09.09.1991

„Es reißt mir das Herz kaputt“

SPIEGEL: Herr Mittag, Sie waren bis Ende 1989 einer der mächtigsten Männer der DDR. Sie haben die Wirtschaft gelenkt, Sie haben die Führungskräfte bestimmt, Sie haben den Kurs vorgegeben. In Ihren Erinnerungen sieht das ganz anders aus: Keiner hörte auf Sie, Ihre Reformvorschläge wurden abgetan, das letzte Wort behielt sich Erich Honecker vor. Waren Sie Boß oder Marionette?
MITTAG: Weder noch. Meine Stellung im Politbüro war niemals unangefochten, sie war niemals so, daß ich nach eigenem Gutdünken hätte schalten und walten können. Es gab grundsätzlich immer nur eine eingeschränkte Ressortverantwortlichkeit.
SPIEGEL: Und wer hat die Politik bestimmt?
MITTAG: Es gab einen grundlegenden, schwelenden Dissens im Politbüro: Er betraf die prinzipielle Gegnerschaft gegen die Kooperation mit dem Westen, speziell zur BRD, als "Westdrall" apostrophiert, durch eine Gruppe in der Führung um Stoph, Krolikowski und Mielke**. Es ist eine Ironie der Geschichte, ** Willi Stoph war Vorsitzender des Ministerrats _(der DDR, Werner Krolikowski sein Erster ) _(Stellvertreter; Erich Mielke fungierte ) _(als Minister für Staatssicherheit. * Mit ) _(Redakteuren Wolfram Bickerich, Dieter ) _(Kampe, Steffen Uhlmann. ) daß man mir dieses Bestreben nach Kooperation als hochverräterisch ankreiden wollte.
SPIEGEL: Seit wann war Ihnen klar, daß die DDR in den Ruin trieb?
MITTAG: Der ökonomische Kollaps deutete sich 1981 an und wurde 1983 offensichtlich. Dies hing mit der Kürzung der ursprünglich zugesagten Erdöllieferungen durch die UdSSR von 19 auf 17,1 Millionen Tonnen pro Jahr zusammen. Es war nicht der einzige Faktor, aber einer, der die Situation der rohstoffabhängigen DDR drastisch kennzeichnete. Dadurch wurden Wirtschaftswachstum und Außenhandel erheblich beeinträchtigt. Über diese Situation ist das gesamte Politbüro informiert worden.
SPIEGEL: Und was haben Sie dagegen unternommen?
MITTAG: Zu diesem Zeitpunkt wären grundsätzliche Korrekturen an der Gesamtpolitik erforderlich gewesen, also nicht allein an der Wirtschaftspolitik. So verschlang die Sicherheitspolitik sehr viel Nationaleinkommen, das zum Ausgleich der außenwirtschaftlichen Belastungen erforderlich gewesen wäre. Die Frage "Was tun" wurde einseitig auf die Sozialpolitik zugespitzt. Dies hätte eine Senkung des Lebensstandards infolge zurückgehenden wirtschaftlichen Wachstums bedeutet.
SPIEGEL: Aber es wäre richtig gewesen.
MITTAG: Dieser Weg schied nach der vorherrschenden Meinung aus, weil die politischen Folgen sozialer Instabilität nicht kalkulierbar waren. Der Kalte Krieg erreichte gerade mit dem Streit um die Aufstellung der Mittelstreckenraketen einen gefährlichen Höhepunkt. Eine friedliche Behebung möglicherweise ausbrechender sozialer Konflikte in der DDR erschien damals undenkbar. So wurden die ökonomischen Gefahren verdrängt.
SPIEGEL: Sie haben die Augen vor der Katastrophe fest verschlossen.
MITTAG: Wir haben versucht, unter Hinweis auf den Ernst der Lage auf die sowjetische Führung einzuwirken, die Erdöllieferungen wieder zu erhöhen. Dazu gab es verschiedene Briefe von Honecker an Breschnew, Andropow, Tschernenko und später an Gorbatschow. Die sowjetische Seite äußerte Verständnis, sagte die Prüfung zu, verwies aber gleichzeitig auf eigene Lieferschwierigkeiten. Es blieb ein Fünkchen Hoffnung, die sich jedoch nicht erfüllte.
Zugleich suchten wir die Wirtschaftskooperation mit dem Westen auszubauen. Dafür waren Kredite erforderlich, die durch zusätzliche Exporte wieder zu erwirtschaften waren. Es kam zu einem verhängnisvollen Kreislauf, in dem bei zurückgehenden Rohstofflieferungen das Wirtschaftswachstum mit immer größerem Aufwand für den Export gewährleistet werden mußte, was auf Dauer nicht möglich war.
SPIEGEL: Wann wußten Sie, daß es aus ist?
MITTAG: Ende 1987 kam ich zu der Erkenntnis: Jede Chance ist verspielt. Vom Osten war keine Hilfe möglich, und zum Westen konnte die Wende zur umfassenden Wirtschaftskooperation wegen latent wirkender politischer Widerstände in unseren Reihen nicht erfolgen.
Ohne die Wiedervereinigung wäre die DDR einer ökonomischen Katastrophe mit unabsehbaren sozialen Folgen entgegengegangen, weil sie auf Dauer allein nicht überlebensfähig war.
SPIEGEL: Ihnen lagen doch die Zahlen vor, die zeigten, daß die DDR-Wirtschaft immer mehr von ihrer ohnehin geringen internationalen Konkurrenzfähigkeit verlor, daß die Auslandsverschuldung immer größer wurde. Warum haben Sie nie Alarm geschlagen?
MITTAG: Die Zahlen lagen nicht nur mir vor, sondern dem ganzen Politbüro. Über die Entwicklung der Zahlungsbilanz wurde regelmäßig seit 1973 informiert. Die Probleme waren immer für die gesamte Führung präsent. Solange es um allgemeine Festlegungen ging, gab es auch Einmütigkeit. Wenn es konkret wurde, wollte niemand Abstriche aus Furcht vor den Folgen zulassen. Vor allem durfte am Kurs der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" nichts geändert werden, auch nicht am letzten Detail, selbst wenn es um Preise für Blumen ging. Alle meine Vorschläge wurden abgelehnt.
SPIEGEL: Welche Vorschläge?
MITTAG: Ich habe immer versucht, Einsparungen im Staatshaushalt zu erreichen, eine Verminderung des Verwaltungsapparats, eine Senkung der Aufwendungen für Sicherheit und Verteidigung, einen Stopp für aufwendige Gesellschaftsbauten, und dadurch Mittel freizumachen. Leider gelang das nur in minimalem Umfang.
SPIEGEL: An wen haben Sie sich mit Ihren Protesten gewandt?
MITTAG: Meistens an Erich Honecker, zuletzt mit einem Brief vom Mai 1989. Aber es passierte nichts. Der Vorsitzende des Ministerrats, Willi Stoph, dachte nicht daran, eine Einschränkung des Verwaltungsapparats auch nur im Ansatz anzupacken, obwohl das eine riesige Belastung für die Wirtschaft war. Teilweise mußten die Betriebe aus ihren Kosten Aufwendungen für den Sport, die Gewerkschaften und andere Organisationen tragen. Versuche zur Änderung wurden stets unterlaufen.
SPIEGEL: Sie behaupten, das Politbüro habe einen anderen wirtschaftspolitischen Kurs erzwungen, als Sie für richtig hielten. Aber waren Sie nicht derjenige, der dem Politbüro erklärte und darlegte, was mit der Wirtschaft los ist?
MITTAG: Was mit der Wirtschaft los ist, darüber wollten die meisten der anderen sowieso immer besser Bescheid wissen als ich. Das Thema war ein Tummelfeld für alle. Die Wirtschaft wurde immer als Angelegenheit der ganzen Partei behandelt, dafür fühlte sich jeder irgendwie zuständig. Vor allem: Viele stellten nur Forderungen an die Wirtschaft, etwas dafür tun wollte kaum jemand.
SPIEGEL: Wer hatte das Sagen im Politbüro? Wo lag das Zentrum der Macht?
MITTAG: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Solange er an der Macht ist, hat der Generalsekretär das letzte Wort. Aber auch Generalsekretäre konnten gestürzt werden. Das Politbüro war nicht das monolithische Gremium, als das es sich dargestellt hat. Es war ein Fehler des vergangenen Systems, daß die Interessenkonflikte nicht, wenigstens nicht mit einer gewissen Öffentlichkeit ausgetragen wurden. Ein Engagement zur Klärung bestimmter Probleme war schon lange nicht mehr vorhanden, biologisch nicht und auch sonst nicht.
SPIEGEL: Was waren die Hauptfehler in der SED-Wirtschaftspolitik?
MITTAG: Das sozialistische System insgesamt war falsch, wie wir heute wissen. Es ist eine Illusion, in der Planwirtschaft nach einem Weg zu suchen und ihn zu finden. Die Wirtschaft muß mit Gewinn arbeiten, wie das in einer Marktwirtschaft ist. Unser Wirtschaftssystem ist unter heutigen Erkenntnissen nicht zu verantworten, wird sich auch nicht wiederholen.
SPIEGEL: Was lief im einzelnen falsch?
MITTAG: Es gab mehrere kardinale Fehler. Dazu gehörte die bedingungslose Einordnung der Wirtschaft als Instrument der Sozialpolitik, ohne die eigenständigen Interessen der Wirtschaft und deren Reproduktionsbedürfnisse ausreichend zu beachten. Wirtschaft als "Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck" hieß es nach dem VIII. Parteitag nach 1971. Ich ahnte damals noch nicht, welche schwerwiegenden Folgen die starre und dogmatische Handhabung dieses zunächst gut klingenden Grundsatzes haben würde.
Große Teile des Volkseinkommens wurden schon umverteilt, bevor es erwirtschaftet war. Das galt besonders für die Festlegung der Aufgaben für Sicherheit. In diesen Rahmen mußte sich die Wirtschaftspolitik fügen. Besonders falsch war die zwiespältige Haltung zur technischen Erneuerung. Ideologische Haarspaltereien verhinderten einen gesellschaftlichen Konsens für technische Modernisierung und brachten Zeitverlust.
SPIEGEL: Warum blieb die Kritik folgenlos?
MITTAG: Das dürfen Sie mich nicht fragen, denn ich habe schon in der sechziger Jahren an der Seite von Erich Apel und gestützt auf Vorschläge vieler Wissenschaftler und Praktiker mit an der Spitze einer großen Reformbewegung in der DDR gestanden, die unter dem Begriff "Neues Ökonomisches System" (NÖS) in die Geschichte eingegangen ist. Sie war auf Eigeninitiative, Dezentralisierung, Leistungsprinzip, Rentabilität und Brechung der bürokratischen Handhabung des Außenhandelsmonopols gerichtet, bis hin zur Konvertierbarkeit der Währung. Leider fehlte der politische Wille zur konsequenten Verwirklichung dieser Ideen.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht stärker dafür gekämpft?
MITTAG: Im Juli 1970 forderte Breschnew von Honecker die Beseitigung des NÖS. Das geschah während einer Unterredung, in der die Ablösung von Ulbricht besprochen wurde. Breschnew sagte damals zu Honecker: " . . . das mußt du ändern." Diesen Auftrag hat Erich Honecker mit Stoph zusammen durchgeführt, und das war der Tod des NÖS. Stoph sollte für diesen Schritt rückwärts der Gewährsmann sein. Breschnew hat darauf ausdrücklich mit den Worten hingewiesen: "Wir denken dabei auch an die große Rolle, die Genosse Stoph spielt."
SPIEGEL: Deshalb gab es nie wieder den Versuch, das System zu erneuern?
MITTAG: Das Trauma des Untergangs des NÖS sehe ich als eine Hauptursache dafür, daß es später nie wieder umfassende Reformansätze gegeben hat. Nach dem Sturz Ulbrichts wurde ich politisch zurückgestuft und in den Ministerrat zur operativen Arbeit versetzt, von politisch-konzeptioneller Arbeit verbannt. Um ein Haar wäre ich völlig aus dem politischen Leben eliminiert worden. Die Reformvorschläge und der Versuch zu einer wirklichen Kooperation mit dem Westen sind an der gleichen Ursache gescheitert, daran, daß es immer eine Betonfraktion der Dogmatiker in der Führung gegeben hat, bis ins Jahr 1989 hinein.
SPIEGEL: Sie waren verantwortlich für die verhängnisvolle Zusammenfassung der Unternehmen in Kombinate.
MITTAG: Den wesentlichen Mangel in der Arbeit der Kombinate sehe ich darin, daß es nie gelang, sie wirklich ökonomisch selbständig zu machen. Nach 1970 wurde mit der Abschaffung der NÖS auch der Gewinn als Kriterium ökonomischer Leistung totgemacht. Damit gab es keine Beziehung mehr zwischen der eigenen Leistung der Betriebe und ihrer Reproduktion. Erst in den letzten Jahren gelang es, die Frage der Eigenerwirtschaftung der Mittel für Betriebe überhaupt wieder - wenn auch nur vorsichtig - zu diskutieren. Da gab es erneut Widerstand.
SPIEGEL: Nach allem, was wir heute über den Zustand der DDR-Wirtschaft Ende 1989 wissen, bezweifeln wir, daß diese Industrie jemals aus eigener Kraft wieder auf die Beine gekommen wäre.
MITTAG: Die DDR-Industrie wäre niemals aus eigener Kraft wieder auf die Beine gekommen. Sicher hätte ich keinen Konkursantrag eingereicht, aber wenn es nach mir gegangen wäre, den Vorschlag, stufenweise den Weg der Konföderation mit der BRD zu gehen.
Der heute so schwere Weg wäre ohne Zweifel leichter gewesen, wenn die 1987 gebotene Chance - es war die letzte - konsequent genutzt worden wäre. Es wäre vielleicht noch möglich gewesen, durch einen neuen Schritt in der Kooperation mit der BRD die DDR-Wirtschaft konkurrenzfähiger zu machen. Aber leider gab es damals zu viele Querschüsse aus dem Hinterhalt.
Mit der heimlichen Betonfraktion Stoph & Co. im Genick war Honecker bei seinem BRD-Besuch verunsichert. Honecker befand sich ständig in einem Widerspruch zwischen seinem Streben nach einer selbständigen Politik der DDR und seiner Abhängigkeit von der Moskauer Führung.
SPIEGEL: Sie sagen jetzt, die DDR war gar nicht reformierbar?
MITTAG: Es hätte keine "bessere DDR" gegeben, wenn andere Personen in der Führung zum Erhalt des sozialistischen System eine "richtige" Politik gemacht hätten. Diese DDR als einen der beiden deutschen Teilstaaten habe ich nicht erfunden. Die DDR ist als Ergebnis der Nachkriegsgeschichte entstanden. An ihren Existenzbedingungen konnte so lange, wie die Geschichte dafür nicht reif war, niemand etwas ändern - es sei denn um den Preis einer atomaren Katastrophe. Heute ist der zeitweilige Charakter der DDR erwiesen. Das muß ich wie jeder andere auch zur Kenntnis nehmen. Ich sehe es als meine Verantwortung an, und das darf mir nicht verwehrt sein, nach den eingetretenen historischen Veränderungen meine Sicht auf die Vergangenheit zu überprüfen und zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Das war ein schwerer Weg.
SPIEGEL: Warum haben Sie im Oktober 1989 für die Ablösung Honeckers gestimmt, so wie 1970 für die Ablösung Ulbrichts?
MITTAG: Ich habe weder bei Ulbricht noch bei Honecker die Initiative zu deren Ablösung ergriffen. Die ging immer von ganz anderer Seite aus. Bei Ulbricht war es Breschnew, und bei Honecker waren es Stoph und Krenz.
Ulbricht wie Honecker haben sich im Laufe der Jahre verändert. Das Alter ließ bei beiden negative Seiten in den Vordergrund treten, also vor allem Starrsinn anstelle von Flexibilität. Mit beiden hatte ich in ihren letzten Jahren Schwierigkeiten und deshalb aus sachlichen Erwägungen keinen Grund, gegen die von anderen vorgeschlagene Ablösung zu stimmen. Im übrigen habe ich 1989 auch für meine Ablösung gestimmt.
SPIEGEL: Wie war denn Ihr Verhältnis zu Honecker? Waren Sie der zweite Mann im Staate?
MITTAG: Wie jeder andere Sekretär hatte ich die Pflicht, alle politischen Aktivitäten mit Honecker als Generalsekretär abzustimmen und seine Zustimmung einzuholen. Es gab aber keine Schiene Honecker-Mittag. Honecker hat auf vielen Gebieten immer seine eigenen Entscheidungen getroffen. Es gab durchaus ernsthafte Differenzen zwischen uns. Es gab jedoch ein Gebiet, wo wir in der Führung relativ allein standen - das waren die Beziehungen zum Westen und insbesondere zur Bundesrepublik. Als Leiter der internen Arbeitsgruppe "BRD" unterstand ich direkt Honecker. In diesen Fragen der Öffnung zum Westen waren wir aufeinander angewiesen. Aber daraus die Schlußfolgerung eines "zweiten Mannes" zu ziehen, wäre nicht gerechtfertigt. In keiner Frage hatte ich, oder auch jemand anderes, auch nur einen Bruchteil der Entscheidungsbefugnis des Generalsekretärs.
SPIEGEL: Waren Sie mit Honecker befreundet?
MITTAG: Wir gingen oft gemeinsam zur Jagd. Aber gerade darüber gab es eine klare Abgrenzung: Dienstliches wurde nicht behandelt. Er war nicht sehr kontaktfreudig. Da war immer eine Distanz.
SPIEGEL: Haben Sie sich Hoffnungen auf die Nachfolge gemacht?
MITTAG: Nein. Ich hatte keine Ambitionen auf den Posten des Generalsekretärs. Krolikowski sagte im Herbst 1989 zu mir: "Warum hast du ihn damals nicht vom Bock gestoßen, als er erkrankt war?" Mir kam so etwas nicht in den Sinn, und heute würde ich sagen, daß mir solches Handeln niemand gedankt hätte. Ich wollte in der Zeit der Urlaubsvertretung 1989 unbedingt eine Zuspitzung vermeiden.
SPIEGEL: Was wäre passiert, wenn Sie im Politbüro mal richtig vehement für Ihren Kurs gefochten hätten? Mußten Sie Angst haben um Ihr Leben?
MITTAG: Angst nicht in diesem Sinne. Aber wer sich gegen die Dinge gestellt hat, war erledigt.
SPIEGEL: Wenn Sie seit langem wußten oder ahnten, daß die DDR keine Zukunft mehr hatte, warum haben Sie dann nicht Konsequenzen gezogen?
MITTAG: Ich handelte auch nach dem Prinzip Hoffnung, daß sich äußere Umstände günstiger gestalten und daß sich schließlich Vernunft durchsetzt. Das war ja nicht ganz unbegründet. Ich hätte natürlich auch wegen der Amputationen aufgrund meiner schweren Diabetes von der Fahne gehen können. Honecker bewog mich, weiterzuarbeiten. Und dann gab es noch die Befürchtung, bei einem spektakulären Rücktritt mehr als nur politische Konsequenzen ziehen zu müssen. Da wäre gleich das Wort vom Verrat aufgetaucht, mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Man hätte schon etwas gefunden, um mich politisch zu verleumden und unmöglich zu machen. Es wäre ein sinnloses Opfer gewesen.
SPIEGEL: Sie waren damals in den DDR-Betrieben ein gefürchteter Mann, Herr Mittag.
MITTAG: Besser, als wenn es geheißen hätte, daß ich ein Trottel gewesen bin. In der Wirtschaft kann man nicht Schultern klopfen. Das ist nicht systembedingt.
SPIEGEL: Sie beklagen sich darüber, als Sündenbock herhalten zu müssen.
MITTAG: Die Totengräber der DDR waren diejenigen, die das übertriebene Sicherheitsdenken auf dem Gebiet der Staatssicherheit und der NVA von der Sowjetunion übernommen und kultiviert haben. Das waren jene, die totale Abschottung der DDR zum Primat erhoben haben und den "Westdrall" ideologisch und konspirativ bekämpft haben. Das waren jene, die lange Zeit gegen kostendeckende Preise aufgetreten sind. Das waren jene, die ihre Berichte an Moskau machten und mir in den Rücken gefallen sind.
Die Kooperation zum Westen wurde von einer Gruppe im Politbüro geradezu verteufelt. Diese Gruppe agierte nicht offen, sondern verdeckt. Ihre Hauptvertreter waren Stoph, Mielke und Krolikowski.
SPIEGEL: Warum ist es nicht gelungen, Ihre Widersacher davon zu überzeugen, daß ein Land nicht über seine Verhältnisse leben kann?
MITTAG: Den möchte ich sehen, der das anderen klarmachen kann.
SPIEGEL: Die waren mächtiger.
MITTAG: Ja. Viele hatten ihre Sonderbeziehungen nach Moskau. Deshalb sollte ich auch geschaßt werden. Mielke informierte damals Stoph über einen Vorgang, über den Honecker dem Politbüro nicht berichtet hatte. Breschnew habe während des 1980er Krim-Treffens Honecker dringend geraten, Mittag aus der Führung herauszunehmen. Ich sei ein westlicher Spion.
Im Politbüro war nur gesagt worden, daß ein Mitglied im Politbüro und ein General Agenten sind. Beim General stellte sich heraus, daß es ein General aus der BRD war, und der andere, der geprüft wurde, war ich. Honecker hat dann im Politbüro gesagt - er hat meinen Namen nicht genannt -, daß die Anwürfe nicht zutreffen. Stoph, Mielke, Krolikowski wußten, daß Breschnew diese Forderung gestellt hat. Das zeigt die Schärfe der internen Auseinandersetzung, Mielke war bei diesen Krim-Treffen niemals dabei, aber offensichtlich genau über deren Inhalt informiert.
SPIEGEL: Wie wurde denn der Milliardenkredit von der Betonfraktion bewertet?
MITTAG: Den Dogmatikern waren meine Aktivitäten in Zusammenhang _(* Im August 1980 auf der Krim. ) mit dem Milliardenkredit ein Dorn im Auge, Krolikowski nannte das eine "abenteuerliche Politik". Eine offizielle Behandlung dieser Problematik im Politbüro hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zustandekommen des Kredits verhindert. Es ging ja um die Frage, ob die DDR schon damals in den Bankrott ging oder nicht. Was wäre denn damals geschehen, wenn es in der DDR zu Unruhen gekommen wäre? So wie 1989 wäre es nicht gelaufen.
SPIEGEL: Was halten Sie von der Vermutung, daß Strauß an dem Milliardenkredit verdient hat?
MITTAG: Ich kann mir das absolut nicht vorstellen. An dem Kredit hat wohl keiner verdient.
SPIEGEL: Die Banken allemal.
MITTAG: Dieser Kredit wurde ja angelegt als ein Stabilisierungskredit. Er wurde nicht verbraucht. Für mich war das eine Hauptsorge, daß der nicht verschwindet in der Versorgung.
SPIEGEL: Warum sind in der DDR so wenige gegen das System aufgetreten? Lag es an der Macht von Stasi und Partei, oder war es Anpassung?
MITTAG: Die Anpassung an das System spielte zweifellos eine bedeutende Rolle. Sie war oftmals für die Karriere entscheidender als die Leistung. Das hat auch in der Wirtschaft gehemmt.
SPIEGEL: Sie behaupten, Sie hätten erst im Spätsommer 1983 bemerkt, wie verhängnisvoll das Informationsmonopol der Staatssicherheit war.
MITTAG: Das ganze Ausmaß dieses "Informationsmonopols" ist mir erst zu dieser Zeit und danach bewußt geworden. Erst durch die Urlaubsvertretung Honeckers erhielt ich Einblick in Bereiche außerhalb der Wirtschaft.
SPIEGEL: Das glauben wir nicht. Jeder DDR-Bürger hatte davor Angst.
MITTAG: Ich hatte keinen Einblick, ich habe von Mielke zu diesen Aspekten nie einen Bericht erhalten. Im Politbüro gab es darüber nie eine Diskussion.
SPIEGEL: Wie war denn Ihr Verhältnis zum Stasi-Oberst und Staatssekretär Schalck?
MITTAG: Es wird behauptet, daß die Gesprächspartner von Schalck gewußt haben müßten, daß er von der Staatssicherheit verpflichtet worden sei. Mir war nicht bekannt, daß Schalck ein sogenannter OibE war. Mir war auch nicht bekannt, daß es überhaupt OibEs gab. Mir waren auch keine geheimen Befehle oder andere Anweisungen des Ministers für Staatssicherheit an KoKo bekannt. In der von mir geleiteten Arbeitsgruppe BRD war Schalck Sekretär, aber da ging es um die Beziehungen zur BRD, nicht um Geschäfte der KoKo.
SPIEGEL: Was wußten Sie von Schalcks Geschäften?
MITTAG: Schalck hatte für KoKo die volle persönliche Verantwortung, aber über Einzelheiten wurde ich nicht informiert. Ich konnte ihn nicht kontrollieren, wußte nur, daß er zuletzt 1,5 bis 3 Milliarden an Devisen hereinbrachte.
SPIEGEL: Was haben Sie mit Uwe Barschel besprochen?
MITTAG: Ich habe Barschel zweimal getroffen, zuletzt 1985 in Berlin. Es war ein normales Arbeitsgespräch mit vier, fünf Teilnehmern. Über Waffen wurde nicht geredet.
SPIEGEL: Auch nicht über Passagierschiffe?
MITTAG: Bei uns ging es nie um konkrete Geschäfte. Mich hat der Vorsitzende der FDGB, Tisch, bombardiert, ein neues Schiff zu bauen. Ich hab'' das abgelehnt. Ich sah keine Möglichkeit, ein solches Schiff zu kaufen; die Auswahl der Reisenden führt nur zu Ungerechtigkeiten. Da ist Harry Tisch zu Honecker gegangen, Honecker hat dem zugestimmt. Schalck wurde beauftragt, nach einem Schiff zu suchen. Das muß _(* 1985 in Bonn. ) eine ganze Weile gedauert haben. Welches Unternehmen das gemacht hat, wie es bezahlt wurde, weiß ich nicht. Dann wurde offiziell im Politbüro mitgeteilt, daß das Schiff da ist. Ich bin nie hingegangen.
SPIEGEL: Haben Sie noch Kontakt zu Honecker oder anderen Genossen?
MITTAG: Nein. Aber mir sind Freunde geblieben, auch wenn ich jetzt sehr isoliert lebe. Das hängt mit meiner Krankheit zusammen. Das Laufen fällt mir schwer, ist mit Schmerzen verbunden, und Gespräche strengen mich doch sehr an. In einem bestimmten Umfange versuche ich die politischen Ereignisse zu erfassen und die eine oder andere Erinnerung festzuhalten. Ich lebe von Arbeitslosenunterstützung, meine Ehefrau erhält Rente; und was ich in der Zukunft mache, hängt von der Gesundheit und von den Möglichkeiten ab.
SPIEGEL: Wie lange dauert es, bis sich die Wirtschaft der ehemaligen DDR erholt von dem Umstellungsschock?
MITTAG: Das kann ich nicht beantworten, dazu fehlen mir die Zahlen.
Man denke nur, angesichts der schwierigen Lage in der Sowjetunion, was heute hier los wäre, wenn es die DDR noch gäbe. Unbeschreiblich. Da läuft es mir heiß und kalt über den Rücken. Mord und Totschlag, Elend, Hunger. Es reißt mir das Herz kaputt. Mein Wunsch ist, Vertrauen in die Zukunft zu schaffen. Das ist wichtig. Jeder Mensch braucht Zuversicht, braucht etwas, woran er sich festhalten kann.
SPIEGEL: Herr Mittag, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
** Willi Stoph war Vorsitzender des Ministerrats der DDR, Werner Krolikowski sein Erster Stellvertreter; Erich Mielke fungierte als Minister für Staatssicherheit. * Mit Redakteuren Wolfram Bickerich, Dieter Kampe, Steffen Uhlmann. * Im August 1980 auf der Krim. * 1985 in Bonn.
Von Bickerich, Kampe und Uhlmann

DER SPIEGEL 37/1991
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