09.09.1991

AtomenergieZum Schnuppern

Aus einer Musteranlage sind über vier Kilogramm Uran verschwunden - die Staatsanwaltschaft schließt einen Diebstahl nicht aus.
Für die Mitarbeiter der nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe (WAK) begann die letzte Augustwoche mit Routinetätigkeiten: Sichten und Abzählen der Strahlstoffe standen auf dem Programm.
Die Arbeit verlief zunächst stupide, denn es waren nur die tatsächlichen Bestände mit den Listen zu vergleichen, die auch den internationalen Atomkontrolleuren vorgelegt werden müssen. Aber die Arbeitswoche in Karlsruhe endete, nach vielem Wiegen und Zählen, doch noch in Aufregung und Hektik. Das Undenkbare war geschehen.
In einem Lagerraum neben der Eingangszelle 1, durch die der Weg zur hochgiftigen Plutoniumverarbeitung führt, glaubten die Angestellten erst an einen Zählfehler. In einem Köcher aus Plexiglas sollten dort, laut Buchführung, 37 Brennstäbe aus Natururan lagern, 1,86 Meter lang und 1,2 Zentimeter dick. Doch der Buchwert stimmte mit der Wirklichkeit nicht überein.
Auch mehrfaches Zählen brachte kein neues Ergebnis - drei Brennstäbe waren aus dem Lagerraum verschwunden, zu dem mehrere Mitarbeiter einen Schlüssel besaßen. Staatsanwalt und Landeskriminalamt nahmen umgehend die Ermittlungen auf.
Das strahlende Zeug, so zeigte sich bald, ist offenbar geklaut worden. WAK-Chef Walter Weinländer beteuerte vorige Woche, ein Buchungsfehler sei ausgeschlossen, der habe die "allergeringste Wahrscheinlichkeit". Die Karlsruher Staatsanwaltschaft wurde noch deutlicher: "Wir wissen, es ist kein Zählfehler."
Nicht zum ersten Mal ist in Deutschland Kernbrennstoff, in diesem Fall 4,2 Kilogramm Natururan, in dunklen Kanälen verschwunden. Zwar beteuert die weltweite Atomfamilie stets, nicht ein einziges Gramm könne angesichts der intensiven Überwachung verlorengehen. Doch diesmal ereignete sich der mysteriöse Materialschwund in der angeblich bestgesicherten Anlage der Republik.
Die WAK ist seit 30 Jahren, als sie von der chemischen Industrie zur Abtrennung des Bombenstoffs Plutonium aus abgebrannten Brennelementen gegründet wurde, das Paradestück der deutschen Atomwirtschaft. Nach dem Vorbild der Karlsruher Anlage wollte die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, inzwischen auch Eigner der WAK, eine Multimilliarden-Fabrik im oberpfälzischen Wackersdorf bauen.
Nach dem Scheitern des Großprojekts müssen die Betreiber der Karlsruher Atomanlage nun neuen Vertrauensverlust verkraften. Schon beginnt die branchentypische Verharmlosung.
Laut WAK-Sprecher Hans-Peter Zabel läßt sich "das Zeug problemlos anfassen", für eine "militärische Nutzung" sei der Stoff ohnehin gänzlich "ungeeignet". Auch das Stuttgarter Umweltministerium beteuert, die Gefährlichkeit des "sehr schwach radioaktiven Materials" sei "äußerst gering".
Doch ein Blick, erst in die Bücher über die Herkunft der Brennstäbe und sodann über den Werkszaun auf das Gelände des benachbarten Kernforschungszentrums Karlsruhe, müßte die Verharmloser eines Besseren belehren. Auf dem Areal steht der seit sieben Jahren stillgelegte Mehrzweckforschungsreaktor, für den die verschwundenen Brennstäbe einst bestimmt waren. Reaktoren dieses und ähnlichen Typs gehören zu den abenteuerlichsten Kapiteln der Nukleargeschichte.
In diesen Meilern werden die Brennstäbe von dem seltenen Schweren Wasser umhüllt. Deshalb genügt Natururan als Brennstoff, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen. Die superteure und technologisch komplizierte Anreicherung des spaltfähigen Uran 235, im Natururan nur zu 0,7 Prozent enthalten, wurde dabei überflüssig. Lange Zeit galt der Schwerwassermeiler deshalb als Reaktor für den kleinen Mann.
Doch bereits 1963, noch in der Planungsphase des Karlsruher Forschungsmeilers, hielt die deutsche Reaktorsicherheitskommission den Bau nur für "bedingt verantwortbar". Die Sachverständigen erkannten schon damals, daß die Anlage waffenfähiges Plutonium auch aus dem vermeintlich harmlosen Natururan erbrüten kann, das jetzt in Karlsruhe abhanden gekommen ist.
Die Sache ist kein Einzelfall. Die Annalen der internationalen Atomwirtschaft sind prall gefüllt mit Nachrichten über die versuchte und erfolgreiche Entwendung vermeintlich streng kontrollierter Strahlstoffe, von denen sich atomare Schwellenländer am schnellsten das Rohmaterial für die Bombe versprachen: Natururan und Schweres Wasser.
So verschwand 1968 das deutsche Motorschiff "Scheersberg" auf mysteriöse Weise im Mittelmeer, an Bord befand sich eine Ladung von 200 Tonnen Natururan. Das Schiff tauchte danach zwar unter anderem Namen wieder auf, die Ladung aber blieb verschollen. Erst viele Jahre später deuteten Recherchen auf den israelischen Hafen Haifa als Ziel des Geisterschiffs.
Uranhändler etwa von der Skandal-Firma Nukem, die mehrfach illegaler Lieferungen verdächtigt wurde, berichteten schon in der Vergangenheit von gelegentlichen "merkwürdigen Kontaktaufnahmen", bei denen "stark verschlüsselt" nach Nuklearbrennstoff gefragt wurde.
Im Blickpunkt der internationalen Rechercheure und Kontrolleure steht derzeit, als potentieller Käufer, vor allem der Irak. Die Hussein-Diktatur hat zwischen 1988 und 1990 von Großbritannien anstandslos gut acht Tonnen Uran erhalten - zuwenig, um genügend Bombenstoff herzustellen. Kurz nach dem Einmarsch der Iraker in Kuweit stoppten die Briten ihre Lieferungen.
Eigentlich wolle er "ja nicht spekulieren", sagt Thomas Langheinrich vom Stuttgarter Umweltministerium über die "Riesenschlamperei" in der Karlsruher WAK. Aber denkbar sei doch auch, daß da einer die relativ geringe Menge Uran als Kostprobe mitgenommen habe - "sozusagen zum Schnuppern für einen Kunden". o

DER SPIEGEL 37/1991
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