24.06.1991

„Sehen, daß wir fortkommen“

Melchior Riffel war schon 58 Jahre alt, als er sich mit seinem Weib Maria und fünf Kindern aufmachte von Haften nach Kandel. Die alte Heimat lag im Elsaß, die neue bei Odessa. Die 2600 Kilometer lange Reise konnte ihn so wenig wie den im nahen Franzfeld siedelnden Franz Riffel, 30, davon abhalten, den Traum von Wohlstand und Freiheit in Rußland zu suchen.
Die Herrscher, die sie mit Manifesten und Gnadenbriefen dorthin gerufen hatten, lagen schon unter der russischen Erde: seit 1796 die als deutsche Prinzessin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin geborene Zarin Katharina II. (sie war an einem Schlaganfall verstorben); seit 1801 auch ihr Sohn Paul I. (er war einer Palastrevolte zum Opfer gefallen). Wo die beiden Riffels 1808 herkamen, herrschte Napoleon; wo sie hingingen, der - noch - Napoleon-Bewunderer Alexander I.
Melchior oder Franz, das sind die Ahnen, von denen heute Alexander Jakowlewitsch Riffel, 44, seine Herkunft ableiten kann.
Für ihn und die Besucher seines Deutschen Kulturzentrums in Ust-Kamenogorsk, Kasachstan, liegen das Schwarze Meer und die Dörfer der Vorväter seit einem halben Jahrhundert 5500 Kilometer weit im Westen. Im September 1941 hatte auf einem Horror-Trip Josef Stalin die Rußland-Deutschen in Viehwaggons fort aus der Ukraine und weg von der Wolga deportieren lassen - angeblich, weil sie als Fünfte Kolonne der herannahenden Hitler-Wehrmacht dienlich sein konnten.
Nach Kasachstan kamen damals 350 000 deutsche Zwangsumsiedler, allein nach Ost-Kasachstan mit der Hauptstadt Ust-Kamenogorsk 28 000. Heute leben dort nur noch gut 20 000, kaum vier Prozent der Bevölkerung dieses Gebiets, dessen Fläche größer ist als die Bundesländer Bayern und Hessen zusammengenommen.
Das dicke Buch des Dr. Karl Stumpp, der die Namen der russischen Deutschen, ihr Woher und Wohin im 18. und 19. Jahrhundert zusammengetragen hat, steht wie eine Bibel im Regal des Kulturzentrums. "Mer wollte halt wisse, wo die Unsere weggemacht sind", sagt eine Frau mit weichem althessischen Dialekt.
Seinen Landsleuten in der industrialisierten Kasachensteppe "zu zeigen, wer sie sind", ihnen "Kultur und Sprache zurückzugeben", hat sich Ingenieur Riffel vor zwei Jahren als Spätberufener vorgenommen. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Ust-Kamenogorsker Armaturenwerk, mietete er zwei Etagen eines tristen Betonwürfels, in dem vorher ein Jugendklub untergebracht war.
Drinnen, im düsteren Theatersaal, wird jetzt "Die Prinzessin auf der Erbse" aufgeführt - mit Katja Riffel, 13, in der Hauptrolle. Noch in diesem Jahr, sagt das Mädchen im abgezirkelten Deutsch derer, die es bereits als Fremd- und nicht als Muttersprache erlernt haben, hoffe sie, per Schüleraustausch in die Bundesrepublik zu kommen.
Der Vater war schon dort, noch als Mitglied einer Delegation der sowjetdeutschen Selbsthilfe-Organisation "Wiedergeburt". Doch von "diesem Verein", inzwischen über die Frage Autonomie oder Auswandern heillos zerstritten, hat sich Alexander Riffel vor einiger Zeit verärgert getrennt.
Sein persönliches Motto steht zugleich für das Konzept des Kulturzentrums: "Keine Agitation für die Übersiedlung nach Deutschland, praktische Hilfe für alle, die bleiben wollen, aber auch für diejenigen, die sich zum Weggehen entschlossen haben."
Dieser Tage hat Riffel Besuch: Der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA), in St. Augustin bei Bonn zu Hause, hat seine UdSSR-Referentin für Schul- und Bildungsfragen vorbeigeschickt. Gisa Steguweit, früher im DDR-Kulturministerium für künstlerische Kontakte zur Sowjetunion zuständig, ist - von Kasachstan aus gesehen - eine wichtige Person: Ihr Verein hat einen erheblichen Teil jener 200 Millionen Mark zu verteilen, die von der Bundesregierung für "Aussiedlungsgebiete" bereitgestellt worden sind.
Zunächst einmal verteilt Frau Steguweit Fragebogen, mit denen Einrichtungen wie Riffels Kulturzentrum bürokratisch erfaßt werden: Wie die Kontakte zur "Wiedergeburt" seien, will man im fernen St. Augustin wissen, und wie die Beziehungen zu den örtlichen Behörden. Jedes am bundesdeutschen Hilfsprogramm interessierte "Begegnungszentrum" ist zur Auskunft verpflichtet.
Erste VDA-Sachspenden sind in Riffels Kulturzentrum bereits zu besichtigen. Geduldig hört sich Gisa Steguweit sowjetische Klagen an: Die Nähmaschinen nähen nicht, weil es im Dorf weder Stoffe noch Nähseide zu kaufen gibt; der Kopierautomat kopiert nicht, weil die vom VDA bewilligten Nachfüllkartuschen längst aufgebraucht sind.
Lediglich das mit Fernsehgerät, Videorecorder und Projektor halbwegs modern ausgestattete Sprachstudio arbeitet auf vollen Touren. Zeitweise laufen ein Dutzend Kurse parallel. Neben ein paar Russen sind es vor allem Sowjetdeutsche, die sich hier eine Sprache zurückzuerobern versuchen, auf die ihre Eltern gezwungenermaßen verzichteten, um nicht unliebsam als "Fritzen" oder gar "Faschisten" aufzufallen.
Einige Gruppen lernen ihre ersten deutschen Sätze von Saulje Karimowa, einer 33jährigen Kasachin. Die Situation ist paradox, aber typisch für die ethnischen Verwerfungen, die Stalins Nationalitätenpolitik und ihre jahrzehntelangen Nachbeben gerade in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken verursacht haben: Die kasachische Deutsch-Lehrerin beherrscht selbst nur noch Brocken ihrer eigenen Muttersprache, weil sie frühzeitig auf eine russische Schule geschickt wurde.
Da sie erfahren mußte, "welche Entfremdung das bedeutet", tun ihr die Deutschen "besonders leid" - und fast trotzig fügt die zierliche Schubert-Liebhaberin hinzu: "Ich will nicht, daß sie fortfahren; gerade wir Kasachen wissen, daß es ehrliche, arbeitsame und verläßliche Menschen sind."
Doch der fromme Wunsch, dem sich aus anderen Motiven wohl auch die Bonner Regierung und ihr Zahlmeister VDA anschließen könnten, wird weitgehend unerfüllt bleiben: "Die meisten", sagt Frau Karimowa traurig, "lernen doch die deutsche Sprache zur Vorbereitung ihrer Ausreise."
Dabei sind die Deutschen in Ost-Kasachstan, das den Einstieg in die Marktwirtschaft als "freie Wirtschaftszone" mit Sonderbeziehungen zur kapitalistischen Außenwelt wagen will, umworben wie nie zuvor: "Unsere Deutschen", hofft Alexander Rogatschow, der das ökonomische Abenteuer gebietsweit organisieren soll, "stellen als Anknüpfungspunkt für deutsche Investitionen ein wertvolles Startkapital dar."
Die Gegend ist reich an Bodenschätzen. Weil die auf schlampig-sowjetische Weise ausgebeutet werden, ist selbst die Luft gehörig blei- und zinkhaltig. Als im vergangenen Herbst eine Beryllium-Bude explodierte, rückte das kaum 300 Kilometer vom Atomtestgelände in Semipalatinsk entfernt gelegene Ust-Kamenogorsk auf der Schwarzen Liste für ökologische Notstandsgebiete in die Spitzengruppe vor.
Jahrzehntelang war die Stadt für Ausländer gesperrt, jetzt sollen sie in Scharen kommen und Mark, Yen oder Dollar möglichst säckeweise mitbringen: "Wir Deutsche sind dafür so eine Art Köderfisch", hat auch Riffel erkannt.
Beispielsweise für Wladimir Klimow, den Vize-Chef einer Geologen-Station im nahegelegenen Leninogorsk: Ginge es nach ihm, würde er morgen seinen Staatsjob aufgeben und nur noch betuchte deutsche Weidmänner auf die Pirsch zu Maralhirsch, Bär und Wolf führen - und abends mit ihnen in seiner Jagdhütte ein "paar Zentimeter Schnaps trinken", wie es ihm vom ersten Test mit bayerischen Trophäenjägern in bester Erinnerung geblieben ist.
Nur "etwa zehn Bierfabriken" fehlten dann noch zum vollständigen Glück des Wladimir Klimow. Und auch die würden die Deutschen für ihre durstigen Blutsbrüder, meint er, sicher mitbringen, "denn hier wird gern getrunken". Die chinesischen Bierdosen, die allenthalben herumliegen, bezeugen es; aber deren Ursprungsland ist ja auch nur 400 Kilometer entfernt.
Den Traum ihrer Großväter von Freiheit und Wohlstand in russischen Weiten - bis Anfang der dreißiger Jahre gehörte Ost-Kasachstan zum russischen Westsibirien - haben die heutigen Sowjetdeutschen, so scheint es, endgültig ausgeträumt. "Wir haben hier nichts mehr zu suchen", sagt Jakow Rommel, 56, aus dem Dorf Sugatowka, "es ist traurig, aber wir müssen sehen, daß wir fortkommen."
Die Papiere sind schon beantragt, das erst vor drei Jahren fertiggebaute Haus ist bereits für 25 000 Rubel verkauft. Sein ganzes Leben hat der Hausherr dafür geschuftet, doch die Großfamilie Rommel ist sich einig: "Drüben hätte man es in der Zeit auf zehn solcher Häuser gebracht, und vielleicht auf sechs Maschinen" (damit sind Autos gemeint).
Für die vier Dörfer Sugatowka, Kenigschowo, Prugerowo und Gorkunowo, in denen die Deutschen noch dichtgedrängt beieinanderwohnen, gilt der Rommelsche Befund: "Alle, die wir kennen, wollen fahren; bleiben wird von hundert vielleicht einer." In Gorkunowo ist die Hälfte der Leute schon weg, die andere Hälfte hat die Reisedokumente beantragt.
Heinrich Schenhals, 41, Vorsitzender des Gemeinderats in Sugatowka, bestätigt die Negativbilanz: Von den 1150 Landsleuten seines Ortes sind innerhalb des letzten Jahres 300 weggezogen "in die Heimat" - und "ihre Briefe sind alle positiv, es gibt keine negativen".
Für Nelli Bem, die Leiterin des kleinen Museums im nahen Schemonaicha, ist es "eine Epidemie, welche die Deutschen erfaßt hat". Sie ahnt, daß Zeugnisse deutschen Lebens in Kasachstan bald nur noch bei ihr zu besichtigen sein werden. Schenhals nennt die tieferen Gründe für den Auswanderungsdrang: "Zwei, drei Tragödien hat hier jede Familie hinter sich, und wenn sich wie jetzt in Rußland etwas zusammenbraut, werden die Schuldigen immer bei den kleinen Völkern gesucht, besonders bei uns Deutschen."
Was Sowjetpolitiker verschämt "Purifikation" nennen - die oft gewalttätige Entmischung der gewaltsam zusammengewürfelten Völkerschaften -, in Sugatowka ist eine Variante davon zu besichtigen: Häuser und Arbeitsplätze der abreisenden Deutschen werden sofort von Russen eingenommen, die ihrerseits in Scharen jene Gebiete verlassen, wo sie mit Kasachen zusammenwohnen und in denen, so Schenhals, "die Atmosphäre immer gespannter wird".
Solange "Großdeutschland", wie die geeinte ferne Heimat jetzt bei vielen Sowjetdeutschen heißt, nicht vor ihnen die Tore zusperrt, wird die Rückkehrwilligen nichts aufhalten: weder die erniedrigenden Behördengänge werden es tun noch jene 900 Bestechungsrubel in Alma-Ata für Zoll- und sonstige Genehmigungen, nicht das entwürdigende Schlangestehen vor der Deutschen Botschaft in Moskau und nicht die Aussicht auf Lagerleben, Arbeitslosigkeit und Familienzerfall im gelobten Land der Vorväter.
Im Kulturzentrum von Ust-Kamenogorsk läuft das neueste Aufklärungsvideo der "Deutschen Welle", in dem sich der parlamentarische Staatssekretär des Bundesinnenministeriums Horst Waffenschmidt mit der törichten Frage an UdSSR-Aussiedler vernehmen läßt: "Meinen Sie denn, da wollen noch viele ausreisen?" Niemand lacht.
"Scheen, ganz scheen" habe man Weihnachten gefeiert im Kulturzentrum, sagt ein Rentner, der gerade sein Lebensmittelpaket abholt, gestiftet von der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland. Aber zum nächsten Fest hofft er schon "daheem" zu sein, und dann, fügt der deutsche Christenmensch hinzu, "soll dene Kasache un Russe dr Deifel hole".
Vieles spricht dafür, daß sich jene Millionen aus Bonn, die für Kindergärten und Kinomobile, Schulen und Chorleiterseminare in den verstreuten Siedlungsgebieten der Sowjetdeutschen ausgegeben werden, früher oder später als vorgezogene Eingliederungshilfen erweisen werden. "Unser Zentrum", sagt Jakow, der Riffels Deutsches Haus als Hausmeister betreut und des Nachts auch bewacht, "wird noch fünf bis zehn Jahre gebraucht. Dann sind 70 Prozent der Deutschen weg."
Doch wenigstens bis dahin muß das "sozialkulturelle Unternehmen" des Alexander Riffel überleben. Ganz zum Anfang hat die lokale Obrigkeit 30 000 Rubel beigesteuert; seither hält sich das Zentrum mit Gebühren für Sprachkurse und Übersetzungen über Wasser. Eine Bierbrauerei und eine Wurstfabrik, so träumt Riffel, könnten jenen Gewinn abwerfen, mit dem sich die deutsche Kulturinsel finanzieren ließe.
Anfang Juni, die bescheidenen Gehälter sind gerade ausgezahlt, weist das Konto des Zentrums noch ein Guthaben von 100 Rubel auf. Noch einmal hat Riffel ein 40 000-Rubel-Darlehen aufgetrieben - für ein Jahr. Und Tochter Katja fragt: "Wenn das weg ist, gehen wir dann nach Deutschland?" o
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 26/1991
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