28.01.1991

Der Auferstehungskünstler

Die Glücksritter, die vor ein paar Jahren mit dem Film "Dirty Dancing" einen erstaunlichen Haufen Geld verdient haben, sind pleite. Sie haben die Millionen ihrer Firma Vestron mit der Produktion neuer Filme verspielt, was das Zeug hielt, und es war kein Treffer dabei.
Einer von denen, auf die sie gesetzt hatten, war Dennis Hopper. Der legendäre böse Bube Hollywoods, der einst "Easy Rider" gemacht hatte und später in jahrelangen Drogendelirien verkommen war, könnte - so dachten sie wohl - noch mal für einen Knüller gut sein. Hopper, inzwischen über 50, clean und cool, hatte sich nicht nur als Darsteller zum Star-Psychopathen gemausert, sondern 1988 auch als Regisseur rehabilitiert, mit dem rüden, raffinierten Thriller "Colors", der von Drogen und Jugendbandenkriegen in Los Angeles erzählt. Also durfte Hopper 1989 für die Firma Vestron als Star und Regisseur "Backtrack" drehen, die Geschichte eines Profikillers, der sich in die Frau verliebt, die er umbringen soll.
Wenn Dennis Hopper - zur Zeit unterwegs zum Filmfestival von Rotterdam, wo sein obskurer Geniestreich "The Last Movie" von 1971 eine Wiederaufführung erlebt - von "Backtrack" erzählt, wird seine Stimme schwärmerisch weich. Offenbar hat er viel Persönliches in die Arbeit gepackt, offenbar hat er die filmlange Verfolgungsjagd zu einer Reise zurück in eigene Erfahrungen und Obsessionen genutzt.
In den Jahren seiner Kokainparanoia hatte ihn der Wahn durch alle Höllen gehetzt, daß Killer des FBI oder der Mafia hinter ihm her seien - und so spielte er nun in "Backtrack", selbsttherapeutisch, einen abtrünnigen Killer, den FBI und Mafia um die Wette jagen. Seinem Interesse an Avantgarde-Kunst zuliebe machte er aus der jungen Frau (Jodie Foster), die er liquidieren soll, weil sie zufällig Zeugin eines Mafia-Mordes wurde, eine kühle, intellektuelle Konzeptkünstlerin: Der Killer mit dem eisgrauen Blick muß die Suche nach ihr, die aus Angst untergetaucht ist, in Galerien mit dem Studium ihrer Werke beginnen, und als er die Frau zu fassen kriegt, ist er längst so fasziniert von ihr, daß er nicht mehr ihren Tod will, sondern ihre Liebe.
In einer weiten Reise hat Hopper seine beiden Figuren dann in den kleinen Ort Taos in New Mexico geführt, wo er selber einst mit einem bekifften Hippie-Gefolge hauste. Er hat Indianer tanzen und die Geister zweier Künstler heraufbeschwören lassen, die vor Jahrzehnten in Taos lebten (die Malerin Georgia O''Keeffe und der Dichter D. H. Lawrence), und er hat in einer Blockhütte in den Bergen, die er sich damals gebaut hatte, die Läuterung des bösen Buben, die Erlösung durch die Liebe inszeniert: Vielleicht sollte "Backtrack", wie "The Last Movie" vor 20 Jahren, für Hopper eine Selbst-Heiligsprechung sein.
Den Film "Backtrack", von dem Hopper schwärmt, gibt es nicht mehr. Als er sein gut zweistündiges Bekenntniswerk fertig hatte, stand der Firma Vestron schon das Wasser am Hals: Im Eiltempo wurde dort sein Film auf Show-Momente zusammengehackt und mit einigen Zutaten zu einem 90minütigen _(* Virginia Madsen und Jennifer Connelly. ) Actionfilm aufgemotzt, der den Titel "Catchfire" erhielt - als Hopper davon erfuhr, war die Firma schon bankrott.
In den USA wird "Catchfire" nun auf Kassetten verscherbelt (und kommt im Herbst auch auf den deutschen Videomarkt): Eine Ruine ist da zu besichtigen, eine verworrene Story mit ein paar spektakulären Gewaltszenen und ein paar intensiven Augenblicken haßerfüllter Zärtlichkeit zwischen Jodie Foster und Hopper, mehr nicht. "Alles Phantastische, alle Paradoxe, alles Bunuelhafte ist weg", sagt Hopper. "Vor 20 Jahren haben die Produzenten ,The Last Movie'' vernichtet, und nun ist mir dasselbe noch einmal passiert." Der Titel-Vorspann zu "Catchfire" nennt als Regisseur Alan Smithee. Es gibt niemanden, der so heißt, aber wohl ein Dutzend obskurer Filme, die unter diesem Null-Namen laufen: Er signalisiert Insidern, daß der wirkliche Regisseur mit der Sache nichts mehr zu tun haben will.
Hopper, der zähe Stehaufmann, hat sich aus dem "Backtrack"-Rückschlag in Arbeit gerettet: Ein neues Drehbuch nach einem Fünfziger-Jahre-Krimi von Charles Williams wurde ihm angeboten, und er griff zu; dann stieß er darauf, daß Williams, der längst tot ist, damals aus seinem Roman ein Drehbuch gemacht hatte, in der Hoffnung, Robert Mitchum würde die Hauptrolle spielen - und Hopper entschloß sich, statt einer Neufassung dieses Original in Szene zu setzen, mitsamt seinen Eindeutigkeiten, seinen bissigen Dialogen und seiner Genre-Patina.
So ist "The Hot Spot" ein Film geworden, der heute spielt und doch unentwegt die Attitüden der Schwarzen Serie heraufholt, die Lakonik der B-Pictures von Samuel Fuller oder Nicholas Ray, die vertraute Zeichensprache der Fatalität. Das staubige Kaff in Texas, über dessen leeren Straßen die Sommerhitze brütet, ist auf einen Blick als Falle zu erkennen, als Ort der Ausweglosigkeit. Der junge Mann, der aus dem Nichts dort auftaucht, ist der Fremde schlechthin, der Unbekannte mit unbekannter Vergangenheit, und auch die Frauen, deren Blick er auf sich zieht, fügen sich in ihr Schema: Die Jungfrau, brünett, ist pure Unschuld bis in den Wimpernschlag (Jennifer Connelly), die Femme fatale im rosa Cadillac-Cabrio ist durch und durch Vamp (Virginia Madsen) und räkelt sich sogar allein zu Hause in Pinup-Posen, als wäre sie Lana Turner auf einem Hochglanzkalender.
Das Stereotype bedarf weiter keiner Erklärung, und da der zwielichtige Filmheld (Don Johnson) sich natürlich zu der einen Frau sanft emporgezogen fühlt, zu der anderen aber mächtig heruntergerissen, steuert Hopper seinen Film scharf und zügig ins Verhängnis von Erpressung, Raub und Totschlag hinein. Der virtuose Reiz der Inszenierung liegt im Wechselspiel von lauernden Blicken: Auf dem Kleinstadt-Terrain, wo jeder jeden beobachtet, erpreßt auch jeder jeden.
Was stereotyp ist, ist aber auch abgekartet, durchschaubar, und so fehlt dem effektvollen Genre-Kunststück "The Hot Spot" das entscheidende Bißchen mehr: das Geheimnis. Dafür hat der Film das originale Williams-Ende, das er vor 30 Jahren in Hollywood gewiß nicht hätte haben dürfen, einen Schluß-Dreh voll Infamie, den rundum ungetrübten Sieg des Bösen.
Der nächste Dennis-Hopper-Film kommt in ein paar Wochen in die deutschen Kinos, und obwohl er da nur als Star beteiligt ist (Regie führt der Italiener Franco Amurri), baut die überdrehte Komödie "Flashback" ganz auf ihn, sein Image, seine Rebellenlegende. Hopper spielt mit selbstparodistischer Lust einen Uralthippie, Drogen-Apostel und Anti-Vietnam-Revoluzzer, der nach 20 Jahren im Underground endlich vom FBI geschnappt wird, eine tollkühne Flucht bewerkstelligt, eine wilde Schießerei überlebt und einen donnernden Rebellentod stirbt. Doch all das, so zeigt sich, hat er selber arrangiert, um die Veröffentlichung seiner Memoiren zum Bestseller hochzujagen, und am Ende entsteigt er strahlend und unversehrt einer dicken Limousine: der endgültige Star-Rebell im weißseidenen Maßanzug, ein Goldkettchen ums Handgelenk, jedermanns Darling.
Diese ironische Schlußpose sagt über den wirklichen Hopper von heute ebensoviel wie die Bekennerhaltung, die er liebt. Doch der alte Messias ist immer noch in ihm lebendig. Das Original von "Backtrack" mag für immer zerstört sein, doch er hütet als kleinen Schatz eine Videokopie seines Werks, und irgendwann, wenn sich aller Konkursstreit um Rechte und Urheberschaft erledigt hat, will er dieses "Backtrack"-Video auf einem Festival präsentieren. Dann, denkt er, wird man den Überlebenskünstler einmal mehr auch als Auferstehungsartisten feiern.
* Virginia Madsen und Jennifer Connelly.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 5/1991
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