09.09.1991

Allein die Statistik im Griff

Fast drei Jahrzehnte bestimmte Günter Mittag über die DDR-Wirtschaft. Anfangs gehörte er zu jenen Reformern, die vom dritten Weg zwischen Plan- und Marktwirtschaft träumten. Am Ende mußte er als Sündenbock für den Zusammenbruch der DDR herhalten. Dagegen wehrt sich Mittag jetzt in einem Rechtfertigungsbuch.

Wütend riß Erich Honecker das prächtige Geweih von der Wand seiner Jagdhütte in der Schorfheide. Der störrische Greis verstand die Welt nicht mehr. Stunden zuvor hatte ihn das Politbüro entmachtet, der SED- und Staatsratsvorsitzende mußte zurücktreten.

Was ihn besonders traf: Sein engster Vertrauter Günter Mittag hatte als einer der ersten für seine Ablösung gestimmt.

In hohem Bogen flog das Geweih, eine Trophäe ihrer letzten gemeinsamen Pirsch, in den Hundezwinger - Ende einer jahrzehntelangen Männerfreundschaft.

Für Mittag kam die Abkehr von seinem obersten Jagdgenossen zu spät. Neben Honecker und SED-Propagandachef Joachim Herrmann mußte auch er, der Wirtschaftslenker der Partei, das Politbüro verlassen.

Seit diesem 17. Oktober 1989 fühlt sich Mittag als Opfer einer schnöden Politintrige. Seine Version des Sturzes hat er nun als Buch niedergeschrieben*.

Einer, der schuldlos scheiterte, sowohl an den Umständen als auch an den Betonköpfen im Machtzentrum der DDR: Dieses sentimentale Selbstporträt entwirft der Autor Mittag zu seiner Rechtfertigung (siehe Kasten Seite 84).

Seine Karriere hatte er mit vielen guten Vorsätzen begonnen. Als 1962 der damalige Parteichef Walter Ulbricht den 35jährigen Mittag zum Wirtschaftssekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED berief, brannte der noch voller Reformeifer. Der rasche Aufstieg im Parteiapparat hatte sein Selbstbewußtsein gestärkt. 1951 war er Mitarbeiter im ZK geworden, zwei Jahre später schon Abteilungsleiter.

Gemeinsam mit dem Chef der Staatlichen Plankommission, Erich Apel, und einigen Wissenschaftlern machte sich Mittag Mitte der sechziger Jahre daran, der trägen Planwirtschaft ein neues Konzept zu verpassen. Die Betriebe sollten selbständiger werden, mit dem bis dato verpönten Gewinn als Maßstab ihrer Arbeit.

Was den dogmatischen Verfechtern der Stalinschen Zuteilungs- und Kommandowirtschaft wie Ketzerei vorkommen mußte, war für Apel und Mittag der notwendige Versuch, die DDR mit einem Stück Marktwirtschaft aus der chronischen Misere herauszuholen.

Zunächst sah es sogar so aus, als könnten sich die Reformer durchsetzen. Ulbricht machte sich ihr Konzept zu eigen, stellte es 1963 auf dem VI. SED-Parteitag vor. Im selben Jahr noch wurde das "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" (NÖS) im Großversuch gestartet.

Doch die ehrgeizige Reform geriet nicht über das Experimentierstadium hinaus. Erfolge blieben aus. Großprojekte brachten die Wirtschaft dem Ruin nahe. Die Versorgungsprobleme wurden immer größer. 1970 war das NÖS am Ende.

Der gescheiterte Reformer Mittag schaffte es dennoch, stets in der Gunst der Mächtigen zu stehen - mit einem feinen Gespür dafür, wann der Wind sich drehte.

Als der mindestens ebenso ambitionierte Apel 1963 Vorsitzender der Plankommission wurde, glaubte er sich der Unterstützung Mittags sicher. Aber dessen Machtinstinkt war stärker ausgeprägt als seine Loyalität. Da Apel in Ungnade fiel, schlug sich Mittag auf die Seite der Apel-Gegner.

Auch als der störrisch gewordene Ulbricht, dem er lange treu gedient hatte, 1971 gestürzt wurde, wechselte Mittag rechtzeitig die Fronten. Der wandlungsfähige Ex-Reformer überlebte.

Unter Honeckers neuem Regime wurde wieder der Plan zum einzigen Maßstab; die Begriffe Markt und Gewinn kamen nicht mehr vor. An ihre Stelle traten erst der sozialistische Wettbewerb und wenig später die Schimäre von der "Einheit von Wirtschafts- _(* Günter Mittag: "Um jeden Preis". ) _(Aufbau-Verlag, Berlin; 39,80 Mark. ) und Sozialpolitik". Einer ihrer eifrigsten Propagandisten war Mittag, obwohl er zunächst für drei Jahre den Posten als ZK-Sekretär für Wirtschaft abgeben mußte.

1976 hatte der wandelbare Theoretiker Honeckers Vertrauen wiedererlangt; er kehrte in sein angestammtes Amt zurück. Von da an verkörperte er gleichsam die DDR-Wirtschaft. Dank der Unbedarftheit Honeckers in Sachen Ökonomie galt Mittag bald als zweiter Mann im Staate, gleich hinter dem SED-Chef.

Aus dem einstigen Reformer war inzwischen ein menschenverachtender Zyniker geworden: einsam, mißtrauisch, skrupellos und bei vielen verhaßt. Die großen Ideen von einst: vergessen.

Für Mittag bedeutete rationelles Wirtschaften nun vor allem, daß das Personal pünktlich seiner Arbeit nachging. Die Ost-Berliner Zentrale war oberste Kontrollinstanz. Sie sorgte für die Einhaltung des Dienstregiments. Und allererster Aufpasser konnte, natürlich, nur Mittag selber sein.

Mittag entschied über den Import von Schlüpfern ebenso wie über den Bau von Stahlwerken. Doch wie er sich in seiner Zentrale auch mühte - sein Tag begann kurz nach sieben Uhr in der Früh, am Wochenende schleppte er jede Menge Akten nach Hause -, den ökonomischen Zusammenbruch der DDR konnte er nicht verhindern.

Honecker hatte nach seiner Machtübernahme ein ehrgeiziges Sozialprogramm aufgestellt: verstärkter Wohnungsbau, Arbeitszeitverkürzung und Subventionen. Die Propagandaformel: Die Wirtschaft sollte nicht Selbstzweck sein, sondern Mittel zum Zweck.

Schon Mitte der siebziger Jahre wußte niemand mehr, wie die von Jahr zu Jahr steigenden Kosten der Sozialpolitik beglichen werden sollten. Die DDR lebte alsbald auf Pump und von ungedeckten Schecks. Honecker, von Kenntnissen der Ökonomie unbelastet, wußte es nicht besser, sein Vertrauter Mittag dagegen schon.

Sein Stab klärte ihn darüber auf, daß die DDR über ihre Verhältnisse lebte. Er aber ließ sich lieber für die ruinösen "Errungenschaften der Sozialpolitik" feiern.

Die Wahrheit, so Mittag heute, hätten auch andere im Politbüro der SED gekannt. Man habe sie allerdings nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Seine Warnungen seien immer wieder überhört worden (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 88).

Mittag versuchte, mit seinem straffen Kommandosystem das Schlimmste zu verhüten. Um die Wirtschaft vollständig unter seine Aufsicht zu stellen, faßte er die rund 3500 Industriebetriebe der DDR in über 250 Kombinaten zusammen. Das Ergebnis: verheerend. Flexible Klein- und Mittelbetriebe wurden aufgesogen. In Mittags Wunderwelt entstanden Monopole. Es gab weder reale Preise noch Wettbewerb um Marktanteile.

Um den technischen Fortschritt zu beschleunigen, verlangte der Zentralist Mittag, die Betriebe müßten mehr Roboter und Computer einsetzen. Das Resultat: Jeder Fahrstuhl wurde nun als Roboter ausgegeben, jeder Bildschirm in CAD/CAM-Arbeitsstation umbenannt.

Darüber hinaus sollte jedes Unternehmen, auf Mittags Order hin, mindestens fünf Prozent seiner Produktion auf Konsumgüter umstellen, damit die schlechte Versorgungslage verbessert würde - eine aberwitzige Idee. Daraufhin rechneten die Betriebe sogar ihr Werkküchenessen als "Versorgungsleistung für die Bevölkerung" ab und kamen folglich auf die erwünschte Norm.

In diesem bürokratischen Kommandosystem kam es nicht auf Leistung an, sondern auf geschönte Berichte.

Mittag mußte einsehen, daß seine Wirtschaft immer mehr an Konkurrenzfähigkeit verlor und daß Honeckers "Sozialkurs" die DDR in eine bedrohliche Außenverschuldung trieb. Die Kraft zu Konsequenzen besaß er nicht.

Als Ende der siebziger Jahre auf dem Weltmarkt die Rohstoffpreise explodierten und die Sowjetunion ihre jährlichen Erdöllieferungen um 2 Millionen auf 17,1 Millionen Tonnen reduzierte, war der Konkurs der DDR nur noch eine Frage der Zeit. Daß der Bankrott kurzfristig abgewendet werden konnte, verdankten Honecker, Mittag & Co. dem von SED-Devisenbeschaffer _(* Betonwerk Grünau. ) Alexander Schalck-Golodkowski und CSU-Chef Franz Josef Strauß 1983 eingefädelten Milliardenkredit.

Für Mittag war das ein Signal, die DDR-Wirtschaft vorsichtig zu öffnen. Er hoffte darauf, daß sich die Dinge mit Hilfe der Westkooperation doch noch zum Guten wenden lassen würden. Da trafen sich seine ökonomischen Interessen mit Honeckers politischem Wunsch nach Anerkennung im kapitalistischen Ausland.

Bei all seinen Wendungen blieb Mittag vorsichtig. Doppelzüngig bestand er in der Öffentlichkeit auf dem eigenständigen Weg der DDR - im internen Gespräch mit westlichen Politikern und Industriebossen dagegen bekundete er starkes Interesse an enger Zusammenarbeit.

Hart traf Mittag das strenge High-Tech-Embargo, das die DDR vom lebenswichtigen Computermarkt abschnitt. Der Chefökonom versuchte einen Alleingang, um die Wirtschaft mit Hilfe moderner Technik endlich auf Effizienz zu trimmen. Mittags größte Stütze: der Allesbeschaffer Schalck.

Anfang der achtziger Jahre leitete Mittag das letzte Experiment ein: eine eigenständige mikroelektronische DDR-Industrie. 14 Milliarden Mark pumpte er in diese Verzweiflungs-Unternehmung - zuviel Geld für die kleine DDR, viel zu wenig aber, um mit dem Fortschritt in der Welt Schritt halten zu können.

Mittag wußte nur zu gut, daß eine moderne Wirtschaft ohne Mikroelektronik nicht zu haben sein würde. Und er ahnte, daß er die DDR-Wirtschaft mit diesem Abenteuer vollends ruinieren würde.

Aber für ihn war alles nur eine Frage des Berichts. So ließ er noch 1988 die Labormuster des 1-Megabit-Chips und der 32-Bit-Computer feiern und verschwieg dabei, daß die übrige Industrie mangels Investitionskraft immer weiter verkam.

Zuletzt hatte Mittag nur noch die Statistik im Griff. Am 17. Oktober 1989 mußte der oberste DDR-Ökonom das Große Haus neben dem Staatsratsgebäude räumen.

Von der Anerkennung, die ihm Bonner Politiker von SPD-Kanzler Helmut Schmidt bis Franz Josef Strauß gezollt hatten, ist nichts geblieben. Seit Dezember 1989 laufen mehrere Ermittlungsverfahren gegen Günter Mittag. Inzwischen wurde Anklage erhoben wegen Anstiftung zur Untreue. Nach einem Gutachten gilt er - schwer zuckerkrank und an beiden Beinen amputiert - als nicht verhandlungsfähig.

* Günter Mittag: "Um jeden Preis". Aufbau-Verlag, Berlin; 39,80 Mark. * Betonwerk Grünau.

DER SPIEGEL 37/1991
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