02.09.1991

MuseenGroßzügige Sparsamkeit

Bremen eröffnet in der „Weserburg“ ein Museum mit lauter Sammler-Leihgaben.
Wie sicher steht das Projekt denn nun? "Auf Sand gebaut - tatsächlich auf anderem Grund"; die Inschrift läßt rätseln.
Sie entstammt der Eingebung des amerikanischen Konzept-Künstlers Lawrence Weiner; der Berliner Sammler Reinhard Onnasch hat vor Jahren das Copyright daran erworben - wenn er sich recht erinnert, für etwa 30 000 Dollar. Jetzt steht die kryptische Wortfolge, englisch und auch deutsch, in Großbuchstaben am wasserseitigen Sockel der Bremer "Weserburg".
In diesem nüchternen Gebäudekomplex auf einer Halbinsel im Strom arbeitete früher eine Kaffeerösterei. Nunmehr nimmt er eine Kunst-Darbietung auf, die Bürgermeister Klaus Wedemeyer stolz das "erste Sammlermuseum Europas" nennt. Am Samstag dieser Woche ist Eröffnung.
Das Neue: Weil die darbende Hafenstadt sich knapp das Bauwerk samt Renovierung, Betriebs- und Personalkosten leisten kann, nicht aber obendrein noch eine präsentable Kollektion von Gegenwartskunst, läßt sie das Haus leihweise von Privatleuten füllen. Denn die, meint Weserburg-Direktor Thomas Deecke, seien ja auch "die eigentlichen Sammler": entschlußfreudiger, gegenwartsnäher und besser bei Kasse als Museumsdirektoren, nur eben mit den eigenen Stell- und Hängemöglichkeiten bald am Ende.
An unternehmenden Typen dieser Art ist im deutschen Wohlstandsland kein Mangel. Deecke fand, indem er sich "weiterreichen" ließ, immer mehr davon, und einige meldeten sich ungefragt. Es sollte ja nicht unbedingt ein einziger, dann übermächtiger Mogul sein wie der Aachener Peter Ludwig. Mit "etwa elf" beziffert Deecke die Zahl seiner Sammler-Partner gezielt vage; denn manche sind mehr, manche weniger engagiert, und manche bleiben lieber anonym.
Benennbar sind so unterschiedliche Figuren wie der Eigner des Weiner-Rätselspruchs und Immobilienunternehmer Onnasch, sein Bremer Branchenkollege Hans Grothe, der die Weserburg-Einfahrt durch wuchtige Granitskulpturen von Ulrich Rückriem flankieren läßt, der Hamburger Apotheker Klaus Lafrenz mit Neigung zu Minimal Art und ähnlicher Askese oder der Schweizer Künstler und Werbemann Karl Gerstner, der ausschließlich Arbeiten seiner bizarr-verspielten Freunde von Daniel Spoerri bis Andre Thomkins an sich gerafft hat.
Mit Onnasch sind die Bremer am längsten im Gespräch gewesen. 1982 hatte er der schon damals (und neben dem Museum auch künftig) in der Weserburg residierenden "Gesellschaft für aktuelle Kunst" das Environment "Roxy''s" des Amerikaners Edward Kienholz ausgeliehen: eine makaber-surreale Bordell-Inszenierung. Daraus ergab sich die Idee, mehr von der Sammlung Onnasch ständig am Ort zu zeigen.
Das Vorhaben schleppte sich hin und schien zeitweilig tot zu sein. Dann, 1987, wurde der als Ausstellungsmacher in Münster profilierte Deecke vom Kultursenator mit einer Konzeption betraut, im Jahr darauf zum Gründungsdirektor eines "Neuen Museums Weserburg" ernannt. Das folgte 1989 als Stiftung privaten Rechts.
Rund zehn Millionen Mark hat die Stadt seither in die Weserburg gesteckt. Umbau-Architekt Wolfram Dahms versteht die dabei praktizierte "großzügige Sparsamkeit" als "eine ästhetische Kategorie". Die unten von einer tunnelartigen Durchfahrt zweigeteilte Häuserreihe bietet, hauptsächlich in den Geschossen darüber, beträchtliche 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche - Raumfolgen von nüchterner Lagerhallen-Atmosphäre. Erst unter den vielen Dachschrägen zeigt die Architektur mehr Charakter, freilich auch zweckwidrige Unruhe.
Ausgestellt wird, unbedingt sehenswert, Westkunst der Nachkriegszeit, mit Betonung der sechziger bis achtziger Jahre. Im konservativen Bremen fängt Hausherr Deecke "etwas klassischer" an, als ihm das vielleicht im Rheinland nötig erschienen wäre. Deutsche Künstler sind - mit eindrucksvollen Werkreihen etwa bei Richter, Polke, Baselitz, Graubner - in der Überzahl. Vor allem Lafrenz und Onnasch steuern US-Kunst bei; nach neun Jahren im Speditionslager ist auch "Roxy''s" wieder aufgebaut.
Leicht, so beteuert Deecke, hätte er die doppelte Fläche füllen können. Die meisten Leihgeber haben noch Reserven, weitere Sammler zeigen Interesse. Konzentration tut not: Der Direktor setzt auf "Intensität statt Vollständigkeit", will aber neben der Kunst zugleich das Profil der Sammler sichtbar machen. In Verhandlungen mit ihnen hat er, versteht sich, "auch Kompromisse" schließen müssen, sich aber nichts aufdrängen lassen, was er "total ablehnen" würde.
Aus dieser Ecke drohen Konflikte; öffentlichen Bilderhütern wird Fingerspitzengefühl abverlangt. Je mehr sich Länder und Kommunen unter dem Preisdruck des Markts vom Kunstkaufen zurückziehen, um so stärker wird die Position der Privatsammler. Sie aber schulden niemandem Rechenschaft für ihre Vorlieben. Schließlich ist die Weserburg ein extremer, aber kein isolierter Fall.
Viele Museen wie das in Mönchengladbach, wo auch Onnasch allerlei hängen und stehen hat, wären ohne Leihgaben auffällig ärmer. Im neuen Aachener "Ludwig Forum" (SPIEGEL 22/1991) dominiert von vornherein der Namenspatron. Die Berliner Nationalgalerie steuert für 1993 eine Dependance-Eröffnung an. Dort sollen sich eigene Bestände mit denen des Sammlers Erich Marx verbinden, die dieser, nach Vertragsablauf, unter anderem aus Mönchengladbach abzieht.
Der aus dem Rheinland zugewanderte Neubremer Weserburg-Förderer Grothe plant bereits auch flußabwärts in Bremerhaven auf öffentlichem Grund einen Museumsneubau, den er aus eigenen Vorräten und mit Auftragswerken bestücken will. Der joviale Kumpeltyp ("Es macht mich glücklich, wenn ich den Künstler duzen kann") hat nebenbei den Bremer Bürgermeister in Späth-Geruch gebracht, weil er ihn zu Weserburg-Verhandlungen auf Mallorca beherbergte.
Ganz auf Sand und Sammlergunst ist das neue Haus nicht gebaut; es verfügt auch über einen städtischen Ankaufsetat. Doch der reicht mit garantierten 100 000 Mark pro Jahr nur zu sehr bescheidenen Einkäufen. Direktor Deecke fühlt sich ein bißchen wie ein Bettler, der, um Passanten zu animieren, erst einmal selber eine Münze in den Hut legt. _(* Objekt von Olaf Metzel, Bilder von ) _(Markus Lüpertz. )
Weserburg in Bremen: Der Bettler legt erst einmal selber eine Münze in den Hut
Deecke, Installation von Kanovitz: "Intensiv statt vollständig"
Weserburg-Raum* "Leicht die doppelte Fläche füllen"
* Objekt von Olaf Metzel, Bilder von Markus Lüpertz.

DER SPIEGEL 36/1991
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