07.10.1991

FußballGeil aufs Gewinnen

Bayern Münchens Bruno Labbadia hat mit seiner konsequenten Selbstvermarktung Erfolg: Er ist auf dem Weg, ein neuer Volksheld der Bundesliga zu werden.
Wenn Bruno Labbadia im Strafraum angespielt wird, schirmt er den Ball mit herausgestelltem Steiß ab, dreht sich blitzschnell und schießt sofort aufs Tor.
Trifft der Mittelstürmer des FC Bayern München ins Netz, springt er seine Kollegen an, küßt sie wild, winkt zum Trainer, stürmt zur Fankurve, brüllt und fordert mit geballten Fäusten den Jubel auf den Rängen heraus.
Und nach dem Spiel, wenn er auch noch seine Stutzen an Souvenirjäger verschenkt hat, stapft er barfuß vor die Fernsehkameras, blickt treuherzig von unten wie ein Cockerspaniel und fragt frech: "War ganz gut, oder?"
Mit Bruno Labbadia, so scheint es, ist der volksnahe Fußball der sechziger Jahre zurückgekehrt. Der langmähnige Stürmer, der in seiner zielstrebigen wie unberechenbaren Spielweise an Gerd Müller erinnert, wird von Fans und Teamkollegen gefeiert wie schon lange keiner mehr beim FC Bayern. "Unseren Bruno", sagt Kapitän Raimond Aumann, "geben wir nicht mehr her."
Während es andere Profis in den letzten Jahren allenfalls zur Regionalgröße wie etwa der Pfälzer Stefan Kuntz oder auch nur zum Stadtteilhelden wie der St.-Pauli-Torhüter Volker Ippig brachten, verkörpert "Bruno Volkstribuno" (Süddeutsche Zeitung) einen der wenigen universell geliebten Volkshelden des deutschen Fußballs.
Labbadia tut auch alles, um als der legitime Nachfolger großer Stars zu gelten: Die verwaiste Position des klassischen Mittelstürmers hat er im Stile Müllers wiederbelebt, dabei das bodenständig Sympathische von Uwe Seeler gepflegt und unablässig auch noch seine Bewunderung für Fritz Walter kundgetan.
Selbst die Experten sind sich einig. Trainer Jupp Heynckes imponiert Labbadias "insgesamt positive Einstellung", und der einstige Bayern-Libero Klaus Augenthaler bewundert, wie clever er aus "wenigen Chancen Tore macht". Bundestrainer Berti Vogts lobt die "Schlitzohrigkeit", für ihn ist Labbadia "ein sympathischer Spieler, der was rüberbringt zum Zuschauer", kurz ein "Kandidat für die Zukunft".
Mit schlichtem, kämpferischem Spiel und simplen Parolen ("Man muß sich immer wieder behaupten") repräsentiert Labbadia eine neue Einfachheit. Er liebt seine Familie und den Fußball, er ist "geil aufs Gewinnen", gibt als Hobby Fernsehen an und fährt am liebsten Cabrio.
In einer Branche, in der sich vieles um Prämienpoker und Ablösezockereien dreht, scheint Labbadia nicht die Angestelltenmentalität des Profitfußballers entwickelt zu haben, sondern befriedigt eine tiefempfundene Sehnsucht der Fans nach ehrlicher Arbeit.
Labbadia rackert und kämpft ("Ich gebe nie auf"), plaudert charmant wie ein Vorstadtconferencier und klimpert zur Freude seiner jugendlichen Verehrerinnen mit den Lidern kokett wie ein Popstar. Geduldig schreibt er 2000 Autogramme die Woche und genießt im Gegensatz zu seinen scheuen Mitspielern die hautnahen Liebkosungen der Fans - "das brauche ich einfach".
Im Team des FC Bayern heißt Labbadia längst "Mister Hollywood" - weil ihn Fernsehkameras keineswegs ängstigen. Vielmehr zelebriert er seine Auftritte, "da habe ich keine Hemmungen".
Das perfekte Auftreten, bei dem es immer irgendwie menschelt, hat Labbadia sich minutiös erarbeitet. Sensibel wie ein Seismograph hat der Medien-Autodidakt ein feines Gespür dafür entwickelt, "was so ankommt". Herz, Schmerz, Bescheidenheit, Euphorie, Bodenständigkeit - Bruno Labbadia bietet bei seiner Selbstvermarktung einen Bauchladen gezielter Gefühlsäußerungen feil.
Mit sicherem Instinkt für Details und reichlich Pathos erzählt der Emotionsbomber, daß ihn erst neulich wieder "eine Gänsehaut" überfiel, als er ganz allein auf dem Trainingsplatz des FC Bayern stand und dachte: "Mensch, Bruno, daß du das geschafft hast." Oder er berichtet ergriffen, wie ihm, als er verletzt war, zwei Frauen zur Aufheiterung eine Clownspuppe schenkten. Und sollte es ihm wirklich mal schlechtgehen, will er sich der hessischen Lebensweisheit erinnern, daß "alles Schlechte immer noch für was gut ist".
Vor Fernsehinterviews denkt sich Labbadia im Stile eines amerikanischen Showmasters regelmäßig einen Einstiegsgag aus. ZDF-Moderator Bernd Heller legte er einst nahe, "bloß keine oberflächlichen Fragen zu stellen". Schließlich, das weiß er genau, "muß man sich immer profilieren".
Und er hat auch erkannt, daß für einen Fußballer die Zeit knapp ist, das große Geld zu machen, "deswegen nutze ich das jetzt aus - gnadenlos".
Schon Labbadias Biographie ist wie gemacht für eine Karriere als volkstümliches _(* Mit Bundesverdienstkreuz. ) Idol. Mitte der fünfziger Jahre kamen seine Eltern mit der ersten Gastarbeiterwelle von Italien ins hessische Schneppenhausen, nahe Darmstadt. Der Vater arbeitete im Tiefbau, die Mutter in einer Gardinenstangenfabrik. Bruno wuchs in einfachsten Verhältnissen als jüngstes von neun Kindern auf, das Wirtschaftswunder zog schlicht an ihm vorbei.
Mit leichtem Sentiment erinnert sich der Fußballprofi, der inzwischen rund 400 000 Mark im Jahr versteuert, wie er als Kind mithalf, den Bolzplatz zu planieren. Hinter dem kleinen Bauernhof, auf dem die Familie lebte, habe er die Tore gezimmert - "und dann immer Gerd Müller und Klaus Fischer nachgemacht".
Früh bewies der Italo-Hesse auch sein Anpassungstalent. Gekränkt, weil er in der Schule als "Spaghettifresser" tituliert wurde, weigerte er sich, Italienisch, seine Muttersprache, zu lernen. Mit 18 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, als ein Einsatz in der Jugendnationalmannschaft U 21 winkte.
Zwischen der Nestwärme der italienischen Großfamilie und dem knochenharten Profigeschäft hat Labbadia einen eigenartigen Mischcharakter aus gehobener deutscher Biederkeit und kontrollierter südländischer Emotion entwickelt. "Guten deutschen Kampfeswillen" und das "lockere italienische Denken" betrachtet der Fußballer als mentale Basis seines Fortkommens. So trainierte er in Sonderschichten verbissen Fallrückzieher, doch nach einem verlorenen Trainingsspiel begann er plötzlich "wie bescheuert loszuheulen".
Bei seinem ersten Profiklub, Darmstadt 98, ließ er sich vorsichtshalber zum Versicherungskaufmann ausbilden, anstatt nur auf die Fußballerkarriere zu hoffen. Die ließ sich auch keineswegs so glänzend an. Noch vor vier Jahren wurde Bruno Labbadia beim Hamburger SV als "Winterschlußeinkauf" geschmäht.
Doch stets gelang es dem Stürmer, im Umgang mit der öffentlichen Sympathie ähnlich gewandt wie am Ball, die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Selbst bei seinem Wechsel vom Meister Kaiserslautern zum FC Bayern stand Labbadia nicht etwa als Verräter an der Pfalz da. Die Fans sahen in ihm vielmehr einen wehrlos Abgeschobenen, der, zutiefst getroffen, nicht einmal die Meisterfeier mitmachen wollte.
Auch bei seinem neuen Arbeitgeber zeigt sich Labbadia als Meister der kontrollierten Offensive. Mit devot niedergeschlagenem Blick verrät er seine "wahnsinnige Angst" vorm Versagen, die ihn zu Beginn dieser Saison umtrieb, und er erzählt, wie er sich im Training vorsorglich gequält hat. Ohne die "tollen Fans" jedenfalls hätte er es sicher nicht so schnell geschafft bei diesem "europäischen Spitzenverein."
Labbadia hat sich konsequenterweise auch überlegt, welches Image ihm besonders steht. "Nicht Engel oder Samariter wie Jürgen Klinsmann oder Stefan Kuntz", aber auch nicht so polterig wie Stefan Effenberg, sondern irgendwo dazwischen. Innerlich glatt, aber wenigstens unrasiert. Seit kurzem ist ihm sogar eine Werbeagentur bei der Persönlichkeitsfindung behilflich. Denn Labbadia würde gern auch noch als Modell arbeiten, "für Mode oder so". o
* Mit Bundesverdienstkreuz.

DER SPIEGEL 41/1991
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