21.10.1991

„Als Junkie hin, als Alki raus“

Die geschäftstüchtige Scientology-Sekte verdient zunehmend am Elend von Süchtigen. Der Tarnverein Narconon bietet eine Therapie an, die nach Ansicht von Suchtexperten und Fachärzten nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsschädlich ist. Ehemalige Narconon-Patienten sprechen von folterähnlichen Ritualen.
Christoph Hubler, 22, steht mächtig unter Strom. Hektisch rutscht der Schweizer auf seinem Stuhl herum, kratzt sich am Oberschenkel, im Gesicht. Von Minute zu Minute wird Christoph kribbeliger.
Der Schlosserlehrling braucht ganz dringend einen Schuß. Gestern abend hat er zum letzten Mal gedrückt. Jetzt ist schon wieder Mittag, und die beglückende Wirkung des Heroins ist verflogen. Unvermittelt springt Christoph auf und hastet mit langen Schritten aufs Klo.
Ein deprimierender Anblick, vor allem für seinen Vater. Vor ein paar Monaten erst hat der Schweizer Elektromonteur Hansjörg Hubler die letzten Franken zusammengeklaubt, um seinem Jungen eine Drogentherapie zu ermöglichen. "Alles sinnlos vertan", sagt der Vater nun.
Zehn Wochen hat Christoph in Oberbayern am malerischen Schliersee verbracht. Dort in Fischhausen, rund 50 Kilometer südlich von München, betreibt ein ominöser Verein unter dem Namen "Narconon" inmitten sattgrüner Matten mit friedlich mampfenden Kühen ein Heim für Süchtige aller Art: Alkoholiker, Tablettenabhängige und Fixer wie Christoph sollen lernen, so die Satzung des Vereins, "ein selbstverantwortliches Leben ohne Suchtmittelkonsum zu führen".
Ein hehres Ziel, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Seit Christoph am Schliersee war, ist er abhängiger denn je. Der Schweizer ist nicht nur wieder voll auf der Nadel, wie die zahllosen rotbraunen Einstiche im Unterarm belegen; jetzt schüttet er auch noch regelmäßig jede Menge Alkohol in sich hinein. "Als Junkie kommt man hin", sagt Christoph, "als Alki geht man wieder."
Was auf dem idyllischen Seegrundstück vor sich geht, ist von einer gewöhnlichen Drogentherapie weit entfernt. Mit untauglichen Methoden versuchen sich Anhänger der weltweiten Psycho-Sekte Scientology, die allein in Deutschland auf 200 000 Anhänger und 150 Millionen Mark Jahresumsatz geschätzt wird, im Rauschmittel-Entzug. Das Ergebnis ist meist nur neue Abhängigkeit: Statt Koks oder Heroin verabreicht Narconon die Seelen-Droge Scientology.
Das Haus im Voralpenland ist nur eines von vielen. In Itzehoe bei Hamburg verfügt die deutsche Narconon-Sektion über eine Dependance in der ehemaligen Gaststätte "Blauer Lappen". Vom Hauptquartier in Los Angeles werden die weltweiten Aktivitäten der Drogenaustreiber gesteuert. In Westeuropa können sie schon über 500 Heimplätze, unter anderem in England, Spanien, Schweden, Dänemark und Italien anbieten.
Am Schliersee wird bereits die erste Russin trainiert. Später einmal soll sie die abgedrehte Gedankenwelt der Scientologen in ihre Heimat tragen, wo der Alkoholismus ein weitverbreitetes Laster ist und wo die Drogenmafia immer ungenierter ihren Geschäften nachgeht.
Die verzweifelten Fixer-Eltern, die überall auf der Welt ihre Kinder in die Obhut von Narconon geben, ahnen meistens nicht, daß sie sich auf eine Tarnorganisation der geschäftstüchtigen Scientologen eingelassen haben. Auch für die Hublers war Narconon die letzte, trügerische Hoffnung. "Die Leute von Narconon sind selbst süchtig", sagt Christoph, "süchtig nach Geld."
Während Christoph mit seinen Kumpels am Schliersee die Joints durchzog und heiter die Wodkaflaschen köpfte, bedrängten die Mitarbeiter von Narconon seine Eltern. Immer höhere Beträge mußte der Vater auf die Bettelanrufe hin an Narconon überweisen. Zuletzt hatten die Hublers insgesamt über 15 000 Mark in die Vereinskasse gezahlt, kein Pappenstiel für einen Elektromonteur.
Narconon, unter der Nummer 0400 beim Amtsgericht Miesbach als Verein eingetragen, befolgt getreulich das Motto des Sektengründers Lafayette Ron Hubbard, der 1986 im Alter von 74 Jahren gestorben ist. Der Erfinder des pseudowissenschaftlichen Hokuspokus Scientology, eines Sammelsuriums aus Science-fiction und Seelenwanderung, gab schon früh die Devise aus: "Mach Geld. Mach mehr Geld. Mach, daß andere Leute Geld machen."
Nach diesem Gebot richten sich auch die Jünger bei Narconon, einem formal unabhängigen Ableger des Scientology-Konzerns.
Um ihre "Kirche" herum haben die Scientologen zahlreiche Initiativen gegründet, die vermeintlich humanitären Zielen dienen, zum Beispiel die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" oder die "Gesellschaft zur Förderung religiöser Toleranz und zwischenmenschlicher Beziehungen".
Tatsächlich aber sollen alle diese Aktivitäten, ebenso wie das Drogenhilfeprogramm Narconon, nur den Ruhm und die zahlende Heerschar des Sektengründers Hubbard mehren.
Suchttherapie ist ein Markt mit phantastischen Möglichkeiten. Allein in den alten Bundesländern gelten zwei Millionen Menschen als alkoholkrank. Fachleute schätzen die Zahl der Tablettenabhängigen auf etwa eine Million, über 100 000 nehmen harte Drogen. Rund 800 Millionen Mark geben allein die Krankenkassen jedes Jahr für die Behandlung der Süchtigen aus.
Mit seiner sicheren Witterung für ein gutes Geschäft hatte Hubbard schon Mitte der sechziger Jahre seine Lehre für die Drogentherapie empfohlen. Denn die Läuterung eines angehenden Scientologen folgt einem ähnlichen Ritual wie die Behandlung eines Fixers.
Dabei unterlag der Amerikaner einem naiven Irrglauben: Nach Hubbards Vorstellung lagern sich Bestandteile der Drogen im Gewebe der Süchtigen ab. Durch einen "Reinigungs-Rundown" sollen diese Substanzen aus dem Körper gewaschen werden.
Dazu müssen sich die Patienten, bei Narconon Studenten genannt, mehrwöchigen Schwitzkuren in der hauseigenen Sauna unterziehen. Zu guter Letzt verbringen die Adepten täglich beinahe fünf Stunden in dem Schwitzkasten.
"Totaler Quatsch und medizinisch äußerst fragwürdig", urteilt Vigilli Venzin vom Verein Schweizerischer Drogenfachleute (VSD) über diese Roßkur. "Ein wenig Sauna", meint der VSD-Vizepräsident, könne Drogensüchtigen, denen immer schnell kalt sei, zwar nicht schaden. Aber mehr als zwei Stunden pro Tag hält Venzin für "viel zuviel" und "eher ungesund". Fachärzte stimmen dem zu. "Medizinisch alles Müll", meint zum Beispiel Klaus Behrendt vom Hamburger Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll. Die Vorstellung, Drogenreste durch intensives Saunieren auszuwaschen, findet der Leiter der Ochsenzoller Entgiftungsabteilung "mittelalterlich".
Bereits zwei Tage nach dem letzten Schuß ist beispielsweise Heroin so weit abgebaut, daß es schon nicht mehr nachweisbar ist. In "ganz ungewöhnlichen Ausnahmefällen" kann dieser Vorgang auch mal bis zu einer Woche dauern, sagt Behrendt.
Nun greifen die Süchtigen heutzutage meistens zu mehreren Drogen gleichzeitig. Neben Heroin oder Kokain schlucken sie Kodein und das Schlafmittel Rohypnol. In solchen Fällen ist der Entzug völlig unberechenbar. Noch zwei Wochen nach dem letzten Drogenkonsum treten bei manchen Patienten gefährliche Krämpfe auf, einige halluzinieren.
Erfahrene Drogenexperten von der Münchner Beratungsstelle Con-Drobs wagen solche komplexen Entzüge "nur unter dauernder ärztlicher Aufsicht", sagt Gerhard Eckstein. Alles andere hält der Con-Drobs-Leiter für "viel zu riskant".
Die medizinischen Autodidakten von Narconon, die außer den sektenüblichen Dienstgraden wie "Operierender Thetan" wenig vorzuweisen haben, lassen sich dadurch jedoch nicht irritieren. Vorsichtshalber müssen sich die Junkies vor dem Entzug beim Narconon-Hausarzt, der 15 Kilometer entfernt am Tegernsee praktiziert, untersuchen lassen. Danach kommt nur noch der Notarzt ins Haus, dafür aber um so häufiger.
Immer wieder klappt mal einer der Narconiker zusammen. "Schon die Sauna ist fast Folter", sagt Kurt Siegenthaler, 39. Aber was danach kommt, ist noch gefährlicher.
Der Schweizer Siegenthaler, Alkoholiker und Kokainschnupfer, war ein halbes Jahr bei Narconon und erlebte den psychischen Sog, den die Scientologen auf die Drogenabhängigen ausüben.
Nach dem Reinigungsritual für den Körper folgt die Läuterung des Geistes. Die erste Lektion für Anfänger besteht darin, einem Gegenüber stundenlang in die Augen zu schauen. Danach folgen stumpfsinnige Dialoge wie zum Beispiel: "Fliegen Vögel?" Antwort: "Ja, danke." "Fliegen Vögel?" Antwort: "Nein, danke." "Fliegen Vögel?" Antwort: "Vielleicht." Danach wiederholt sich das Ganze, stundenlang.
Bei einer Übung für Fortgeschrittene tritt der Proband vor eine kahle Wand. Leiter: "Schau auf diese Wand." Antwort: "Danke." "Geh hinüber zu dieser Wand." Antwort: "Danke." "Berühr diese Wand." Antwort: "Danke." "Dreh dich um." Antwort: "Danke." Danach geht es vor der nächsten Wand weiter. Dieses geistlose Ritual kann bis zu acht Stunden täglich dauern.
Die monotonen Kurse werden so lange fortgesetzt, bis der Schüler von einem sogenannten Endphänomen berichtet, einer Art Erweckungserlebnis. "Irgendwann hebst du einfach ab", beschreibt Siegenthaler dieses Gefühl. "Die schweben alle total", meint auch Landsmann Christoph Hubler.
Drogenfachmann Venzin hat die Folgen dieser Gehirnwäsche bei seiner Klientin Susanne, 21, beobachten können. Sie sei nach drei Monaten "völlig depersonalisiert" vom Schliersee zurückgekommen, habe "stereotyp wie ein Computer" gesprochen. Erst nach über zwei Monaten sei die Trance aufgehoben gewesen. Danach wurde Susanne prompt wieder rückfällig.
Die Züricherin lebt jetzt wieder auf dem "Platzspitz", einem Park hinter dem Landesmuseum im Zentrum der Stadt. Hier trifft sich die Drogenszene der Schweiz. Unter den Augen der Polizei setzen sich die Fixer ihre Heroinspritzen. Danach liegen sie wie Leichen auf dem Rasen oder laufen lallend wie Betrunkene herum. Dort hat Susanne fast alle die Schweizer wiedergetroffen, die zu ihrer Zeit bei Narconon waren.
Horst Niesel, 43, Narconon-Chef für Deutschland, Österreich und die offensichtlich besonders lukrative deutschsprachige Schweiz, behauptet zwar, seine Erfolgsquote liege bei 50 Prozent. Aber die Zöglinge haben das anders in Erinnerung.
Siegenthaler kann sich an keinen Klienten erinnern, der auf Dauer clean geblieben wäre. "Die waren nach ein paar Wochen fast alle wieder da", sagt Siegenthaler. Ein Alkoholkranker aus Berlin habe mehr als ein Dutzend Versuche hinter sich. Ohne Narconon kommen die meisten einfach nicht mehr zurecht.
Logische Fortsetzung der Betäubungskur ist die Scientology. Bei den endlosen Sitzungen lernt der Adept lediglich, sich bedingungslos seinem Trainer auszuliefern. Die eingeübten Fähigkeiten haben außerhalb der Scientology keinen praktischen Wert. Fortschritte erzielt der Suchtkranke nur innerhalb der Gemeinschaft.
Narconon stärkt darum nicht die Autonomie der Patienten, wie die Propaganda behauptet, sondern schwächt die Menschen, die nach jahrelangen Enttäuschungen und schlimmsten Demütigungen als Drogenabhängige auf Erfolgserlebnisse abfahren.
Deshalb erzeugt diese Art der Therapie erneut Abhängigkeit. Narconon betreibe nur "Suchtverlagerung", sagt Axel Seifert von der städtischen Drogenberatungstelle in München, "wir vermitteln niemanden dorthin". Von der Fachwelt, von seriösen Medizinern und Drogenberatern, wird Narconon geschnitten. Mitte der siebziger Jahre schaffte es die Berliner Niederlassung zwar, zeitweise an die Gelder des städtischen Drogenprogramms heranzukommen. Nach einem vernichtenden Gutachten des Drogenbeauftragten war der Fehler aber schnell behoben.
Der Verein zog 1984 nach Bayern um, zuerst nach Gmund am Tegernsee, dann in ein aufgelassenes Kinderheim am Schliersee. Dort können etwa 40 Süchtige unterkommen. Meistens ist das ziemlich verwohnte Gebäude nur zur Hälfte belegt.
Den Tagessatz von 120 Mark müssen die Fixer oder ihre Angehörigen selbst aufbringen. Die Entziehungskur bei Narconon wird von keiner Krankenkasse anerkannt.
Daß sich dennoch immer wieder Menschen finden, die sich mit Narconon einlassen, liegt an den langen Wartezeiten für Therapiewillige. Drei bis sechs Monate kann es dauern, bis ein Fixer etwa bei Con-Drobs in München unterkommt. Bis zu zwei Monaten stehen die Heroinabhängigen in der Schweiz an. Narconon jedoch nimmt jeden, und zwar sofort. Der Aspirant muß nur genügend Geld mitbringen. Zuträger von Narconon durchkämmen regelmäßig die Fixerszene auf der Suche nach neuen Kunden. Für Namen und Adressen zahlt der Scientology-Ableger sogar Provisionen.
Da allein die Miete für das Haus am Schliersee schon 12 400 Mark im Monat beträgt, gibt Chef-Narconiker Niesel seine Opfer ungern wieder frei. Neuzugänge müssen als erstes nicht nur ihre Ausweise, sondern auch ihr gesamtes Bargeld abgeben. So fällt es den Patienten schwer, sich ohne Zustimmung der Hausleiter aus dem Staub zu machen.
Briska Vogt, 25, und ihren heroinabhängigen Freund Andreas, 27, hielt es dennoch nur eine Woche am Schliersee. An einem Sonntagnachmittag stieg das Pärchen heimlich aus dem Fenster und flüchtete per Autostopp nach München.
Ihr Gepäck bekamen die beiden nur mit Hilfe der Polizei zurück. Aber das Schockerlebnis mit der Niesel-Truppe hatte sein Gutes. Die eine Woche im Mai war für Andreas ein solcher Alptraum, daß er seitdem kein Heroin mehr angerührt hat. Andere Insassen verkraften die Narconon-Erfahrungen nicht. Drogenberater Venzin hat erst in jüngster Zeit zweimal erlebt, daß sich Fixer nach ihrer Flucht vom Schliersee den goldenen Schuß setzten.
Tragisch endete auch der Aufenthalt von Pius Keel, 22, am Schliersee. Der begeisterte Scientologe hatte sich für seine Gemeinschaft hoch verschuldet, verfiel aus Verzweiflung dem Heroin und kam vor gut einem Jahr zu Narconon.
Bei seiner Mutter beklagte sich Pius schon bald über den "aufgelegten Schwindel". Bei Narconon gehe es "nur ums Geld". Am 14. September 1990, nach nicht mal zwei Monaten, packte Pius seinen Seesack und warf sich am Bahnhof im Nachbarort Neuhaus unter den Zug. o

DER SPIEGEL 43/1991
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