14.10.1991

RÜCKSPIEGELDer SPIEGEL berichtete . . .

. . . in Nr. 43/1988 über einen dubiosen Brief, den angeblich der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, am 3. Oktober 1987 an den seinerzeitigen CDU-Landeschef Gerhard Stoltenberg geschrieben hatte. Das Schreiben, in dem Stoltenberg als Mitwisser und Mitinitiator der Waterkantgate-Affäre dargestellt wurde, war im Oktober 1988 vom ARD-Fernsehmagazin "Panorama" für echt befunden, vom SPIEGEL aber als mögliche Fälschung dargestellt worden.
Der angebliche Barschel-Brief war, wie jetzt erwiesen ist, in der Tat eine Fälschung der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Nach Erkenntnissen, die das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bei der "Aufarbeitung der nachrichtendienstlichen Aktivitäten" der Stasi erworben hat, war das Schreiben an Stoltenberg von der HVA-Abteilung X verfaßt worden, die mit manipulierten Informationen und geschickten Fälschungen zahlreiche Polit-Affären in der alten Bundesrepublik inszenierte. In einem Brief an Stoltenberg hat jetzt BfV-Präsident Eckhart Werthebach über die Tätigkeit der HVA-Desinformationsabteilung informiert:
"Einen großen Überblick über diese Aktivitäten, die als aktive Maßnahmen bezeichnet wurden, gaben erst jüngst zwei Mitarbeiter dieser Abteilung im SPIEGEL (vgl. Ausgaben vom 15. und 22. Juli 1991). Durch Befragungen des BfV im Bereich der HVA X ist nunmehr bekannt geworden, daß - wie bereits 1988 vermutet (vgl. SPIEGEL vom 24. Oktober 1988) - der im Zusammenhang mit dem Tod von Dr. Uwe Barschel damals aufgetauchte Brief von Dr. Barschel an Sie eine Fälschung der HVA war. Dieser Brief wurde im April 1988 durch die HVA X vor allem mit dem Ziel erstellt, Sie persönlich zu diffamieren und Unfrieden in die Reihen der CDU hineinzutragen. Er wurde von einem ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter der HVA X konzipiert und nach Genehmigung durch den ehemaligen Leiter der HVA - Generaloberst Werner Großmann - anonym in das Bundesgebiet in vier Exemplaren - u.a. an den NDR und den SPIEGEL - versandt. Die Unterschrift von Dr. Barschel wurde aus einem der HVA X damals vorliegenden Originaldokument ,entnommen'."
Auf die Fälschung hereingefallen war damals auch der von "Panorama" zum Beweis der Authentizität des Briefes bemühte Kölner Sprachwissenschaftler Raimund H. Drommel. Der glaubte mit Hilfe einer "linguistischen Differentialdiagnose" mit Barschels Reden und Schriftstücken eine "signifikante Übereinstimmung" feststellen zu können, die "fast schon das Niveau sprachwissenschaftlicher Fingerabdrücke" erreiche.

DER SPIEGEL 42/1991
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DER SPIEGEL 42/1991
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