09.12.1991

KrippentodGefährliche Mode

Weshalb sterben Babys häufig über Nacht im Kinderbett? Kinderärzte glauben die Ursache entdeckt zu haben.
Der plötzliche Tod im Kinderzimmer sucht etwa eine von 650 Familien heim: Kaum daß sie sich ans Leben mit dem Baby gewöhnt haben, wird es ihnen jäh entrissen. Meist über Nacht sterben die Neugeborenen, die Eltern finden ihr Kind tot in seinem Bett auf.
Das rätselhafte Phänomen des "Krippentods", in der internationalen Fachsprache "SIDS" ("Sudden Infant Death Syndrome") genannt, beschäftigt Ärzte und Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Als Ursache des nächtlichen Exitus wurden die unterschiedlichsten Möglichkeiten diskutiert - vom Schock durch eine Milchallergie bis zur Unreife bestimmter Hirnstammbereiche. Manche Eltern, durch die Spekulationen verunsichert, ließen die Atmung ihres schlafenden Kindes elektronisch überwachen.
Kinderärzte sind nun einem scheinbar trivialen Aspekt auf die Spur gekommen, der offenbar in engem Zusammenhang mit dem Krippentod steht: Sie untersuchten die Körperhaltung von Babys beim Schlafen.
Säuglinge, die dabei auf dem Bauch liegen, so zeigen neue Erhebungen und Statistiken, fallen dem gefürchteten Syndrom wesentlich häufiger zum Opfer als "Rückenschläfer". Nach der Analyse verschiedener Studien und eigener Daten, die einem Forschungsprojekt der Universität Münster entstammen, veröffentlichte jetzt der Kinderarzt Gerhard Jorch eine "Warnung vor der Bauchlage als bevorzugter Lagerung des Säuglings im Schlaf".
Die in den westlichen Ländern seit Anfang der siebziger Jahre in Mode gekommene Schlafposition sei zumindest mit schuld an dem seither verzeichneten Anstieg der SIDS-Häufigkeit - zu dieser Erkenntnis kommen Professor Jorch und seine Mitarbeiterin Martina Findeisen in der jüngsten Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts. Ausländische und deutsche Studien, so die Pädiater, bestätigten die Gefährlichkeit der Bauchlage: *___Das plötzliche Sterben in der Wiege ist "deutlich ____niedriger" in Regionen, in denen Säuglinge traditionell ____auf den Rücken gebettet werden. *___Seit Eltern in den Niederlanden, in England und ____Neuseeland auf Empfehlung der Ärzte neuerdings ihre ____Babys ____wieder in Rückenlage schlafen ließen, sind dort die ____Krippentod-Fälle zurückgegangen. *___Von 185 tot im Bett aufgefundenen Säuglingen, die ____zwischen 1986 und 1989 in Niedersachsen registriert ____wurden, starben 160 in Bauchlage; eine ____nordrhein-westfälische Studie aus dem Jahre 1990 kommt ____zu ähnlichen Ergebnissen.
Die bis in die jüngste Zeit von Medizinern empfohlene Bauchlage, meint der Professor, habe bei gewissen Krankheiten zwar ihre Vorteile, auch erlernten die Bauchschläfer schneller das Krabbeln und schliefen länger durch.
Doch diese Position sei "nicht die physiologische Körperlage": Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr können, so Jorch, aus eigener Kraft ihre Lage kaum ändern: "Abends in Bauchlage gebettet, sind sie gezwungen, die Nacht in dieser Lage zu verbringen." Rutscht ein so plazierter Säugling unter seine Decke, kann er sich laut Jorch auch durch Strampeln nicht befreien. Sein Schreien ist, anders als bei Rückenlage, allenfalls gedämpft zu vernehmen. Ein harmloser Infekt, etwa eine Erkältung, kann sich in dieser Situation lebensbedrohlich auswirken.
Säuglinge wenden, wenn ihre Atmung erschwert ist, in Bauchlage das Gesicht meist dem Kissen oder der Unterlage zu. Dabei wächst die Erstickungsgefahr. Weil die Körperwärme beim Neugeborenen größtenteils über den unbedeckten Kopf abgestrahlt wird, können sich fiebernde Kinder überhitzen, wenn das Gesicht im Kissen vergraben liegt.
Fatale Folgen, meint Jorch, habe die Bauchlage wahrscheinlich nur im Zusammenspiel mit weiteren Risikofaktoren, zu denen Zigarettenrauch oder auch zu hohe Temperaturen im Baby-Zimmer zählen. Doch am Zusammenhang zwischen Bauchlage und Säuglingstod gebe es nur noch "wenig Zweifel".
Auf den Rücken gebettet zu werden sei für Neugeborene ähnlich wichtig wie für Autofahrer der Sicherheitsgurt, sagt Kinderarzt Jorch: Auch wo die Unfallgefahr für den einzelnen statistisch gering sei, empfehle sich der Gurtschutz.

DER SPIEGEL 50/1991
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