22.07.1991

QuadrigaPreußen raus

Bonner Abgeordnete protestieren gegen die überkommenen Insignien auf dem Brandenburger Tor.
Wir können die Geschichte nicht anders machen, als sie war.
Volkes Stimme meldete sich machtvoll. "Laßt den Vogel weg", lauteten die Forderungen, "kein Eisernes Kreuz", "Her mit dem Ur-Schadow". Als die Zuschriften an die Berliner Zeitung immer drängender wurden, gaben die Behörden dem Verlangen der Werktätigen nach und installierten Johann Gottfried Schadows rekonstruierte Quadriga ohne die "Embleme des preußisch-deutschen Militarismus" auf dem Brandenburger Tor.
Das war im Sommer 1958, in der Hauptstadt der DDR - eine der oft geübten, von der SED lancierten volksdemokratischen Nummern über eine längst entschiedene Angelegenheit.
33 Jahre später geht das Theater von vorne los. Jetzt sind es vorrangig Hinterbänkler vom Rhein, Bonn-Befürworter, politische Milchgesichter aus der ehemaligen westdeutschen Republik, die mit ihrem Protestgeheul das Comeback der erneuerten Quadriga begleiten. Die Kupferskulptur, die letzte Woche auf das Säulen-Heiligtum gehievt wurde, ist mit dem von Karl Friedrich Schinkel applizierten Panier aus Preußenadler und Eisernem Kreuz versehen - darum geht der Wirbel.
Die Kritiker verlangen "zukunftweisende", "nicht rückwärtsgewandte" Symbolik, zum Beispiel den europäischen Sternenkranz anstelle des Eisernen Kreuzes. Allenfalls würden sie eine "Rückkehr zum Original" hinnehmen, zum "Ur-Schadow, mit Friedenskranz", oder sie fordern einfach (wie der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger), "daß das Brandenburger Tor am 6. August genau die historische Gestalt erhält, die es vor 200 Jahren bei seiner Einweihung hatte", mit der "ursprünglichen Form der Quadriga". Nur leider: Die flott hingeworfenen Vorschläge stimmen mit der Historie nicht überein.
Denn ein "Ur-Schadow mit Friedenskranz" hat niemals existiert, und bei der Einweihung des von Carl Gotthard Langhans geschaffenen Brandenburger Tores gab es überhaupt noch keine Quadriga; die Kupferplastik gelangte erst in den Jahren 1793/94 auf das 1791 in Betrieb genommene Bauwerk - und wechselte zudem schnell ihre Accessoires. Was den Protestlern offenbar vorschwebt, ist, so steht zu befürchten, die von Walter Ulbrichts Kunstklempnern 1958 zurechtgelötete Version.
Zur Anreicherung der lückenhaften Kenntnisse können zwei Arbeiten von Berliner Kunsthistorikerinnen über die Quadriga hilfreich sein, die in den nächsten Tagen in den Buchhandel gelangen; die Untertitel verweisen auf die wechselhafte Geschichte des umstrittenen Monuments: "Zwischen Raub, Revolution und Frieden", "Vom preußischen Symbol zum Denkmal der Nation"*.
Bauherr des Berliner Gesamtkunstwerks war Friedrich Wilhelm II. Der König und sein Architekt Langhans wünschten sich (im Revolutionsjahr 1789) ein "Tor des Friedens"; der Bildhauer Schadow sollte es mit einem Vierergespann krönen, mit dem die Göttin Eirene, nach griechischer Sage eine Tochter des Zeus, den Frieden in die Stadt bringt.
Den 25jährigen Schadow reizten zuallererst die Rosse. Begeistert widmete er sich Studien wie "Steigendes Pferd" und "Pissende Stute", arbeitete besessen an der Äderung ihrer Schädel, an den geblähten Nüstern, den Hoden - Schadow fand, "daß die Zeugungsglieder nicht _(* Ulrike Krenzlin, Hannelore Gärtner, ) _(Sybille Einholz: "Die Quadriga auf dem ) _(Brandenburger Tor". Verlag für Bauwesen, ) _(Berlin; 80 Seiten; 19,80 Mark - Ulrike ) _(Krenzlin: "Johann Gottfried Schadow: Die ) _(Quadriga". Fischer Taschenbuch Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 88 Seiten; 16,80 ) _(Mark. ) müssen weggelassen werden". Weniger Eifer entwickelte er bei der Allegorie des Friedens, seit klar war, daß er die Dame nicht als Akt würde darstellen dürfen; die tonnenschwere Figur geriet ihm einigermaßen stramm und starr.
Offenbar ohne Ehrgeiz, eher beiläufig, entwarf er die Trophäe auf Eirenes Speerspitze: einen römischen Brustpanzer, zwei Schilde, einen Helm - die Berliner hatten nur Spott für diese "Nachtlaterne". Der "Ur-Schadow" wurde noch 1794/95 gegen ein römisches Legionszeichen ausgewechselt, das aus einer Tafel, einem Siegeskranz und einem römischen Adler bestand. So verblieb die Quadriga, bis Napoleon - nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt im Jahre 1806 - durchs Brandenburger Tor einritt und sie als Beutegut nach Paris verschleppte.
Napoleon war gekommen, Preußen zu demütigen, zu zerschlagen, auszuplündern - und (so Schadow) "in unseren Knaben und Jünglingen setzte sich der Keim vom Kraute der Vergeltung" fest. Wie ein Stachel wirkte im Bewußtsein der Berliner die kahle eiserne Stützstange auf dem Tor.
Als acht Jahre später Napoleon vertrieben und die Quadriga nach Berlin zurückgekehrt war, wurde aus dem Geviert am Brandenburger Tor der "Pariser Platz" und aus Eirene, der Friedensgöttin, Viktoria, die Siegesgöttin.
Friedrich Wilhelm III. beauftragte Schinkel, "der Figur etwas mehr Bezughabendes auf die jetzigen Zeitereignisse in die Hand zu geben", und Schinkel gab ihr "anstelle des von ihr gehaltenen antiken Palladiums das Panier Preußens: Eichenkranz, welcher das Eiserne Kreuz umschließt, über welchem der preußische Adler mit ausgebreiteten Schwingen emporzusteigen scheint". Die Trophäe, auf Fernwirkung aus 26 Metern Höhe berechnet, wurde zwei Meter hoch, der Adler bekam eine Spannweite von 1,70 Metern, das Eiserne Kreuz maß 59 mal 59 Zentimeter.
Der König hatte den einfachen Tapferkeitsorden 1813 für die Dauer der Befreiungskriege gestiftet, Schinkel hatte ihn entworfen. Wilhelm I., Wilhelm II. und Adolf Hitler erneuerten die Stiftung 1870, 1914 und 1939 jeweils für die Dauer des Krieges. Diesen "Mißbrauch" mußte noch die im Kriege zerrissene Quadriga entgelten: Ulbrichts Enttrümmerer und Stadtverschönerer zersägten sie, kippten die Teile vom Tor, die Partei gab sie zur Verschrottung frei.
Eine neue, den Nachkriegsstand reflektierende Symbolik war nun gefragt. Hans Scharoun (später Erbauer der Berliner Philharmonie) propagierte als Motiv eine Gruppe Werktätiger mit einer Mutter samt vergoldetem Kind in der Mitte, andere redeten Picassos Friedenstaube das Wort. Währenddessen wehte auf dem Brandenburger Tor die rote Fahne.
Ausgerechnet in einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges, in der Zeit zwischen dem ungarischen Volksaufstand im Herbst 1956 und Chruschtschows Berlin-Ultimatum im Herbst 1958, kam es an der Demarkationslinie zwischen den Machtblöcken zu einer wenn auch mühsamen und immer wieder gestörten Verständigung: Der Magistrat von Ost-Berlin und der Senat von West-Berlin vereinbarten, das Brandenburger Tor und die Quadriga wiederherzustellen. Der Osten besorgte die Bauarbeiten, der Westen die Neuanfertigung des Kupfergespanns nach geretteten Gipsformen.
Jeder für sich und kontrovers trafen die beiden deutschen Teilstaaten 1957 zwei folgenreiche Entscheidungen: Während von Bonn das Eiserne Kreuz als Kriegsauszeichnung zum Tragen wieder freigegeben wurde (was Erich Mende veranlaßte, auf dem Bonner Parkett mit Ritterkreuz zu erscheinen), wurde der Orden in der DDR als "Zeichen des Völkermords" ausdrücklich verbannt.
Vier Jahre später war das Brandenburger Tor zum Paradox und damit endgültig zum deutschen Nationaldenkmal geworden: Die Friedenspforte wurde zugemauert - darüber verblaßte Ulbrichts vorausgegangene Missetat, das Kunstwerk der Quadriga amputiert, die Spuren Preußens aus dem Denkmal herausgebrochen zu haben.
233 Scheinwerfer sollen nun, zur 200-Jahr-Feier am 6. August, Berlins Wahrzeichen und die wieder obendrauf gestellte Trophäe ins rechte Licht rücken, trotz all des "Schattenboxens" (FAZ) um Adler und Eisernes Kreuz.
Den Eiferern vom Rhein hält der Museumsdirektor Günther Gottmann, 60, in dessen Haus für Verkehr und Technik die Quadriga restauriert worden ist, Grundregeln für den Umgang mit Kunst und Geschichte entgegen.
Wenn die jetzige Generation ein Symbol für ihre Sehnsucht nach Frieden wünsche, so der Theologe und Historiker, könne sie das nicht durch Veränderungen eines historischen Denkmals erreichen, sie müsse sich schon ihr eigenes schaffen - zum Beispiel ein Holocaust-Mahnmal auf dem Gestapo-Gelände, "ganz in der Nähe der Quadriga", wie Gottmann meint.
Die Pflege historischer Denkmäler hingegen, so erklärt der Museumschef, unterliege nicht den Gesetzen der jeweils herrschenden Weltanschauung, sondern der Erhaltung und dem Verständnis von Geschichte. Geschichte aber könne nur durch Deutung ihrer Denkmäler, nicht durch deren Demontage und Destruktion interpretiert werden.
Wer dergleichen anstrebe, so Gottmanns Verdikt, betreibe "Geschichtsbewältigung nach der Art der Pharaonen". Die ägyptischen Herrscher pflegten den Abbildern ihrer Vorgänger die Augen auszustechen. o
* Ulrike Krenzlin, Hannelore Gärtner, Sybille Einholz: "Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor". Verlag für Bauwesen, Berlin; 80 Seiten; 19,80 Mark - Ulrike Krenzlin: "Johann Gottfried Schadow: Die Quadriga". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 88 Seiten; 16,80 Mark.

DER SPIEGEL 30/1991
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