27.05.1991

Geheimdienste

Peinliche Zwiebel

Eine Skulptur im Hauptquartier des US-Geheimdienstes CIA gibt den Spionen Rätsel auf.

Schon als der backenbärtige Bildhauer sein Werk noch in der Mache hatte, begab sich Mysteriöses. Einmal strichen in der Dunkelheit vermummte Gestalten um das leergeräumte Lagerhaus im Nordosten von Washington, das dem Künstler Jim Sanborn als Atelier dient. Ein andermal pflückte die Polizei zwei Männer von einer Leiter, die versucht hatten, mit Teleobjektiven das entstehende Kunstwerk abzulichten. Mit Hinweisen, in wessen Auftrag die beiden Kunst-Kundschafter agiert hatten, hielt die Polizeibehörde sich zurück.

Inzwischen ist die Monumentalplastik aus Washington vollendet und ziert das Allerheiligste einer US-Behörde, der soviel Kunstsinn gar nicht zuzutrauen war: Sanborns Kupferskulptur mit dem Namen "Kryptos" steht seit November letzten Jahres vor einem Neubau auf dem Gelände des CIA-Hauptquartiers in Langley (US-Staat Virginia). Die Central Intelligence Agency, zentraler Geheimdienst für Auslandsaufklärung, gönnte sich (für 250 000 Dollar, entsprechend 0,5 Prozent der Gebäudekosten) Kunst am Bau - es wurde eine Knacknuß, die den professionellen Geheimnistuern nun schwer zu schaffen macht.

Kernstück der Bildhauerarbeit ist ein gut drei Meter hoher geschwungener Paravent, in den nach Art einer Schablone an die 2000 Buchstaben gestanzt sind. Zusammen mit einem versteinerten Baum und einem Wasserbecken soll die Schrifttafel laut Sanborn "unsichtbare Kräfte" symbolisieren; CIA-Offizielle sprechen vage von einem "Tribut an die Information".

Allerdings: Fürs erste sagt ihnen die sinnlos erscheinende Buchstabenfolge rein gar nichts - Bildkünstler Sanborn hat die darin enthaltene Botschaft mehrfach und hochkompliziert verschlüsselt, bislang haben selbst die gewieftesten Geheimdienstprofis den Code nicht zu knacken vermocht.

"Die sind die ganze Zeit draußen", amüsiert sich der Künstler aus Washington: Jeden Tag sammeln sich, "besonders, seit es wärmer geworden ist" (ein CIA-Sprecher), Agenten und Kryptologen auf dem Rasen um die Skulptur, machen Fotos und Notizen und suchen dem Rätsel der 2000 Zeichen auf die Spur zu kommen. "Wir lassen uns", hatte CIA-Direktor William Webster bei der feierlichen Enthüllung verkündet, "gern auf die Probe stellen." Der Künstler lachte sich ins Fäustchen.

Daß der zur Schau gestellte hohe Kunstsinn mit dem schmutzigen Geschäft von Spionage vielleicht nicht so recht zusammenpasse, war schon diskutiert worden, als die CIA den Auftrag auslobte. "Färbt die schwarze Weste eines Sammlers und Auftraggebers auf das Kunstwerk selber ab?" fragte eine Kritikerin in der New Yorker Village Voice. Offensichtlich wolle sich die Behörde mit dem Kunst-am-Bau-Vorhaben "ein liberales Mäntelchen umhängen". In Umfragen erklärte eine Mehrheit von New Yorker Künstlern, sie würden sich einem solchen Auftrag standfest verweigern.

"Bizarr" und zugleich "faszinierend" fand es hingegen Bildhauer Sanborn, mit der umstrittenen Behörde zusammenzuarbeiten. Und er ließ sich auf das Spiel der berufsmäßigen Geheimniskrämer ein: Über den Inhalt der Botschaft, die in der "Kryptos"-Plastik versteckt ist, bewahrt er strengstes Stillschweigen.

Die Codierung, ließ der Künstler verlauten, bestehe aus vielen verschiedenen Schichten, jede anders verschlüsselt, die nacheinander "abgeschält" werden müßten, "wie bei einer Zwiebel".

So seien etwa links unten sogenannte Vigenere-Chiffren zu finden (nach dem französischen Kryptographen Blaise de Vigenere, 1525 bis 1596), die dazugehörige Chiffriertabelle sei jedoch an anderer Stelle versteckt. Doch das sei noch die leichteste Übung. "Wenn ein Betrachter diesen Teil entziffert", sagt Sanborn, "hat er das größte Rätsel noch vor sich."

Die Neugier der Berufsspäher war schon vor der Installation des Kunstwerks durch einen Brief des Künstlers an die Auftraggeber geweckt worden: "Der Code beginnt mit dem internationalen Morsealphabet", schrieb Sanborn, "und wird dann immer komplexer."

Als Helfer bei der Verschleierung des "Kryptos"-Textes war dem Washingtoner Künstler der Kryptographie-Experte Ed Sheid zur Hand gegangen, ein pensionierter CIA-Profi, der nun auch schweigt wie ein Grab. Die beiden Männer hatten, ganz nach Agenten-Art, nie übers Telefon miteinander gesprochen, sondern sich auf belebten öffentlichen Plätzen oder in einer abhörsicheren Wohnung getroffen.

Später, in Interviews, spornte der Bildhauer den sportlichen Ehrgeiz der Spione noch weiter an. "Möglicherweise", erklärte er Reportern, habe ein prominenter Autor von Spionage-Thrillern bei der Textvorlage für "Kryptos" mitgewirkt: Der Brite John le Carre ("Der Spion, der aus der Kälte kam") sei sein Lieblingsautor; aber auch den mit Geheimdienstkreisen bestens vertrauten amerikanischen Schriftsteller Tom Clancy ("Jagd auf Roter Oktober") könne er gut leiden. Die Washington Times ließ sich so leicht nicht linken: Beide Hinweise, so das Blatt, könnten ja auch gezielte Desinformation nach CIA-Muster sein.

Anfänglich hatte Bildhauer Sanborn erwogen, lediglich dem US-Präsidenten George Bush ein Exemplar des Klartextes seiner "Kryptos"-Botschaft zuzuleiten. Doch mit dem Einwand, der Text könne ja auch blanke Schweinereien enthalten, was der CIA schließlich nicht zuzumuten sei, erzwang die Spionage-Behörde eine Unterwerfungsgeste. Sanborn mußte bei der Einweihung der "Kryptos"-Plastik dem Leiter der Behörde, CIA-Chef William Webster, Code-Schlüssel und Originaltext überreichen - in zwei versiegelten Umschlägen, versteht sich.

Der Eifer der CIA-Angestellten, besonders der Spezialisten für Dechiffrierung, wurde dadurch nicht gemindert. Zu peinlich wäre es den Entschlüsselungsprofis, wenn sie bei der hintergründigen Hausaufgabe passen müßten.

In ihrer Not bemühten die Experten aus Langley sogar die ungeliebte Konkurrenz: Hilfe wurde von den Krypto-Spezialisten des Supergeheimdienstes NSA erbeten, der National Security Agency in Fort Meade (Maryland).

Dort sei inzwischen, so will Sanborn über "Freunde von Freunden" erfahren haben, der verschlüsselte Text durch einen Cray-Supercomputer gejagt worden. Das Ergebnis, meint Sanborn, war eher mager: "Mehr als ein Viertel haben die nicht herausgekriegt."

Zumindest die Dienstzeit eines CIA-Chefs hat das Geheimnis um die Kupfertafel nun beinahe schon überlebt. Der glücklose William Webster geht, den Umschlag mit dem Code-Schlüssel wird er seinem seit vorletzter Woche designierten Nachfolger Robert Gates übergeben müssen.


DER SPIEGEL 22/1991
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