16.09.1991

Fettaugen auf der Brühe

Maron, 50, verließ 1988 die DDR, in der sie nicht veröffentlichen durfte. Die Schriftstellerin ("Flugasche", "Die Überläuferin") lebt in Hamburg; in dieser Woche erscheint ihr Roman "Stille Zeile Sechs".
In einigen Tagen ist es soweit. Dann wird er in den Talk-Shows und Kulturmagazinen sitzen, beflissene Moderatoren werden den bekannten Lügenbrei aus ihm quetschen wie aus einer halbleeren Zahnpastatube. Schon jetzt planen die Feuilletonredakteure lüstern die fröhliche Treibjagd durch Studios und über Zeitungsseiten. Die Schlachtplatten werden angerichtet. Das "Literarische Quartett" hat sich das Filet reserviert, "Aspekte" eine Keule, Die Zeit vermutlich das Bruststück; bleibt zu hoffen, daß wenigstens die Taz den aasigen Braten meidet.
Hermann Kant hat seine Memoiren geschrieben. Ehe das Spektakel über uns hereinbricht, will ich in bekennender Ignoranz des Werkes meinen Ekel kundtun, der mich angesichts der nun schon zwei Jahre währenden Schamlosigkeit befallen hat.
Günter Schabowski, einst Mitglied des Ost-Berliner Politbüros, plappert beim SPIEGEL, ein Zensor namens Langguth macht sich im Stern wichtig, Krenz kassiert von Bild und sitzt breitbeinig und frech in Talk-Shows wie ehedem im Politbüro, Peter Przybylski, früher Pressesprecher beim Generalstaatsanwalt der DDR, erobert die SPIEGEL-Bestsellerliste, Vera Oelschlegel, geschiedene Ehefrau von Kant und von dem Berliner SED-Bezirkschef Konrad Naumann, sudelt in der Berliner Zeitung.
Jetzt steht uns das Ereignis Kant bevor, und mir dämmert es langsam: Zum Preis der Einheit gehört auch, daß diese skrupellosen Karrieristen, diese Fettaugen auf jeder Brühe, sich nun auch dort ausbreiten dürfen, wohin wir uns vor ihnen geflüchtet haben. Es wäre illusionär, von Egon Krenz oder Hermann Kant jene Scham zu erwarten, die sie hätte innehalten lassen, die uns vor ihnen eine Schonzeit gegönnt hätte, wenigstens für die zwei oder drei Jahre, die unsereins auf die Ablehnung seiner Bücher warten mußte.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung schließt Schurken nicht aus, und es ist müßig, darüber zu lamentieren, daß diese davon auch Gebrauch machen. Aber ebenso schwer zu ertragen wie die kaltschnäuzige Mitteilungssucht der Täter ist die bedenkenlose Sensationsgier der Medien, deren Vertreter, je nach Temperament, zu ihrer Rechtfertigung mal auf die Marktwirtschaft verweisen und mal auf die Pflicht zur Vergangenheitsbewältigung. Es drängt sich der Verdacht auf, daß selbst Himmler und Göring heute nicht mehr zu befürchten hätten als eine anstrengende Stunde auf dem Heißen Stuhl von RTL plus.
Was macht den Marktwert dieser Leute und ihrer Produkte aus? Glaubt etwa der Herausgeber der Berliner Zeitung, Erich Böhme, seine Autorin Oelschlegel (im Volksmund: Oelschenkel) sei auch nur willens, zur Aufklärung der Wahrheit beizutragen?
Meint der "Aspekte"-Chef Johannes Willms, in dessen Sendung die Präsentation von Büchern zur Rarität geworden ist, ausgerechnet die Memoiren von Hermann Kant dürften dem lesenden Rest der Nation nicht vorenthalten werden?
Ich vermute, selbst wenn Kant wollte, könnte er die Wahrheit nicht mehr von der Lüge trennen, in die er Jahrzehnte verstrickt war, die seine Lebenslüge ist. Dann aber läge sein Marktwert in der zu erwartenden Lüge, und das verstehe, wer will. Oder wollen wir wissen, wie er lügt, um uns dann, wenn wir feststellen, daß der Mann unsere finsteren Erwartungen natürlich weit überboten hat, gehörig zu empören, während der Verursacher unseres masochistischen Lustgefühls vergnügt auf dem Sofa sitzt und die Verrisse in den Zeitungen liest?
Wie blöd sind wir eigentlich, daß wir einen Markt hergeben für Leute, von denen man sich nur eins wünschen kann: daß sie endlich, endlich den Mund halten. Sie sollen eine Rente bekommen, es soll ihnen halbwegs gutgehen, sie sollen in ihren Häusern wohnen bleiben dürfen, aber sie sollen leise sein, endlich einmal leise sein.
Statt sie aber zu schweigsamer Nachdenklichkeit zu ermutigen, ernennen die Medien, getrieben von der Amüsiergier ihres Publikums, sie zu den neuen Gruselhelden des Showgeschäfts. Und während Krenz mit atemraubender Unverschämtheit den demokratischen Rechtsstaat für sich reklamiert, als sei dessen Existenz für ihn eine lebenslange Selbstverständlichkeit, versuchen seine lächelnden Interviewer, ihn bei Laune zu halten, damit das böse Spiel nicht böse endet und die Vergangenheit höflich bewältigt werden kann. Als wäre es nicht wirklich ernst gewesen: die Gefängnisse, die Spitzel, die zerstörten Leben, die Toten.
Die westdeutsche Öffentlichkeit ist schnell bereit, den Ostdeutschen mangelndes Geschichtsbewußtsein und eine, wenn durch ihre Vergangenheit auch verständliche, so doch ekelhafte Demokratieunfähigkeit zu bescheinigen, und ich gestehe, in diesem Chor zuweilen mitzusummen. Aber welches Geschichtsbewußtsein wird denn durch die heitere Verwurstung ehemaliger DDR-Größen auf dem westdeutschen Vergnügungsmarkt bewiesen?
Als die Bewohner von Fürstenberg ihren Supermarkt in 700 Metern Entfernung von der Gedenkstätte Ravensbrück verteidigten, gebärdeten sich die Kommentatoren fassungslos, und nur wenige von ihnen machten sich die Mühe zu bedenken, daß auch die Toten von Ravensbrück herhalten mußten, um 17 Millionen DDR-Bürger 40 Jahre lang im Joch zu halten, und daß auch Häftlinge nationalsozialistischer Konzentrationslager zu den Tätern der nächsten Diktatur gehörten, deren Opfer auch die Bewohner von Fürstenberg waren.
Die Geschichte endet nicht 1945. Und Geschichtsbewußtsein erlangt man nicht in einem einmaligen Akt gegenüber einem einmaligen Ereignis. Auch die DDR hat Opfer hinterlassen, denen übel werden muß, wenn sie die halbherzige Entschädigung für Jahre ihrer Lebenszeit vergleichen mit den Honoraren der Täter und Mittäter, die ihren Anteil an der Schuld ganz marktwirtschaftlich verhökern.
Wir sollten nach ihrem Angebot nicht fragen - ohne Nachfrage kein Markt.
Von Monika Maron

DER SPIEGEL 38/1991
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