02.12.1991

Rauschgift

Fit für die Karriere

Heroin gilt unter jungen Deutschen zunehmend als Schmuddelkram, die Zahl der Erstkonsumenten sinkt vielerorts - Trendwende in der Drogenszene?

Der Hamburger Drogenfahnder Reinhard Chedor, 39, mag schon seit langem die ständigen Medienberichte über den Heroin-Horror in der Hansestadt "nicht mehr hören". Neuerdings kann der Leiter des örtlichen Rauschgiftdezernats "endlich auch mal was Positives" melden.

In der Drogenmetropole an der Elbe (Pressespott: "Hamburg - das High im Norden") ist nach jüngsten Statistiken die Zahl der Rauschgift-Einsteiger gesunken. In diesem Jahr hat die Hamburger Polizei bislang 875 Erstkonsumenten harter Drogen registriert - ein Rückgang um 17 Prozent gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahres.

Was Chedor zunächst für eine hanseatische Spezialität hielt, markiert offenbar einen generellen Trend. Allmählich zeichnet sich in Westdeutschland - mal stärker, mal geringer ausgeprägt - ein Ende der Tendenz zu immer mehr, zu immer härteren Drogen ab.

Zwar steigt die Zahl der registrierten Abhängigen, doch sie steigt langsamer. Das Münchner Landeskriminalamt etwa meldet für dieses Jahr mit 1429 Neueinsteigern in Bayern eine "deutlich sinkende Tendenz". In Hessen - mit der Drogenmetropole Frankfurt an der Spitze - und in Baden-Württemberg flachen die Zuwachsraten bei Erst-Usern ab.

Nur in Berlin ist, aus unbekannten Gründen, die Zahl in diesem Jahr noch einmal drastisch gestiegen, um mehr als das Vierfache. Weil aber im Bundesschnitt Stagnation oder Abwärtstendenzen vorzuherrschen scheinen, halten Fachleute es für möglich, daß die Wende schon im nächsten Jahr in den Statistiken des Bundeskriminalamtes ablesbar sein werde.

Ins Bild fügt sich, daß bundesweit die Neukonsumenten immer älter werden - die Polizei registriert zunehmend User um die Dreißig.

Werner Schneider, Leiter des Drogenreferats der Stadt Frankfurt, glaubt, daß bisweilen versehentlich Altfixer als Neulinge gezählt werden - etwa dann, wenn sie noch nie polizeiauffällig geworden sind oder aber wenn ihre Daten wegen Verjährung schon einmal aus den Karteien getilgt worden waren.

Wenn nicht alles trügt, ist auch die Bundesrepublik von einer Entwicklung erfaßt worden, die sich anderswo seit _(* Mit Anti-Drogen-Slogan im ) _(Trainingslager im fränkischen Pegnitz. ) langem abzeichnet. In den USA sinkt der Verbrauch illegaler Drogen bereits seit 1988. In Amsterdam, einstmals Europas Drogen-Mecka, werden zur Zeit rund 6000 Abhängige gezählt - vor einem Jahrzehnt waren es noch doppelt so viele gewesen.

Allmählich schlägt sich nun in den Polizeistatistiken nieder, was Jugendstudien in den USA wie auch in der Bundesrepublik schon seit Mitte der achtziger Jahre zeigen: Die Zahl der Nein-Sager steigt. Drogen passen offenbar nicht mehr zum Fitneß-Image eines wachsenden Anteils der Jugendlichen.

"Das Zeug ist kein Symbol mehr für Steigerung der Lebenslust", hat Klaus Hurrelmann beobachtet, Sozialpsychologe an der Universität Bielefeld. Den Drogen hafte mehr und mehr ein Schmuddel-Image an.

Das signalisiert auch eine Trendanalyse der Kölner Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die "Drogenaffinität Jugendlicher" (Titel), die seit 1973 regelmäßig per Befragung von jeweils 3000 Westdeutschen im Alter von 12 bis 25 gemessen wird, sinkt demnach.

Der Anteil junger Menschen, die Erfahrungen mit illegalen Drogen haben oder noch machen wollen, ist zwischen 1973 und 1990 von 36 Prozent auf 24 Prozent abgesackt. Der Prozentsatz derjenigen, die Heroin, Kokain, LSD, Haschisch oder Amphetamine strikt ablehnen, stieg von 60 auf 75 Prozent.

Bei Fragen zur Drogenpolitik zeigen sich vor allem die Jüngeren im Alter zwischen 14 bis 17 Jahren als konservativ: Sie votieren für ein striktes Verbot des Rauschmittelkonsums.

Der Bielefelder Hurrelmann, der in regionalen Umfragen für Nordrhein-Westfalen ebenfalls einen sinkenden Konsum von illegalen Drogen, aber auch von Alkohol und Nikotin ausgemacht hat, erklärt sich die Trendwende vor allem mit der "pragmatischen Lebensphilosophie der jungen Leute". Deren Einstellung sei gekennzeichnet mit Begriffen wie "Etwas werden wollen", "Fit sein" und "Karriere machen".

Die Vorstellung von verräucherten Hasch-Buden oder abgerissenen, langhaarigen Junkies, die sich auf der Bahnhofstoilette die Nadel in die Vene stechen, schreckt dieses Publikum offenbar ab.

Insbesondere Rauschgifte wie Haschisch und Heroin, die ruhigstellen und dämpfen, passen nicht mehr ins Lebensbild der aktiven Leistungsmenschen. Geradezu als mega-out gilt unter jungen Pragmatikern, ganz anders als bei den Flower-power-people der Sechziger, per Dope in andere Bewußtseinssphären zu reisen.

Zugleich allerdings hat sich in jüngster Zeit in der Jugendkultur gleichsam eine Schere geöffnet, wie der Drogenbeauftragte der hessischen Landesregierung, Walter Kindermann, bemerkt: Der wachsenden Zahl leistungsfixierter Abstinenzler steht eine Gruppe von Rauschgiftkonsumenten gegenüber, die auf immer größere Portionen härterer Drogen abfährt.

Auch die Zahl derjenigen Süchtigen, die verschiedene Stoffe gleichzeitig nehmen, steigt nach den Erfahrungen von Drogenberatungsstellen seit Jahren stetig an. "Unsere Präventionsmaßnahmen", erklärt Kindermann die gegenläufige Entwicklung, "stabilisieren die Stabilen. Die Risikogruppen erreichen sie nicht."

Das gilt für gutgemeinte Slogans ("Keine Macht den Drogen"), die Prominente, wie der Fußballer Andreas Brehme, propagieren, und insbesondere für Aufklärungsaktionen der Polizei, der noch immer ein Großteil der Vorbeugungsarbeit obliegt. Wenn die Beamten Anti-Drogen-Discos oder Schülerdiskussionen veranstalten, kommt es nicht selten vor, daß sich neugierig gewordene Schüler umgehend den Stoff beschaffen, vor dem sie eigentlich gewarnt werden sollten.

Nach Ansicht des Gießener Kriminologen Arthur Kreuzer produziert die Polizei in ihrer Präventionsarbeit noch immer "die falschen Anreize und die falschen Klischees". Vorbeugung, so die Erkenntnis von Kriminologen und Sozialforschern, müsse schon im Kindergartenalter ansetzen (SPIEGEL-Titel 21/1991).

Denn rund ein Viertel der Drogensüchtigen waren schon im frühen Kindesalter traumatischen Erfahrungen ausgesetzt. Viele haben sozialen Abstieg oder zerrüttete Eheverhältnisse im Elternhaus erlebt, wie eine Frankfurter Studie belegt.

Ihre Forderung nach neuen Präventionsstrategien, die speziell auf gefährdete Kinder zielen, sehen deutsche Drogenexperten durch die Ergebnisse von amerikanischen Forschungsarbeiten bestätigt.

Danach verlagert sich das Drogenproblem in den USA immer mehr von den karriereorientierten (weißen) Aufsteigervierteln in die Ghettos der (schwarzen) Absteiger.

Kokain, Crack, Heroin, so zeigen die neuesten "Drug Use Forecasts" des amerikanischen Justizministeriums, werden zunehmend von jungen Unterschicht-Kriminellen bevorzugt. Weiße Kids dagegen greifen gern zu legalen Mitteln, die als clean gelten: Tabletten.

In der Bundesrepublik deutet sich eine Parallelentwicklung an. Während illegale Rauschmittel wie Heroin zunehmend als Drogen von gestern gelten, erklärten 60 Prozent der von Hurrelmann befragten Schüler, daß sie regelmäßig Schmerz- und Aufputschmittel oder andere Medikamente einnehmen - Stoff, der angeblich fit macht. o

* Mit Anti-Drogen-Slogan im Trainingslager im fränkischen Pegnitz.

DER SPIEGEL 49/1991
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