22.07.1991

„Wir haben gemeinsam geatmet“

SPIEGEL: Warum reagieren Sie auf das Buch Ihrer Frau erst heute, nachdem es bereits 1987 in den USA erschienen ist?
MAHMOODY: Ich bin ein sehr aktiver Mensch, ich arbeite in verschiedenen Krankenhäusern, unterrichte in der Universität, ich habe 24 Stunden am Tag zu tun. Ich bin Anästhesie-Spezialist und ständig im Einsatz. Bisher bin ich einfach nicht dazu gekommen.
SPIEGEL: Warum sind Sie 1984 gemeinsam mit Ihrer Frau Betty und Tochter Mahtab in den Iran gekommen?
MAHMOODY: Jeder, der im Ausland lebt, hat das Bedürfnis, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. Zum einen wollten wir Besuche abstatten, zum anderen wollte ich meinen Landsleuten meine Dienste erweisen.
SPIEGEL: Welche Dienste?
MAHMOODY: Ärztliche. Im Operationssaal und in der Universität.
SPIEGEL: Wollten Sie auch die Revolution unterstützen?
MAHMOODY: Auf jeden Fall. Als wir in den Iran zurückkehrten, befand der Iran sich auf dem Höhepunkt der Revolution. Außerdem kämpften wir in einem uns aufgezwungenen Krieg.
SPIEGEL: Sie reden von politischer Verantwortung gegenüber Ihrem Land. Ihre Frau hat dagegen ein Buch geschrieben, in dem sie den Islam angreift.
MAHMOODY: Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich weiß nicht, was sie über meine Person, über iranische Kinder oder die Revolution geschrieben hat.
SPIEGEL: Warum haben Sie das Buch nicht gelesen?
MAHMOODY: Zunächst wußte ich doch nichts davon.
SPIEGEL: Und welches Gefühl hatten Sie, als Sie dann von dem Buch gehört haben?
MAHMOODY: Ich habe mich gewundert, worüber sie ein Buch geschrieben haben konnte. Solange wir zusammen waren, hatten wir keine so großen Meinungsunterschiede, daß sie später hätte ein Buch darüber schreiben können. Ich war ihr ein sehr guter Ehemann und habe sie in jeder Hinsicht mehr als hinreichend versorgt. Es fehlte ihr an nichts.
SPIEGEL: Haben Sie Ihrer Frau, als Sie sie kennenlernten, verschwiegen, daß Sie Moslem sind?
MAHMOODY: Nein, wir haben gleich darüber geredet. Als wir heiraten wollten und weil sie wußte, daß ich ein islamisches Leben führte, trat auch sie in einer Moschee in Houston dem Islam bei.
SPIEGEL: Wie charakterisieren Sie Betty?
MAHMOODY: Sie ist eine sehr fleißige Person, sie hat einen guten Geschmack, sie kann gut kochen, sie kann nähen. Sie ist clever und liebenswert.
SPIEGEL: Lieben Sie sie noch?
MAHMOODY: Sie ist die Mutter meiner Tochter. Aber jemand, der einseitig die Familienbande auseinanderreißt, jemand, der nicht bedenkt, daß sein eigenes Kind, genauso wie es eine Mutter braucht, auch einen Vater braucht, und jemand, der auf diese Weise seinem Heim entflieht und seinem Kind die väterliche Liebe und Zuwendung entzieht, den kann man als Ehepartner nicht mehr lieben. Betty hat alle familiären Werte mit den Füßen getreten. Wir hatten eine sehr warme Gemeinschaft, meine Frau, meine Tochter Mahtab und ich. Das war offensichtlich, man merkte es sowohl an Mahtabs Verhalten als auch an ihren guten Schulnoten. Sie war die beste Schülerin ihrer Klasse.
SPIEGEL: Ihre Frau behauptet in dem Buch, die Tochter habe unter den häuslichen Verhältnissen entsetzlich gelitten.
MAHMOODY: Wir hatten eine warme und zarte Beziehung. Und dann wurde ich eines Tages für einen Notfall ins Krankenhaus gerufen, ein Soldat hatte eine Chemieverletzung. Als ich wieder nach Hause kam, war sie weg und meine Tochter auch. Sie war weg, weg, weg. So etwas Herzloses! Mahtab ist doch auch meine Tochter.
SPIEGEL: Betty Mahmoody schreibt, sie habe alles zum Wohle ihres Kindes getan.
MAHMOODY: Wer sein Kind liebt, dem muß doch klar sein, daß es sowohl Mutter- als auch Vaterliebe braucht. Hätte ich dem Kind die Mutterliebe entzogen, dann wäre ich für jeden ein herzloser, skrupelloser Mensch. Betty aber hat geglaubt, das Kind braucht nur eine Mutter und keinen Vater. Ist das vielleicht nicht herzlos? Mir hat sie die Liebe meiner Tochter entzogen und Mahtab die Liebe des Vaters.
SPIEGEL: Ihre Frau wirft Ihnen vor, Sie hätten Ihre Tochter geschlagen.
MAHMOODY: Das ist absolut falsch.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht versucht, mit Ihrer Tochter Kontakt aufzunehmen?
MAHMOODY: Genauso wie Betty ihren ersten Mann in den Augen ihrer beiden Söhne angeschwärzt hat - sie hat ihnen erzählt, er sei bösartig und hartherzig -, genauso ein Monster wird sie meiner Tochter gegenüber aus mir gemacht haben.
SPIEGEL: Wann fingen die Schwierigkeiten zwischen Ihnen und Ihrer Frau an?
MAHMOODY: Schon in Amerika mochte sie es nicht, wenn ich meinen religiösen Pflichten nachging. Im Fastenmonat Ramadan haben wir Moslems die Möglichkeit, Körper und Seele zu reinigen. An manchen Abenden bleiben wir auf und beten bis zum Morgen. Normalerweise beten wir in diesen Nächten gemeinsam mit anderen Moslems. Ich war der einzige Moslem in unserer Gegend - außer Betty natürlich, die nicht mitbeten wollte. Da saß ich nun also allein und betete, versuchte zu beten, denn immer wieder kam Betty und meinte, ich solle endlich ins Bett kommen, es sei Schlafenszeit.
SPIEGEL: Warum, glauben Sie, ist sie Ihre Frau geworden?
MAHMOODY: Ich bin sicher, sie liebte mich. Sie hatte gesagt: "Honey, I will go with you to any place in the world, just to be with you." Außerdem hat sie freiwillig meine Religion angenommen. Sie hat für uns und unsere Freunde persisch gekocht, nach persischer Art, und zur Freude aller haben wir das Gedeck auf dem Boden ausgebreitet.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß Betty Ihre Frau wurde, weil sie den Wunsch nach einem besseren Leben hatte?
MAHMOODY: Das ist wohl wahr. Das Leben in dem kleinen Elsie in Michigan war nicht gerade besonders aufregend. Betty hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich, zwei halbwüchsige Söhne, und sicher versprach sie sich eine bessere gesellschaftliche Stellung als Arztfrau. Sie brauchte einen Vater für ihre Söhne, finanzielle Absicherung, und sie wollte in eine größere Stadt. Alles dieses habe ich ihr geboten.
SPIEGEL: Ihre Frau schreibt, daß sie einen amerikanischen Moody geliebt habe, den sie auch geheiratet habe. Abgelehnt habe sie Sie erst, als Sie sich zur eigenen Kultur und Religion bekannt hätten.
MAHMOODY: Für Betty, wie für viele andere Amerikaner auch, ist alles Nichtamerikanische verpönt und schlecht. Für die zählt nur Amerika und noch mal Amerika, that''s it. Outside USA is hell on earth. Ich dachte, Betty sei anders. Wir hatten eine große Doppelgarage, die hatten wir ausgeräumt und als Gebetraum für die Islamische Gemeinschaft Südtexas eingerichtet. Das war 1978. Und Betty war die Sekretärin dieser Gemeinschaft.
SPIEGEL: Wie wichtig war Geld für Betty? _(* Im Mai in Hamburg. )
MAHMOODY: Sie hat sehr viel Wert darauf gelegt, viel Geld zu haben. Von dem Geld, das ich verdiente, hat sie hin und wieder auch ihre Familie unterstützt. Wir hatten immer gemeinsame Konten, und Betty hatte vollkommen freien Zugriff. Ich habe Betty vertraut, schließlich war sie meine Frau, wir haben das Leben geteilt, oder - wie wir sagen - wir haben gemeinsam geatmet. Ich habe sie geehrt und nichts vor ihr verborgen. Eines Tages kam die Frau eines befreundeten ägyptischen Arztes zu mir und erzählte mir, daß Betty unser gesamtes Bankguthaben von unserem Konto abgehoben und versteckt habe. Als ich Betty gefragt habe, warum sie das denn nur getan habe, antwortete sie, sie sei sauer und wolle mich verlassen. Das war 1978 oder ''79.
SPIEGEL: Als Sie dann im Iran waren, haben Sie Betty geschlagen?
MAHMOODY: Das ist eine Lüge. Obwohl ich manchmal den Eindruck hatte, sie wäre gern von mir geschlagen worden.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?
MAHMOODY: Betty hatte zwei Schwestern und drei Brüder. Ken, der Mann ihrer Schwester Caroline, war Landwirt. Oft kam Betty zu mir und erzählte, Ken habe Caroline blau und grün geschlagen. Offensichtlich waren Prügel in ihrer Familie üblich.
SPIEGEL: Haben Sie sie nun geschlagen oder nicht?
MAHMOODY: Sehen Sie, ich bin ein religiöser Mann. Der Islam schreibt mir vor, meine Frau zu ehren und zu achten. Niemals habe ich die Hand gegen sie erhoben, obschon - und wie bereits gesagt - ich den Eindruck hatte, sie wünschte sich, von mir geschlagen zu werden. Sie stellte die Prügel, die Caroline von Ken bezog, so schillernd dar, daß ich den Eindruck gewann, Betty wolle damit mich animieren, sie zu schlagen.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, Betty sei masochistisch veranlagt?
MAHMOODY: So scheint es. Ich zog es jedoch vor, mich entsprechend meines Standes, meiner Ausbildung, meiner Religion und meines Alters zu verhalten und mit ihr die Probleme zu besprechen. Ich habe sie weder geschlagen noch beschimpft. In den gesamten 20 und mehr Jahren, die ich in Amerika verbrachte, habe ich nicht ein einziges Mal dieses gängige Wort mit den vier Buchstaben in den Mund genommen. Dazu schäme ich mich zu sehr.
SPIEGEL: Betty beschwert sich über die schlechte Behandlung durch Sie und Ihre Familie.
MAHMOODY: Da sehen Sie es. Im Flughafen wurden wir wärmstens empfangen mit Blumen und Goldarmreifen für Betty und Mahtab. Wirklich, unsere Familie und unsere Freunde hätten nicht herzlicher und liebevoller sein können. Mit dem bißchen Englisch, das meine Familie konnte, nannte sie Betty liebevoll "Sister Betty". Die Familie hatte sie ins Herz geschlossen.
SPIEGEL: Warum haben Sie Betty nicht von Anfang an gesagt, daß Sie vorhatten, im Iran zu bleiben?
MAHMOODY: Sie wußte, wie sehr ich den Iran liebe und daß man mir im Krankenhaus in Amerika gesagt hatte, daß ich, wenn ich in meine Heimat ginge, nicht wieder zurückzukommen brauchte. Wo hätte ich arbeiten sollen in den Staaten? Ich hatte Freunde und Anwälte gebeten, sich nach Arbeit für mich umzusehen. Hoffnungslos.
SPIEGEL: Betty behauptet, im Iran festgehalten worden zu sein.
MAHMOODY: Das ist doch lächerlich. Hätte ich meine Familie tatsächlich beauftragt, sie zu bewachen, wäre sie heute noch im Iran. Im Gegenteil, als ihr Vater krank war und im Sterben lag, habe ich ihr einen Hin- und Rückflug gekauft und für die Geschenke, die sie ihrer Familie mitnehmen sollte, im voraus 25 Kilogramm Übergepäck bezahlt.
SPIEGEL: Sie hatten ihr aber verboten, Ihre Tochter mitzunehmen.
MAHMOODY: Mahtab ging damals in die Schule, es war mitten im Schuljahr, ich hatte gerade angefangen zu arbeiten, bekam also auch gar keinen Urlaub. Außerdem verdiente ich noch nicht soviel Geld, aber ich hatte ihr zugesichert, daß wir im Sommer alle zusammen fliegen würden. Und dann war sie plötzlich verschwunden - und meine Tochter auch. Ich war zu Tode geängstigt: eine Amerikanerin ohne besondere Sprachkenntnisse, die Tasche voll Geld und Gold, allein in einer Metropole mitten im Krieg. Ich hatte Angst um das Leben meiner Frau und meiner geliebten Tochter.
SPIEGEL: Sie ist geflohen, weil sie von Ihnen im Iran gefangengehalten wurde.
MAHMOODY: Gefangen?! Sie hatte die Schlüssel zum Haus, das Telefon zur freien Verfügung, sie konnte kommen und gehen, wann immer sie wollte, wohin immer sie wollte. Glauben Sie mir, wenn ich sie hätte festhalten wollen, wäre sie heute noch hier.
SPIEGEL: Sowohl im Buch als auch im Film werden Sie als ein immer aggressiver werdender Mensch dargestellt, der zum Schluß sogar seine Tochter schlägt.
MAHMOODY: Ich liebe meine Tochter, ich liebe sie über alles. Ich selbst habe meine Mutter sehr früh als Junge verloren. Als Mahtab geboren wurde, habe ich das Antlitz meiner Mutter in ihr gesehen. Mahtab ist für mich, wie wir im Persischen sagen, mein Leben - verzeihen Sie die Tränen -, für mich grenzte das an ein Wunder, als wenn meine verstorbene Mutter durch Mahtab wieder zum Leben gefunden hätte.
SPIEGEL: Im deutschen Fernsehen war Ihre Frau mit einer Pistole zu sehen. Sie sagte, sie fürchte sich vor dem Tag, an dem sie Sie töten müsse.
MAHMOODY: Ich frage Sie, kann eine Frau, die in der Lage ist, auch nur daran zu denken, den Vater ihres Kindes zu ermorden, ernsthaft Liebe für ihr Kind empfinden? Sie ist so egoistisch und unfair zu Mahtab. Weiter sage ich nichts. Urteilen Sie selbst.
SPIEGEL: Ihre Frau sagt, sie erziehe Mahtab bikulturell. Sie erzähle ihr von Ihnen und feiere für Mahtab das iranische Neujahrsfest.
MAHMOODY: Sie lügt! Wäre das wahr, würde sie mich zu Neujahr anrufen und Mahtab die Gelegenheit geben, mir ein gutes neues Jahr zu wünschen, und mir die Gelegenheit, meiner Tochter Glück zu wünschen.
SPIEGEL: In ihrem Buch schwört Ihre Frau Rache.
MAHMOODY: Was ist das für eine Rache, die eigene Tochter vom Vater zu trennen. Im Persischen gibt es für jede Situation ein geeignetes Sprichwort oder eine Redewendung. Auf diese Situation würde folgendes zutreffen: Sie ist gegangen, um ein Taschentuch zu kaufen, und weil sie es nicht bekommen konnte, hat sie den ganzen Basar abgebrannt.
SPIEGEL: Ihre Aussagen und die Ihrer Frau sind vollkommen widersprüchlich. Wem sollen wir glauben?
MAHMOODY: Wenn Sie sonst nichts aus diesem Interview mitnehmen, dann bitte nur dieses: Diese Frau braucht psychologische Hilfe. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Bozorg Mahmoody *
lebt und arbeitet als Anästhesist und Chiropraktiker im Iran. Der gläubige Moslem war 1964 zum Studium in die USA gekommen, praktizierte in den Staaten als Arzt und heiratete 1977 eine Amerikanerin. 1984 fuhr er mit seiner Frau Betty und der gemeinsamen Tochter Mahtab zu einem Verwandtenbesuch in den Iran. Nach Angaben von Betty Mahmoody sollte dies nur ein vorübergehender Aufenthalt sein. Dagegen bestätigt Bozorg Mahmoody, 54, heute, daß er von Anfang an geplant habe, in seiner Heimat zu bleiben. Betty Mahmoody fühlte sich schon bald im Iran als Fremde. Ihr Mann wollte sie aber nur unter der Bedingung ziehen lassen, daß die Tochter bei ihm bleibe. So entschloß sich Betty Mahmoody zur Flucht mit ihrer Tochter. Über ihre Erlebnisse im Land und die Flucht schrieb sie - gemeinsam mit dem Autor William Hoffer - das Buch "Nicht ohne meine Tochter", das 1987 in den USA erschien und schon bald ein internationaler Bestseller wurde. Allein die deutsche Ausgabe hat inzwischen eine Auflage von mehr als drei Millionen Exemplaren. Auch der nach dem Buch gedrehte Hollywood-Film mit Sally Field in der Hauptrolle wurde ein Erfolg. In zahlreichen Talk-Shows berichtete Betty Mahmoody von ihren Erlebnissen. Die Universität Michigan zeichnete sie mit einem Ehrendoktortitel aus, die Brigham Young University in Utah verlieh ihr den Freedom Award. Doch wurde auch heftige Kritik geübt. Vor allem mit Moslems verheiratete Frauen in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland warfen ihr vor, mit ihrem Buch und ihren Auftritten die Vorurteile gegen bikulturelle Ehen zu schüren. In einem SPIEGEL-Interview, das im Iran auf persisch geführt wurde, äußert sich Bozorg Mahmoody erstmals zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. SPIEGEL TV Reportage dokumentiert das Gespräch am Dienstag abend (23.05 Uhr, Sat 1).
* Im Mai in Hamburg.

DER SPIEGEL 30/1991
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