14.10.1991

„Hier steigt eine Giftsuppe auf“

Die Seife ist ihr ausgegangen. So macht sich Elsbeth Kurs, 83, an einem sonnigen Nachmittag für einen Einkauf fertig. Um ihr silberweißes Haar bindet sie ein Kopftuch, womit sie den gewohnten Anblick eines Weibelchens aus dem Rotkäppchenwald bietet. Sie hängt ihren neuen braunen Beutel, ein Sonderangebot für 9,50 Mark, über den linken Arm, weil der rechte nun schon seit sechs Wochen einen nicht abschwellen wollenden Bluterguß aufweist.
An der Stelle hatten die Henkel ihrer alten Tasche, "ach, es war so eine teure schwarze Ledertasche", schmerzhaft eingeschnitten, bis sie schließlich dem Gezerre kleiner Räuber nachgegeben hatten. Weggesaust mit 120 Mark, all ihrem restlichen Geld von der Sozialhilfe, waren sie. "Zigeunerkinder": Die Greisin vermag die Schuld nur mit einem Flüstern aus zahnlosem Mund jenen Plagegeistern zuzuweisen, die im Hamburger Karolinenviertel Angst und Schrecken verbreiten.
Hier kursiert in unzähligen Exemplaren ein Flugblatt anonymer Urheber: _____" Sinti und Roma Wieviel zahlt man Euch für die " _____" "Entmietung" unseres Viertels? Warum verfolgt, beraubt, " _____" belästigt, bespuckt, bepinkelt (wirklich geschehen!) Ihr " _____" uns? Warum besonders gerne die Schwächeren, die Alten, " _____" die Kranken? Warum mißbraucht Ihr Eure Kinder zu schwerer " _____" Kriminalität? Wofür verachtet Ihr die Frauen? Helft uns, " _____" Euch zu verstehen, denn wir kennen gerne unsere Gäste. " _____" Noch etwas: Hier im Viertel gibt es keine Nazis. Nennt " _____" uns bitte nicht so, wenn wir Euch unsere Brieftasche " _____" nicht geben oder Euch nicht unter den Rock greifen " _____" lassen. Wenn Ihr wissen wollt, was Nazis wirklich sind, " _____" wären wir möglicherweise bereit, Euch welche " _____" vorzustellen. "
Der Schauplatz zahlloser Sozialdramen befindet sich nicht weit, nur eine Viertelstunde zu Fuß, von den luxuriösen Passagen der City und doch in einer anderen Welt zwischen Schäbigkeit und Romantik: eine kleine Welt von alteingesessenen armen Leuten und einem zugewanderten Völkchen an Alternativen aller Schattierungen, auch neue Heimat einer multikulturellen Gesellschaft, in der sich Träume von einem gelungenen Miteinander und Alpträume von einem rassistischen Haß auf Kinder mit schwarzbraunen Haaren und dunklen Augen verwirklichen.
Angst vor den Kindern, "die alle gleich aussehen", ist der ständige Begleiter der Elsbeth Kurs. Auf ihr lasten noch immer die Demütigungen, die der Überfall nach sich zog. "Entsetzliche Scham" empfand sie, als sie, vom Sozialamt im Stich gelassen und auf ein Kleidergeld irgendwann im Herbst vertröstet, die Nachbarn anpumpen mußte, damit ihr Wellensittich, "der Buttje, und ich nicht verhungerten". Sie hat ihre Schulden, so schnell es ging, zurückgezahlt, vom Munde abgespart.
Die Greisin, der ein Hüft- und ein Kniegelenk künstlich ersetzt werden mußte, arbeitet sich vorsichtig die steilen Stiegen hinunter in den Hausflur und macht sich einmal mehr Sorgen um das verbogene Türchen ihres Briefkastens. Wie der ihre ist die Mehrzahl der Briefkästen in diesem Viertel durch Spuren von Aufbrüchen und Postplünderungen verunstaltet.
Aus dem heruntergekommenen Haus, das der Stadt gehört wie ungefähr ein Drittel des Karolinenviertels, tritt Elsbeth Kurs in die Idylle einer kleinen Straße aus längst vergangener Zeit. Gerümpel, das den einzigen Vorzug hat, in dieser Gegend nicht geklaut zu werden, gibt einen Sitzplatz im Freien ab, den Elsbeth Kurs zu schätzen weiß. Warm begrüßt sie den Griechen von gegenüber, der ihr in den Tagen der Not Brot mitbrachte aus der Fabrik, in der er arbeitet.
Auf ihrem kurzen Weg zur Drogerie um vier Straßenecken kommt sie vorbei an vielen Zeichen, die den Geist des allgemein "Karo" genannten Viertels charakterisieren. "Boykott" steht in verblichenem Gelb an einer grauen Brandmauer. Hier herrschte dereinst vehementer Widerstand gegen die Volkszählung, die in dieser Wohn-Insel (eingeschlossen vom Schlachthof und den Gerichtsgebäuden, dem umzäunten Areal mit den Messehallen und dem riesigen, meist verödeten Rummelplatz für den Hamburger Dom) 3981 zählwillige Bürger erbrachte, davon 1587 Ausländer.
Antifaschismus ist zur Parole "Nazi raus" geronnen. "Sanierung - Vertreibung": In schwarzer Sprühschrift artikuliert sich, gleich neben aufgeilend gespreizten Beinen von Ergee, eine Sorge diverser Anwohner. Seit nach dem Krieg Stadtplanung begann, verkam das aus dem 19. und den Anfängen dieses Jahrhunderts stammende Quartier unter der Perspektive Abriß. Konzerne und auch die Messe drängten auf das citynahe Filetstück.
Aber ein ganzes Viertel platt zu walzen war undurchsetzbar in einer Stadt, der die Unantastbarkeit einer Hafenstraße oktroyiert wurde und 1500 Mann Polizeischutz für den Abriß nur eines einzigen, hochgereizten Objekts, der "Roten Flora", abverlangt wurden. Diesem Klima letztendlich verdankt sich die Erhaltung des Karos, die nun von der im letzten Jahr eigens gegründeten Stadterneuerungsgesellschaft STEG betrieben wird.
Wer Glück hat wie Elsbeth Kurs, ist in einer der 900 Wohnungen zu Haus, die von der STEG treuhänderisch für die Stadt gehalten und für 150 Millionen Mark saniert werden sollen, bei einer zehn Jahre garantierten Miete von 5,15 Mark pro Quadratmeter. Dagegen müssen die Mieter in den Häusern privater Grundeigentümer, denen die übrigen zwei Drittel des Viertels gehören, mit der Gefahr von Spekulationen rechnen. Schon erstrahlen die ersten Gebäude in neuem schneeweißen Glanz, während die Miete auf 11,38 Mark pro Quadratmeter hochschnellte, in Vorwegnahme einer erwarteten Aufwertung des Viertels.
Derweil ziehen es Dealer wieder herunter zu einem neuen Umschlagplatz für Drogen, wogegen ein Zettel an einer Haustür hilflos demonstriert: "In diesem Haus werden keine Drogen verkauft. Die Bewohner."
Gleich nach diesem wehrsamen Haus ist Elsbeth Kurs am Ort der bösen Erinnerung, wo ihr das Kopftuch abgerissen und in das behinderte Knie getreten wurde, so daß sie niederstürzte auf das Pflaster. Anwohner hoben die zierliche Person von 1,54 Metern wieder auf, einer lief auch den Kindern hinterher. Doch sie waren wie der Wind durch den Torweg verschwunden.
Mit einiger Nervosität passiert die alte Frau den unwirtlichen Durchgang, wo für "Unbefugte" verbotene Mülltonnen stehen und aus Pfützen die Pisse stinkt, wo eine Jugendgang ihren Namen "Red Kid" hinterließ, doch auch "Isolationshaft ist Folter" und "Männerherrschaft war schon immer tödlich" geschrieben steht. Vom Plakat einer Bürgerinitiative "Schluß mit der Drogengewalt" ist, als wäre es ein Epigraph für Elsbeth Kurs, nur das Wort "Gewalt" übriggeblieben.
Aus dem düsteren Durchbruch tritt sie heraus auf die sonnige Glashüttenstraße, wo sich kleine Geschäfte befinden und auch das "Cafe Klatsch", dem dereinst ein Kommando "Hau weg den Scheiß" einen Stein durch die Scheibe schmiß, samt Manifestation: "Wir lassen uns das Viertel nicht von den Schickis nehmen." Gegenüber wird in eine andere Richtung gewiesen: "Bronx", so die Schrift an der Wand. Sie begrenzt den Spielplatz an der Glashüttenstraße, wo sich Drogen-Deponien befinden und das Bezirksamt Hamburg-Mitte per Schild "Fußballspielen, Radfahren und das Mitführen von Hunden nicht gestattet".
Gleich darauf ist Elsbeth Kurs angelangt an der verkehrsberuhigten Kreuzung von Glashütten- und Marktstraße. Hier befindet sich ein kleiner Platz mit Bäumen: das Herz des Karos und an sonnigen Tagen auch der Balkan mitten in Hamburg, übersät mit ausgespuckten Schalen von Kürbiskernen. Zweimal am Tag, wie nirgendwo sonst in der Hansestadt, kommen die Straßenfeger, aber der Abfall ist schnell wieder da.
Wenn das Wetter gut ist, treffen sich Roma hier, riesige Sippen mit Scharen von Kindern. 21 der städtischen Wohnungen sind an vier Großfamilien mit etwa 200 Personen vermietet: Alles Roma, Sinti sind nicht darunter. Sie kamen dereinst aus Jugoslawien und fügten sich in einem oft schon Jahrzehnte währenden Anpassungsprozeß unauffällig in das bunte Viertel ein.
Als sich der Nationalitätenkonflikt in ihrer früheren Heimat zuspitzte, trafen Anverwandte um viele Ecken ein, Freunde und Freundesfreunde, an die 500 Leute, die zum Teil auf dem Rathausmarkt zelteten und schließlich vom Bezirksamt Mitte in Hotels rund um das Karo einquartiert wurden. Die Kinder der Asyl-Bewerber brachten aus den Lebenskämpfen im Ghetto eine Rabiatheit mit, die wie infizierend auf die Kinder bereits integrierter Roma wirkte. Sie entglitten ihren Eltern in eine Gesellschaft von Straßenkindern. 50 bis 60 lungern nach Zählung der Polizei im Viertel herum, wenn sie nicht im Zentrum des Geschehens Ecke Markt- und Glashüttenstraße stehen.
Kreischendes Leben erfüllt den Platz, kleine Irrwische jagen umher, und der Junge, der wie ein Ausgestoßener behandelt wird, weil er stumm ist, hängt als genialer Kletterer wieder einmal hoch über dem Geschehen an dem Straßenschild.
Was Elsbeth Kurs nicht wahrnimmt, weil ihr Blick dafür nicht geschult ist: Hier wickeln Roma-Kinder, gesteuert von Älteren, Hasch-Deals ab, während Wächter an den Straßenausgängen mit einem ausgefeilten Kommunikationssystem von Pfiffen und Handzeichen die Szene sichern. Die gespannte Aufmerksamkeit von Elsbeth Kurs ist vielmehr auf eine Gruppe gerichtet, die stoisch vor den Eingang zur Drogerie steht, so daß niemand hinein kann.
Nun schon im 61. Jahr führt Aloys Schlitzer, 84, sein Reich der abertausend Dinge, von Kaiser Natron bis zur grünen Haarfarbe für seine punkigen Kunden. Er ist, wie er sagt, "mit Leidenschaft" Drogist, aber die ständige Konfrontation mit den Roma setzt ihm zu. Daß sie auf der Brüstung seines Schaufensters sitzen und ihren Müll fallen lassen, nimmt er hin, aber daß sie immer wieder seinen Eingang blockieren, kann er nicht dulden.
Immer wieder muß er "die da" auffordern, von der Treppe zu seinem Laden aufzustehen. Immer wieder kommt er mit einem Eimer Wasser und gießt die Stufen naß, damit sie ungemütlich zum Hinsetzen werden. Wenn er sich gar nicht durchsetzen konnte gegen den Pulk vor seinem Eingang, holte er auch schon die Polizei. Doch kaum daß sie weg war, stand er wieder allein mit seinem Problem, das er nur verschärfte. "Hoffentlich stirbst du bald, Schlitzer, was, du lebst immer noch?" Mit seiner dünnen Stimme wiederholt der Alte die Frechheiten dieser Jugend, die sich auch mit Abmurksgesten produzierte, etwa einer schnellen Hand, die über die Kehle strich.
"Was willst du machen?" sagt Schlitzer, und was immer er machte, provozierte nur eine neue Form der Belästigung. Weil sich Roma-Kinder blitzschnell aus seinen Vitrinen bedienten, verschloß er die Schiebescheiben mit Klebeband. Dann kamen sie in Gruppen zu kleinen Einkäufen und brachten ihn ganz durcheinander, damit sie klauen konnten. Inzwischen jagt er jedes dunkelhaarige Kind gleich aus dem Laden, was ihm heimgezahlt wird durch Wurfgeschosse. Er zeigt ein aufgebrochenes Fahrradschloß, das krachend im Laden landete. Die Markise kaputtgemacht, die Scheiben mit Kacke beschmiert und ein andermal, nach vorheriger Ankündigung, nachts eingeschmissen.
Was ihn aber am meisten schmerzt, ist der Exodus seiner Tochter, die über dem Laden wohnte und zwischen der Hausarbeit immer wieder zum Helfen herunterkam. Christa Burkert, 52, konnte den "Streß, Tag und Nacht", nicht mehr ertragen: "Da geht man kaputt dran." Tags der permanente Kampf um die Treppe, der bei ihr unliebsame Aggressionen freisetzte. So machte sie den Fehler, ein zwölfjähriges Roma-Mädchen, das nicht weichen wollte, am Arm anzupacken: "Da hat die mich angespuckt und getreten." Als eine noch Kleinere mit einer Lederpeitsche vor ihr herumschlug, hat sie sich vergessen: "Da hab' ich die Wut gekriegt, hab' den Besenstil genommen und gesagt, ich erschlag' dich. Da ist die dann weggegangen."
Nachts hat sie gestört, daß "die da" unten noch immer herumsaßen, "auf Gemüsekörben und Einkaufswagen vom Penny-Markt, Kartons und Pappe, neulich sogar auf Haushaltspapier", und der Lärm unerträglich zu ihr heraufscholl, so daß sie nach Mitternacht oder auch erst gegen drei Uhr morgens einschlafen konnte, wenn die Gelage zu Ende waren.
Beklemmend erlebte sie mit, wie eine krebskranke Nachbarin, die vom Hospital zum Sterben nach Hause entlassen worden war, keine Ruhe fand und für ihre letzten Tage zu Freunden in eine andere Gegend floh. Auch Christa Burkert ist weggezogen, "in die Ruhe", und ihr Vater grämt sich, was aus seinem Lebenswerk, dem Laden, werden soll, wenn ihn die Tochter nicht übernehmen mag.
Der alte Schlitzer ist eine Figur, auf die sich im Karo viel Mitleid konzentriert. Selbstverständlich kennt Elsbeth Kurs seine Geschichte aus dem Effeff, und als sie so dasteht am Rande des Platzes, sieht sie das Bild von den mit Kacke beschmierten Scheiben wieder vor sich. Sie erinnert sich, wie sie im Blumenladen an der Glashüttenstraße stand und eine Horde Kinder hereinstürmte, worauf ihnen die verängstigte Blumenfrau ("Die ist nun auch schon tot") 100 Mark Schutzgeld zuschob.
Ihr steigt auch die Geschichte der Bauers auf, die an diesem Platz seit 13 Jahren einen kleinen Zeitungsladen führen und zermürbt von Klauereien und Belästigungen an Geschäftsaufgabe denken. Frau Ingrid, 50, wurde als "alte Schlampe" beschimpft und von einem Halbwüchsigen auch schon geschlagen, ihr Mann Ernst, 57, bekam die Nase glühend rot gedreht, als er sich mit Getränkekisten Zugang zu seinem wieder einmal blockierten Laden verschaffen wollte.
Es kann, so schätzt Elsbeth Kurs die Lage durchaus nicht falsch ein, gefährlich werden, sich durch den Pulk einen Weg zur Drogerie zu bahnen. Sie kehrt um, ohne die Seife.
Wie sie ändert so manche alte Frau im Karo ihren Weg, denn Leute mit schwindenden Kräften sind die bevorzugten Opfer der Rabauken und Räuber mit noch nicht ausgewachsenen Kräften.
Seit ihr "von so herumspielenden Kindern" ein Bein gestellt wurde und sie lang hinschlug, so daß sie vier Wochen vor Schmerzen in der Brust "weder links, noch rechts" liegen konnte, seit jenem Tag, da ihr die Einkaufstüten und die Tasche mit 400 Mark, allen Papieren, den Schlüsseln geraubt wurden und sie von ihrer kleinen Rente (900 Mark) für den Schlüsseldienst 265 Mark berappen mußte, geht sie auf die andere Seite, wenn nur von fern "so eine Rotte" auftaucht: Oma Ulla, 64 ("Nennen Sie meinen Nachnamen bloß nicht, seit sie meinen Ausweis haben, standen schon ein paarmal Zigeunerkinder vor meiner Tür").
Bei Dunkelheit traut sie sich nicht mehr auf die Straße. Tags trägt sie die Tasche anders, "mehr am Körper", und dreht sich auch oft um: "Die können ja von hinten kommen." Was soll, so fragt sie sich, "bloß aus diesen Kindern werden? Zehn Jahre weiter und du kriegst ein Messer in den Rücken".
Die Hausfrau Hedwig Lipschütz, 66, geht am Stock, aber wenn "diese Kinder" aufkreuzen, rennt sie mit ihren bandagierten Beinen so schnell sie nur kann und überläßt den kleinen Fremdlingen das Revier, das sie sich dereinst als Siebenjährige auf Rollschuhen eroberte. Hier hatte sie "herrlich" gespielt, Kippel-Kappel und Kreisel, Versteck in den Hinterhöfen und Schlagball über die Dächer, heutzutage wird sie mit Steinen beschmissen.
Angefangen hatte das harmlos, als "drei so lütte Dutts" kamen und ihren Hund Paula mit Schokolade füttern wollten: "Da hab' ich gesagt, der darf keine Schokolade, laßt das nach, habe noch bitte gesagt, und die haben gleich zu werfen angefangen." Seither ist sie eine beliebte Zielscheibe nicht bloß für Steine. Auch ein Müllsack flog auf sie zu, und dreimal schon haben Roma-Kinder versucht, sie durch Schläge in die Kniekehlen zu Fall zu bringen, aber durch den Stock stand sie fest. "Schlag zu", haben ihr Leute geraten, "aber das kann ich nicht, ich bin eben so feige."
Die Raumpflegerin Christa Gäding, 56, die bespuckt wurde, geht nur noch mit Hundepeitsche auf die Straße und hat sich fest vorgenommen, sie notfalls zu benutzen. Auch erwägt sie, wenn ihr altersschwacher Hund Alex das Zeitliche segnet, die Anschaffung eines Pitbull: "Dann kannst du dich ohne Angst rauswagen."
Nachdem ihr ein blauer Fleck ins Bein gekniffen wurde, weil sie ihre Tasche nicht hergeben wollte an fünf Rangen und ihnen "haut ab" zuzischte, kaufte sich die Hausfrau Betti Bischof, 73, eine Gaspistole, allerdings ohne Patronen: "Man muß hier ja vorbereitet sein. Schlimme Gegend geworden, das war doch früher nicht so."
35 Jahre ist ihrer Schwester Irma Schmaljohann, 72, hier nichts passiert, bis, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Kinder kamen, ihren Dackel Bassi mit Steinen bewarfen und auch über sie herfielen, sie umschmissen und einen auf der Straße stehenden Napf mit Hundewasser über ihr auskippten. Seither trägt die durch ihren Zucker durchsichtig zarte Frau, wenn sie ausgeht und Bassi mit den Schlüsseln im Maul neben ihr läuft, einen Spray mit geöffneter Klappe in der Hand: "CS 3000 Reizgas Jet Super defence".
Zur Inkarnation für die Plagen der alten Frauen wurde eine große Unbekannte, jedenfalls im Karo, schätzungsweise 80 Jahre alt. Etliche Leute haben aus der "Villa Massimov", dem Schlemmerlokal des Viertels, beobachtet, wie die Greisin von sechs Roma-Jungen naß gepinkelt wurde.
Schockiert von der "blinden Aggression", schoß die Sinologie-Studentin Claudia Madl, 24, heraus und rief den davonflitzenden Übeltätern noch nach, sie schürten Ausländerhaß: "Die alte Frau hat furchtbar geweint, das hat mir so leid getan. So eine Erniedrigung in diesem hohen Alter. Wenn die mir den Rock hochheben und an den Strümpfen herumfummeln, was die immer wieder tun, nun ja, das ist nicht gerade angenehm, aber ich kann das wegdrücken."
Nach den Alten sind die jungen Schönen des Viertels beliebte Opfer frühpubertierender Roma-Jungen. Im Karo entwickelten sie auch die Spezialität, junge Paare anzumachen und den Mädels zu demonstrieren, daß sich ihre Begleiter nicht für die Verteidigung der Ehre ihrer Freundinnen schlagen.
Britta, 22, war "frisch verliebt" in Andreas, 25, und mit ihm gerade ins Karo gezogen, als sie auf dem Weg zum Waschsalon von einem Kind angequatscht wurde: "Willst du ficki-ficki machen mit meinem großen Bruder?" Sie sagte "Kanake", was Andreas "unmöglich" fand. "Da haben wir Streit bekommen", berichtet sie: "Er hat überhaupt nicht verstanden, daß ich mich in meiner Psyche, in meiner Würde, meinen Menschenrechten so verletzt gefühlt habe, und mich als Nazi hingestellt."
Immer wieder wurde sie angepöbelt: ",Was du für geile Titten hast und was für einen geilen Arsch, Hure und Fotze', das kriegst du hier an den Kopf geknallt, und wenn du dann tierisch aggressiv wirst, dann beschimpfen die dich als ,Nazi' und werden handgreiflich." Sie entwickelte "ungeheure Haßgefühle", und wenn sie aufgewühlt nach Hause zurückkehrte, bekam sie von Andreas zu hören, sie sei selber schuld. Britta, die Modedesign studiert, veränderte ihre Kleidung: "Ich bin nur noch mit weiten Oberteilen herumgerannt und hab' mich nicht mehr getraut, schicke Klamotten anzuziehen, weil ich echt keinen Bock mehr auf Konfrontation hatte."
Als sie dennoch wieder angefaßt wurde, erwartete sie von Andreas, "daß der zurückgeht und dem Typen eine reinhaut oder wenigstens sagt, hör zu, Junge, das ist meine Frau, die faßt du nicht an, ich fass' deine auch nicht an, frag nicht, wie groß ihre Schamlippen sind, aber der Andreas, er grinste nur, und der Endeffekt waren bei mir Tränen." Derartige Kräche wiederholten sich.
Britta wünschte sich ihren Freund, "groß und stämmig, wie der ist", als Beschützer, doch auch als wehrsamen Bürger, der für den Erhalt sozialer Formen gegenüber den Roma eintritt: "Die halten uns ja für doof und reizen alles aus, und wir machen nichts, weil wir alle liebe Menschen sind, das nutzen die knallhart aus." Die kleinen Zigeuner kitzelten heraus, daß sich Andreas, jedenfalls für Britta, als "schwacher Mann" erwies. Vor ein paar Wochen trennte sie sich von ihm, Andreas zog aus der Wohnung im Karo aus.
Daß die deutschen Männer im Viertel nur immer reden und reden, aber nichts tun, ist ein Reizthema auch für Ananas, 25, die so genannt wird, seit sie einmal die Haare in rasierten Stufen nach Art der Tropenfrucht trug. Als Kind schwer geprügelt, als Teenager überfallen und vergewaltigt, kämpft sie mit dem Problem, "auf der Straße so zu gehen und zu gucken, daß ich keine Aggressionen auf mich ziehe und keine Angst zeige". Kaum daß sie sich ein bißchen sicherer fühlte, wurde sie angemacht: "Von so einem Zigeunerkiddy, dem mit dem Django-Gang. Der sagte ,Punkerfotze', ich sagte ,Arsch' und ,Flachwichser', da sprang der mir mit beiden Händen an die Kehle, und wir kloppten uns, bis uns ein Taxifahrer auseinanderriß."
Vor lauter "Schiß" färbte sie sich die Haare um, sie geht nur noch mit dunkler Brille weg und reagiert auf keine Frechheit mehr, aber es nervt sie doch, "wenn einer sagt, ,bei dir tropft es aus den Beinen', und du kannst noch nicht einmal einem Fünfjährigen eine scheuern, aus Angst, daß dann die ganze Sippe kommt". In ihrer Hilflosigkeit hat sie schon daran gedacht, "die Skins hierherzuholen".
In einem lauschigen Hinterhof der Glashüttenstraße geht sie in einer Runde von Nachbarn, die sich am Tisch unter dem Pflaumenbaum zusammengefunden haben, den stärksten Mann an und konfrontiert ihn mit ihrer Erwartung, "da einzutreten, wo wir Frauen nicht mehr können".
Horst Krigel, 33, eine Art Superman von 1,93 Metern, hat durch seine "körperliche Ausstrahlung" selbstverständlich keine Probleme mit den Roma, aber er ist empört über "diese Form von Terror, die hier jeden Tag von diesen Leuten abgeht. Die kennen noch nicht einmal die Zigeunerehre, keinem Armen, keinem Kranken, keinem Alten was anzutun".
Wiederholt wurde er in den letzten Monaten von der anderen, der deutschen Seite angesprochen: "Ganz normale, nette, pazifistische Leute, von denen ich nicht geglaubt hätte, daß die gedanklich auch nur ansatzweise soweit gehen, kommen auf mich zu und sagen, wollen wir nicht endlich etwas tun, so was wie eine Bürgerwehr."
Krigel hat einige Erfahrung in Sicherheitsfragen. Er wirkte schon als Aufpasser in der Gastronomie, und sein Glanzstück war, einen antifaschistischen Kongreß gegen eine aufgelaufene Phalanx von 120 Neonazis zu verteidigen. Daß er die "Jungens hier mühelos platt machen könnte", aber dennoch für Ananas und all die anderen Frauen nicht als starker Held eintritt, versetzt ihn in Hochspannung. Er faucht die Nachbarin an: "Du mit deiner albernen Erwartungshaltung gegenüber uns Männern. Willst du denn hier einen Krieg?"
Längst hat Krigel durchkalkuliert, was passieren würde, wenn er seine "Kollegas" aus der Antifa-Bewegung holen würde: "Dann fahren die Sippen von hier ins Krankenhaus ein. Aber Stunden später rücken die Zigeuner aus diesem Lager vom Stadtrand an, wo neulich 10 von 100 Polizisten dermaßen was aufs Maul gekriegt haben, daß sie dienstunfähig waren. Notfalls machen die Zigeuner einen Rundruf in der Bundesrepublik, und dann haben wir hier innerhalb von zwei Tagen eine Hölle. Das kannst du vergessen." Vor Hilflosigkeit fängt Ananas zu weinen an.
Daß auch Zivilcourage nicht weiterführt und die Macht der Wörter zu Verbalgewalt ausartet - diese Erfahrung machte Rainer Bachmann, 41, ein Alternativer mit Haarschwanz, der eine kleine Galerie an der Marktstraße führt. Von dort aus sah er, wie ungefähr zehn Jungens zwei Mädchen, etwa 16 Jahre alt, umringten und ihnen an die Brust und in den Schritt langten: _____" Da bin ich raus auf den Platz zu den Älteren und hab' " _____" gesagt: "Jetzt langt das hier aber." Daraufhin sagte " _____" einer von denen: "Wieso greifst du den Frauen nicht an " _____" die Brust?" Ich: "Jetzt bist du nicht ganz dicht." Der " _____" sagte, ich soll mich nicht einmischen, und die Kinder " _____" echoten: "Ja, sonst hauen wir dir aufs Maul." Ich sagte: " _____" "Genau das verdient ihr jetzt auch." Daraufhin " _____" so ein Kleiner, vielleicht acht Jahre alt: "Wenn du mich " _____" triffst, lasse ich dich abstechen." Dann fing die ganze " _____" Gruppe zu pöbeln an: "Scheißdeutscher" und "Du scharfer " _____" Pisser, geh in deinen Laden, hau ab hier!" Da hab' ich " _____" gesagt: "Ihr benehmt euch wie die Schweine hier, ihr " _____" pöbelt die Leute an, die Kinder klauen hier, fallen die " _____" Mädchen an, belästigen alte Leute, und wenn man was sagt, " _____" dann sind wir die Scheißdeutschen." Da haben sie sich " _____" gebrüstet: "Ja, wir sind Zigeuner, was wollt ihr?" Ich " _____" sag': "Überlegt doch mal, Scheißzigeuner sagt doch auch " _____" keiner hier zu euch." Dann bin ich zurück in den Laden. " _____" Fünf Minuten später schickt so'n dickerer Zigeuner die " _____" ganzen Kinder zu mir, die bilden einen Halbkreis um " _____" meinen Laden rum und rufen: "Komm raus, kriegst was aufs " _____" Maul." Da hab' ich die Tür abgeschlossen und bin wieder " _____" nach vorn auf den Platz zu dem Dicken gegangen und habe " _____" gesagt: "Paß mal auf, jetzt ist Schluß hier." Da sagt der " _____" zu mir: "Wenn du dich weiter einmischst, mach' ich dich " _____" und deinen Laden platt und schmeiß' dich hier raus." Da " _____" hab' ich gesagt: "Du machst mich nicht platt, sondern du " _____" fliegst raus." Ich hab' dann die Kripo angerufen. "
Aus Angst um seinen Laden, der "Uwes Trödeltraum" heißt und genauso nostalgisch aussieht, verharrt Uwe Galinski, 41, in der lähmenden Haltung, gegen beobachtetes Unrecht nichts zu sagen, nichts zu tun. Für ihn, der aus dem polnischen Judentum stammen könnte, aber das so genau nicht weiß, weil sein Vater kein einziges Wort über die Vergangenheit verlor, ist der Preis in Anbetracht seines ausgeprägten Geschichtsbewußtseins immer wieder eine Depression: "Nun kommt hier der Gedanke an eine Bürgerwehr auf, aber ich kann doch keine Dachlatten herausholen, das mach' ich nicht mit, ich bin doch von meiner Grundeinstellung her Pazifist." Er stellt, nachdem ihm ein Mokkatäßchen geklaut wurde, die Untertasse hinaus in der Hoffnung, daß die kleinen Diebe sie auch noch holen, weil doch beides zusammengehört.
Im Penny-Markt, gegenüber von Schlitzers Drogerie, haben alle Roma-Kinder Hausverbot, nachdem kleine Plünderer nicht nur regelmäßig in die Regale griffen, sondern auch im Schwarm über die Lieferfahrzeuge herfielen und auf ihre Vertreibung mit einem Bombardement von Eiern reagierten. Der Filialleiter, der seinen Namen nicht sagen mag, weil er Statements nur mit Genehmigung der Geschäftsführung abgeben darf, beruft sich "rein als Privatmann" auf den philosophischen Satz: "Die Gedanken sind frei. Was kann ich dafür, daß mir beim Anblick dieser Zigeunergören der Gedanke an Gasöfen kommt. Das habe ich auch schon Polizisten gesagt, und denen sind die Unterkiefer runtergeklappt."
Es ist der "Haß auf den aufkommenden Haß", der den Kulturphilosophen und Kommunikationstheoretiker Andreas Wald, 38, so bedrückt: "Hier steigt eine Giftsuppe auf." Er wuchs mit einem Halbbruder auf, dessen Vater ein Roma war, und hat "im Prinzip große Sympathien für die Roma und ihre Kinder". Um so mehr schockte ihn, daß auch er, ein Mann, von einer Horde zum Opfer auserkoren wurde, als er in der Situation einer gewissen Unbeholfenheit, nämlich mit drei Anzügen aus der Reinigung über der Schulter, im Durchgang zu seiner Wohnung im Hinterhaus angelangt war. Der Singsang "keine Zeugen, keine Zeugen", mit dem die Kinder ihn umtänzelten und immer näher kamen, um die Anzüge von seiner Schulter zu reißen, will ihm nicht aus den Ohren gehen, ebensowenig wie die Beschimpfung als "Nazi", weil er sich geistesgegenwärtig nicht nach seinen Sachen bückte, sondern seine Tasche mit aller Kraft festhielt.
Auch viele andere Leute werden nach seiner Beobachtung nicht damit fertig, "daß alltägliche Dinge, wie ein Gang zum Penny-Markt, zu einem Lebenskampf ausarten". Schließlich ist die Ausrichtung auf eine gewisse Zweckmäßigkeit ein Grundprinzip jeder Gesellschaft. "Die codes of ethics", wie Wald modisch sagt, "sind angetastet, humanitäre Errungenschaften werden verletzt, die gegenseitige Rückversicherung von Friedsamkeit durch Blickkontakte ist außer Kraft, die riesige Waffe der Worte funktioniert nicht und entartet zu einer geballten rohen Kraft, worüber wir eigentlich schon hinweg sind in unserer Kultur."
So ist für Wald nicht verwunderlich, daß die Leute in ihrer elementaren Verwirrung den Druck im ganzen Spektrum ihrer sozialen Beziehungen ableiten und dabei auch noch Selbsthaß empfinden: "Darüber erschrecke ich immer, und dann kommt bei mir ein Gefühl auf von sehr großer Verlassenheit."
Der Erste Polizeihauptkommissar Dieter Suckert, 53, sitzt zwar außerhalb des Karos im "Bullen-Bunker, wie unser Gebäude genannt zu werden pflegt", aber als Leiter der zuständigen Wache 16 weiß er genau Bescheid über die brisante Atmosphäre im Viertel. In einem Brandbrief alarmierte er bereits im August das Polizeipräsidium, es sei "im Karolinenviertel durch das besondere Verhalten und die wachsende Anzahl von Mitgliedern der ethnischen Gruppe der Roma und Sinti aus Jugoslawien eine Eskalation mit Teilen der übrigen Bevölkerung entstanden, die den Ausbruch von Gewalt und die Ausgrenzung dieser Gruppen befürchten lassen". Während so manches bisher "durch die hohe Toleranzschwelle der Bevölkerung aufgefangen wurde, sind jetzt erkennbare Grenzen der Belastungsfähigkeit von Teilen der Bewohner erreicht".
Suckert ist ein bedachtsamer Mann, er weiß aus internationalen Untersuchungen, daß die althergebrachte Methode, Polizeipräsenz zu demonstrieren und jedem fremdländisch aussehenden Menschen den Ausweis zu kontrollieren, ein heißes Viertel nicht kalmiert, sondern erst recht zum Kochen bringt. Wie richtig diese Einschätzung ist, bekam er prompt bestätigt, als er doch dem Ruf folgte, endlich einmal Polizei zu zeigen, und "20 Mann an der Wand" hatte, einen Auflauf von Roma drohend davor. Es hätte wohl geknallt, wenn er nicht seine soziale Einsatzreserve im Dienst gehabt und per Blaulicht in die Gemengelage geschickt hätte: Der Polizeioberkommissar Sönke Harms, 30, der in einer beindruckend gelassenen, doch auch bestimmten Art mit den Roma zu reden versteht, entspannte die Situation, und die Leute ließen widerstandslos ihre Papiere kontrollieren.
Seine "präventiven und repressiven Maßnahmen" können, wie Suckert niederlegte, nicht ziehen: "Eine erkennbare Verbesserung der Situation wurde bisher nicht erreicht, polizeiliche Maßnahmen sind auch nicht geeignet, die Grundprobleme zu lösen." Gegen das "gemeinschaftsfeindliche Verhalten" der Kinder weiß weder der Revierführer noch sonst jemand bei der Polizei einen Rat: "Ich habe viel gefragt."
Routiniert durchlaufen die kleinen Übeltäter die Wache 16, treten aber auch in allen anderen Revieren in Erscheinung. Die einen sagen nur ihren Namen, die anderen fallen auf durch ein unflätiges Vokabular. Nicht eines der Kinder äußerte sich je zur Sache. Sie warten im Arztzimmer, bis sie von einem Erwachsenen ihrer Sippe abgeholt werden, mit der üblichen Beteuerung, man wisse von nichts. An die Drahtzieher der Kinder-Dealer mit der "Hochbegabung", wie Suckert sagt, den Stoff flugs von Hand zu Hand gehen zu lassen, kommt die Polizei nicht heran.
Im Bezirksamt Hamburg-Mitte nahm die Jugend- und Sozialdezernentin Ute Florian, 38, den Brandbrief der Polizei zu den Akten. Auch sie fragte sich, "was wir denn tun können", und mußte sich schließlich eingestehen: "Das ist herzlich wenig." Die Kinder in ein Heim zu stecken wäre sinnlos: "Da müßten sie auch bleiben wollen. Gott sei Dank gibt es keine geschlossenen Heime." Statt dessen käme rein theoretisch eine sogenannte Einzelbetreuung in Frage, wie bereits angeordnet für den Sinti-Jungen Mene, 12, der in SPIEGEL TV seine alltäglichen Raubzüge schilderte. Eine Sozialarbeiterin, die die Familie bereits kannte, redet nun regelmäßig mit dem Kind - ob langfristig mit Erfolg, ist offen.
Woher, so fragt sich Frau Florian, soll sie die Menschen nehmen, die Barrieren zu wildfremden Kindern zu überwinden verstehen und Einfluß auf sie gewinnen? "Starke Persönlichkeiten", so präzisiert die Dezernentin, "die nicht frustriert angelaufen kommen und sagen: ,Nun hab' ich dreimal mit dem Kind geredet, und das klaut immer noch'."
So ist zwei Monate nach dem Alarm aus Wache 16 noch immer Günther Grube, 57, Bünabe, wie er in seiner Funktion als Bürgernaher Beamter der Polizei genannt wird, die einzige Amtsperson, die ab und an ein Auge auf die Kinder hat. Aber Sozialarbeiter darf und kann der Polizeioberkommissar nicht sein. Wenn er durch das Viertel geht, tut ihm weh, was aus den Kindern geworden ist: "Früher sind die wie die Wilden, mit fünf Mann um die Wette, angerannt gekommen und mir an die Hand gesprungen."
Nun treten sie nach seinen Beobachtungen als delinquente "Traube" auf, "zu fünft oder siebt, je nachdem, was auf dem Plan steht". Als "Mitläufer" sind seines Wissens auch schon Vier- und Sechsjährige dabei: "Die übernehmen Beobachtungsaufgaben." Die Zehn- und Zwölfjährigen treten als Rabauken hervor und sind verantwortlich für so manche sozialschädliche Missetat. Mit solchen "Kindereien" geben sie sich nicht mehr ab, wenn sie um die 14 sind, zwar noch nicht ausgewachsen, aber doch von der Mentalität her schon "kleine Erwachsene". Als Mini-Bosse einer Kinderschar entwickeln sie, so Grube, "einen erstaunlichen Geschäftssinn".
Duschko, 13, ist so ein Anführer. In den Fängen der Polizei war er schon "über tausendmal", was in seiner bildreichen Sprache soviel heißt wie sehr oft. Als er das erste Mal mit zehn Jahren geschnappt wurde, hatte er "große Angst", jetzt nicht mehr: "Ich kenn' alle." Obwohl hier geboren, kann er Deutsch nicht flüssig sprechen. In der Schule kreuzt er nur noch "so einmal in der Woche" auf. Wie man perfekt klaut, guckte er von Größeren ab, als er noch in einer Traube mitlief und nur Spielzeug oder auch Bananen als Geschicklichkeitsübung mitgehen ließ. Inzwischen ist er avanciert in der Kinderhierarchie und hält seine Schar auch schon mal mit einem Knuff an den Kopf zur Disziplin beim Stehlen an. "Geld gibt Glück", sagt Duschko, "immer kann man nicht so glücklich sein, leider." Wenn er ein gutes Ding gedreht hat, geht er "zu Kino, zu Billiard", oft mit Goran, 14 - zwei Mini-Bosse unter sich.
Goran ist im Gegensatz zu dem eher praktisch veranlagten Duschko ein kleiner Analytiker und genialer Psychologe, der soziale Konstellationen schnell zu durchschauen und Leute "nach ihren Augen" einzuschätzen vermag. Seine Fähigkeiten prädestinieren ihn zum Aufstieg, ob diesseits oder jenseits der Legalität, steht auf der Kippe, je nach den Einflüssen, unter die er noch gerät. In seinem jugendlichen Wertesystem ist klauen, einstweilen jedenfalls, "ganz normal wie essen".
In weniger als einer halben Minute kann er fast jeden Autotyp knacken. Die profane Arbeit, die Wagen leer zu räumen und die Radios auszubrechen, überläßt er den Kleineren seiner Gruppe. Die zügellosen Rangen sind es auch, die alten Frauen die Taschen wegreißen. "Jeder von ihnen kann das allein, aber zu mehreren macht ihnen das Spaß", sagt Goran, der schon zu reif ist für diesen kindischen, doch so viel Angst verbreitenden Rausch von Omnipotenz. Ob denn die Kinder kein Mitleid mit ihren Opfern empfinden? Sie schütteln verneinend den Kopf, und ihr Anführer erläutert: "Das haben sie nicht. Wer zeigt ihnen gegenüber etwas von diesem Mitleid?"
Wenn Messe ist, klettert die Schar über die Zäune, wenn der Dom stattfindet, verlagert sie ihre Aktivitäten in das Gewimmel. An ganz normalen Arbeitstagen aber zieht Goran mit seiner Traube von vier bis fünf Kindern zur U-Bahn und läßt den nächstbesten Zug bestimmen, in welche Richtung es geht - zum Klauen in die großen Warenhäuser. Ihre Methode ist immer die gleiche: Die einen lenken die Verkäufer ab, die anderen packen Waren in mitgebrachte Plastiktüten ein.
Momentan sind die Kinder auf Kleidung spezialisiert, vor allem Lederjacken, die sie für knapp die Hälfte des Preises auf dem Schild verkaufen, an deutsche oder türkische Hehler. Manchmal, wenn seine Kinder gar zu verschmutzt und zerlumpt daherkommen, gehen sie sich selbst einkleiden. Goran schiebt auch mal von neuem los, weil die passenden Strümpfe zu seinem neuen Outfit fehlen.
Wohnungseinbrüche macht seine Gruppe nicht: "Das machen andere." Ein schon erwachsener Anführer der Kinder-Einbrecher hat es nach polizeilicher Erkenntnis bereits zu einem Mercedes 500 gebracht. Auch die Mädchen haben eine Gruppe. "Die gehen", wie Goran leicht abschätzig sagt, "aber nur Portemonnaies klauen." Am Drogen-Dealen beteiligt sich seine Clique nicht, obwohl die Kinder schon durch angedrohte Prügel unter Druck gesetzt wurden. Aber das Geschäft, 100 Mark Vorkasse zu leisten für sechs Pack Hasch, die jeweils 20 Mark erbringen, so daß eines gratis als Gewinn abfällt, erscheint ihnen nicht lohnend.
Wenn die Gruppe viel Geld eingenommen hat, "dann teilen wir", sagt Goran, "wenn es nur 50 oder 60 Mark sind, dann gehen wir essen". Billig, für nicht mehr als 10 Mark pro Person, etwa im türkischen Imbiß am Platz Glashütten- und Marktstraße. Väterlich sorgt der Anführer für die Seinen, die den ganzen Tag bis spät in den Abend auf der Straße leben und immer hungrig sind.
Goran wuchs zwar die ersten Jahre im Karolinenviertel auf, aber ein richtiges Zuhause hat auch er nicht, seit er vor ein paar Monaten aus Essen mit seiner Mutter wieder hierher zog, auf der Flucht vor einem trinkenden und prügelnden Vater. Der Bruder der Mutter nahm die beiden auf. Er ist seit langem im Karo etabliert, er hat Arbeit und unterhält seine Familie. Genau wie ein Vater althergebrachter deutscher Tradition droht er seinen Töchtern Prügel an, wenn sie der Verführung zum Klauen erliegen. Natürlich sind die Cousinen fasziniert von ihrem Vetter und tragen auch schon mal ein elegantes Kleidchen aus der Sore.
Die Wohnung des Onkels ist wohl eingerichtet, aber mit dreieinhalb Zimmern zu klein für das Ehepaar mit drei Kindern, Großmutter und behindertem Großvater, erst recht zu klein für den Zuzug von Schwester und Neffen. Die beiden schlafen auf den zwei Ledersofas im Wohnzimmer. Gorans verhärmte Mutter, die von ihrem Mann noch immer Pressionen "Geld, Geld, Geld" zu hören bekommt, konnte trotz Dringlichkeitsschein keine eigene Wohnung finden und sorgt sich, daß sie ihren Sohn, weil sie ihm kein richtiges Zuhause bieten kann, jeden Tag wieder an die Straße verliert.
Zohran, 12, der zu Gorans Gruppe gehört, pflegt gegen elf Uhr morgens im Karo aufzutauchen. Er hat die Nacht auf einem Sessel verbracht, der in Menkes Hotel an der Reeperbahn steht, nebenan eine Badeshow und Beate Uhses Erotica-Kaufhaus. Das Zimmer, wo die Eltern und der große Bruder auf Sofas vom Sperrmüll schlafen, bezahlt das Bezirksamt Hamburg-Mitte: ein Wartezimmer für eine Familie, die vor einem Jahr Asyl beantragte und keine soziale Betreuung erfuhr. Zohran ist an keiner Schule angemeldet, niemand kümmerte sich darum.
Aus dem Hotel trollt er sich gleich nach dem Aufwachen, und erst nachts kehrt er wieder zurück. Was er zum Lebensunterhalt auf der Straße braucht, besorgt er sich auf seine Art. In der Kindergesellschaft des Karos verschaffte er sich einen Rang durch besondere Aggressivität. Er ist der Django, der Ananas an die Gurgel ging, aber auch ein Junge, der es gern hat, wenn man ihn zum kindlichen Knuddeln ganz einfach in die Arme nimmt. Was er für Angst und Schrecken verbreitet, ist ihm nicht bewußt. In seinem beschädigten Selbstwertgefühl geht es ihm immer nur darum, seinen Ruf durch Rabiatheit zu verteidigen.
Den groben Unfug, den Zohran und seine gleichaltrigen Kindsköpfe treiben, findet Goran zwar "nicht nett, aber es nützt nichts, ihnen was zu sagen". Auch wäre es, wie er meint, "nicht zigeunisch", seine Autorität zur Erziehung der kleineren Jungens einzusetzen. Wenn es aber ein Ding zu drehen gilt, dann gehorchen ihm die Kinder von selber aufs Wort.
Zu Gorans Gruppe gehört außer dem größten Wildling auch der "größte Klauer", wie sich Stole, 11, mit einigem Stolz nennt. Wenn er 15 oder 16 Jahre ist, will er "eine Bank machen". Die anderen Kinder nicken: "Ja, das macht er bestimmt."
Um Stole, der "ganz intelligent klaut", wie Goran lobt, reißen sich auch andere Anführer. Ein paarmal schon wurde das schmächtige Kerlchen verprügelt und um seine Beute betrogen. Wie Robin Hood hat ihn Goran unter seine Fittiche genommen, weil ihn Stoles Tragik rührt.
Während die anderen Kinder, deren Eltern schon lange im Karo Fuß gefaßt haben, zumeist auf eigene Rechnung klauen und zu Hause nichts abgeben müssen, rackert Stole tagaus, tagein für eine bessere Zukunft seiner Familie. Die Eltern verkauften ihre armselige Behausung in Jugoslawien und gaben all ihr Geld einer Schlepperorganisation. Endstation Sehnsucht: das Hotel "Mirage" am Rande des Karos.
Der Pächter Franz Michael Löffler, 35, nahm für 45 Mark pro Nacht und Zimmer, die das Bezirksamt Hamburg-Mitte zahlt, 70 Roma auf. Da von Amts wegen nur alle zwei Wochen Schwester Christa hereinschaut und vor allem die Babys badet, hat Löffler notgedrungen den Job eines Sozialarbeiters übernommen: "Wenn man die Leute schon hierläßt, muß man sie auch betreuen, aber der Hamburger Senat, der so viel Geld hinausschmeißt, tut dafür nichts." So brachte Löffler seinen Gästen bei, die Duschen nicht als Klos zu benutzen, er hält durch einigen Druck ("Sonst fliegt ihr raus") ein Mindestmaß an Ordnung aufrecht, und eisern ist er hinter den etwa 30 Hotel-Kindern her, daß sie in den Kindergarten oder zur Schule gehen. Was Stole denn auch tut.
"Öfter als für die Erwachsenen", so Löffler, "kommt die Polizei wegen der Kinder her." Immer wieder auch wegen Stole. Wenn man nach ihm fragt, machen die Hotelgäste eine kleine schnelle Handumdrehung und sagen mit bewunderndem Unterton: "Aah, Stole, zappzarapp." Der King der kleinen Diebe stellt den Polizisten ein gutes Führungszeugnis aus: "Die sind doof, weil die nicht schlagen."
Nach jedem Aufgriff zieht er gleich wieder los, damit die Familie viel sparen kann. Sie besitzt immerhin schon einen modernen Fernseher samt Videogerät, aber das jüngste Kind wird in Pennys Einkaufswagen ausgefahren. Durch die illegale Umverteilung von einem winzigen Stück Wohlstand wappnet sich die fünfköpfige Familie für den Fall einer Abschiebung nach Jugoslawien, in ein Land, wo Stoles kranker Bruder starb und nach seiner kindlichen Phantasmagorie ein Schrecken besonderer Art herrscht: "Wenn die Doktors nicht helfen können, machen sie sofort eine Spritze fürs Sterben, aber nur für Zigeuner."
Ratko, 12, dessen Eltern wie die von Stole aus Negotin kamen, aber das Ghetto der Kleinstadt im serbischen Nordosten schon vor 26 Jahren verließen und seßhaft im Karo wurden, betrachtet das Treiben der Asylantenkinder traurig und hellsichtig zugleich: "Die machen verbrannte Erde hier, ist doch Scheiße." Der Junge, der davon träumt, einmal eine Schokoladenfabrik zu besitzen, kann sich im Penny-Markt keine Schokolade kaufen. Mitgehangen, mitgefangen, trifft das Hausverbot für die dunkelhaarigen Kinder der Roma auch ihn, der sich aus allem heraushält, wie Bünabe Grube nur bestätigen kann.
So hat denn Ratko allerhand soziale Sorgen mit seinen Altersgenossen: "Die sagen immer, ich soll klauen, ich sage nein, ich bleibe besser hier, die sagen, daß ich ganz blöde bin, ich sage, ist doch besser, zu studieren als zu klauen, ist doch blöde, was sie sagen, nicht wahr?"
Mit dieser Einstellung vereinsamte Ratko unter den Roma-Kindern, aber auch die deutschen Kinder lehnen ihn ab: "Weißt du, manchmal komme ich zwei oder drei Minuten zu spät zur Schule, und dann sagen sie: ,Eeh, da kommt schon wieder der Scheißzigeuner.'" o
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 42/1991
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