21.10.1991

MinisterZeugung hamma net

Bayerns Kultusminister Zehetmair, klerikaler Fundi der CSU, gerät in der eigenen Partei zum Gespött.
Wenn Johannes Baptist Zehetmair, 54, im bayerischen Landtag auftritt, tuscheln schon die Parteifreunde von der CSU über "Seine allerkatholischste Majestät", den "Minister von Gottes Gnaden".
Vorerst noch in eingeschworenen Zirkeln mokieren sich christsoziale Abgeordnete über ihren Kultusminister, der es mit der "religiösen Renaissance" der Schulbildung in Bayern, etwa durch die Wiederbelebung des Schulgebets oder mit "religiösen Orientierungstagen" für Lehrer, etwas zu weit getrieben habe. Ein CSU-Spitzenparlamentarier verhöhnte den Minister in bierseliger Runde auch schon mal als "Kuttenbrunzer".
Etwas offener wird neuerdings seine Amtsführung bemäkelt: Zehetmair habe sein Haus nicht im Griff; er pflege aus Profilierungssucht das Parlament zu übergehen, indem er Pläne und Beschlüsse des Ministeriums vorzeitig in der Öffentlichkeit ausposaunt.
Unnötig habe der "Zehntelmaier Hansi", so ein hinterfotziger Vergleich mit Vorgänger Professor Hans Maier, in seiner Amtszeit schon vier Staatssekretäre verschlissen. All das stellt ihm bei CSU-Kritikern kein gutes Zeugnis aus: "Vorrücken gefährdet."
Selbst Christsozialen mißfällt mittlerweile, wie der Minister mit Lehrern und Schulleitern umspringt. Im Sommer, kurz vor den Ferien, bekamen etliche Hauptschulleiter schriftliche Abmahnungen, weil sie sich - im Gegensatz zum Minister - für die Einführung eines 10. Schuljahres ausgesprochen hatten. Und Anfang Oktober, jüngstes Ärgernis, untersagte Zehetmair sämtlichen Schulleitern das Recht, Auskünfte über die Situation an ihren Anstalten, etwa über Klassenstärken oder Unterrichtsausfall, zu erteilen.
Zwar ist es in Bayern lange Tradition, Pädagogen zu schurigeln und einzuschüchtern. Aber in diesem Fall verprellte der Minister den starken Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV).
Die Organisation, die eine Fragebogenaktion an den Schulen gestartet hatte, protestierte prompt gegen den Maulkorb und die "massive Beeinträchtigung" ihrer gewerkschaftlichen Arbeit. Damit wolle Minister Zehetmair, so BLLV-Präsident Albin Dannhäuser, nur die "dramatische Verschlechterung der Unterrichtssituation" an Bayerns Schulen verschleiern.
Richtig gefährlich könnte es für den Schulminister und Exponenten des klerikal-fundamentalistischen Flügels der CSU jedoch werden, wenn er seinen großen Freund und Förderer vergrätzen sollte - den bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl, 59.
Anzeichen dafür gibt es. Streibl soll schon auf Distanz gegangen sein, nachdem ihn in letzter Zeit Berichte über die zupackende Art Zehetmairs beim geselligen Umgang mit weiblichen Parlamentsmitgliedern erreichten.
Mal beim Tanz auf einem Ball, mal beim Parlamentarischen Abend des Landtagspräsidenten - der Minister soll gegrapscht haben. Das sei zwar, sagt eine der Betroffenen, "kein Grund, Zeter und Mordio zu schreien". Aber: "Bei einem Moralapostel wie Zehetmair ist man da schon stinksauer."
Sollte es darob zum Zerwürfnis kommen, dann knickt womöglich eine Karriere ab, die beinahe optimal angelegt war: Der Altphilologe Zehetmair, ehedem Landrat von Erding, ist der einzige Mann im Kabinett, der vom Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß gleichermaßen geschätzt und genutzt wurde wie vom Strauß-Nachfolger Streibl.
Für Strauß, der Zehetmairs Vorgänger Maier eine lasche Schulpolitik vorgeworfen hatte, nahm der Neue von 1986 an die Lehrer wieder an die Kandare. Für Streibl garantierte er die Hinwendung zur christlich-konservativen, staatstragenden Bildungspolitik.
Zehetmair installierte nicht nur das Schulgebet, was dem Bayerischen Elternverband wie ein "Trip in das Biedermeier" vorkam. Er verordnete im Frühjahr 1988 auch, daß alle Unterrichtsfächer "die religiöse Dimension der Gegenstände einbeziehen" müßten.
In der Ära Zehetmair erhalten Grundschüler drei Wochenstunden Religionsunterricht, aber nur je eine in Kunst und Musik. Hauptschüler und Gymnasiasten haben es noch zwei Stunden mit der "Ehrfurcht vor Gott", doch nur eine mit Geschichte und Sozialkunde zu tun.
Der Kultusminister sorgte dafür, daß die bayerischen Richtlinien zur Sexualkunde unangetastet blieben. Demnach kriegen Bayerns Pennäler statt nackter Menschen nur Strichmännchen zu sehen. Und die "Zeugung" wurde bei der "Entstehung menschlichen Lebens" ersatzlos aus den Lehrbüchern gestrichen. Einen Münchner Schulamtsleiter, der das für ein Versehen hielt, beschied ein Sachbearbeiter des Kultusministeriums: "Die Zeugung hamma in Bayern net."
Kein Wunder, daß Zehetmair Forderungen des frömmlerisch-bigotten "Freundeskreises Maria Goretti" nachgab und aus der bayerischen Schulliteratur den Kinderbuch-Klassiker "Der Krieg der Knöpfe" des Franzosen Louis Pergaud verbannte, nur weil darin eine Kopulation zweier Hunde vorkommt.
So überrascht es nicht, daß der Fundi-Minister auch außerhalb seines Faches tagespolitische Akzente setzte. Zehetmair schwafelte über verdächtige Umweltschützer, denen "die Verkommenheit ins Gesicht geschrieben" stehe und über die Aids-Gefahr durch Homosexuelle, die er, weil "krankhaft" und "contra naturam", dem "Randbereich der Entartung" zuordnete. "Dieser Rand", so Zehetmair im Fernsehen, "muß ausgedünnt werden."
Da weht, so sehen es Bayerns SPD, Grüne und wohl auch schon einige Christsoziale, der Geist von Tuntenhausen. Dies ist der Wallfahrtsort des Katholischen Männervereins, den einst der legendäre CSU-Mitgründer Alois Hundhammer, Ritter vom Heiligen Grabe zu _(* Oben: im April in der Wallfahrtskirche ) _(Tuntenhausen; unten: 1957 bei der ) _(Aufnahme in den Ritterorden vom Heiligen ) _(Grab, mit Erzbischof Lorenz Jaeger. ) Jerusalem, zu neuem Leben erweckt hatte. Der gottesfürchtige Mann führte als Bayerns damaliger Kultusminister nach Kriegsende die Bekenntnisschule und die Prügelstrafe wieder ein.
Die Tradition setzte, etwas gemäßigter, 1974 Hundhammers erster Nachfolger als Vorsitzender das Katholischen Männervereins fort, der damalige bayerische Umweltminister Max Streibl. Streibl, später auch Ehrenmitglied der Marianischen Männerkongregation, wetterte gegen das neue Ehescheidungsrecht und die Abtreibung. Es galt, wie es die Satzung der Tuntenhausener vorschreibt, "katholische Grundsätze überall zur Geltung zu bringen".
Als er Ministerpräsident wurde, im Herbst 1988, gab Streibl den Posten beim Männerverein ab - an seinen Kultusminister Zehetmair.
Dem wird die Mitgliedschaft womöglich nicht mehr viel nutzen. Kabinettskollegen erinnern sich an eine Regierungserklärung, in der Streibl über "g''schlamperte Verhältnisse aller Art" geschimpft hatte. So seien Umweltminister Alfred Dick und sein Staatssekretär Hans Spitzner bei der letzten Regierungsumbildung auch wegen etwaiger "moralischer Anfechtungen" nicht mehr berücksichtigt worden.
Die Rolle als möglicher Kronprinz des Regierungschefs scheint Zehetmair endgültig abschreiben zu können. Die steht derzeit Innenminister Edmund Stoiber zu, ohnehin seit langem die stärkste Kraft der CSU nach außen.
Ganz aus der katholischen Art fiele Stoiber nicht, der laut seiner Schwester Silke-Anne Rieger einst unbedingt Pfarrer werden wollte. Beim Katholischen Männerverein ist er auch: Die Hauptrede bei der Frühjahrswallfahrt in Tuntenhausen hielt dieses Jahr nicht der Vorsitzende Zehetmair, sondern Edmund Stoiber. o
* Oben: im April in der Wallfahrtskirche Tuntenhausen; unten: 1957 bei der Aufnahme in den Ritterorden vom Heiligen Grab, mit Erzbischof Lorenz Jaeger.

DER SPIEGEL 43/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Minister:
Zeugung hamma net

  • Mein Leben unter WasserFaszination Tauchen: Auge in Auge mit Hai, Buckelwal und Co.
  • Frankreich: Erneut Krawalle bei "Gelbwesten"-Protest
  • Rekord-Treffen: Alles voller Schlümpfe!
  • Vor NBA-All-Star-Game: Diallo krönt sich zum Dunk-Champion