25.02.1991

WaschenAuf sauer getrimmt

Als hautfreundlich angepriesene Waschpräparate mit reguliertem Säuregrad sind umstritten. Außerdem: Die Deutschen waschen sich zu oft.
Der Hautspezialist Hagen Tronnier tippt sich an die Stirn: "Im Kopf spielt sich vielleicht etwas ab", meint der Leiter des Dermatologie-Instituts der Universität Witten/Herdecke, "aber nicht auf der Haut": Für einen "Werbegag der Kosmetikbranche" hält Tronnier die Behauptung, seifenfreie Waschpräparate mit reguliertem Säuregrad (pH-Wert) seien ganz besonders hautverträglich.
Was dem Dermatologen so sauer aufstößt, findet in deutschen Haushalten immer mehr Verbreitung: Nahezu alle Dusch- und Schaumbäder, Shampoos oder Waschlotionen, in flüssiger Form feilgeboten, enthalten keine richtige Seife mehr, sondern werden aus diversen "waschaktiven Substanzen" (Tensiden) zusammengerührt. Lediglich bei den festen Waschstücken behauptet sich, aus Kostengründen, die herkömmliche Toilettenseife.
Von der alkalischen, in der Regel aus tierischen Fetten bereiteten Originalseife unterscheiden sich die "Synthetischen Detergenzien" (Syndets) durch einen fest eingestellten, meist leicht sauren pH-Wert. Aus diesem Grund, suggeriert die kosmetische Industrie (Werbeslogan: "pH-Hautneutral"), greifen die synthetisierten Reiniger den wichtigen "Säureschutzmantel" der Haut nicht an.
Die Verheißung sanfter Hygiene verfängt bei der Kundschaft: "Flüssige Syndets wachsen überproportional", meldet Klaus Peter Nebel, Pressesprecher des Marktführers Beiersdorf; eine 12prozentige Umsatzsteigerung verzeichnete das Hamburger Unternehmen zwischen 1987 und 1989, "während die Seifen stagnieren".
Mediziner Tronnier freilich hält den Unterschied zwischen Seife und Syndet bloß für marginal: Die hautschädigende Wirkung beim Waschen, argumentiert er, komme "in erster Linie durch die oberflächenaktiven Stoffe zustande, die den Wasser-Fett-Mantel der Haut herunterholen". Diese Lösungsmittel stecken laut Tronnier gleichermaßen in Seifen wie Syndets. Von einer Störung des pH-Wertes, meint er, erhole sich die Haut dagegen "ziemlich schnell".
Tatsächlich gleicht der Säureschutzmantel - ein Gemisch aus Fettsubstanzen, Schweiß und abgestorbenen Zellen - keineswegs einer starren Rüstung, er wird vielmehr kontinuierlich erneuert; in der Keimschicht der Haut wachsen ständig Zellverbände nach, welche die obere Hornschicht im 28-Tage-Rhythmus komplett ersetzen.
Diese dynamische Schutzschicht, die den Körper vor Infektionen bewahren soll, besitzt zudem keinen gleichförmigen Säuregrad. Der pH-Wert "schwankt von Mensch zu Mensch und hängt auch von Körperregion oder Tageszeit ab", konstatiert Professor Eckhard Breitbart von der Uniklinik in Hamburg.
Manchen Konsumenten rät Tronnier ausdrücklich vom Gebrauch der auf sauer getrimmten synthetischen Schmutzentferner ab, weil sie zur "Austrocknung" führten. Wer ohnehin schon unter trockener Haut leide, meint Tronnier, sollte besser zur althergebrachten alkalischen Seife greifen; denn diese rufe eine "leichte Quellung" (Tronnier) hervor - ein nach Tronniers Meinung nützlicher Effekt: Quillt die Haut, nimmt sie über ihre Hornschicht vorübergehend Wasser auf; derart vollgesogen, soll sie die mehrstündige Trockenzeit überbrücken, bis sich ihr "Wasserbindevermögen" regeneriert hat.
Einig sind sich die Gelehrten allerdings nicht im Urteil über Nutzen und Nachteile der diversen Reinigungsmittel. Die vom Hautspezialisten Tronnier als wohltätig beschriebene Hautquellung ist nach Ansicht des Dermatologen Hans Christian Korting eher schädlich; sie führe, sagt Korting, zu einer verstärkten "Auswaschung der feuchtigkeitserhaltenden Substanzen in der Haut".
Für Klaus Stanzl, Entwicklungschef der niederrheinischen Firma Sebapharma ("Sebamed"), birgt die Verschiebung des Haut-pH-Wertes "um bis zu einer Einheit" durch die Verwendung von Seife sehr wohl ein Risiko. Da auf diese Weise der "natürliche Säureschutzmantel zerstört" werde, fürchtet Stanzl, sei die Haut "Angriffen von außen" schutzlos ausgeliefert. Die Folge, laut Stanzl: Zahlreiche Bakterien können sich auf der Hautoberfläche plötzlich ungehemmt ausbreiten.
Welche Mikrobenart dabei zum Zuge kommt, läßt sich schwer voraussagen. Denn jede Bakterienart verhält sich anders gegenüber einer Veränderung des Haut-pH-Wertes. Professor Albert Hartmann von der Uni-Hautklinik in Würzburg: "Manche Bakterien gedeihen sogar besser im sauren Milieu."
Vor allem sogenannte Propioni-Bakterien, so haben neuere Untersuchungen der Münchner Dermatologen Braun-Falco und Korting ergeben, können sich durch die Verwendung von Seife stark vermehren - sie sind für den Ausbruch von Akne mitverantwortlich. Die beiden Wissenschaftler kommen zu dem Schluß, daß die "Art der Hautreinigung langfristig einen ungünstigen Einfluß auf die Zusammensetzung der Hautflora hat".
Eine kurzfristige Veränderung des physiologischen pH-Wertes reiche aber "nicht einmal theoretisch aus", um einen Bakterienbefall hervorzurufen, versichert Mediziner Hartmann: "Dazu reagieren die Keime viel zu langsam." Hartmann warnt davor, sich aus "einem komplizierten Regelmechanismus" eine einzige Variable herauszupicken; denn für die Abwehrkraft des "Ökosystems Haut" spielen, neben dem pH-Wert, auch Faktoren wie die Hauttemperatur, ihre relative Feuchtigkeit sowie "Interaktionen innerhalb der Hautflora" (Hartmann) eine wichtige Rolle.
Zumindest in einem Punkt herrscht jedoch Einigkeit unter den Dermatologen: Die Deutschen waschen sich zu häufig. So haben sich die monatlichen Ausgaben für Körperpflege bei einem westdeutschen Durchschnittshaushalt mit "mittlerem Einkommen", wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden meldet, zwischen 1970 und 1989 mehr als verdreifacht.
Aus dermatologischer Sicht, erklärt Mediziner Breitbart, sei es gar nicht wünschenswert, täglich zu duschen. Ein harter Duschstrahl, betont auch Hartmann, bewirke an der Hornschicht zusätzlich zur chemischen Reinigungskeule einen "mechanischen Abrieb". Breitbart empfiehlt, "nicht soviel an der Pelle herumzuschrubben".
Zurück also zum wöchentlichen Vollbad? Auch das hat nach Ansicht von Experten seine Tücken, weil dabei Bakterien in den Achselhöhlen und im Genitalbereich, warmen und feuchten Gefilden, übermäßig wuchern könnten. Als Ausweg aus dem Dilemma hält Hartmann die klassische "Katzenwäsche" - mit Lappen, am Waschbecken - "nicht für das schlechteste Mittel".
Wer seiner Haut trotzdem ständig mit Tensiden zusetzt, sollte auf jeden Fall gründlich nachfetten; auf diese Weise, sagt Hagen Tronnier, ließen sich "erstaunlich viele Schäden ausgleichen".
Eine Art Wunderseife, hautschonend und wirksam zugleich, ist auch künftig nicht zu erwarten. Korting: "Eine gewisse Schädigung wird mit dem Waschvorgang immer verbunden sein." o

DER SPIEGEL 9/1991
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