa, Mittäterin im spektakulärsten Spionagefall der Bundesrepublik, verstand bei ihrer Anwerbung 1955 von Politik "überhaupt nichts". Die Frau des 1974 enttarnten Kanzlerspions Günter Guillaume sagt heute: "Ich habe mich immer nach Wärme und Anlehnung gesehnt."
Eine ehemalige IM, Deckname Antje, quält sich jetzt mit der Frage: "Warum war ich so lange dazu bereit?" Mit 15 brachte sie, in der 9. Klasse eines Internats kontaktarm und isoliert, auf Geheiß ihrer Leiterin den ersten Spitzelbericht zu Papier. Sie war "stolz", fühlte ihr "ziemlich angeknackstes _(* Oben: im Hintergrund Spionagechef ) _(Markus Wolf (1981); unten: mit dem ) _(damaligen CDU-Generalsekretär Kurt ) _(Biedenkopf (1979). ) Selbstbewußtsein" gestärkt. Schon bald kam der Hinweis, daß "es nicht schlecht wäre", sich an einen wegen Republikflucht mehrfach verurteilten Mann ranzumachen - Liebe inklusive.
Auch Monika Haeger, die sich auf Weisung der Stasi in den Freundeskreis der DDR-Opposition um Bärbel Bohley einschlich, war angetan von der Aussicht, für die Schnüffeltruppe arbeiten zu dürfen. "Es war das Höchste, wie du es dir seit deinen Kindertagen erträumt hast", sagte die Lektorin in einem Interview des TV-Magazins "Kontraste", "als Kind, unentdeckt, dich durch die feindlichen Reihen zu schleichen."
Welche Bedeutung die Beziehungen zum anderen Geschlecht hatten, wird bei Frauen und ihrem Verhältnis zur Stasi immer wieder offenbar. "Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sie für mich den passenden Typen gefunden hatten", sagt Monika Haeger. Ihr Führungsoffizier Detlev war dann "genau das, was ich gebraucht habe". Bei ihm habe sie Geborgenheit gefunden: "Ich konnte Tag und Nacht anrufen, dann hatte Detlev Zeit für mich."
Ein Mann war es auch, der eine Wismarer Ingenieurin, Deckname "Rena", in die Hände der Stasi trieb. Ein außereheliches Verhältnis, zielgerichtet eingefädelt, machte sie erpreßbar. "Die brauchten eine wie mich, die als Frau und Mutter zugleich wirkte, der es nicht schwerfiel, auf Leute zuzugehen", glaubt die Ex-Agentin.
Bei der Anwerbung waren Agentenführer gehalten, "Zuwendung" erkennen zu lassen. "Gute Rasur, gepflegte Haartracht, saubere Hände, Vermeidung starken Mund- und Schweißgeruchs", so eine Anleitung, erzeugten "bewußt und unbewußt emotionale Zu- oder Abneigung". Und: "Ein zu eng sitzender Anzug und ausgetretene Schuhe können lächerlich oder komisch wirken."
Vor allem "jüngere oder alleinstehende attraktive" Mitarbeiterinnen, so die Vorgabe, bedürften später der besonderen Pflege: "Sie möchten mal was erleben." Amtlich verordnete Lustbarkeiten: "Konzert, Cafebesuch, Autofahrt" oder auch "Bar".
"Die Erziehungsarbeit mit weiblichen IM ist darauf zu richten", heißt es in der Diplomarbeit, "an ihre Gefühle und Leidenschaften anzuknüpfen und sie in eine Richtung zu lenken, die der IM, unserer operativen Arbeit und der sozialistischen Gesellschaft nutzt."
Als systemerhaltend galt es, durch "Maßnahmen der spezifischen Zersetzung" (Arbeitsrichtlinie) Mißtrauen und Zwietracht in oppositionellen Gruppen zu säen. Besonders befähigt: wiederum Frauen. Zersetzung war der Auftrag einer Ost-Berliner Lehrerin, Deckname Irene, die in den Dissidentenkreis der Samariter-Kirche eingeschleust wurde und versuchen sollte, "persönliche Beziehungen" zu Pfarrer Rainer Eppelmann "mit dem Ziel einer möglichen Lebensgemeinschaft" herzustellen.
Zwist auslösen sollte auch Monika Haeger. Gerade in seinen intimsten und persönlichsten Beziehungen, wurde sie belehrt, sei "doch jeder zu treffen, zu zerstören". Haeger: _____" Der Detlev hat zum Beispiel gesagt, hast du schon " _____" gehört, der Soundso bumst jetzt mit der und der, " _____" natürlich ging es darum, jemand verdächtig zu machen, " _____" soweit das möglich war, peinliche Dinge zu verbreiten. " _____" Aber ich habe da nicht mitgemacht. "
Erfolgreicher waren Mielke und seine Männer, wenn es darum ging, Frauen gefügig zu machen und als Agentinnen zu nutzen. Als Ende der siebziger Jahre in Bonner Amtsstuben gleich reihenweise Spione aufflogen, standen zumeist Sekretärinnen und deren persönliche Leidenschaften im Blickpunkt. Gutaussehende Herren im Auftrag der Staatssicherheit, sogenannte Romeos, hatten die Frauen erst ver- und dann oft jahrelang geführt.
Die Sekretärin des damaligen CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf, Christel Broszey, etwa spähte ihren Chef sechs Jahre lang aus. Für die Stasi schnüffelten die Vorzimmerdamen des damaligen außenpolitischen CDU-Sprechers Werner Marx, Inge Goliath, und Ursula Höfs in der CDU-Zentrale.
Im Bundeskanzleramt flog Astrid Willner auf, dienstliche Vertraute eines Abteilungsleiters. Aus dem Nato-Generalsekretariat setzte sich, rechtzeitig vor ihrer Festnahme, die deutsche Spitzensekretärin Ursel Lorenzen ab. Und im Bundesnachrichtendienst war die Sekretärin Heidrun Hofer einem Ost-Agenten verfallen. Der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann erkannte: "Ein Kodewort öffnet jeden Tresor - Liebe."
Die Mata-Hari-Masche verfing bis zuletzt. Im Sommer 1989, wenige Monate vor dem Kollaps des SED-Staates, flog der ehemalige West-Berliner CDU-Innensenator Heinrich Lummer auf, der wegen einer langjährigen Liebschaft mit der ostdeutschen Spitzeldame Susanne Rau von der Stasi erpreßt werden sollte.
Das Frauenbild der Agentin Rau, damals 25, die sich als Kunsthändlerin ausgab, war wieder sorgsam auf die vermeintlichen Vorlieben des Opfers abgestimmt. "Dunkelhaarig, lange Beine, gesellig und belesen", so die Welt, das kam, Anfang 1973, bei Lummer an (SPIEGEL 36/1989). Knapp zwei Jahre brauchte sie, dann habe er zu ihr, bekannte der Christdemokrat, damals Präsident des Abgeordnetenhauses, eine "echte, ehrliche Liebe empfunden".
So erfolgreich schien dem MfS die Aufklärung zwischen Bett und Büro, daß es die Methode im ganz ursprünglichen Sinne zu professionalisieren suchte: mit Damenbekanntschaften von Berufs wegen.
Weil Prostitution in der DDR seit jeher verboten, aber nicht zu verhindern gewesen war, wurden Frauen aus dem illegalen Gewerbe häufig zum Objekt der Stasi-Begierde. Mit sanftem Druck oder schlichter Erpressung wurden sie zur Zusammenarbeit genötigt - als NibE, wie es im MfS-Jargon hieß: "Nutte im besonderen Einsatz."
Die Ost-Berliner Prostituierte Christine, 28, war schon vorher mal als IM tätig gewesen - als sie ein Zimmer an Araber vermietet hatte, die 1986 am Bombenanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle beteiligt gewesen sein sollen. "Durch diese Sache", erzählt sie, "bekam ich mit der Stasi zu tun."
Nachdem sie sich 1987 endgültig auf das einträgliche Gewerbe verlegt hatte, sprachen die Stasi-Schnüffler wieder bei ihr vor. Sie sollte einen schwarzen Diplomaten, "ich glaube, er war aus Simbabwe", ausspähen.
Den Afrikaner hatte sie, "zufällig", im Ost-Berliner Hotel Metropol kennengelernt. Bereits am nächsten Tag stand ihr "Hausfreund", wie sie ihren Führungsoffizier nannte, "vor der Tür". Über den Diplomaten "wollte die Stasi wirklich alles wissen", sagt die Frau, die noch heute anschaffen geht, "von seiner Großmutter über seine Eßgewohnheiten bis hin zu Tralala".
Ihre Ost-Berliner Kollegin Barbara, 26, mußte zur Mitarbeit gezwungen werden. Zwei Geheimdienstler suchten sie zu Hause auf und fragten freundlich, "ob ich nicht für sie arbeiten wollte". Mit Geschenken und Versprechungen, mal ein Ost-Parfüm Marke "Atoll", mal die Zusage für die Lieferung einer neuen Wohnungseinrichtung, wollten sie die junge Frau gefügig machen. Als das nicht klappte, setzen die Stasi-Offiziere sie "massiv unter Druck". Barbara: "Die haben mir damit gedroht, meine Einnahmequellen im Hotel zu verstopfen."
Die Devisenhotels, in denen die meisten DDR-Gäste aus dem Westen absteigen mußten, waren der bevorzugte Einsatzort der Stasi-Nutten. Von Geschäftsreisenden und Journalisten sollten sie mit ihren Mitteln versuchen, "was rauszuholen". Visitenkarten waren begehrt, Telefonnummern und vor allem Gesprächspartner und Geschäftsdetails. "Wir sollten darauf achten", sagt Barbara, "ob nicht irgendwelche Papiere im Zimmer rumliegen."
Der Liebesdienst war wie fast alles bei der Firma professionell organisiert. "Mindestens die Hälfte der Kolleginnen", glaubt Barbara, "verkehrten im Auftrag der Stasi." "Ohne Kontakt zum MfS", sagt ein Barkeeper im Ost-Berliner Palast-Hotel, "ging in dem Gewerbe doch gar nichts."
Allein in der Devisenbar der Herberge vis-a-vis des Palastes der Republik warteten Abends rund 30 Frauen auf "Gäste", wie sie ihre Freier nannten. Im Hotel Metropol lag an der Rezeption eine "richtige Liste vor", erzählt eine ehemalige Werbechefin, "da standen alle Damen drauf, die in unserem Hotel erwünscht waren".
Wenn eine der Frauen mit ihrem Kunden aufs Zimmer wollte, mußte sie sich am Empfang formell an- und zugleich abmelden sowie, aus der Tasche des Kunden, "Aufbettung" bezahlen - im Palast-Hotel beispielsweise 60 Mark.
Diese Geschäftspraxis verschaffte dem Empfang einen Überblick über das Kommen und Gehen im Hause. Das Treiben auf den Zimmern konnte mittels Mikrofonen und oft sogar Kameras verfolgt werden. "Im Zimmer von einem der Metropol-Direktoren war eine Wand voll mit Bildschirmen", weiß eine ehemalige Mitarbeiterin der Geschäftsleitung, "so an die 50 Monitore."
Kameras waren auf Fluren installiert, im Schwimmbad und in Zimmern - im Metropol angeblich hinter den Fernsehschirmen. Auch in den Bars wurde, etwa im Ost-Berliner Grand Hotel, das Geschehen mit versteckter Kamera beobachtet. Die Stasi, sagt die Metropol-Direktorin, "hatte das fest im Griff".
Leichter Mädchen, die sich ohne Skrupel mit Ausländern einließen, bedurfte es nicht nur in der Hauptstadt oder während der Messe in Leipzig. In den Seemannsklubs der Hafenstädte Rostock, Stralsund oder Wismar machten sie sich als sogenannte Seeleute-Betreuer an Matrosen heran.
Zur "operativen Absicherung der Feiern zum 40. Jahrestag" im Oktober 1989 hielten sich die mit amtlichem "Bäckerschein" (DDR-Jargon) legitimierten Stasi-Kurtisanen an Mitglieder offizieller West-Delegationen. "Wo es notwendig war", sagt ein Schweriner Ex-OibE, wurden Stasi-Frauen eben "frauenspezifisch eingesetzt" - um jeden Preis. "Für anständiges Geld, West-Geld natürlich, sind alle ins Bett gegangen", berichtet eine Schweriner Mitarbeiterin, "und sie kriegten den doppelten Lohn wie auf der Reeperbahn."
Nun versuchen Mielkes Agentinnen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Einige haben sich, zumindest im Freundeskreis, zu ihrer Stasi-Arbeit bekannt wie die Mecklenburgerin "Rena". Sie fühlt sich jetzt "frei, und diese Freiheit werde ich mir zu bewahren wissen".
Wie wichtig das sein kann, erfuhr eine Kollegin auf eindrucksvolle Weise. Die DDR war kaum zu Grabe getragen, als sich vergangenes Jahr mit Nachdruck der nächste Dienst bei ihr meldete. Sie sollte weitermachen, als wäre nichts geschehen - diesmal für das sowjetische KGB. o
* Oben: Palast-Hotel; unten: im Ost-Berliner Grand Hotel. * Die 1917 gegründete Tscheka war der erste sowjetische Geheimdienst. * Oben: im Hintergrund Spionagechef Markus Wolf (1981); unten: mit dem damaligen CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf (1979).

DER SPIEGEL 9/1991
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