02.09.1991

Frauen, die Mörder lieben

Eine Friseuse heiratet den Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski, eine Fernsehjournalistin wird Ehefrau eines Raubmörders, eine Krankenschwester nimmt einen Sexualverbrecher zum Mann. Die amerikanische Autorin Sheila Isenberg hat eine Untersuchung veröffentlicht, warum Gewalttäter für Frauen so attraktiv sind.
Für die meisten Amerikaner war Ted Bundy ein Monster. 23 Morde gab er zu, wahrscheinlich aber, so vermutete die Polizei, hatte er sogar 100 Frauen sadistisch ermordet und verstümmelt: Er schlief mit der Leiche, zerbiß und zerstückelte sie, schleppte einzelne Körperteile in den Wald und spielte mit ihnen.
Prozeßbeobachter beschrieben Ted Bundy als hochintelligent. Der frühere Jura-Student hatte bereits im Wahlkampf-Team des Gouverneurs von Washington gearbeitet. Geschickt spielte er Zeugen und Ankläger gegeneinander aus und zog so seine Verhandlung in die Länge. Elf Jahre nach seiner Verhaftung wurde er schließlich auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Für viele Frauen im Gerichtssaal, die ständig zu den Verhandlungsterminen erschienen und ihn auch im Gefängnis besuchten, war der Massenmörder jedoch weder ein gewiefter Medienmanipulator noch ein unberechenbarer Triebtäter. Sie sahen in Ted Bundy einen gutaussehenden, charmanten und einfühlsamen Mann, der zu Unrecht angeklagt wurde. Die Verwaltungsangestellte Carol Ann Boone verliebte sich in den inhaftierten Killer und war acht Jahre lang mit ihm verheiratet.
In Deutschland heiratete 1973 die Krankenschwester Gisela Deike den vierfachen Kindermörder Jürgen Bartsch. Ende vergangenen Jahres wurde die Friseuse Uschi die Frau des Gladbecker Geiselgangsters Dieter Degowski, der wegen Mordes verurteilt ist. Die amerikanische Journalistin Sheila Isenberg ist der Frage nachgegangen, was Mörder für Frauen eigentlich so attraktiv macht. Sie hat zahlreiche Interviews mit Frauen, Psychologen, Anwälten und Polizisten geführt und ihre Analyse nun als Buch veröffentlicht**.
Die Frauen, so das Fazit der Untersuchung, "machen einen ganz normalen Eindruck", unterscheiden sich aber in einem wesentlichen Punkt von allen anderen: "Sie leben ihre tiefsten Phantasien aus." Das Phänomen ist schichtunabhängig - sowohl Hausfrauen als auch Anwältinnen oder Lehrerinnen ** Sheila Isenberg: "Women who love men who _(kill". Simon & Schuster, New York; 240 ) _(Seiten; 19,95 Dollar. * Im Gefängnis von ) _(Tallahassee/Florida. ) schließen Ehen mit inhaftierten Mördern.
Die Lebensgeschichten vieler dieser Frauen ähneln sich. Meist war der Vater streng und dominant, oft Alkoholiker und gewalttätig, die Mutter hingegen das klassische Opfer, schwach und hilflos.
Übereinstimmend fand Isenberg bei den Töchtern dieselbe Reaktion: Flucht aus der Familie in eine Ehe, in der sich das Kindheitsmuster wiederholte: "Sie wurden vergewaltigt und geschlagen, sie wurden von Männern benutzt und fühlten sich oft als Opfer."
Unglücklich, frustriert, halten sie schließlich den Mann im Gefängnis für ihren Traummann, ihre letzte Chance, eine befriedigende Beziehung einzugehen. Typisch ist die Geschichte der Maria Califano. Ihre Ehe war eine Katastrophe, ihr Mann ein Trinker, der sie oft geschlagen und sogar mit einem Revolver bedroht hatte. Doch dann lag er nach einem Verkehrsunfall im Koma.
Hilflos und plötzlich auf sich allein gestellt, sucht sie einen Lebensinhalt. So stößt sie auf Phil Sylvester, der seine Freundin erschossen hat und den im Gefängnis niemand besucht.
"Mein Körper und meine Seele wurden von ihm angezogen", sagt Maria, "unsere Moralvorstellungen und Ideale waren dieselben. Ich genoß seine Gegenwart." Schon bald verliebt sie sich in Phil. Seine Tat spielt Maria herunter: "Er sagt, er wußte nicht, daß die Pistole geladen war, er wollte die Frau nicht töten."
"Jeder Mörder ist ein sicherer Hafen, weil er eingeschlossen ist", analysiert Sheila Isenberg. Frauen wie Maria Califano wollen von einem Mann geliebt werden, den sie kontrollieren und der sie nicht verletzen kann. Dieses Ideal erfüllen Lebenslängliche: Niemals können sie eine reale Macht in der ungleichen Beziehung ausüben.
Ein weiterer Reiz sei die Phantasie von einer grandiosen Liebe. "Die Frauen erfahren eine überwältigende Emotion, ein ekstatisches, alles veränderndes Gefühl", berichtet Isenberg, und verlieren sich im Traum einer Groschenroman-Romanze: Sie halten die Täter für bezaubernd, liebenswert und sexy.
"Ich habe ihn angebetet. Ich habe ihn wohl mehr geliebt, als gesund ist", erzählt Elena, deren Mann Terry sich vor seiner Exekution noch einmal zu ihr wandte und sagte: "You, I love." Von diesen Worten, so bemerkt Isenberg sarkastisch, werde Elena ihr Leben lang zehren. Denn für eine romantische Liebe gebe es keine Grenzen, und es gebe auch keine Grenzen für die Qualen, die diese Frauen zu ertragen bereit sind.
Den Grund für das selbstgewählte Leid sieht Isenberg darin, daß die Frauen eine idealisierte Vorstellung von Liebe haben. Eine gewöhnliche, alltägliche Beziehung, die in Kameradschaft mündet, komme für sie nicht in Frage. In Wahrheit spielen sie nur die Rolle der liebenden Frau. Und auch die Männer dienen nur als Objekt für Projektionen und Phantasien, "die von den psychologischen und emotionalen Bedürfnissen der Frauen produziert werden".
"Sie sind unfähig, überhaupt Nähe zu einem Mann zuzulassen", schreibt die Bestseller-Autorin Robin Norwood, "statt dessen leben sie mit der Phantasie, mit dem Traum von einer Liebe. Echte Nähe können sie nur in ihrer Phantasie leben."
Kaum ist der Mann aus der Haft entlassen, ist es deshalb auch oft mit der Liebe vorbei. So heiratete die Hamburger Fernsehjournalistin Gerda Boerner den zehn Jahre jüngeren Raubmörder Markus Freytag* im Gefängnis. Als er freikam, scheiterte die Ehe, die großes Aufsehen erregt hatte, sofort; sie wurde wenig später geschieden.
Die Frauen fühlen sich nicht nur als Opfer, das lediglich die Fiktion von Glück verdient, sie entwickeln auch ein _(* Name von der Redaktion geändert. ) Helfer-Syndrom und fühlen sich als Retterinnen. Den Kampf der Männer um Wiederaufnahme oder Begnadigung machen sie zu ihrem eigenen. "Ich wollte seine Veronika sein, die ihm das Schweißtuch reicht", sagt Edith Beutter-Schromm, die 1986 den zu lebenslanger Haft verurteilten Zahnarzt Erich Schromm heiratete, "ich wollte ihm in seinem Leid beistehen."
Nachdem sie Schromms Foto in einer Illustrierten gesehen hatte, nahm die Millionärin Briefkontakt zu dem Verurteilten auf. Daß er unschuldig im Gefängnis saß, daß er seine Geliebte nicht zum Mord an seiner ersten Ehefrau angestiftet hat - davon waren nicht nur manche Prozeßbeobachter überzeugt, daran glaubte auch Edith Beutter, die selbst in einer tiefen Krise steckte: Mann und Tochter waren gestorben, mit dem Verlust wurde sie nicht fertig.
"Danach konnte ich nur schwer Fuß fassen, die Menschen erschienen mir so furchtbar oberflächlich", erzählt die Österreicherin. Die Versuche, eine neue Beziehung einzugehen, schlugen fehl. "Die Männer waren alle sehr normal, die wollten reisen und genießen. Ich wollte aber dem Leben einen Sinn geben."
Sieben Jahre lang fuhr die Kunsthändlerin Woche für Woche Hunderte von Kilometern in die Haftanstalt nach Bayern. Sie kaufte Schromms alte Münchner Villa zurück, und sie formulierte das Gnadengesuch, aufgrund dessen der Häftling Anfang Juli dieses Jahres nach 17 Jahren freigelassen wurde.
Seit zwei Monaten leben sie nun in Edith Beutter-Schromms anderem Haus in Vorarlberg. Abend für Abend, so hat sie beschlossen, will sie nun mit ihrem Mann im düsteren Wohnzimmer auf dem Louis-Philippe-Sofa unter meterhohen Landschaftsgemälden zusammensitzen. Statt gemeinsam fernzusehen, wollen sie miteinander reden, um sich "wirklich kennenzulernen".
"Ich habe mich nie gefragt, wie sehr liebe ich diesen Mann", sagt sie, "er war einfach der einzige." Ihre ersten Briefe an Erich Schromm, so ist ihr inzwischen klar, habe sie in Wahrheit an ihren verstorbenen Ehemann gerichtet. Doch mit dem Ersatz-Mann ist sie zufrieden: "Er nimmt Anteil und geht auf mich ein."
Die gefangenen Männer sind vor allem so anziehend, weil sie zuhören können, und sie sind oft, so Isenberg, exzellente Psychologen, denn sie verbringen ihre Zeit damit, andere Menschen zu studieren, Gesichtsausdruck und Körpersprache zu verstehen. Da ein Kontakt zur Außenwelt so wichtig für die Eingesperrten ist, nutzen sie diese Fähigkeit, um die Frauen für sich einzunehmen. Doch diese mißverstehen das Interesse oft als emotionale Zuwendung.
In extremen Fällen werden die Frauen sogar zu Fluchthelferinnen. Rita Reckert, Datentypistin beim Finanzamt Hannover, schmuggelt am 30. September 1990 ihrem zu 27 Jahren Haft verurteilten Mann Bruno eine Pistole in die Zelle. Sie gibt ihre bürgerliche Existenz auf für die gemeinsame Flucht nach Spanien. Als ihnen das Geld ausgeht, kehrt Bruno nach Deutschland zurück. Doch seine Raubüberfälle mißlingen, er wird gefaßt. Rita Reckert stellt sich, jetzt wartet sie auf ihren Prozeß.
"Einige der Frauen, die Mörder lieben, sind Rebellinnen, die sich ein Drama schaffen, mit dem sie das Alltägliche hinter sich lassen", hat Isenberg beobachtet, "weil sie Gefühle von Aggression und Trotz nicht anders ausleben können." Besonders anfällig sind biedere Frauen aus der Mittelschicht, die sich deshalb in den bösen Jungen verlieben. Gisela Deike etwa, als behütetes Kind aufgewachsen, hatte jeden Zeitungsartikel über den Sexualmörder Jürgen Bartsch gesammelt. "Am Anfang habe ich gedacht, der spinnt, da habe ich ihn gar nicht für voll genommen", erzählt die Krankenschwester, "das paßte alles nicht zusammen, das sympathische Gesicht und das, was er getan hat."
Immer wieder schrieb sie ihm Briefe, bis er - nach anfänglichem Widerstand - endlich zu einem Treffen bereit war und ihr schließlich einen Heiratsantrag machte. Trotz ihrer halbseitigen Gesichtslähmung und eines Klumpfußes hatte sie mit ihrem Beruf als Krankenschwester zu dieser Zeit den Einstieg in ein normales Leben gefunden. Für ihre Ehe nahm sie jedoch ein weiteres Stigma in Kauf. Als sie die Frau des Kindermörders wurde, brach ihr Vater den Kontakt ab, die Kollegen mieden sie, die Presse schlachtete die Heirat mit der "Bestie" aus.
Alle Frauen, die Mörder heiraten, entschuldigen seine Straftat. Sheila Isenberg hörte "nie die einfache Aussage, ,ja, der Mann, den ich liebe, hat einen Mord begangen, aber ich habe ihm verziehen''". Statt dessen erklärten die Frauen entweder, ihr Mann sei unschuldig, habe in Notwehr gehandelt, es sei ein Unfall gewesen, oder er habe unter Streß, Alkohol oder Drogen gestanden.
Doch diese Selbsttäuschung ist nur die Oberfläche: "Unter der Verleugnung gibt es einen Ort, wo jede Frau weiß, daß ihr Mann ein Killer ist." Gerade das Morden, so Isenbergs provokante These, mache ihn so unglaublich sexy und erotisch: "Der Tod wird zum Orgasmus, zum Höhepunkt, zum Kick."
** Sheila Isenberg: "Women who love men who kill". Simon & Schuster, New York; 240 Seiten; 19,95 Dollar. * Im Gefängnis von Tallahassee/Florida. * Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 36/1991
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