02.12.1991

Die Welt soll es wissen

Wachsende Gleichgültigkeit bei Jugendlichen, steigende Infektionszahlen bei Heterosexuellen registrieren die Experten. Aids drängt wieder ins Bewußtsein, seit Prominente wie Popstar Freddie Mercury und Tenniscrack Michael Westphal zu den Opfern zählen. Trägheit und Gesundbeterei kennzeichnen die Bonner Aids-Politik.

Als ihre Mutter 1990 an Aids starb, war Kathrin erst drei Jahre alt. Sie kann sich nur noch schwach daran erinnern. Dem blassen Kind sind von der Mutter ein paar Fotos geblieben und das Mickymaus-T-Shirt, ihr Geburtstagsgeschenk.

Für ihren letzten Besuch auf der Aids-Station, im dunklen Herbst dieses Jahres, hatte Kathrin sich "besonders fein gemacht, wegen Pappi". Die nun Vierjährige trug das fröhliche T-Shirt; der Regen hatte die Zeichnung verwischt, die sie ihrem Vater ins Krankenhaus mitbrachte. Kathrins Vater hätte ohnehin nicht viel erkannt, die Krankheit hatte seine Augen schon getrübt.

Der Vater, Mitte 30, war so weiß wie das Kissen, auf dem er lag, und so dünn geworden wie ein Fakir. Tiefe Falten durchzogen sein Gesicht. Das Sprechen machte ihm große Mühe, weil Mund und Lippen entzündet waren.

Irgendwann Mitte der achtziger Jahre war er, als Bluterpatient, mit Aids infiziert worden. Das tödliche Virus steckte in einer Ampulle des "Faktor VIII"-Präparats, das er sich alle paar Tage spritzte. Erst Ende 1987 sagten ihm seine Ärzte, daß er "positiv" sei, infiziert mit HIV. Da hatte er seine Frau, Kathrins Mutter, längst angesteckt. Ihre Schwangerschaft wurde durch einen Kaiserschnitt beendet, das Kind blieb von Aids verschont.

Eine Stunde lang hatten die Schwestern der Aids-Station den sterbenden Vater für den Besuch seiner Tochter vorbereitet: die Infusionen abgehängt, alle Verkabelungen gelöst, die Medikamente weggeräumt. Für Kathrin stellte man einen Stuhl und einen kleinen Extra-Tisch an das Krankenbett. Ganz leise sind Kathrins Begleitung und die Krankenschwester aus dem Zimmer gegangen, als der Vater von seiner Tochter für immer Abschied nahm.

Das Kind ist jetzt Vollwaise. Die Schwestern weinen, wenn sie von Kathrin erzählen. Auch der Chefarzt kämpft mit den Tränen.

Kathrin weiß nicht, warum ihre Eltern so jung sterben mußten. Sie ist eines von vielen deutschen Aids-Waisenkindern; wahrscheinlich sind es schon fast 100 (niemand zählt sie). Das Kind hat die Wörter Seuche, Virus oder Aids-Test nie gehört. Eines Tages wird Kathrin danach fragen, wie alles gekommen ist.

Mit den Antworten wird man sich schwertun. Über Aids gibt es viele Wahrheiten. In jedem Kopf, so scheint es, spiegelt sich die Krankheit anders. Ein Gewirr aus Wunschdenken und Heuchelei, Panikmache und Geschäftssinn, Libertinage und Larmoyanz verdeckt die Tatsachen. Weil Aids und Tod und Aids und Sex wie Pech und Schwefel zusammenhängen, Aids ohne Sex und Sex ohne Aids nicht mehr denkbar sind, verfällt das Problem in vielen Köpfen periodisch der Verdrängung.

"Das öffentliche Interesse am Thema Aids läßt seit geraumer Zeit merklich nach", schrieb der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Hermann Heinemann in seiner Einladung zu einer Fachtagung "Aids-Prävention in den 90er Jahren", die letzte Woche in Köln stattfand. Eine "verstärkte Gleichgültigkeit" gegenüber der Krankheit konstatiert Achim Teipelke, Chef der Aids-Hilfe Frankfurt. "Wir sind in Gefahr, daß Aids eine vergessene Krankheit wird", warnte Professor Meinrad Koch, Leiter des Aids-Zentrums im Bundesgesundheitsamt (BGA).

Gerade unter Jugendlichen, die nun beginnen sexuell aktiv zu werden, findet Bernd Weste, Vorsitzender der Aids-Hilfe Hannover, "kaum ein Bewußtsein über die Gefährdung durch Aids". Weniger bei schwulen, aber um so mehr bei Hetero-Jugendlichen beobachte er eine "große Sorglosigkeit". "Ach Quatsch", würden ihm junge Leute auf Vorhaltungen antworten, "Aids ist doch vorbei."

Wie sehr sie sich mit dieser Einschätzung täuschen, dämmerte vielen, als vorletzte Woche der Aids-Tod des Pop-Heroen Freddie Mercury Schlagzeilen machte (siehe Titelbild)*. Bis zum Schluß hatte der "Queen"-Chef ("We are the champions") seine Krankheit geheimgehalten, erst am vorletzten Sonntag, einen Tag vor seinem Tod, ließ der Rockstar verkünden: "Meine Freunde und Fans in der ganzen Welt sollen die Wahrheit wissen." Nach dem Ritus einer altpersischen Religion wurde Mercury am Mittwoch letzter Woche eingeäschert. Elton John folgte dem Sarg.

Daß der britische Glamour-Rocker so eindeutig der homosexuellen Szene zuzurechnen war, mochte wieder die Illusion nähren, die tödliche Immunschwächekrankheit sei auf die bekannten Risikogruppen - Schwule, Fixer, Bluter - beschränkt. Doch dieser Selbstbetrug war schon zerstoben, als Mitte November der amerikanische Basketball-Superstar Earvin "Magic" Johnson der US-Nation einen Schock versetzte. 19 000 Basketball-Zuschauer beteten im New Yorker Madison Square Garden für ihn das Vaterunser, nachdem er in _(* Das Titelbild zeigt, von links oben im ) _(Uhrzeigersinn: Tennisprofi Michael ) _(Westphal, Schriftsteller Horst Bienek, ) _(Fotograf Robert Mapplethorpe, Popstar ) _(Freddie Mercury, die Schauspieler Rock ) _(Hudson, Amanda Blake, Manfred Seipold, ) _(Kurt Raab und Klaus Schwarzkopf, ) _(Sportler Earvin "Magic" Johnson, Pianist ) _(Liberace, Graffiti-Künstler Keith ) _(Haring. ) einer landesweit ausgestrahlten Pressekonferenz öffentlich bekannt hatte: "Ich habe mich mit Aids infiziert."

"Ich habe nie mit einem Mann geschlafen", schwor der Supersportler vor laufenden Fernsehkameras - aber mit Dutzenden, vielleicht mit Hunderten von weiblichen Groupies, wie sich seine Mannschaftskameraden vom Team der Los Angeles Lakers erinnern. Eine hat ihn mit Aids angesteckt.

Dem Bekenntnis des strahlenden Sport- und Sexhelden Johnson in den USA folgte in Deutschland die Enthüllungsschlagzeile von Bild am Donnerstag letzter Woche: "Auch Westphal starb daran - er war nicht schwul." Bis zum Kollaps hatte Tennis-Crack Michael Westphal, der im Juni dieses Jahres, gerade 26jährig, der Aids-Seuche erlag, gegen den körperlichen Verfall angekämpft. Letztes Jahr spielte er noch sechsmal in einem Turnier. Kollegen höhnten: "Der bringt den Schläger nicht mehr hoch."

Allergische Hautreaktionen plagten den gefeierten Tennisprofi, Fieberschübe und Herzrhythmusstörungen. Als er sich schließlich in seiner Hamburger Wohnung verkroch, war der 1,91 Meter große Modellathlet auf 55 Kilo abgemagert. Bis zum Schluß erhielt er die Camouflage aufrecht. In den Zeitungsnachrufen wurde als Todesursache ein Herpes-Virus genannt.

So wie Tennis-Crack Michael Westphal schwiegen die meisten Prominenten in den letzten Jahren ihr Aids-Leiden tot - das große Sterben, getarnt hinter einer Mauer des Schweigens und der Verstellung.

So zahlte der amerikanische Show-Pianist Liberace, dessen prunkvolle Auftritte mit goldberingten Fingern, wallenden Pelzmänteln und Kandelabern auf dem Piano Millionen zu Tränen gerührt hatten, seinen Vertrauten 120 000 Dollar Schweigegeld, damit die Todesursache nicht bekannt würde.

Top-Modefotograf Bill King floh ebenso vor der Außenwelt wie der Gitarrist Ricky Wilson von der Gruppe "B-52''s". Bill Kings fromme Lüge: "Ich habe ein Darmleiden." Ricky Wilsons Motiv für das Vertuschen der wahren Todesursache, mitgeteilt von einem Kollegen in der Band: Aids sei ein Stigma, "wie die Maske des Roten Todes".

Abgeschottet gegen die Öffentlichkeit und getarnt bis über den Tod hinaus - auch das Musterbild deutscher Biederkeit, der Schauspieler Klaus Schwarzkopf, starb so an der Immunschwäche Aids. Bei seinem Tod im Juni dieses Jahres attestierten Ärzte dem allseits beliebten "Tatort"-Kommissar eine "schwere Lungenentzündung". Ähnlich ließ der französische Philosoph Michel Foucault seinen Aids-Tod 1984 als "schwere Blutvergiftung" ausgeben. Auch Miles Davis, der Aids-infizierte Jazz-Trompeter, starb im September dieses Jahres offiziell an "Lungenentzündung".

Solches Sterben in aller Heimlichkeit, diese Vermeidungsstrategie im Umgang mit dem Aids-Tod hat mit dazu beigetragen, daß eine gefährliche Illusion sich in der Öffentlichkeit breitmachen konnte: die Wunschvorstellung, das HIV-Virus werde sich womöglich im Ghetto sogenannter Risikogruppen festhalten lassen - und mehr noch: Aids sei dank Aufklärung und mittels Kondomen unter Kontrolle zu bringen. Es gebe "keinen Grund für die Annahme einer Ausbreitung von Aids in der allgemeinen Bevölkerung", so hatten die Leitenden Medizinalbeamten der Bundesländer im November 1984 verkündet, und so wurde es seither immer wieder nachgebetet.

Es sei epidemiologisch "relativ gesichert", daß Aids nur "in geringem Maß in die heterosexuelle Bevölkerung eingebrochen ist", konstatiert beispielsweise die Hamburger Gesundheitsbehörde in einem aktuellen internen Papier. Zurückzuführen sei diese "günstige Entwicklung" auf die "vorbildlichen" vorbeugenden Maßnahmen in den zurückliegenden Jahren. Dann folgt eine halbe Entwarnung: "Anläßlich einer Party sollte man sich eher davor hüten, unter Alkoholeinfluß mit dem Auto zu fahren", so Heide Voigt, Leiterin der Leitstelle Aids bei der Hamburger Behörde, "als vor einem flüchtigen Seitensprung."

Als "reinen Zweckoptimismus" kritisiert Helmut Albrecht, Arzt in der Infektionsambulanz der Hamburger Uni-Klinik, eine solche Einschätzung. In zehn Jahren, prophezeit Albrecht, "werden wir fast nur noch heterosexuelle Aids-Kranke zu betreuen haben".

Bereits seit ungefähr einem Jahr beobachtet Albrecht, daß der Anteil junger, nicht drogenabhängiger Frauen unter den HIV-Patienten in seiner Klinikambulanz "stark ansteigt". Albrecht: "Es gibt genügend Bindeglieder zwischen den sogenannten Risikogruppen und den Heterosexuellen."

Eines dieser Bindeglieder sind die Verkehrskontakte zwischen einem Land wie Deutschland und dem Rest der Welt. Angesichts der modernen Tourismus- und Verkehrsströme, so erklären Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, könne sich kein einzelnes Land mehr von der globalen Seuchenentwicklung abkoppeln.

Im Weltmaßstab aber übersteigt die heterosexuelle Ansteckung mit Aids schon jetzt alle anderen Kategorien. Ende des Jahrzehnts, so der amerikanische Epidemiologe King K. Holmes Mitte November in der Fachzeitschrift Hospital Practice, werde heterosexuelle Ansteckung "mehr als 80 Prozent aller HIV-Infektionen ausmachen".

Eine Verzehnfachung der Zahl der Aids-Erkrankungen in der Welt bis zur Jahrtausendwende befürchtet die WHO; von derzeit 1,5 Millionen Fällen werde die Pandemie bis zum Jahre 2000 auf 12 bis 18 Millionen Aids-Erkrankungen ansteigen - diese Horrorzahlen verkündete Michael H. Merson, WHO-Direktor für das Aids-Programm, am Donnerstag letzter Woche, drei Tage vor dem Welt-Aids-Tag 1991. Die Gesamtzahl der HIV-Infizierten werde sich im gleichen Zeitraum verdreifachen bis vervierfachen: von zur Zeit 9 bis 11 Millionen auf etwa 30 bis 40 Millionen Menschen im Jahr 2000.

"Wir stehen erst am Anfang der Pandemie", erklärte Merson. Inzwischen hat die Seuche, wie gleichfalls Mitte letzter Woche bekannt wurde, die Inselgruppe der Seychellen erreicht. Nach Angaben des Gesundheitsamtes der Hauptstadt Victoria gibt es in dem internationalen Ferienziel - 68 000 Einwohner, jährlich 100 000 Touristen - mindestens 20 Einwohner, die mit HIV infiziert sind.

Am schnellsten breitet sich die Aids-Epidemie derzeit offenbar in Asien aus, vor allem unter Fixern und Prostituierten. In Bangkok beispielsweise ist schon annähernd jeder zweite Fixer angesteckt, und unter den Prostituierten der Sex-Kapitale stieg die Zahl der HIV-Trägerinnen innerhalb von nur zwei Jahren von 1 Prozent bis auf 40 Prozent in manchen Gegenden.

Als von der Seuche am schwersten getroffener Kontinent gilt bisher Schwarzafrika. Doch mit erschreckendem Tempo breitet sich das Virus derzeit auch in Indien aus, dem Land, das ein Fünftel der Weltbevölkerung ausmacht. In zahlreichen der dort untersuchten Prostituierten-Gruppen ist die Durchseuchungsrate mittlerweile auf 30 Prozent gestiegen.

Bei den Prostituierten von Bombay, so bilanzierte die Medizinerin Barbara J. Culliton nach dem letzten Welt-Aids-Kongreß in Florenz, infizierten sich allmonatlich rund 6000 Männer mit der Immunschwächekrankheit - wobei sich das Virus, entgegen früheren Annahmen, "offenbar mit beängstigender Leichtigkeit von Mann auf Frau und von Frau auf Mann" übertrage.

Für die unterschiedliche Ausbreitung von HIV unter Männern und Frauen in den einzelnen Ländern glauben die Wissenschaftler mittlerweile Ursachen erkannt zu haben. Während die hohe Übertragungsrate durch Analverkehr die rasche Ausbreitung der Seuche in den ersten Jahren unter den Homosexuellen in Amerika, aber auch in Europa erklären kann, waren es in Afrika - wo Homosexualität weit stärker tabuisiert ist - die Begleitkrankheiten wie weicher Schanker, Syphilis und Herpes, die eine heterosexuelle Übertragung von HIV-Viren begünstigt haben.

Besonders folgenschwer war die Übertragung durch verseuchtes Blut. Wer vor 1984 mit Aids-verseuchten Blutkonserven behandelt wurde, dessen Infektionsrisiko lag bei über 90 Prozent. Noch einen zweiten Übertragungsweg, der mit sexuellen Aktivitäten nichts zu tun hat, haben die Epidemiologen mittlerweile im Blickfeld: Weltweit gibt es schon 500 000 Kinder, die im Mutterleib mit HIV infiziert wurden.

"Die Krankheit hat die Hauptrisikogruppen verlassen", konstatiert Ulrich Markus, Arzt am Aids-Zentrum des Bundesgesundheitsamtes in Berlin. "Das Virus ist übergesiedelt" - aus dem Milieu der Homosexuellen, Fixer und Bluter "in unsere Nachbarschaft".

In den Großstädten Amerikas, Zentralafrikas und Westeuropas ist Aids mittlerweile die häufigste Todesursache für Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.

In einigen afrikanischen Regionen ist bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit der tödlichen Seuche angesteckt (SPIEGEL-Titel 25/1991). Medizinische Hilfe ist nicht in Sicht. Die Weltgesundheitsorganisation kann die Situation nur noch "äußerst bedrohlich" nennen, teilweise sei sie bereits "außer Kontrolle".

Mit mindestens 13 Impfstoffen, so WHO-Direktor Merson letzte Woche, werde gegenwärtig in aller Welt experimentiert - Substanzen, die entweder die HIV-Infektion oder den Ausbruch von Aids bei bereits Infizierten verhindern sollen. Jedoch: Vor Ende des Jahrzehnts, so der Experte, sei mit einem verfügbaren Impfstoff keinesfalls zu rechnen.

Zwar vermögen die Bataillone von Wissenschaftlern, die an der Aids-Problematik arbeiten, fast wöchentlich weitere Teile des Riesenpuzzles aufzuklären. So verzeichnen die jüngsten Ausgaben der Wissenschaftsmagazine Science und Nature neue Hypothesen über die biologische Herkunft des Aids-Virus und über die Frage, warum es erst Jahre nach der Infektion zum Ausbruch der Krankheit kommt (siehe Kästen Seiten 288/289). Doch den Generalschlüssel zum Beherrschen der Seuche hat niemand in der Hand. Noch ist das Virus stärker als der Mensch.

Die von deutschen Gesundheitspolitikern und Ärzten jahrelang vertretene Auffassung, man könne mit HIV angesteckt sein, müsse deshalb aber noch lange nicht an Aids erkranken oder sogar sterben, hat sich als falsch erwiesen.

Die entmutigende Wahrheit lautet: Wer mit dem Retrovirus HIV angesteckt wird, entwickelt - nach Jahren - auch Aids. Und wer Aids hat, muß daran sterben - sofern er nicht vorher einer "konkurrierenden Todesursache", etwa einem Verkehrsunfall, zum Opfer fällt. In allen Langzeitstudien nähert sich die Aids-Mortalität der HIV-Infizierten mittlerweile 100 Prozent.

In allen drei zunächst bekannten Risikogruppen - den promisken Homosexuellen, den drogensüchtigen Fixern und den Bluterkranken - wurde diese erschreckende Wahrheit über Jahre geleugnet. "Nur 5 bis 20 Prozent der HIV-Antikörperträger erkranken an manifestem Aids", teilten die "Asta-Schwulen-Referate" noch im Oktober 1985, vier Jahre nach dem Auftreten der ersten Aids-Fälle, in einem Protestbrief an den SPIEGEL mit. Das sei eine "Tatsache". Unterschrieben ist das Glaubensbekenntnis von zahlreichen Homosexuellen, die inzwischen der Seuche erlegen sind.

Verständlicherweise wollten die deutschen Homosexuellen ihren freizügig-promisken Lebensstil, in den siebziger Jahren aus den USA importiert, nicht aufgeben. Deshalb forderten damals die vereinigten "Hamburger Schwulengruppen", darunter die "Rosa Biber", die "Schwusos" und die "Schwusel": "Aids darf nicht zur Seuche erklärt werden" - befürchtet wurde ein "Sex-Verbot".

Nicht nur von Schwulengruppen, auch von der "Deutschen Aids-Hilfe", der selbsternannten Fürsorge-Organisation für HIV-Betroffene, wurden diese Positionen lange verteidigt. Noch immer wird von manchen der zwingende Zusammenhang zwischen Infektion und Krankheit in Frage gestellt; Aids-Hilfe-Funktionäre agitieren gegen den HIV-Test und machen den Amtsärzten das Leben schwer.

Der Filmemacher Rosa von Praunheim, in den siebziger Jahren Anführer der emanzipatorischen Schwulenbewegung und von Anfang an ein öffentlicher Warner vor den Gefahren der Seuche Aids, sieht die Aids-Hilfe als gescheitert an: "Man sitzt in einem Palast", man ist "verbeamtet" und "verwaltet die Verwaltung". Anregungen und Bedürfnisse, die von den Infizierten und Kranken kommen, werden - so Praunheim - "weggeschoben".

Die meisten deutschen Sexualwissenschaftler sind angesichts der Seuche Aids in Schweigsamkeit verfallen. Von der Promiskuität, dem "Motor der Seuche" (BGA), wollten viele von ihnen jedenfalls nicht abraten, auch nicht von Praktiken, die besonders gefährlich sind. 1989, acht Jahre nach dem ersten Aufflackern der Seuche, faßte Volkmar Sigusch, Professor für Sexualwissenschaften in Frankfurt am Main, wieder Mut und bekannte: "Der Analverkehr bleibt, so riskant er auch physisch sei, eine der köstlichsten Vereinigungen."

Rund 50 Prozent der promisken Homosexuellen in den fünf deutschen Ballungsräumen - Hamburg, Berlin, Köln/ Bonn, Frankfurt und München - sind nach Expertenmeinung mit dem Aids-Virus infiziert, so erklärte BGA-Experte Meinrad Koch Ende September bei einem Hearing im Bonner Gesundheitsausschuß.

Koch nimmt weiter an, "daß wir zur Zeit um die 50 000 HIV-Infizierte haben, die in den kommenden Jahren erkranken werden". "Es wäre töricht zu glauben", so Koch an anderer Stelle, "daß irgendwelche Entwarnungsglocken tönen."

Fast jeder Schwule in Deutschland hat einen Bekannten oder Freund, der schon an Aids gestorben ist. Er erinnere sich an eine Party vor sechs Jahren in Frankfurt, erzählt Wolfgang Fey, Redakteur des Szene-Magazins Don & Adonis: "Den ganzen Abend schoben sich die Männer durch das Gedränge, lachten, tranken, flirteten, kamen und gingen, allein, zu zweit." Jetzt habe er sich die Fotos von dem fröhlichen Fest noch einmal angesehen. Auf einem habe er sieben Männer wiedererkannt, einige von ihnen waren damals die "Hits" der Szene - alle sind inzwischen tot, gestorben an Aids.

Die Frage, in welchem Maße das Drama des Aids-Todes und die aufwendigen Aufklärungskampagnen über "Safer Sex" zu einer risikomindernden Veränderung im Sex-Verhalten geführt haben, kann nicht eindeutig beantwortet werden - weder bei den Homosexuellen noch bei den Heterosexuellen.

Die Sprecher der meisten Schwulenorganisationen schätzen das Ausmaß der Veränderungen hoch ein. "Bei den Schwulen haben sich real am tiefgreifendsten die Lebensumstände geändert", erklärt Christoph Behrens, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Homosexualität und dort zuständig für Aids. Der Grad der Information über die Seuche sei hoch, und Homosexuelle, die sich offen zu ihrer Neigung bekennen, einen funktionierenden Freundeskreis und eine abgesicherte soziale Position haben, praktizierten auch Safer Sex.

Der Frankfurter Sexualforscher Martin Dannecker will in einer Studie herausgefunden haben, daß die Homosexuellen die Zahl ihrer Sexualpartner drastisch vermindert hätten. Auch werde das Gebot, keine Körperflüssigkeiten miteinander auszutauschen, weithin befolgt: Während in den Jahren vor Aids mehr als 90 Prozent der Homosexuellen Zungenküsse mit einem Partner tauschten, seien es jetzt nur noch 55 Prozent. Der ungeschützte Analverkehr mit Ejakulation hat nach Danneckers Erkenntnissen von 36 Prozent auf 3 Prozent abgenommen.

Daß mehr homosexuelle Männer als früher in einer festen Beziehung leben, ergab eine norwegische Untersuchung, die jetzt von der Deutschen Aids-Hilfe veröffentlicht wurde. Danach benutzen die meisten so lange Kondome, bis beide Partner nach mehreren Tests davon ausgehen können, daß sie HIV-negativ sind.

Doch solche Befunde stehen in krassem Gegensatz zu anderen Mitteilungen aus der Schwulenszene. Beim sadomasochistisch getönten Ledertreffen in Hamburg, so ein Augenzeuge, "ging es wieder knallhart zur Sache". Das Kondom, so ließen sich Homosexuelle ein, passe nicht zur frei gelebten Sexualität, es sei wie "Schokolade mit Papier essen" oder "zum Konzert mit Ohrstöpseln gehen".

An den Eingängen von Männersaunen werden Präservative verteilt, doch längst nicht jeder Besucher benutzt die schützenden Hüllen. "Wir stehen nicht mit der Taschenlampe in den Darkrooms", sagt Jürgen Neumann, Mitarbeiter im Pressereferat der Deutschen Aids-Hilfe, "wir akzeptieren die verschiedenen Lebensstile. Wenn man Schwulen mit dem moralischen Zeigefinger kommt, erreicht man gar nichts."

So fanden auch die norwegischen Forscher heraus, daß ein knappes Drittel der Interviewten im Jahr vor der Befragung ungeschützten Analverkehr mit mindestens zwei Männern gehabt hatte, von denen nicht klar war, ob sie infiziert waren oder nicht.

Besonders gefährdet ist der homosexuelle Nachwuchs. Solange die Jungen ihre eigene Sexualität gerade erst entdecken, schieben sie oft dem erfahreneren Sex-Partner die Verantwortung zu - und wenn die älteren Partner Kondome ablehnen, machen die Jüngeren eben mit. Auch für die Aids-Beratungsstellen sind die Jüngeren, die es in den Zeiten von Aids mit ihrem Bekenntnis zur Homosexualität noch schwerer haben, kaum zu erreichen.

Fast unmöglich ist für die Aids-Berater der Kontakt zu Männern, die ein Doppelleben führen: Sie sind verheiratet, haben Kinder und gehen heimlich zu Strichjungen. "Die Freier sind das Gegenstück zum offen lebenden Homosexuellen", sagt Christoph Behrens vom Bundesverband Homosexualität. Viele verzichten auf Kondome, weil das Gummi sie an die Aids-Gefahr erinnert und daran, daß sie sich die Liebe nur kaufen.

"Wir verzeichnen eine steigende Rate von Strichern, die sich beim Test als HIV-positiv erweisen", berichtet Thomas Möbius vom Hamburger "Basisprojekt", das sich um solche Jungen kümmert. In dem Teufelskreis von Drogen und Beschaffungsprostitution verzichten manche Strichjungen auf den Gummischutz, wenn der Freier dafür das Doppelte zahlt.

Das ist bei den Heteros nicht anders. Beispiel Stuttgart: "Höchstens zwei von fünf Männern", gibt die Prostituierte Babette, 29, zu Protokoll, "sind bereit, ein Kondom zu verwenden."

Eine Freiburger Forschergruppe um den Sozialwissenschaftler Jürgen Bengel hat 800 Nicht-Infizierte an Heimat- und Urlaubsorten befragt, wie sie es mit dem Schutz gegen Aids halten. "Im Urlaub", so das Ergebnis, "wollen die Leute überhaupt nichts von Aids wissen." Bezeichnende Selbstlüge einer Befragten: "Ich sehe es dem Partner doch an, wenn er Aids hat."

Insgesamt hat die aufwendige Aids-Kampagne in der Bundesrepublik offenbar zu einem gespaltenen Resultat geführt. Sozialforscher Bengel: "Auf der Bewußtseinsebene ist alles klar. Aber die Umsetzung ist problematisch."

Daß über Aids Bescheid wissen noch lange nicht heißt, sich entsprechend zu verhalten, fand auch Ulrich Clement bestätigt, Sexualforscher an der Psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg. Die meisten unterschätzten das Risiko: "Die Paare denken, jetzt haben wir schon zwei-, dreimal ohne Kondom miteinander geschlafen, da wird schon nichts passiert sein - und dann verzichten sie ganz auf den Schutz" (Clement).

Die "sequentielle Monogamie" ist inzwischen zur häufigsten Beziehungsform bei jüngeren Erwachsenen geworden: Man ist zwar treu, wechselt aber öfter den Partner. "Der Gedanke, daß sie oder er schon ganz andere geliebt haben", so der Hamburger Politologie-Professor Peter Raschke in einer eben erschienenen Studie über Aids-Beratungsstellen, "stört den Wunsch, eine einzigartige Beziehung zu leben."

Deutlicher als viele gelehrte Untersuchungen enthüllt eine schlichte Umsatzzahl das unverminderte Risiko: Der Absatz von Kondomen ist in der Bundesrepublik wieder auf den Stand von 1978 gesunken. Auch wird nicht jedes verkaufte Kondom tatsächlich benutzt, und wenn junge Paare zum Gummischutz greifen, dann in erster Linie zur Empfängnisverhütung - 93 Prozent aller an sie verkauften Kondome dienen nach wie vor einzig diesem Zweck.

Vom Tod des Popstars Freddie Mercury und von dem Aids-Bekenntnis des Supersportlers Magic Johnson erwarten viele Aids-Berater nun eine neue, das Gefahrenbewußtsein schärfende Diskussion. "Die Jugendlichen werden aufgerüttelt", sagt Thomas Möbius vom "Basisprojekt". Die Aids-Experten im _(* Am Christopher Street Day in Berlin. ) Stuttgarter Gesundheitsamt registrierten regelmäßig einen Anstieg bei den HIV-Tests um etwa 30 Prozent, "wenn der Aids-Tod eines Prominenten bekannt wird".

Das geschah zum ersten Mal im Sommer 1985, als Hollywood-Star Rock Hudson auf einer turbulenten Pressekonferenz in Paris verkünden ließ, er habe Aids. Während seiner 37jährigen Filmkarriere war seine Homosexualität eines der bestgehüteten Geheimnisse der Showbiz-Szene gewesen. Mit der Beichte Hudsons, der wenige Monate später seiner Krankheit erlag, wurde das Aids-Thema schlaglichtartig in das Bewußtsein der Massen gerückt. Damals hieß das tödliche Leiden noch "Lustseuche", es schien eine Schwulenkrankheit zu sein und wurde von vielen als (mehr oder minder) gerechte Strafe für abnorme Sexualpraktiken angesehen.

Das hat sich in den USA bis heute kaum geändert - auch nicht angesichts der Lichtgestalt des Ballzauberers Magic Johnson, den Kinder und Sportfans zuweilen wie eine überirdische Erscheinung vergöttert hatten. Auch jetzt, nach Magics Bekenntnis, behält vielfach die puritanische Selbstgerechtigkeit der Amerikaner die Oberhand.

Johnson "hätte es besser wissen müssen und zahlt nun dafür seinen Preis", fand mitleidlos fast die Hälfte der befragten Amerikaner; als verantwortungslosen Aufruf zur "Liebe nach Lust und Laune" verdammen die Moralapostel Johnsons Aufruf zu "Safer Sex".

Seit dem Aids-Tod von Rock Hudson hat die Seuche speziell im Showbusiness viele weitere Opfer gefordert, von dem Filmregisseur Tony Richardson und dem Broadway-Regisseur Michael Bennett ("Chorus Line") über den amerikanischen Choreographen und Tänzer Arnie Zane bis hin zu der Schauspielerin Amanda Blake ("Rauchende Colts") und zu Jim Henson, dem Erfinder der Muppet-Puppen, der im letzten Jahr an Aids gestorben ist. Broadway-Produzentin Eileen Gemhurst: "So wie der Krieg die Starken ausrottet, nimmt Aids unsere Kreativsten in den Tod."

Besonders stark gelichtet sind die Reihen in der Designerbranche. Aids "zerstört das kreative Herz der Modeindustrie", schrieb die International Herald Tribune. Opfer des Aids-Virus wurden die Top-Modemacher Perry Ellis, Angel Estrada und Willi Smith (alle USA). Am meisten beklagt wurde der Aids-Tod von Roy Halston, dem New Yorker Modezaren, der Jackie Kennedy mit Pillbox-Hütchen schmückte, für die beleibte Liz Taylor Kaftane entwarf und für Liza Minnelli Glitzertuniken zuschnitt. Der Meister entschloß sich zu einem "ruhigen und stilvollen Sterben". Seine letzten Tage verbrachte er in Kalifornien, mit Blick auf die San Francisco Bay. Noch auf dem Sterbebett trug er Seidenpyjamas, auf allen Tischen des Krankenzimmers dufteten weiße Orchideen.

Das Kontrastprogramm dazu, eine Art Horrorshow über den Aids-Tod, lieferte Kurt Raab, Schauspieler und Freund von Rainer Werner Fassbinder - er inszenierte sein Siechtum als Medienspektakel. Für die Bunte schrieb er Sterbeberichte, ein Filmteam durfte zu ihm ins Hospital, Bild-Reporter hielten dem Röchelnden Mikrofone hin. Noch vier Wochen vor dem Tod, mit überschminkten Kaposiflecken, erschütterte er die Plauderrunde in der NDR Talk Show.

Die schonungslose Dokumentation dieses Schauspielertodes wirkte nach. "Als ich Raabs Film über sein Sterben gesehen hatte", bekannte der Aids-kranke Anselm, 31, in der Berliner Stadtillustrierten Tip, "da war''s vorbei mit dem Verdrängen. Ich mußte mich mit dem Tod und der Krankheit auseinandersetzen."

Von wenigen spektakulären Aktionen (etwa der Schwulengruppe "Act Up") abgesehen, sterben auch in Deutschland die Aids-Opfer still und leise, ohne öffentliches Aufsehen. Das hat viele Gründe: Um drogenkranke Fixer am unteren Rand der Gesellschaft kümmern sich nur hauptamtliche Helfer in spezialisierten Krankenstationen. Wer an der Nadel hängt, denkt nicht an publikumswirksame Auftritte. Aids-kranke Fixer können nicht über den nächsten Schuß hinaus denken, das läßt ihre Sucht nicht zu.

Hilfe von außen hat es für die Risikogruppe der Fixer kaum gegeben:
* Spritzenautomaten, zum Beispiel im Knast und an
_(* Vor seinem Auftritt in der NDR Talk ) _(Show am 10. Juni 1988. ) den Sammelplätzen der Süchtigen, die den tödlich gefährlichen Nadeltausch hätten entbehrlich machen können, wurden nur selten und wenn, dann nur für kurze Zeit aufgestellt.
* Über die lebensrettende "Substitutionstherapie", bei
der den Fixern das flüssige Narkotikum Methadon
gereicht wird, haben Gesundheitsbehörden und
Drogentherapeuten sieben Jahre lang debattiert - jetzt
ist es fast zu spät, annähernd jeder zweite intravenös
Drogensüchtige ist bereits HIV-infiziert.

Bei den Männern, die an der erblichen Bluterkrankheit (Hämophilie) leiden, ist die Zahl der Aids-Opfer wahrscheinlich noch größer als bei den Fixern (SPIEGEL 47/1991). Von den 6000 Bluterpatienten haben 4000 regelmäßig "Faktor VIII"-Präparate gespritzt. Diese waren zu 90 Prozent aus den USA importiert und in den Jahren 1984/85 zu 100 Prozent mit Aids verseucht.

Hunderte von Kindern sind unter den Opfern, so auch Helmut Böttner aus Wesel, der als Zwölfjähriger im Januar dieses Jahres starb. Jahrelang hatte sein Aids-Schicksal die Boulevardpresse beschäftigt. Bild: "Das Gesicht eines Kindes, das keine Zukunft hatte."

Die damals im Amt befindlichen Gesundheitsminister Heiner Geißler und Rita Süssmuth und das den Politikern unterstellte Bundesgesundheitsamt haben versäumt, das Desaster von den deutschen Blutern abzuwenden: Mindestens die Hälfte von ihnen ist durch Medikamente infiziert worden; 400 bis 500 Bluter sind bereits an Aids gestorben.

Auch ihr Sterben erregt wenig Aufsehen. Die Bluter haben sich schriftlich gegenüber den Versicherungen der Pharmaproduzenten verpflichten müssen, zu schweigen. Dafür gab es 1987/88 individuelle Entschädigungen, selten mehr als 80 000 Mark - in Frankreich, wo der Bluter-Aids-Skandal zur Regierungskrise führte, sind neuerdings gesetzlich garantierte Entschädigungszahlungen bis zu umgerechnet 800 000 Mark im Gespräch; ein entsprechender Gesetzentwurf wurde letzte Woche eingebracht.

Die Schuldigen am Tod der deutschen Bluter sind bisher nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Sie profitieren noch immer von dem Schweigekartell und von den Besonderheiten der Seuche Aids: Die stigmatisierende Krankheit wird vor aller Welt verheimlicht, und das langsame Sterben demoralisiert alle Betroffenen. Niemand geht vor Gericht oder artikuliert sich öffentlich.

Die Verantwortlichen in Bonn gaben sich alle Mühe, die fällige Debatte um den deutschen Bluter-Skandal gar nicht erst aufkommen zu lassen. Man habe, erklärte vorletzte Woche Manfred Steinbach, der Leiter der Gesundheitsabteilung im Bundesgesundheitsministerium, in den kritischen Jahren 1983 bis 1985 vor der Wahl gestanden, den Blutern die (lebensgefährlichen) Medikamente vorzuenthalten und damit ihren Verblutungstod in Kauf zu nehmen oder die Faktor-VIII-Präparate trotz der Risiken im Handel zu lassen.

In Wahrheit gab es, wie das Beispiel europäischer Nachbarländer zeigt, durchaus Alternativen: In Finnland stoppte man die tödlichen US-Importe und versorgte die Bluter mit Produkten, die von gesunden Ei nzelspendern stammten. In der DDR beschafften sich nur zwei Prominente für ihre Söhne US-Präparate; die beiden Kinder sind gestorben. Alle anderen Bluter leben. "In der DDR", erklärt Alfred Hässig, Leiter des Schweizer Blutspendedienstes, "ist kein einziger Hämophiler verblutet."

Die rigide Anti-Aids-Strategie der eingemauerten DDR erweist sich im nachhinein als effizient. Dabei haben die Gesundheitsbürokraten in Ost-Berlin - Bilanz zur Wendezeit: 16 Aids-Tote, 82 Infizierte - nur getan, was sich seit hundert Jahren bewährt hat: Sie haben die wissenschaftliche Seuchenlehre angewandt.

Deren drei wichtigste Gebote werden angehenden Ärzten immer wieder eingeschärft. Sie lauten, wie der Essener Internist Klaus Dietrich Bock lehrt: "Die Bekämpfung einer Epidemie ist, erstens, um so wirksamer, je früher sie erfolgt. Die Infektionsquellen müssen, zweitens, möglichst lückenlos ermittelt werden, damit, drittens, die Infektionsketten durch geeignete Maßnahmen unterbrochen werden können."

Seit Rita Süssmuth, gelernte Französischlehrerin und 1985 als Quereinsteigerin ins Kabinett Kohl gelangt, die Richtung für die Aids-Politik in Deutschland vorgegeben hat, blieb der weiche und vergleichsweise uneffiziente Kurs unverändert.

Die amtliche Seuchenpolitik erschöpfte sich im wesentlichen in einer Flut von Aufklärungsschriften (die häufig von Fehlern nur so wimmelten) sowie im Installieren von Enquete-Kommissionen und Berater-Gremien (besetzt mit Leuten, die mehrheitlich der Süssmuth-Ansicht waren); gegenüber den betroffenen homosexuellen Gruppen gefielen sich die Bonner in einer wohlmeinenden Gesprächstherapie, die der Wahrung von Minderheitenrechten höheren Rang einräumte als einer konsequenten Eindämmung der Seuche. Vom seuchenmedizinischen Standpunkt aus betrachtet ist die Lage in Deutschland entsprechend desolat. Genaue Zahlen über das Ausmaß der Epidemie fehlen bis heute. Die Datenlage für HIV-Infektionen und Aids-Erkrankungen ist unübersichtlich, von Anfang an. Der Staat und seine Gesundheitsbehörden verzichten darauf, sich einen zuverlässigen Überblick über Umfang und Ausbreitungswege der gefährlichsten Seuche, die in Deutschland grassiert, zu verschaffen. Namentlich meldepflichtig sind Dutzende von Infektionskrankheiten, darunter Masern, Scharlach, Rotz und sogar der Verdacht, jemand könnte an der Papageienkrankheit leiden. Aids und HIV-Infektionen hingegen sind nicht meldepflichtig, nicht einmal anonym.

Um diese Politik durchzuhalten, wird das Bundesseuchengesetz ignoriert. In seinem Paragraphen 1 steht unmißverständlich:
" Übertragbare Krankheiten im Sinne dieses Gesetzes "
" sind durch Krankheitserreger verursachte Krankheiten, die "
" unmittelbar oder mittelbar auf den Menschen übertragen "
" werden. "

Das Gesetz, im Jahre 1981 unter Bundeskanzler Schmidt für alle Fälle revidiert (und verschärft), gibt den Gesundheitsbehörden zahlreiche "seuchenpolitische Instrumente" an die Hand. Sie reichen von der Meldepflicht über Untersuchungspflichten bis zu Auflagen hinsichtlich des Berufs und des Sexualverhaltens.

Der Staat könnte, wenn er wollte, wie beim harmlosen Tripper für "angemessene Schutzmaßnahmen" sorgen - etwa
* die Dunkelräume ("darkrooms") in den Treffpunkten der
großstädtischen Homosexuellen als Orte des anonymen,
Aids übertragenden Sex schließen;
* die Prostitution überwachen und Aids-positive
"Beschaffungsprostituierte" durch Sozialprogramme (samt
Methadon) aus dem Verkehr ziehen;
* nachgehende Untersuchungen für die Partner von
Infizierten organisieren, um diese rechtzeitig zu
warnen.

Nichts davon geschieht. Einige hundert Frauen sind allein von ihren Bluter-Ehemännern und -Freunden mit Aids angesteckt worden, weil die Männer von ihren Ärzten noch 1984 in falscher Sicherheit gewiegt wurden. Damals behaupteten Therapeuten, der positive Aids-Test beweise nicht die Krankheit, sondern sei Hinweis auf einen besonders guten Aids-Schutz, wörtlich: eine "Schutzimpfung". Diesen Schwindel bezahlen die Frauen jetzt mit ihrem Leben. Um sie kümmert sich niemand, keine Versicherung zahlt auch nur einen Pfennig. Oft werden sie nicht einmal als Aids-Kranke wahrgenommen, behandelt und registriert - entsprechend lückenhaft sind die monatlichen Aids-Statistiken. Während sich sonst die Epidemiologen und Medizinstatistiker um jede Stelle hinter dem Komma sorgen, geht die Administration mit den Aids-Toten großzügig um. So verlautbarte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im August 1990, man habe zwischen 1983 und 1989 anhand der Totenscheine 2549 Aids-Tote gezählt. Das Bundesgesundheitsamt war bei seiner Rechnerei zum gleichen Zeitpunkt erst bei 1800 Toten.

Beide Informationen sind mit Sicherheit falsch. Auf den Totenscheinen wird "Aids" nur ungern notiert, vor allem von den Bluter-Ärzten. Mit Rücksicht auf die Angehörigen sind, vor allem auf dem Lande und in Kleinstädten, die Hausärzte geneigt, eine Aidsferne Todesursache zu attestieren. Niemand kontrolliert das.

Die freiwillige Meldung der Aids-Toten an das BGA klappt schon deshalb nicht, weil sich die "Schwerpunktpraxen", in denen vor allem homosexuelle Patienten behandelt werden, aus Prinzip nicht am Meldesystem beteiligen.

"Die weltschlechteste Aids-Bekämpfung" attestierten mehr als 200 Ärzte, darunter viele Professoren aus den neuen Bundesländern, in einem Aufruf Mitte letzten Monats der "Bonner Regierung". Es fehle "jeglicher epidemiologische Überblick und erst recht eine wirksame Politik zur Eindämmung von HIV-Neuinfektionen".

Daran wird sich unter der Ägide der CSU-Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt fürs erste kaum etwas ändern. Auch sie verzichtet auf richtungweisende Entscheidungen, wie die tödliche Krankheit einzudämmen wäre.

Die Forderung Bayerns, bundesweit in Krankenhäusern Bürger anonym auf Aids zu testen, um der Ausbreitung der Seuche auf die Spur zu kommen, lehnte sie ab: "Zu teuer, rechtlich fragwürdig und im Verfahren unausgereift."

Zur Frage der immer wieder diskutierten Meldepflicht hält sie sich ebenfalls bedeckt. Die Ministerin beruft sich auf die Befunde der Aids-Enquete-Kommission. Enquete-Sprecher Hans Peter Voigt: "Wenn jeder Kranke damit rechnen muß, gemeldet zu werden, tauchen die nur in den Untergrund ab" - eine Befürchtung, die sich in Ländern mit namentlicher Meldepflicht nirgendwo bewahrheitet hat.

Auch zu dem Vorhaben, Ärzte, die möglicherweise ihre eigene HIV-Infektion massenweise an Patienten weitergeben könnten, zwangsweise zu testen, zeigt sich Frau Hasselfeldt unentschlossen. Als Mitte dieses Jahres aus den USA spektakuläre Fälle von Patientenansteckung bekannt wurden (SPIEGEL 32/1991), dachte die Ministerin diese Möglichkeit an. Sie beließ es dann aber bei einem Aufruf an die Ärzte, sich freiwillig testen zu lassen.

Erst recht anachronistisch erscheint die Absicht ihres Parteifreundes, des Bundesfinanzministers Theo Waigel, alle Bonner Zuwendungen zum Kampf gegen Aids bis 1995 auf Null herunterzufahren.

Zwar äußerte Ministerin Hasselfeldt, passend zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, sie wolle sich auch künftig dafür einsetzen, daß sich der Bund finanziell an der Aids-Bekämpfung beteiligt, obwohl dies eigentlich keine vom Bund zu finanzierende Daueraufgabe sei. Schon im Haushaltsplan 1993 aber werden die der Aids-Bekämpfung zugedachten Bonner Mittel um die Hälfte reduziert.

Betroffen von dem Sparkurs ist vor allem die Deutsche Aids-Hilfe, aber auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit ihren Kampagnen für "Safer Sex"; zur Zeit beschäftigt sich die Kölner Stelle damit, in russischer, polnischer und rumänischer Sprache Aus- und Übersiedler über Kondome und Treue aufzuklären.

In Bedrängnis geraten sind auch die beiden von privaten Spenden lebenden Aids-Stiftungen; sie erwarten ihr Ende für 1993, "weil die Leute lieber für eine saubere Krankheit Geld geben" (so Rainer Jarchow von der Stiftung "Positiv leben") - aber auch, weil die sterbenden Homosexuellen ihr Vermögen nicht den Stiftungen, sondern lieber einem Neffen vermachen.

Im eigenen Haus fühlt sich die Ministerin auch weiterhin dem von Rita Süssmuth vorgegebenen gesundbeterischen Kurs verpflichtet: "Aufklärung, Beratung und Stärkung der Eigenverantwortung". Das kann ihr nicht schaden - aber es nützt auch nichts.

Als "schlimm bis katastrophal" bezeichnet der Frankfurter Aids-Helfer Achim Teipelke die voraussehbaren Folgen der Kürzung von Bundesmitteln. Die präventive Arbeit in den "Hauptbetroffenengruppen", Hauptziel der Förderung aus Bonn, werde zum Erliegen kommen. Auch die Frankfurter Einrichtung "KISS", ein bundesweit renommiertes "Krisenzentrum für Strichjungen" in der Alten Gasse, sei nunmehr von Schließung bedroht. Insgesamt werden die Aids-Betreuungszentren, als "Bundesmodellprojekte" aufgezogen, zum Jahresende ihre Arbeit stark einschränken müssen.

Ähnlich kritisch wie die Frankfurter Aids-Helfer äußerte sich in Stuttgart die SPD-Sozialexpertin Helga Solinger zum neuen Bonner Sparkurs. Die Kürzungen der Bundesmittel seien "eine komplette Absurdität angesichts der steigenden Zahlen von Betroffenen". Die Politikerin findet es "zum Heulen", daß das "stille Sterben der Infizierten" derzeit in der deutschen Öffentlichkeit kaum mehr interessiert.

Ob die in den letzten Wochen zu verzeichnende, in den Medien hoch aufflackernde Anteilnahme am Aids-Tod Prominenter einen Bewußtseinswandel anbahnt, bleibt ungewiß. Aus ganz anderen Gründen aber, so scheint es, tritt die Krankheit Aids allmählich aus ihrer gesellschaftlichen Unsichtbarkeit heraus.

"Inzwischen", sagt der Berliner Aids-Experte Markus, "zählt jeder Deutsche mindestens einen Infizierten zu seinem Bekanntenkreis." o

* Das Titelbild zeigt, von links oben im Uhrzeigersinn: Tennisprofi Michael Westphal, Schriftsteller Horst Bienek, Fotograf Robert Mapplethorpe, Popstar Freddie Mercury, die Schauspieler Rock Hudson, Amanda Blake, Manfred Seipold, Kurt Raab und Klaus Schwarzkopf, Sportler Earvin "Magic" Johnson, Pianist Liberace, Graffiti-Künstler Keith Haring. * Am Christopher Street Day in Berlin. * Vor seinem Auftritt in der NDR Talk Show am 10. Juni 1988.

DER SPIEGEL 49/1991
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