14.10.1991

„Eine feindliche Übernahme“

Der Stahlkonzern Krupp will den Konkurrenten Hoesch schlucken, heimlich hat er mit Hilfe der WestLB eine Mehrheit aufgekauft. Das Monopoly an der Ruhr markiert einen neuen Stil in der deutschen Industrie. Massenentlassungen drohen, Krupp plant rigorose Rationalisierungsmaßnahmen. Droht ein neues Rheinhausen?
Im kanadischen Montreal versammelten sich Anfang vergangener Woche die Spitzenmanager der Stahlkonzerne aus aller Welt zu ihrem Jahresmeeting. Zwei deutsche Stahlbosse fehlten, sie hatten kurzfristig abgesagt.
Hoesch-Chef Karl-Josef ("Kajo") Neukirchen, 49, feilte am letzten Feinschliff seines neuen Unternehmenskonzepts. Zehn Wochen nach seinem Amtsantritt beim Dortmunder Anlagenbau- und Stahlkonzern wollte er seine Strategie dem Aufsichtsratschef und den Betriebsräten erläutern.
Krupp-Chef Gerhard Cromme, 48, der bisher noch keine Stahltagung ausgelassen hatte, arbeitete in Essen ebenfalls an einer Konzeption, und auch die hatte mit Hoesch zu tun. Der Manager plante, den klammheimlich vorbereiteten Einstieg von Krupp bei Hoesch an einem der Tage zu verkünden, an denen er Neukirchen in Kanada wähnte.
Cromme wollte dem Kollegen den peinlichen Auftritt ersparen, zu dem es am vorigen Donnerstag dann doch kam: Neukirchen mußte mit seinem künftigen Vorgesetzten vor die Wirtschaftspresse.
Er habe nichts gewußt und nichts geahnt, gestand der Hoesch-Chef und flachste, unter einer Liebesheirat verstehe er etwas anderes.
Unter strikter Geheimhaltung hatte Cromme den größten Coup der letzten Jahre eingefädelt. Für rund eine halbe Milliarde Mark ließ Krupp genau 24,9 Prozent der Hoesch-Aktien an den Börsen und aus Beständen von Anlegern zusammenkaufen. Weitere 30 Prozent verteilen sich auf die Westdeutsche Landesbank (WestLB) und die Schweizerische Kreditanstalt.
Der Herr der Ringe will sich möglichst schnell zum Chef der vereinigten Ruhrwerke machen. Cromme dirigiert dann ein Unternehmen mit einem Umsatz von 28 Milliarden Mark und 111 000 Beschäftigten. Der Konzern schlösse zum Branchen-Primus Thyssen auf (siehe Grafik).
Der Verbund der Stahlkocher und Anlagenbauer wäre größer als BMW und Mannesmann. Er stünde auf Platz elf in der Rangliste der größten westdeutschen Industrieunternehmen.
Der Milliarden-Transfer setzt neue Dimensionen in der bundesdeutschen Wirtschaft. Er signalisiert, daß die Unternehmenskonzentration im Eiltempo voranschreitet. Wettbewerbsexperten _(* Am Donnerstag vergangener Woche bei ) _(der Bekanntgabe der Fusion. ) befürchten eine Welle von Nachfolgefusionen besonders im Anlagen- und Maschinenbau.
Der Krupp-Hoesch-Deal gibt auch Einblick in eine neue Form der Geschäftigkeit: Konzerne verhandeln nicht mehr wie früher mit Konzernen über Fusionen und Synergieeffekte - sie schlucken das Objekt der Begierde einfach.
Daß der Coup in der Branche mit der weitestgehenden Mitbestimmung gelingen konnte, spricht für Crommes Raffinesse. Lange Zeit hatte er nicht einmal seinen Arbeitsdirektor im Krupp-Vorstand informiert, und der ist für alle Krupp-Beschlüsse voll mitverantwortlich. Auch die IG Metall, die sich in Düsseldorf ein Vorstandsmitglied für die Stahlszene hält, ahnte nichts.
Empört schrien die Gefoppten auf. "Das ist eine feindliche Übernahme", schimpfte IG-Metall-Funktionär Siegfried Bleicher. "Dallas und Denver zwischen Duisburg und Dortmund", nannte Hoesch-Betriebsratschef Werner Nass den ungeheuerlichen Vorgang.
An der Ruhr, soviel scheint sicher, droht ein neues Rheinhausen. An diesem Krupp-Standort hatten die Stahlwerker 1987/88 monatelang um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft.
Schon am Freitag vergangener Woche gingen 10 000 Hoesch-Werker auf die Straße. Und das ist erst der Anfang. Arbeitnehmervertreter erwarten einen heißen Herbst an der Ruhr.
Was die Krupp-Manager mit Rheinhausen vorhatten, wirkt harmlos im Vergleich zu den rigorosen Rationalisierungsmaßnahmen, die die Fusionsstrategen in der Krupp-Villa Hügel jetzt planen. Die Hauptlast tragen, wie so oft in diesen Fällen, die Beschäftigten - bei Hoesch, aber auch bei Krupp.
Beide Firmen haben zusammen 5,2 Milliarden Mark Schulden, fünfmal mehr als Thyssen. Die will Cromme durch die Verschmelzung abtragen.
Die beiden Revierunternehmen überschneiden sich bei 70 Prozent ihrer Erzeugnisse vom Stahl über Autobleche, Anlagen, Bagger und Zementmaschinen. Da kann viel Doppelarbeit eingespart werden und mancher Arbeitsplatz.
Rund 10 000 Hoesch-Werker müssen mit Entlassungen rechnen. Aber auch bei Krupp in Bochum, Siegen und in der Essener Verwaltung wird Cromme Jobs abbauen.
Der im Kampf um Rheinhausen erfahrene Betriebsratschef Walter Busch ahnt, was auch auf seine Kollegen zukommen könnte. "Am Ende ist es Wurscht", so Busch, ob der aufgekaufte oder der eigene Laden betroffen sei. Entschieden werde dann aus "trockenen betriebswirtschaftlichen Gründen".
Betriebsräte von der Ruhr beschwerten sich am Freitag vergangener Woche bei ihrem Landesvater. Johannes Rau wiegelte ab: "Die Landesregierung ist in dieser Frage kein Beschlußorgan."
Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Der SPD-Politiker ist selbst tief in den Coup verstrickt. Rau sitzt in der Krupp-Stiftung, die 75 Prozent des Konzerns besitzt, er war eingeweiht.
Eine Schlüsselrolle bei dem Geschäft fiel einem anderen Sozialdemokraten zu. WestLB-Chef Friedel Neuber, 56, heckte mit Cromme und dem Krupp-Verweser Berthold Beitz den Einstiegsplan bei Hoesch aus.
Zielstrebig hatte Neuber den Einfluß der Privatbanken auf den über Jahrzehnte hinweg krisenanfälligen Krupp-Konzern zurückgedrängt. Nach der Ermordung von Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, der in der Krupp-Stiftung mitbestimmte, hatte Deutschlands Spitzeninstitut in Essen nichts mehr zu sagen. Neuber schaffte es auch, die Dresdner Bank in das zweite Glied der Krupp-Hausbanken zurückzusetzen.
Neuber spielt gern den Finanzjongleur. Und er macht gern Industriepolitik. Erst legte er sich eine Beteiligung an der Luftfahrtgesellschaft LTU zu. Dann übernahm er ein Aktienpaket an der Horten AG - alles Firmen mit der Zentrale in Düsseldorf. Kritik an seinem Erwerbsbetrieb versuchte Neuber stets mit dem Hinweis zu entkräften, als fürsorglicher Landesbankier müsse er die Unternehmen seiner Region schützen.
Auch bei Hoesch spielte Neuber den Schutzmann. Er kaufte, allerdings auf Bitte von Hoesch-Sympathisanten in Dortmund, Aktien von Hoesch auf, um eine feindliche Übernahme zu verhindern. Dieses Schutz-Paket reicht der frühere Krupp-Mitarbeiter und jetzige Krupp-Aufsichtsrat Neuber nun an den Essener Übernehmer Cromme weiter.
Cromme will ebenfalls aus reiner Nächstenliebe gehandelt haben. Er habe, sagt er, einem Ausländer zuvorkommen wollen.
In der Tat drohte Hoesch, neben Schering, Mannesmann und der Veba das letzte Großunternehmen mit breiter Aktienstreuung, an ausländische Mitbewerber zu fallen. Rund 30 Prozent der Hoesch-Aktien lagerten seit rund zwei Jahren bei britischen Anlagefonds und in Japan.
Doch die Versuche der Anlegergruppen, ihren Hoesch-Besitz zu einer Mehrheit aufzustocken und an Hoesch-Konkurrenten _(* Am Freitag vergangener Woche vor der ) _(Hoesch-Hauptverwaltung. ) wie British Steel zu verkaufen, scheiterten. Der Markt mit Hoesch-Aktien war wie leergefegt, weil seit Monaten ein anderer Aufkäufer am Werk war - Banken und Börsenmakler im Auftrag von Krupp und WestLB.
Genervt gaben die meisten Anleger kurz vor der Hoesch-Hauptversammlung im Juni dieses Jahres auf. Zum Tageskurs von 300 Mark pro Aktie verkauften sie ihre Hoesch-Papiere an die Deutschen.
Als Neuber, Cromme und die Helfershelfer Kassensturz machten, konnten sie sich freuen. Für anderthalb Milliarden Mark hatten sie rund zwei Drittel von Hoesch gekauft.
Beim Börsen-Deal des Provinzbankiers sah ein Geldinstitut schlecht aus, das bisher bei den meisten Transaktionen die Fäden zog. Die Deutsche Bank ist Hausbank bei Hoesch und stellt mit ihrem Vorstandsmitglied Herbert Zapp den Aufsichtsratsvorsitzenden.
Zapp ist nun, wieder einmal, der Blamierte. Die vielen Monate, in denen der bald pensionsreife Deutschbankier einen Nachfolger für den von Terroristen ermordeten Detlev Karsten Rohwedder suchte, nutzten Cromme & Co. für ihre Ziele. Als endlich Neukirchen Anfang August seinen Job antrat, war die Tat schon vollbracht.
So ausgetrickst wurde Deutschlands mächtigstes Bankhaus wohl noch nie. Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper ahnte von nichts, als ihn Anfang der Woche Cromme um ein Gespräch bat. Der Krupp-Coup, urteilte Kopper später, "ist schon ein tolles Ding".
Mit der Machtübernahme des Rhein-Ruhr-Kartells aus Ministerpräsident, Landesbankier und Krupp-Manager bei Hoesch ist die Deutsche Bank dort nun auch ihre Hausbanken-Rolle los.
Das Gespann Cromme/Neuber plant schon weiter. Wenn die Konzerngremien und die Kartellbehörden zustimmen, übernimmt Krupp von der WestLB und anderen Anlegern alles, was an Hoesch-Aktien zu bekommen ist. Mit der satten Mehrheit wird dann Hoesch zur abhängigen Tochter erklärt.
Bis dahin soll aber schon der Weg der Ruhrkonzerne gen Osten geebnet sein. Krupp will die größte Stahlhütte Ostdeutschlands, die Eko Stahl, übernehmen.
Daß bei den Planungen der Stahlschiene Duisburg-Dortmund-Eisenhüttenstadt nicht der Konkurrent Salzgitter dazwischenfunkt, dafür will Neuber sorgen. Seine Landesbank besitzt rund 40 Prozent an der Salzgitter-Mutter Preussag, er selber leitet den Aufsichtsrat.
Preussag-Chef Ernst Pieper weiß von alledem noch nichts. Er war während der vergangenen Woche beim Stahltreffen in Montreal.
* Am Donnerstag vergangener Woche bei der Bekanntgabe der Fusion. * Am Freitag vergangener Woche vor der Hoesch-Hauptverwaltung.

DER SPIEGEL 42/1991
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