16.09.1991

„Wat denn, lauter Hitler-Köppe?“

Ein Unternehmen des Schalck-Imperiums machte Millionengeschäfte mit Briefmarken - speziell mit Nazi-Ware. Die Raritäten, den Vorbesitzern abgepreßt oder bei Republikflüchtlingen konfisziert, wurden in mehr als 20 Länder exportiert; vor allem in die Bundesrepublik. Dort erschien Händlern die Herkunft „etwas anrüchig“.
Gemessen an den Verhältnissen in der ehemaligen DDR, lebte der Häftling Jürgen Müller ganz kommod, als er Mitte der achtziger Jahre im Untersuchungsgefängnis des Leipziger Bezirksgerichts saß.
Ihm stand ein geräumiges Büro mit allen gewünschten Gerätschaften zur Verfügung. Er durfte Besucher empfangen und telefonieren, er bekam zu essen und zu trinken, was er wollte.
Dafür allerdings mußte Müller täglich zehn Stunden eintönige Arbeit verrichten: Immerzu sortierte und katalogisierte er alte Briefmarken, die bei ihm zwei- oder dreimal pro Woche kistenweise angeliefert und wieder abgeholt wurden.
Fertige Posten versiegelte der Häftling mit einem Petschaft, das ihm an einem Messingring um den Hals gekettet worden war. Das Dienstsiegel gehörte dem Briefmarkenhandelsunternehmen "VEB Philatelie Wermsdorf" in Sachsen.
Die Firma durfte ihren Mitarbeiter Müller noch im Knast, wo er wegen angeblicher Steuerhinterziehung einsaß, zwangsweise weiterbeschäftigen. Der Branchen-Profi war für den Betrieb unentbehrlich; er galt als Spezialist für kostbare Raritäten und fundierte Marktanalysen.
Das Privileg ermöglichte offenbar die DDR-Staatssicherheit. Den VEB Philatelie, staatlicher Monopolbetrieb für den Briefmarkenexport seit 1972, hatte sich Anfang 1985 das Imperium des Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski einverleibt, die "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) im DDR-Ministerium für Außenhandel (MAH).
Müllers Chef, VEB-Direktor Gerd Neumann, unterstand als "Sonderbeauftragter" unmittelbar dem MAH. Die Staatsphilatelisten arbeiteten eng mit Schalcks Kunst und Antiquitäten GmbH in Mühlenbeck bei Berlin zusammen.
Das Wermsdorfer Unternehmen, bislang nur in der Briefmarkenfachwelt ein Begriff, machte nicht etwa Kleckerbeträge, sondern Millionengeschäfte - mit Sammlerbeständen, die, wie anderes DDR-Kulturgut auch, häufig den Vorbesitzern abgepreßt oder enteignet, vom DDR-Zoll beschlagnahmt oder bei den Familien von Republikflüchtigen konfisziert worden waren.
Offiziell bekanntgewordene Umsatzzahlen von zehn bis zwölf Millionen Mark pro Jahr sind nach Ansicht des ehemaligen Mitarbeiters Müller, 57, der heute als Rentner in Leipzig lebt, "reine Lügenmärchen". Allein durch seine Hände seien, sagt er, Bestände im Wert von "einigen 100 Millionen Mark" gegangen. Der Experte schätzt die Exporteinnahmen _(* Oben: Tunis-Feldpostpäckchenmarken von ) _(1943; unten: "Heydrich-Block" von 1943. ) der Staatsfirma seit den siebziger Jahren auf "ein bis zwei Milliarden DM-West". Müller: "Die Organe haben immer höhere Umsätze verlangt."
Der VEB Philatelie verfügte über eine betriebseigene Zollabfertigung in der Leipziger Talstraße. Dort wurde die in der Regel bestellte Ware verpackt, MAH-amtlich versiegelt und versandt. Die Sachsen exportierten in mehr als 20 Länder, hauptsächlich jedoch in die "BRD".
Zu ihren größten Kunden zählten westdeutsche Grossisten und Auktionshäuser wie Sieger im schwäbischen Lorch, Ebel in Frankfurt oder Domke in West-Berlin.
Die Abnehmer verlangten erstklassige Qualität und zahlten gut - in der Regel 40 Prozent des aktuellen Katalogwerts. Und das Geschäft war, versichert der international renommierte Hamburger Auktionator Wolfgang Jakubek, "hochkorrekt".
Die Handelspartner hatten offizielle innerdeutsche Handelsverträge abgeschlossen. Die Wessis überwiesen Rechnungsbeträge auf ein Valuta-Konto der DDR-Staatsbank in Ost-Berlin.
Der Hamburger Jakubek schwärmt noch heute vom "exotischen Flair" der DDR-Lieferungen, die bei Versteigerungen satte Gewinne versprachen: "So was beeinflußt den Preis."
Nach dem Urteil des Kölners Jürgen Ehrlich, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Briefmarkenhandels, war der Ost-Import aber auch "zumindest etwas anrüchig". Über die Herkunft der Ware habe "man schon so seine Überlegungen" (Ehrlich) anstellen können.
Sicher ist: Die enteigneten oder geprellten Vorbesitzer haben keine Chance, zu einer Entschädigung oder gar wieder in den Besitz ihrer Werte zu kommen - die sind längst im Markt versickert. Während die DDR-Exporteure eine schnelle Devisen-Mark machten, konnten einige West-Importeure gut verdienen - allemal zum Nachteil von Millionen durchschnittlich begüterter Briefmarkensammler, die den undurchschaubaren Preismanipulationen der Händler ausgesetzt waren.
Renner auf dem westdeutschen Marken-Markt waren die sogenannten Wermsdorfer Wunderkartons, 10 bis 30 Kilogramm schwere, ungeöffnete Pakete, die häufig ein Schnäppchen bedeuteten. Da gab es bei Auktionen, sagt Ehrlich, "immer ein großes Gerangel".
Die Kisten wurden meist mit 100 Mark ausgerufen, erzielten aber nicht selten fünfstellige Beträge. So etwa ein mit "SBZ" grob deklariertes Päckchen bei Ebel in Frankfurt - es enthielt eine kostbare Kollektion der äußerst seltenen "Bezirkshandstempel" aus der Sowjetischen Besatzungszone, dem Vorläufergebilde der DDR. Was der frühere Besitzer dafür bekommen hat, ist kaum nachprüfbar.
Häufig waren den Wermsdorfer Wunderkartons auch "Zeitdokumente" beigemischt, die im Westen durchaus willkommen waren, beispielsweise Urkunden oder Orden aus der Nazi-Zeit. Getrost durften die VEB-Exporteure Bücher wie Hitlers "Mein Kampf" versenden.
Briefe prominenter Häftlinge aus NS-Konzentrationslagern gingen ebenso durch. Ein Schriftwechsel des SS-Obersturmbannführes Adolf Eichmann, der einst die Deportation der Juden für die "Endlösung" organisierte, soll bei der Versteigerung 13 000 Mark eingebracht haben.
Der Handel mit Briefmarken aus dem sogenannten Dritten Reich - in der DDR einst streng verboten - war eine andere ergiebige Einnahmequelle des VEB Philatelie. Dafür gab es, wie sich Ex-Mitarbeiter Müller erinnert, besondere Anweisungen von Alexander Schalcks KoKo-Leuten und den Weg über das Sonderzollamt des MAH in Ost-Berlin.
Taxieren und versandfertig machen durfte nur VEB-Direktor Neumann die Nazi-Ware - und ausnahmsweise auch Meister Müller, sogar in der Haftanstalt. Das habe, sagt er, seine damaligen Haftbetreuer, denen gelegentlich ein Blick auf die bunten Papierchen gelang, ungemein verblüfft. Ein Berliner habe gestaunt: "Wat denn, lauter Hitler-Köppe?"
Über Hitler- und Hakenkreuz-Briefmarken, die auf dem West-Markt nach langer Mißachtung plötzlich wieder gefragt waren, verfügte die DDR zu Genüge: In Ost-Berlin lagerten die Restbestände der ehemaligen Reichsdruckerei; nach 1949 mußten die noch existierenden Briefmarkenhändler in Ostdeutschland ihre Nazi-Ware an den Staat abliefern.
Die kassierten Marken lagerten fortan in den Tresoren der DDR-Staatsbank - bis die Panzerschränke von 1985 an systematisch von KoKo-Trupps geleert wurden. Ungeniert schöpfte der VEB Philatelie aber auch den privaten Sammlermarkt ab - sei es mit "Maßnahmen der Organe" (Müller), sei es mit Suchanzeigen in Fachblättern.
So sind die Wermsdorfer offenbar auch an die umfangreichste und wertvollste NS-Kollektion herangekommen. Zusammengetragen hatte sie - ausgerechnet - der erste DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck.
Seine beiden Töchter vermachten das Erbe 1983 den Staatshändlern für insgesamt 25 000 Ost-Mark. "Es war", so Profi Müller, "ein Riesenwitz - der alte Antifaschist als Nazi-Sammler."
Papa Pieck hatte "ganz exklusives Zeug" (Müller) besessen, darunter Top-Raritäten wie die sogenannte Tunis-Feldpostpäckchenmarke von 1943 und den "Heydrich-Block" aus demselben Jahr, der zum Gedenken an den ermordeten Chef des NS-Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, in nur 1000 numerierten Exemplaren ausgegeben worden war. Allein der Tunis-Päckchenabschnitt erzielte später bei Ebel in Frankfurt 50 000 West-Mark.
Wie sehr der Volkseigene Betrieb im sächsischen Wermsdorf den Interessen des Staates und seiner Repräsentanten verpflichtet war, beweisen auch Dienstleistungen für die wenigen Kunden im sozialistischen Lager. Einer der prominentesten war Gerald Götting, langjähriger Präsident der DDR-Volkskammer und Vorsitzender der Ost-CDU.
Der Blockparteiler sammelte über 20 Länder, für ihn mußten die VEB-Exporteure des öfteren auch importieren. Müller: "Ohne uns hätte der sich dusselig und dämlich bezahlt."
Auch ein ganz großer Briefmarkenfreund wurde gelegentlich von den Wermsdorfern bedient: Leonid Breschnew. 1979, beim Staatsbesuch des damaligen sowjetischen KP-Chefs, bekam er beispielsweise, wie gewünscht, einige rare Zeppelin-Luftpostmarken von 1930 auf Brief - Importware aus der Schweiz.
Der VEB handelte nicht nur mit alten, sondern auch mit neueren Briefmarken. In Wermsdorf wurden druckfrische Restbestände der DDR-Post palettenweise deponiert und bei Bedarf für den westdeutschen Sammlermarkt exportiert - genau dann, wenn bestimmte Marken knapper und teurer geworden waren. Womöglich hat der Betrieb auch sogenannte Fehldrucke - Juwele jeder DDR-Spezialsammlung - und andere seltene Sammlerstücke planmäßig produziert oder nachdrucken lassen.
All dies müßte nach Auffassung des früheren VEB-Manns Müller längst zu Ermittlungen gegen die Verantwortlichen geführt haben. Der Leipziger hat sich in der Sache auch wiederholt an die Staatsanwaltschaft und an die Bundesregierung gewandt und sein Insider-Wissen angeboten. Doch es gab, so Müller, "keinerlei Echo".
Der VEB Philatelie ist mittlerweile als Tochterunternehmen in der gesamtdeutschen Bundespost aufgegangen; er heißt jetzt Deutsche Postphilatelie GmbH. Die neue Firma will nicht mehr den Handel beliefern, sondern selber handeln und Auktionen veranstalten - zum Schrecken des alteingesessenen Fachhandels, dem "Unheil aus dem Osten" drohe, wie schon das Fachblatt Deutsche Briefmarkenzeitung kommentierte: Der neue Konkurrent mit seinen riesigen Alt-Beständen genieße unzulässige Startvorteile.
Der Chef des Nachfolgeunternehmens Postphilatelie, Gert Fleege, spielt die Tatsache herunter, daß der vormalige VEB der KoKo Schalck-Golodkowskis unterstellt war und mit der Koko-Antiquitäten GmbH kooperieren mußte. Schalcks Mühlenbecker Kunst-Filiale habe, so Fleege, lediglich die Konten der Wermsdorfer verwaltet.
Doch dahinter verbirgt sich offenkundig ein Trick, den beispielsweise die Direktorin der einst für den Briefmarkenbetrieb zuständigen Staatsbankfiliale in Oschatz, Gabriele Rohland, schon beanstandet hat: Im Januar 1985 wurde der VEB Philatelie aus dem "Unterstellungsverhältnis" zum damaligen Bezirkswirtschaftsrat Leipzig herausgelöst und dem DDR-Außenhandelsministerium, Bereich KoKo, zugeordnet.
Zuvor hatte der Betrieb, wie gesetzlich vorgeschrieben, mit Bankkrediten und bankkontrollierter Kontenführung gewirtschaftet. Danach arbeitete der VEB, was der Bankchefin damals "unbegreiflich" war, auf einmal mit Guthabenkonten - ohne detaillierte Buchführung und Umsatzberichte.
Mittlerweile hat die Ex-Direktorin begriffen, welchem Zweck die Umstellung diente. Gabriele Rohland: "Die Bankkontrolle sollte ausgeschaltet werden. Wir sollten keine Kenntnisse über vorhandene Warenbestände und Geschäftsabläufe erhalten." o
* Oben: Tunis-Feldpostpäckchenmarken von 1943; unten: "Heydrich-Block" von 1943.

DER SPIEGEL 38/1991
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