02.12.1991

FlüchtlingeBesser hier sterben

Der Flüchtlingsstrom aus Jugoslawien ist kaum mehr zu bewältigen. Absurde Aufenthaltsregelungen sorgen für zusätzliche Probleme.
Dragan Ignjatic, gerade mal 18 Jahre alt, hat mit dem Leben abgeschlossen. Wenn ihn die Lüneburger Stadtverwaltung, wie angekündigt, nach Jugoslawien zurückschickt, will er Ernst machen: "Dann bringe ich mich um."
Sein Vater Mile, der mit gültigen Papieren seit 20 Jahren in Lüneburg lebt, kann das verstehen: "Ob er da ums Leben kommt oder hier", sinniert er düster. Auch Dragans verzweifelte Mutter hat den Tod schon auf der Rechnung: "Besser, Dragan stirbt hier, da weiß ich, wo er ist." In Jugoslawien würde er womöglich tagelang tot "in irgendeiner Ecke liegen", bevor man ihn findet.
Dragan, der bei seiner Großmutter in Bosnien lebte, ist vor fünf Monaten zu seinen Eltern nach Deutschland geflohen, weil die Einberufung in die jugoslawische Bundesarmee drohte. Die Militärs im Balkanstaat, das ist bekannt, liquidieren ohne große Umstände Deserteure, die sie wieder zu fassen kriegen.
Offensichtlich haben sich die Lüneburger Behörden von dem Ernst des jungen Jugoslawen beeindrucken lassen: Sie verzichten einstweilen darauf, ihn in die Heimat abzuschieben.
Dabei ist Desertion wie die Flucht vor Krieg und Bürgerkrieg in Deutschland kein Grund für politisches Asyl. Als gewöhnlicher Tourist durfte sich Dragan nur maximal drei Monate in Deutschland tummeln. Diese Zeit ist um. Als Bosnier serbischer Nationalität kann sich Dragan in Deutschland auch nicht auf besondere Rechte berufen - im Gegensatz zu seinen Landsleuten aus Kroatien.
Die überwiegend katholischen Kroaten - die hierzulande von Amts wegen als Opfer eines Bürgerkrieges gelten, an dem angeblich allein Serbien die Schuld trägt - werden in Deutschland so lange als Flüchtlinge geduldet, wie der Krieg auf dem Balkan andauert. Anfang November nämlich haben die Innenminister der Länder beschlossen, den Kroaten einen Sonderstatus einzuräumen.
Seitdem bekommen sie falls nötig auch Sozialhilfe und die Erlaubnis zu arbeiten. Mit ihrem Beschluß haben die Länder auf eine Situation reagiert, die außer Kontrolle zu geraten drohte.
Je länger der Krieg auf dem Balkan anhielt, desto mehr Jugoslawen, zumeist Frauen und Kinder aus Kroatien, flohen nach Deutschland. Seit Monaten holen viele Gastarbeiter ihre Familien aus der Gefahr in die sichere Bundesrepublik. Auch kroatische Soldaten schickten die Ihren sicherheitshalber zu Verwandten und Bekannten jenseits der Alpen.
Wie viele gekommen sind, weiß keiner genau - Jugoslawen dürfen ohne besondere Formalitäten nach Deutschland einreisen. Rund 10 000 sollen allein in Berlin gelandet sein, ebenso viele sind es womöglich auch in München, mit 53 000 Menschen ohnehin schon die größte jugoslawische Kolonie. Weit mehr als 5000 hocken, so eine Schätzung der Caritas, mittlerweile in Stuttgart - und überall wird das Gedränge allmählich unerträglich.
Zumeist kommen die Jugoslawen notdürftig bei Verwandten unter. 20 Kroaten teilen sich beispielsweise die drei Zimmer der 90-Quadratmeter-Wohnung von Ljubica Yermen in Rheinfelden. Geschlafen wird selbst im Bad. Bei Maria Grgan in Zuffenhausen leben in drei Zimmern nun elf Menschen. Sie essen in Schichten, weil der Platz in der Küche nicht reicht.
Allein am vorletzten Wochenende sind 14 Busse aus dem umkämpften Osijek nach Stuttgart gekommen. "Wer nimmt Kroaten auf?" fragte daraufhin fürbittend der Stadtdekan Joachim Schmitt per Zeitung. Pfarreien sollen nun prüfen, ob sie Flüchtlinge in Gemeinderäumen unterbringen können.
Denen, die hierzulande weder Verwandte noch Bekannte haben, fehlt oft selbst das Dach über dem Kopf. Einziger Ausweg: ein Asylantrag. Obwohl der bei Jugoslawen - gleich welcher Herkunft - keine Aussicht auf Erfolg hat, lindert er die erste Not. Das Land muß Asylsuchende, anders als Flüchtlinge, in jedem Fall mit Quartier, Verpflegung und etwas Geld versorgen.
So stellen die Jugoslawen denn neuerdings den Hauptanteil der Asylbewerber: 14 744 waren es bundesweit allein im Oktober, im gesamten Jahr 1990 dagegen wurden nur gut 22 000 gezählt. Ob der Kroatenbeschluß der Innenminister vom November und die Arbeitserlaubnis den Asylmißbrauch und das Elend der Bürgerkriegsflüchtlinge beenden, bleibt abzuwarten.
Die Lösung aller Probleme bietet der Beschluß ohnehin nicht. Völlig absurd ist beispielsweise die Regelung, daß Kroaten aus Serbien nicht dieselben _(* Während des Schulunterrichts in der ) _(Katholischen Mission. ) Vorzüge genießen wie ihre Landsleute von der anderen Seite der Grenze. Dagegen werden Serben, die in Kroatien leben, einstweilen als Flüchtlinge geduldet. Auch wenn sie nachweislich unter Verfolgung leiden, haben Bosnier, Mazedonier, Albaner und Bewohner der Vojvodina keine Chance auf verlängerten Aufenthalt.
Kategorisch lehnt die Bundesrepublik weiterhin ab, Deserteuren besonderen Schutz zu geben, die sich, auf welcher Seite auch immer, dem Zwang zum Kriegsdienst entziehen wollen. "Mehrere hundert" Fahnenflüchtige, schätzt Rudi Friedrich von der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner, halten sich zur Zeit illegal in Deutschland auf.
Die meisten von ihnen sind wohl aus der von Serben dominierten Bundesarmee getürmt, die per Gesetz Wehrpflichtige einzieht. Viele sind jedoch auch aus Nationalgarden, Freischärlertrupps und freikorpsähnlichen Verbänden abgehauen - die zwar offiziell keine Rekruten ausheben dürfen, aber auch nicht lange fackeln, wenn sie Soldaten brauchen.
Insgesamt 18 solcher bewaffneten Verbände mit großenteils unklarem Status haben europäische Beobachter in Jugoslawien gezählt.
* Während des Schulunterrichts in der Katholischen Mission.

DER SPIEGEL 49/1991
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